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Elektromobilität: Geräuschzwang für E-Autos
Kommentar: Wer hat Angst vor leisen Autos?

USA, UN und EU sind sich selten einig. Doch in einem Punkt gibt es keine Differenzen: Elektroautos sollen zwangsweise lauter werden. Damit wird einer der größten Vorteile der Elektromobilität beseitigt – das geräuschlose Fahren.

Vorgänger des Warnsounds: Red Flag Act von 1865

Viele Menschen sind vom Lärm gestresst. Ob man in der Stadt wohnt oder auf dem Land, an Durchfahrts- oder Umgehungsstraßen, an Autobahnen oder Fernverkehrsstraßen – dem täglichen Verkehrslärm zu entgehen ist fast unmöglich. Zahlreiche Verordnungen zur Verringerung von Lärmemissionen wurden erlassen, kilometerlange Lärmschutzwände gebaut, auf vielen Straßen die Höchstgeschwindigkeit aus Lärmschutzgründen reduziert, doch der Krach bleibt allgegenwärtig.

Wäre es nicht schön, wenn alle Autos lautlos über die Straßen gleiten würden? Wie in Science-Fiction-Filmen?

Es wäre schön. Doch es wird wohl Science Fiction bleiben.

Die US-Bundesbehörde für Straßen- und Fahrzeugsicherheit (National Highway Traffic Safety Administration, NHTSA) sorgt sich um die Unfallgefahr für blinde oder sehbehinderte Fußgänger. Sie würden langsam fahrende E-Autos nicht wahrnehmen ("when they are traveling at low speeds"), was zu Unfällen führe. Erst ab 30 km/h seien die Roll- und Windgeräusche zu hören.

Konsequenz: Vom 1. September 2019 an müssen alle in den USA verkauften elektrisch angetriebenen Fahrzeuge (sowohl voll elektrisch als auch Hybrid), die leichter als 4,5 Tonnen sind und auf vier Rädern rollen, bei Geschwindigkeiten bis 30 km/h einen Warnton ausstoßen – beim Vorwärts- und Rückwärtsfahren. Bereits 2018 ist der Warnton für die Hälfte dieser Fahrzeuge vorgeschrieben:

"Manufacturers have until Sept. 1, 2019, to equip all new hybrid and electric vehicles with sounds that meet the new federal safety standard. Half of new hybrid and electric vehicles must be in compliance one year before the final deadline."

Was die USA vorgeben, wird in Europa befolgt. Die UN-Wirtschaftskommission für Europa (United Nations Economic Commission for Europe, ECE) diskutiert ebenfalls über künstlichen Lärm in E-Autos. Die USA sind Mitglied der ECE.

Der europäische Vorschlag unterscheidet sich nur in Nuancen von denen des großen Bruders. In Europa sollen E-Autos bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h einen Warnsound von sich geben:

"The speed range for operation is the range of greater than 0 km/h up to and inclusive 20 km/h."

Warum nicht bis 30 km/h, wie in den USA? Verfügen Europäer über ein feineres Gehör? Wohl kaum. Die Zahl erscheint so willkürlich wie viele Grenzwerte, die irgendwo und irgendwann von irgendwem beschlossen wurden.

"Döp döp döp dödödöp döp döp!"

Der europäische Warnton soll sich in Stufen von 5 km/h bis 20 km/h steigern (zum Hören des offiziellen ECE-Warntons hier klicken). Bei 20 km/h empfiehlt die ECE einen Pegel von 67 dB (A). Das entspricht etwa dem Schallpegel eines Staubsaugers in einem Meter Entfernung. 

Lärm macht krank. Die Grenze, ab der das Risiko für Herz- und Kreislaufstörungen steigt, liegt bei 65 dB (A).

Warum die ECE die gesundheitsgefährdende 65 dB (A)-Grenze überschreiten möchte, ist nicht bekannt. Die Folgen kann man sich aber leicht ausmalen. Man muss nur an die Berufspendler denken, die sich täglich über die verstopften Autobahnen und Stadtstraßen quälen.

Angenommen, der Anteil der E-Autos steigt nach 2019 so rasant, dass die Benziner im Alltag weitgehend verdrängt werden. Weiter angenommen, die deutschen Autobahn- und Stadtverwaltungen unterliegen auch nach 2019 noch dem selben Baustellenmanagement wie heute. Dann schleichen hunderte E-Autos im Stop and Go-Verkehr über die Straßen und quäken blöde vor sich hin. Meter für Meter, Stunde um Stunde. Es gibt kein Entrinnen. Der Warnsound fiept, sobald sich die Räder drehen.

Wie klingt ein Pulk träge rollender E-Autos mit penetrantem Warnsound? Wie ein Bienenschwarm auf Ecstasy? Wie eine irre gewordene Kreissäge? Wie die Jahreshauptversammlung der Staubsaugerfans, die sich mit einem hundertfachen 67 dB (A)-Sound begrüßen?

