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40. Todestag von Wernher von Braun
Raketen für Hitler und Kennedy

„Dieselben Naturkräfte, die uns ermöglichen, zu den Sternen zu fliegen, versetzen uns auch in die Lage, unseren Stern zu vernichten.“ Wernher von Braun

Wernher von Braun in Peenemünde

Wernher von Braun 1941 in Peenemünde (Bild: Bundesarchiv)

Es begann mit Jules Verne

Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun wurde am 23. März 1912 in Wirsitz, Provinz Posen, geboren. Sein Vater war der ostpreußische Gutsbesitzer und spätere Reichernährungsminister Magnus Freiherr von Braun. Mutter Emmy war die Tochter des Gutsbesitzers und preußischen Politikers Werner von Quistorp.

Sie weckte schon in Kindertagen Wernhers Begeisterung für Astronomie. Zur Konfirmation schenkte Emmy ihrem Sohn ein astronomisches Fernrohr. Mit 13 Jahren experimentierte er im Berliner Tiergarten mit seinen Freunden mit Feuerwerksraketen.

In dieser Zeit gelangte das Buch „Die Rakete zu den Planetenträumen“ von Hermann Oberth in seine Hände. Die Utopien aus den Romanen von Jules Verne und Kurd Laßwitz bekamen plötzlich etwas Reales und spornten ihn an, seine bis dato mäßigen Leistungen in Mathematik zu verbessern, um das wissenschaftliche Buch umfassend zu verstehen.

Das Buch „Das Problem der Befahrung des Weltraums“ des slowenischen Astronomen und Astrophysikers Hermann Potočnik nannte er später als weitere Inspirationsquelle für sein Interesse an Raketentechnologien.

Gute Leistungen an der Herrmann-Lietz-Schule in Spiekeroog ermöglichten Wernher von Braun das vorzeitige Abitur mit 18 Jahren. Nach einem Praktikum widmete er sich einem Ingenieurstudium für Mechanik und trat als Zivilangestellter dem Raketenprogramm des Heerenwaffenamtes bei.

Genial und skrupellos

1934 promovierte Wernher von Braun zum Dr. phil. mit einer Arbeit über „Konstruktive, theoretische und experimentelle Beiträge zu dem Problem der Flüssigkeitsrakete“. Im selben Jahr konstruierte er das Aggregat 2 (A2) – von der Wehrmacht auch als Rauchspurgerät II bezeichnet. Es war die erste von ihm entwickelte flugfähige Versuchsrakete. Sie erreichte eine Flughöhe von 2.300 Metern.

Damit startete die beispiellose Karriere eines technischen Genies, das keine moralischen Skrupel kannte. Auf Usedom fand man mit Peenemünde einen geeigneten Ort, um ausgedehnte Raketentests in der Ostsee durchzuführen. Luftwaffe und Heer errichteten hier die Heeresversuchsanstalt (HVA), zu deren technischem Direktor Wernher von Braun 1937 ernannt wurde.

Ab 1939 leitete von Braun auf Usedom die Entwicklung des Aggregats 4 (A4). 1944 wurde die ballistische Boden-Boden-Rakete von Joseph Goebbels nach ersten Einsätzen auf London Vergeltungswaffe 2 (V2) genannt. Die Starteinheiten der Wehrmacht und SS bezeichneten sie schlicht als „Das Gerät“.

Die Rakete galt neben dem Marschflugkörper Fieseler Fi 103 (V1) als Wunderwaffe. Nach Angaben der Internationalen Aeronautischen Vereinigung (FAI) war sie das erste vom Mensch geschaffene Objekt im Weltraum mit einer Flughöhe von 100 Kilometern.

