Robotik
100 m-Sprint-Rekord - aufgestellt von einem Roboter
Am 26. August endeten in Peking die zweiten World Humanoid Robot Games. Die Schlagzeilen gehörten den Bestzeiten. Der eigentliche Erkenntniswert für die Industrie aber steckt in den Robotern, die es nicht ins Ziel geschafft haben.
Berlin im August 2009, das Olympiastadion bebt unter den Füßen der faszinierten Zuschauer, als der charismatische Jamaikaner Usain Bolt die 100-Meter-Bestmarke in schier unglaublichen 9,58 Sekunden pulverisiert. Ein Fabelrekord, in Stein gemeißelt für die Ewigkeit, so dachten zumindest nicht wenige. Siebzehn lange Jahre hielt diese Bestmarke und deklarierte den bisherigen Gipfel der physischen Evolution des Menschen. Doch dann kam der späte August des Jahres 2026.
Geschichte des Sprints um ein Kapitel erweitert
Nicht auf dem blauen Tartan in Berlin, sondern in Peking wurde die Geschichte des Sprints um ein bemerkenswertes Kapitel erweitert. Die Szenerie im National Speed Skating Oval hätte utopischer – oder dystopischer, je nach Blickwinkel – kaum sein können: Mehr als 2.000 Roboter von 666 Teams aus 16 Ländern traten in über 50 Disziplinen gegeneinander an. Das Highlight ereignete sich in einem der 100-Meter-Vorläufe. „Tiangong Ultra“ vom Beijing Humanoid Robot Innovation Center raste in unfassbaren 9,39 Sekunden über die Ziellinie, dicht gefolgt von „Lightning“ (Blitz) des Herstellers Honor mit 9,47 Sekunden. In einem Testlauf hatte Honors Maschine zuvor sogar 9,32 Sekunden erreicht und dabei eine Spitze von 14,5 Metern pro Sekunde. Usain Bolt war auf dem Papier entthront. Und damit nicht genug: Auch der 33 Jahre alte Hochsprung-Weltrekord des Kubaners Javier Sotomayor (2,45 Meter) fiel, als sich ein weiterer Roboter aus demselben Pekinger Haus – international firmiert es als X-Humanoid – auf 2,88 Meter katapultierte.
Amateure in der Disziplin des Bremsens
Doch wer nun anmutige Cyborgs erwartet, die nach dem Zieleinlauf lässig für die Kameras posieren, irrt gewaltig. Der Kontrast zwischen Rekordleistung und angewandter Physik offenbarte sich schonungslos direkt hinter der Ziellinie. Während Usain Bolt seinerzeit noch eine entspannte Ehrenrunde trabte, endete der Rekordlauf der Maschinen in einem fast schon slapstickhaften Chaos. Um die pfeilschnellen Metallkolosse überhaupt stoppen zu können, hatten die Organisatoren vorausschauend eine dicke Matte hinter der Ziellinie platziert. Die Roboter, absolute Meister im explosiven Beschleunigen, erwiesen sich als totale Amateure in der Disziplin des Bremsens. Beide rasten unkontrolliert in die gepolsterte Barriere: „Tiangong Ultra“ strauchelte bedrohlich in Richtung der Zuschauer, die zur Seite weichen mussten, während „Lightning“ nach dem Aufprall zusammenbrach und wie ein verunglückter Crashtest-Dummy auf einer Trage aus der Arena getragen wurde.
Welchen Nutzen hat es, wenn eine Ansammlung von Servomotoren schnell rennen kann?
Nicht zuletzt aufgrund dieser Komik stellt sich vielen die Frage: Warum machen wir das überhaupt? Die Antwort liegt nicht in der Leichtathletik, sondern schlicht in der modernen Industrie. Ein Sprint ist für einen zweibeinigen Roboter kein sportlicher Wettbewerb, sondern der gnadenlose Stresstest für seine komplexen Systeme. Die Maschine muss extrem schnell beschleunigen, ihre künstlichen Gliedmaßen in Millisekundenbruchteilen fehlerfrei koordinieren, dynamisch das Gleichgewicht halten und auf allerkleinste Veränderungen der Bodenbeschaffenheit reagieren. Wenn ein Algorithmus einen Roboter im Renndurchschnitt bei knapp 40 Stundenkilometern sicher auf zwei Beinen hält, dann kann exakt dieser Algorithmus denselben Roboter in naher Zukunft beispielsweise auch über die unebenen, von Schutt übersäten Böden eines Erdbebengebiets navigieren.
