Energieverteilung
Mehr Flexibilität bei der Energieverteilung
Negative Preise an der Strombörse treten in den letzten Jahren immer häufiger auf. Vor allem an sonnigen Feiertagen übersteigt die Stromproduktion die Nachfrage. Für Strommarkt-Fachleute sind die negativen Preise vor allem ein Signal. Sie bedeuten, dass mehr Flexibilität im Markt gebraucht wird.
Für einen gütlichen Kompromiss sorgen die Änderungen im Energiewirtschaftsgesetz, die der Deutsche Bundestag Ende Januar 2025 beschlossen hat. Mit sogenannten flexiblen Netzanschlussverträgen können Netz- und Anlagenbetreiber demnach einfach regeln, dass Speicher zügig und ohne Baukostenzuschuss angeschlossen werden dürfen, sofern sie mit Rücksicht auf Engpässe im Netz betrieben werden. „Die flexiblen Netzanschlussverträge sind ein zentrales Thema für den Ausbau von Flexibilitäten“, sagt Strohmayer. Strohmayer ist für die weitere Entwicklung optimistisch. „In Kalifornien hat man gesehen, dass Speicher die Einspeisespitzen durch Solaranlagen sehr gut aufnehmen können. Auch in Deutschland lernen alle Beteiligten beim Thema Speicher gerade sehr viel. Bisher sind die Berührungsängste bei Netzbetreibern zu Speicherprojekten noch groß. Sobald sich das ändert, Netzanschlussregeln klar sind und auch Netzbetreiber einen Nutzen in den Batteriespeichern sehen, wird der Ausbau sehr schnell gehen.“ Dann kommt der Speicher-Tsunami womöglich doch noch.
Prosumer werden Teil des Marktes
Auch Haushalte haben in Summe ein erhebliches Potential, am Strommarkt aktiv zu sein. Durch den Betrieb von privaten Solaranlagen sind viele von ihnen ohnehin schon von reinen Verbrauchern mit weitgehend starrem Profil zu sogenannten Prosumern geworden. Ihr Energiemanagement, sofern vorhanden, zielt bisher allerdings darauf, den Strombezug aus dem Netz in Summe zu minimieren. Hier zeichnet sich mit Einführung der Smart Meter und der dynamischen Strompreise bereits ein Umbruch ab. Zu steuerbaren Schwärmen zusammengefasst könnten viele Wallboxen, Batterien und Wärmepumpen zu echten Akteuren auf dem Strommarkt werden.
Das Modell ist nicht neu. Ökoenergie-Versorger Lichtblick arbeitete sich schon vor zehn Jahren an dem Schwarmstrom-Konzept ab, doch die Zeit war damals noch nicht reif. Vergebens war die Mühe aber nicht: heute bietet das Unternehmen eine White-Label-Lösung namens ison an, die Heimenergiesysteme und Stromhändler verbindet. Auch der Anbieter sonnen kam früh auf die Idee, den Verkauf von Heimspeichern mit einem eigenen Stromtarif und einer Schwarmsteuerung zu verbinden. Heute sind Start-ups wie 1Komma5° und Enpal mit ihrer intensiven Öffentlichkeitsarbeit besonders präsent. Sie verkaufen nicht nur Solaranlagen, sondern ganze Heimenergiesysteme mitsamt der auf den Schwarm-Betrieb abgestimmten Steuerung und dem benötigten Reststrom. So werden sie zu Betreibern eines „virtuellen Kraftwerks“, das flexibel auf Angebot und Nachfrage am Strommarkt reagieren kann.
Flexibilität von Industrie und Gewerbe nutzen
Mindestens genauso wichtig ist das Potential in Industrie und Gewerbe, auch wenn es schwer zu greifen ist. Welche Prozesse sich wirklich flexibilisieren lassen, in welchem Maße und unter welchen Voraussetzungen, wird kontrovers diskutiert. Es ist zum Beispiel leichter, für fünf Minuten flexibel zu sein als für 15 Minuten oder gar noch längere Zeiträume. Auch ob man Lasten steigern oder reduzieren soll und wie lang die Vorlaufzeit ist, macht einen Unterschied. So müsste man jede Zahlenangabe über das Potential eigentlich mit einer mehrzeiligen Fußnote versehen. Ein Versuch der Annäherung: Das Kopernikus-Projekt SynErgie kommt zu dem Schluss, dass Industriebetriebe in Deutschland ihre Last auf Abruf für 15 Minuten um bis zu 3,3 GW senken könnten. Steigern ließe sich die abgenommene Leistung über diesen Zeitraum um 1,5 GW. In der Zukunft könnten sogar noch weitere flexible Prozesse hinzukommen, an die bisher niemand gedacht hat – von der Belüftungssteuerung in Kläranlagen bis zur elektrischen Extraktion von Carbonsäuren in der Chemieindustrie, die bisher weitgehend auf den Einsatz fossiler Brennstoffe angewiesen ist.