12.000 tote Zwangsarbeiter

Wernher von Braun 1941 in PeenemündeSeit Juni 1943 existierten in Peenemünde ein KZ-Außenlager sowie ein zweites Konzentrationslager, ein Kriegsgefangenenlager in Karlshagen und die Lager Trassenheide. Zu den 1.400 Häftlingen kamen mehr als 3.000 Ostarbeiter aus Polen und der Sowjetunion. Laut Protokoll vom 25. August 1943 wird von Braun in einer Besprechung wie folgt zitiert: „Die Belegschaft für […] Mittelteile- und Heckfabrikation könnte aus dem Häftlingslager F1 gestellt werden.“

In der Fertigungshalle 1 (F 1) der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, in der die V2 produziert wurde, waren 500 Häftlinge im Keller eingepfercht und wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet. Arthur Rudolph, später Direktor des NASA-Entwicklungsprogramms der Rakete Saturn V, erwähnte in einem Bericht die äußerst schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter.

Beim Bombardement der Briten in der Nacht vom 17. zum 18. August 1943 auf die HVA gehörte die Tötung der Wissenschaftler zum Hauptziel der Angriffe. Wernher von Braun versteckte sich in einem Bunker und überlebte den Angriff.

Um die weitere Entwicklung vor Bombardierungen zu schützen und die Produktion möglichst geheim zu halten, wurde sie unter Tage in die Stollenanlage Kohnstein und die Werksanlagen der Mittelwerks GmbH im Harz verlegt. Hier entstand ein neues KZ-Außenlager (Dora-Mittelbau) des KZ Buchenwald unter dem Tarnnamen „Arbeitslager Dora“. Rund um Bleicherode und Kohnstein wurde zu dieser Zeit ein Netz von etwa 40 Außenlagern errichtet.

Insgesamt kamen – nach offizieller Zählung der SS-Akte – 12.000 Zwangsarbeiter bei der Errichtung der Lager und der Raketenproduktion ums Leben. Beim einzigen Prozess der Alliierten 1947, in dem Verbrechen des KZ Dora-Mittelbau verhandelt wurden, war von Braun jedoch nicht angeklagt. Er stand zu dieser Zeit bereits – wie sein Bruder Magnus, der gegen die Lagerleitung im Prozess aussagte – in den Diensten der US-Amerikaner.

Von Braun gab im Prozess 1947 zu Protokoll, er hätte nichts von den Bedingungen gewusst. 1969 sagte er jedoch in einem Interview, er sei selbst im Mittelwerk gewesen: „Als die Sprengarbeiten für den Ausbau bereits begonnen hatten, die Produktion aber noch nicht angelaufen war […] damals waren einige Häftlinge in diesen Stollen untergebracht. Ich bin mit der besichtigenden Besuchergruppe durch diese temporären Unterkünfte gegangen.“ Weiter gab er zu, dass die „Hungergestalten“ in einem „erbarmungswürdigen Zustand“ gewesen seien und die Eindrücke „schwer auf der Seele jedes anständigen Mannes lasten“ würden.

Ein Brief von Brauns 1944 an Albin Sawatzki belegt zudem seinen Besuch im KZ Buchenwald, wo er selbst Häftlinge für die Raketenproduktion aussuchte.

Terrorwaffe für den Luftkrieg

V2 RaketeAm 12. November 1937 beantragte von Braun die Mitgliedschaft in der NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai 1937 aufgenommen. 1940 wurde er Mitglied der SS und stieg bis zum Sturmbannführer auf. Diese Mitgliedschaft blieb Zeit seines Lebens nahezu geheim und wurde erst nach seinem Tod der Öffentlichkeit bekannt.

Die V2 besaß zur damaligen Zeit eine unübertroffene Reichweite. Die Rakete konnte eine Tonne Sprengstoff transportieren. Ihre Zielgenauigkeit war allerdings so gering, dass sich die Rakete nur als Terrorwaffe gegen die Zivilbevölkerung eignete. Von Braun muss das bei der Entwicklung gewusst haben, was später ebenfalls zu massiver Kritik an seiner Person führte. Die V2 forderte insgesamt 8.000 zivile Todesopfer bei einem Einsatz von ca. 3.000 Raketen.

Für die Entwicklung der sogenannten Wunderwaffe wurde Wernher von Braun von Adolf Hitler auf der Wolfsschanze mit einer Professur geehrt. „Nach meinem Gespräch mit Hitler sah ich zufällig, dass Speer mit ihm – gleichsam hinter vorgehaltener Hand – etwas besprach. Wenige Augenblicke danach schritt Hitler auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte: ‚Professor, ich möchte Ihnen zu Ihrem Erfolg gratulieren.‘“, so von Braun. 

