Robotik
100 m-Sprint-Rekord - aufgestellt von einem Roboter
Am 26. August endeten in Peking die zweiten World Humanoid Robot Games. Die Schlagzeilen gehörten den Bestzeiten. Der eigentliche Erkenntniswert für die Industrie aber steckt in den Robotern, die es nicht ins Ziel geschafft haben.
„Blödes Mistding!“
Für die Menschheit im Allgemeinen ist dieser Meilenstein wohl Fluch und Segen zugleich. Der Sport schien die letzte uneinnehmbare Bastion der rein menschlichen Physis zu sein. Schach-Weltmeister Garri Kasparow kapitulierte bereits 1997 mit den legendär gewordenen Worten „blödes Mistding!“ vor dem Rechenzentrum Deep Blue, Go-Meister Lee Sedol beugte sich 2016 zähneknirschend der Software AlphaGo. Das Gehirn des Menschen war in bestimmten Logik-Domänen also längst geschlagen. Aber sein Körper? Die Faszination an Usain Bolt schmälert all das dennoch nicht im Geringsten. Wir bewundern an ihm den eisernen menschlichen Willen und die bewusste Überwindung des eigenen Schmerzes. Ein Roboter überwindet keinen inneren Schweinehund; er führt nur stoisch den programmierten Code aus. Sein spektakulärer Sieg ist ein reiner Triumph der Mathematik und des Ingenieurwesens, nicht jedoch des Sports.
Die mechanische Doping-Agentur der Zukunft
Ein augenzwinkerndes Resümee dieser historischen Tage in Peking lautet also: Der Rekord von Usain Bolt ist offiziell gefallen, zertrümmert von einer Maschine, die zwar pfeilschnell rennt, aber kurioserweise noch nicht bremsen kann. Es ist ein recht beruhigender Gedanke, dass unsere potentiellen mechanischen Overlords der Zukunft derzeit noch problemlos von einer simplen Turnmatte eingefangen werden können. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis übereifrige Mechaniker heimlich nicht zugelassene Servomotoren verbauen und eine „World Robotic Anti-Doping Agency“ das verwendete Schmierfett auf leistungssteigernde Viskosität testen muss.
Menschen – so wunderbar fehlerhaft, langsam und zerbrechlich
In der ferneren Zukunft zeichnet sich eine Welt ab, in der die physische Überlegenheit der Maschinen eine so banale Alltäglichkeit ist, dass wir ihr keine Beachtung mehr schenken. Niemand wird in fünfzig Jahren noch applaudieren, wenn ein Roboter die 100 Meter unter fünf Sekunden läuft, genauso wenig, wie wir heute klatschen, wenn ein Taschenrechner komplexe Wurzeln zieht. Die wahren Wettkämpfe der Zukunft werden wieder ausschließlich uns Menschen gehören – ironischerweise gerade deshalb, weil wir so wunderbar fehlerhaft, langsam und zerbrechlich sind. Und während „Tiangong Ultra Version 14“ routiniert Pakete in Rekordzeit ausliefert, sitzen wir Menschen hoffentlich behaglich auf der Couch und sehen uns jene Bilder aus dem Sommer 2009 an, als Usain Bolt die Welt für 9,58 Sekunden den Atem anhalten ließ. Denn das war und bleibt wahre Magie.
Quelle: Hannover Messe