Elektrifizierung wird zu mehr Stromverbrauch führen
Die Elektrifizierung von bisher auf fossilen Brennstoffen basierenden Prozessen passt in das Bild des Energiemarktes der Zukunft, das auch Cillian O`Donoghue von Eurelectric zeichnet. Er sieht die Antwort auf negative Preise nicht nur in mehr Flexibilität, sondern auch in einem höheren Stromverbrauch. Das heißt keineswegs, dass Energie verschwendet werden soll – im Gegenteil. Wärmepumpen sind effizienter als Gaskessel, Elektroautos sparsamer als Verbrenner. Die Elektrifizierung sorgt also dafür, dass der Energiebedarf in Summe sinkt. Beispielsweise ist der Wirkungsgrad eines elektrisch betriebenen Ammoniak-Crackers mit 95 % mehr als doppelt so hoch wie die von fossilen Brennstoffen betriebenen Anlagen.
In der Energiewelt der Zukunft werden wir deutlich weniger Gas und Kraftstoff brauchen, dafür aber eben mehr Strom. Doch die Betriebe zögern mit den Investitionen. Im Vergleich zu Gaspreisen seien die Strompreise noch immer hoch, auch durch Umlagen und Abgaben, konstatiert O`Donoghue. Dieses Problem hat auch der Bundesverband Wärmepumpe bereits thematisiert.
Flexibilität als „Leitwährung“ im Strommarkt
Die meisten der neuen Stromverbraucher bringen eine zeitliche Flexibilität mit und können auf Schwankungen in der erneuerbaren Energieversorgung reagieren. Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) bezeichnet Flexibilität gern als „Leitwährung für ein versorgungssicheres und bezahlbares klimaneutrales Stromsystem“. Dabei betont der BEE auch immer wieder die Rolle von Biogas, das im umgekehrten Falle bei Dunkelflauten die Preisspitzen abpuffern soll.
Der Verband Smart Energy Europe (smartEn) hat ebenfalls beide Extremsituationen betrachtet – die sommerliche Mittagsspitze ebenso wie die Dunkelflaute in kalten Winternächten. SmartEn hat ausgerechnet, wie die Stromwelt in Europa im Jahr 2030 mit und ohne einen massiven Ausbau an Flexibilitäten aussehen könnte. Dabei sollen selbst im „unflexiblen“ Szenario Elektroautos, strombasierte Heizungen und Blockheizkraftwerke nach einem Zeitplan angesteuert werden, ähnlich wie früher die Nachtspeicherheizungen. Elektrolyseure und ins Netz integrierte Stromspeicher sollen flexibel am Markt agieren. Doch das ist zu wenig, so das Fazit.
Im flexiblen Szenario von smartEn reagieren hingegen alle Akteure in Echtzeit auf den Markt – von der Industrie bis zum Elektrofahrzeug, das bei Bedarf auch wieder Strom ins Netz speist (Vehicle to Grid). Eine solche Integration aller technischen Flexibilitäten in den Markt würde die Stromerzeugungskosten um 4,6 Milliarden Euro senken und zugleich die Abregelung erneuerbarer Energien um 61 % reduzieren, folgert smartEn.
Es zeigt sich wie so oft in der Energiewende: Ein Patentrezept, um Erzeugung und Verbrauch zusammenzubringen, gibt es nicht. Vielmehr stehen viele Arten von Flexibilität zur Verfügung. Die Weichen so zu stellen, dass diese Potentiale pragmatisch und effizient erschlossen werden, wird eine Herausforderung sein, der sich die nächste Bundesregierung stellen muss.
Quelle: EM-Power