1944 versuchte Heinrich Himmler, die V2 in seinen Einflussbereich zu übernehmen. Von Braun lehnte dies ab und wurde daraufhin von der Gestapo verhaftet. Verrat und Wehrkraftzersetzung lauteten die Vorwürfe, die mit dem Tod bestraft werden konnten. Dem persönlichen Einsatz Albert Speers und Walter Dornbergers bei Hitler hatte es von Braun zu verdanken, dass er wieder frei kam.

Die eigene Haut retten

Am 11. April 1945 besetzten die US-Amerikaner die Produktionsstätte Bleicherode,  konfiszierten 100 A4-Raketen und verschifften sie in die USA. Dort bildeten sie die Grundlage des US-amerikanischen Raketenprogramms.

Wernher von Braun in den USAAm 2. Mai 1945 stellte sich von Braun mit einem Team aus Wissenschaftlern den US-Streitkräften. Im Sommer 1945 half er den US-Truppen beim Abtransport von Akten und Raketenteilen, damit sie nicht den sowjetischen Truppen in die Hände fielen. Im September 1945 flog er als Teil der geheimen Operation Paperclip in die USA. Fort Bliss in Texas wurde zu seiner neuen Heimat, wo er und weitere Wissenschaftler unter Aufsicht der US Armee standen.

Die Brüder Magnus und Wernher unterrichteten die US-Amerikaner in der Funktionsweise der V2. 1946 begannen erste V2-Tests in White Sands. Mit Beginn des Korea-Kriegs stockte die US-Regierung die Finanzen des militärischen Bereichs auf, dem das Raketenforschungsprogramm unterstand.

1950 zog von Braun, der inzwischen seine Cousine Maria von Quistorp ehelichte und mit ihr eine Tochter bekam, mit seiner Familie nach Huntsville. Dort begann die Entwicklung der Rakete Redstone, die auf der V2 basierte, jedoch größer und leistungsstärker war. 1953 fand der erste Testflug statt.

Sputnik-Schock für USA

Von Braun plante, mit einer Redstone einen Satelliten in die Erdumlaufbahn zu bringen. Dazu wollte er an der Redstone mehrere Loki-Feststoffraketen zu drei Stufen gebündelt starten. Die Loki gingen auf die deutschen Taifun-Abwehrraketen zurück. Die frühen Pläne, eine Redstone in den Orbit zu schicken, scheiterten am Widerstand der US-Marine, die ein eigenes Raketenkonzept vorlegte.

1955 bürgerte die USA Wernher von Braun ein. Im selben Jahr wurde mit der Jupiter die Nachfolgerakete für die Redstone beschlossen. Dafür war die neu geschaffene Army Ballistic Missile Agency verantwortlich, für die auch von Braun forschen und entwickeln sollte.

Neben seiner Arbeit für das Militär warb von Braun für das Raumfahrtprogramm. Durch eine Serie von Artikeln über die Möglichkeit der bemannten Raumfahrt gelangte er in den USA zu großer Bekanntheit.

1957 startete die Sowjetunion mit dem Sputnik den ersten erfolgreichen Satelliten, der die Erdumlaufbahn erreichte. Mitten im Kalten Krieg offenbarte sich plötzlich die sowjetische Überlegenheit in der Raketentechnik. Daraufhin wurden in den USA die Raumfahrtausgaben abermals aufgestockt. Ein Jahr später brachten die USA mit der Jupiter-C-Explorer 1 die erste Rakete ins All.

Mit aller Macht zum Mond

Als Antwort auf den sowjetischen Paukenschlag wurde 1958 in den USA die zivile Luft- und Raumfahrtbehörde NASA gegründet. Das Mercury-Programm, das erstmals einen Flug eines Astronauten in den Weltraum möglich machen sollte, trieb man energisch voran.