Die Turnmatte ist kein Malheur, sie ist ein Pflichtenheft
So herzerfrischend komisch das Bild der Turnmatte auch sein mag – es markiert exakt jene Stelle, an der aus Sport Industriepolitik wird. Ein Sprint prüft das Beschleunigen mit brutaler Gründlichkeit und das Anhalten praktisch überhaupt nicht. In einer Werkshalle verhält es sich genau andersherum. Dort interessiert niemanden, wie rasant eine Maschine losstürmt; dort interessiert ausschließlich, ob sie zuverlässig stehen bleibt, wenn ein Mensch in ihren Arbeitsraum tritt. Die Sicherheitsabnahme nach europäischem Maschinenrecht hängt eben nicht an der Höchstgeschwindigkeit, sondern am kontrollierten Halt, an der Reaktion auf Personen im Umfeld und am sauber definierten Verhalten im Fehlerfall. Wer als Werkleiter von den 9,39 Sekunden schwärmt, sollte im nächsten Atemzug nach dem Bremsweg fragen.
Der jüngste technologische Sprung ist dennoch atemberaubend
Der Sprung gegenüber dem Vorjahr ist dennoch atemberaubend: Bei der ersten Ausgabe 2025 brauchte der damalige Sieger noch behäbige 21,50 Sekunden. Dahinter stecken vier Stellschrauben, die sich leicht aufzählen, aber schwer beherrschen lassen: leistungsdichtere Gelenkantriebe, kompromissloser Leichtbau, ein aufgabenspezifisches Wärmemanagement für die Dauerbelastung – und ein Bewegungs-Stack, der die Bahn ohne aufgemalte Orientierungslinien allein über Onboard-Wahrnehmung hält. Ingenieure tüfteln an jedem Detail; so wurden die Beine von „Lightning“ nach seinem Halbmarathonsieg im April kurzerhand um zehn Zentimeter verlängert. Diese Detail-Besessenheit hat einen handfesten wirtschaftlichen Hintergrund: China hat humanoide Roboter – die sogenannte „verkörperte künstliche Intelligenz“ – längst als strategische Zukunftsindustrie definiert. Der wahre Nutzen liegt in der grenzenlosen Skalierbarkeit einer Arbeitskraft, die weder Gewerkschaften gründet noch teuren Urlaub beantragt und niemals über lästige Rückenschmerzen klagt.
Der Schnellste ist nicht der Erfolgreichste
Fast noch aufschlussreicher als die Rekorde ist die Frage, wer in Peking eben nicht vorn lag. Unitree aus Hangzhou gilt, gemessen an Auslieferungen, als Marktführer unter den Humanoid-Herstellern und notiert seit dem 19. August an der Shanghaier Börse, wo die Aktie am ersten Handelstag um 460 Prozent nach oben schoss. Im 100-Meter-Vorlauf kam der frisch gekürte Börsenliebling auf 12,41 Sekunden – und lag damit rund drei Sekunden hinter der Pekinger Konkurrenz. Die Rekorde stammen also von einem staatsnahen Institut, die Stückzahlen von einem privaten Hersteller. Für Einkäufer ist das eine ausgesprochen nützliche Erinnerung daran, dass Bestzeit und Lieferfähigkeit zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind – auch wenn beide auf zwei Beinen unterwegs sind.
Und Europa? Schaut zu…
Bei aller Slapstick-Qualität sind diese Spiele nämlich vor allem eines: ein öffentlicher Belastungstest, bei dem ein ganzes Land seine eigenen Schwächen bereitwillig mitfilmen lässt – 1.301 Wettkampfrunden, sämtliche Stürze und Fehlstarts inklusive. Wer seine Maschinen unter reproduzierbaren Bedingungen scheitern sieht, lernt ungleich schneller als jeder, der ausschließlich choreografierte Produktvideos dreht. Ein vergleichbares Format existiert in Europa bislang nicht – dabei wäre es kein Prestigeprojekt, sondern schlicht die Vergleichsgrundlage, die europäische Anwender bräuchten, um Angebote seriös bewerten zu können. Ein Ort mit industriellem Publikum und internationaler Reichweite böte sich dafür an. Hannover zum Beispiel.