Von Braun und Kennedy 1960 wurde von Braun Direktor des Marshall Space Flight Centers in Alabama. Das Mercury-Raumschiff war noch in der Testphase, da landete die Sowjetunion 1961 mit Wostok 1 und Juri Gagarin den nächsten Coup. Der Kosmonaut umrundete in der Rakete Wostok 1 als erster Mensch die Erde. Erst drei Wochen später folgte Alan Shepard mit einem suborbitalen Flug in einer Redstone.

Am 25. Mai 1961 verkündete Präsident John F. Kennedy das ehrgeizige Ziel, noch im selben Jahrzehnt einen US-Astronaut zum Mond fliegen zu lassen. 1969 sollten sich mit der Mondlandung nicht nur das Ziel Kennedys, sondern auch Wernher von Brauns größter Traum erfüllen. Neil Armstrong und Edwin Aldrin betraten während der Apollo-11-Mission am 21. Juli 1969 als erste Menschen den Mond.

Von 1970 bis 1972 leitete von Braun das neugeschaffene Planungsbüro der NASA. Er setzte sich für die bemannte Mars-Mission ein, die jedoch an Finanzierungsproblemen scheiterte. Weiterhin arbeitete er an einer technischen Vereinfachung des Space-Shuttle-Systems, das damals deutlich größer und komplexer geplant war.

Abschied von der NASA

Wegen anhaltender Budgetkürzungen wuchs bei von Braun die Unzufriedenheit mit der NASA. 1972 wechselte er deshalb als Vizepräsident des Luft- und Raumfahrtkonzerns Fairchild in die Privatwirtschaft.

Seine Dienstreisen führten ihn häufig ins Ausland, bei denen er unter anderem die indische Premierministerin Indira Gandhi, den Schah von Persien und den spanischen Thronfolger Juan Carlos traf. 1975 wurde er Mitglied des Aufsichtsrats von Daimler Benz.

Wernher von Braun vor den Triebwerken einer Saturn V1973 diagnostizierten Ärzte bei einer medizinischen Routineuntersuchung Krebs. Nach erfolgreicher Operation konnte er bereits wenige Wochen später wieder arbeiten. Zwei Jahre nach der Genesung fand man bei einer Nachuntersuchung einen Dickdarmtumor und entfernte diesen ebenfalls. Der Gesundheitszustand von Brauns verschlechterte sich jedoch stetig.

Am 31. Dezember 1976 trat er in den Ruhestand. Am 16. Juni 1977 erlag Wernher von Braun seiner Krebserkrankung in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia.

Ehrungen, Benennungen und Umbenennungen

  • 8. Juli 1943: Ernennung zum Professor
  • 29. Oktober 1944: Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern
  • 1959: Auszeichnung mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
  • 1969: Auszeichnung mit der Wilhelm-Exner-Medaille
  • 1970: Auszeichnung mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
  • 1975: Auszeichnung mit der Goldenen Medaille der Humboldt-Gesellschaft
  • 2010: 3. Wernher-von-Braun-Memorial-Symposium der US-amerikanischen Astronautenvereinigung an der University of Alabama in Huntsville
  • Reliefporträt in der Haupthalle des Flughafens Berlin-Tegel
  • 1974 hielt er insgesamt 25 Ehrendoktortitel (USA und Deutschland)
  • 1994: Mondkrater von Braun durch Internationale Astronomische Union nach ihm benannt
  • 2013 Umbenennung des Wernher-von-Braun-Gymnasiums in Friedberg in Staatliches Gymnasium Friedberg
  • 2014 Umbenennung der Wernher-von-Braun-Straße in Memmingen in Rudolf-Diesel-Straße
  • 2015 Umbenennung der Wernher-von-Braun-Schule in Neuhof in Johannes-Kepler-Schule

 

Bild oben rechts: Wernher von Braun in Peenemünde 1941 (Bild: Bundesarchiv)
Bild mitte links: Modell einer V2-Rakete in Polen
Bild mitte rechts: Wernher von Braun in seinem Büro  in den USA (Bild: NASA)
Bild unten links: Wernher von Braun und John F. Kennedy in Cape Canaveral (Bild: NASA)
Bild unten rechts: Wernher von Braun vor den Triebwerken einer Saturn V (Bild: NASA)

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