Den Tod von Rasern kennt man. Die Liebhaber des Geschwindigkeitsrauschs finden gelegentlich ihr selbstbestimmtes Ende an einem Alleebaum. Dass aber Langsamfahrer, die Bau- oder Unfallstellen im Schritttempo passieren müssen, dem staatlich organisierten dB (A)-Herzkasper ausgesetzt sind, ist eine neue Qualität.

Wäre es nicht schön, wenn E-Autos lautlos über die Straßen gleiten würden?

 Vorschlag für den Warnsound: Scooter, von Minute 1:14 bis 1:33. Wenn schon, denn schon (Video: Recaxy)

Aktionismus einer enthemmten Bürokratie

Sich Gedanken über die Sicherheit von blinden oder sehbehinderten Fußgängern zu machen, ist richtig. Nur sollte man dabei die Relationen nicht aus den Augen verlieren. Das Herauspicken der Elektro- und Hybrid-Autos wirkt wie die aktionistische Kopfgeburt einer enthemmten Ministerialbürokratie.

Denn wenn man die Gesamtheit der Verkehrsteilnehmer betrachtet, erschließen sich noch ganz andere Einsatzgebiete für die warntonherstellende Industrie.

Radfahrer beispielsweise sind lautlos. Ein Radfahrer, der sich Fußgängern von hinten nähert, hat kaum eine Chance, von ihnen wahrgenommen zu werden.

Blinde teilen sich häufiger den Fußweg mit Radfahrern, als sie eine Autostraße überqueren. Man könnte die Straßenverkehrsordnung ergänzen und für das Fahrrad ein permantes akustisches Signal vorschreiben, vielleicht als ewig klapperndes Schutzblech, damit Fußgänger gewarnt werden. Doch wozu? Um sich bemerkbar zu machen, betätigt der Radfahrer die Klingel – wie der E-Auto-Fahrer seine Hupe.

Pedelecs (max. 25 km/h) dürfen in Deutschland auf dem Radweg fahren. Das Bundesverkehrsministerium plant, auch S-Pedelecs (max. 45 km/h) auf Radwegen zu erlauben. Für Blinde ist jeder Zusammenstoß mit den nahezu geräuschlosen Pedelecs fatal, egal, ob sie mit 25 oder 45 km/h in ihre Knochen rauschen. Akustische Warnsignale für Pedelecs soll es trotzdem nicht geben. Man kann eben nicht alles regeln.

Elektroroller werden immer beliebter. Sie sind schnell, wendig und leise. Für Blinde bedeuten sie eine Gefahr. Ein Warnsignal am Roller ist aber nicht geplant. Zu Recht: Es liegt in der Verantwortung des Fahrers, auf Personen zu achten, die seinen Weg kreuzen.

Wildunfälle sind ein weiteres Problem, nicht für Blinde, aber für Autofahrer. Mit 80 km/h in ein Reh zu fahren ist wie ein frontaler Crash gegen eine Mauer. Dabei gäbe es eine einfache Lösung: Jedes Auto sendet in Wildwechselzonen ein ununterbrochenes akustisches Warnsignal. Wild scheut vor Lärm und zieht sich in den Wald zurück. Damit würden viele Verletzungen an Mensch und Tier und schwere Schäden an den Fahrzeugen vermieden werden. Doch es gibt keinen Signalzwang, zum Glück. Man kann nicht alles regeln.

Ein anderes Kaliber sind Straßenbahnen. Stadtbewohner kennen das Phänomen: Obwohl die Straßenbahn schrankwandgroß, auffällig lackiert und mit hellem Scheinwerferlicht unterwegs ist, werden immer wieder Menschen überfahren, die die Straßenbahn weder gesehen noch gehört haben.

Hier zeigt sich das Dilemma der Warnsignal-Diskussion. Die Hersteller von Straßenbahnen bemühen sich seit Jahrzehnten, vom Image des lauten, quietschenden und ratternden Nahverkehrsmittels loszukommen. Sie investieren viel Geld, damit die Anwohner nachts nicht aus den Betten fallen, wenn die Straßenbahn am Haus vorbei fährt. Mit Erfolg: Niederflurwagen wie Flexity Berlin sind erstaunlich leise.

Denkt man den Schutz blinder und sehbehinderter Fußgänger zu Ende, müsste die Straßenbahn ein permanentes Warnsignal aussenden. Hoffentlich kommt die ECE nicht auf diesen Trichter. Man muss nicht alles regeln.

Geschichte wieder holt sich  als Farce

Das gesetzlich verordnete Warnsignal für E-Autos ist ein Rückfall ins 19. Jahrhundert. Mit einem ähnlichen Argument – Schutz der Fußgänger vor den immer populärer werdenden Automobilen – erließ die britische Regierung 1865 den Red Flag Act.

Ein Auto durfte nicht schneller als 4 Meilen pro Stunde außerorts und 2 Meilen pro Stunde innerorts fahren. Zusätzlich musste ein Fußgänger mit einer roten Flagge vor dem Fahrzeug her laufen, um andere Personen zu warnen: Achtung, hier kommt ein langsam fahrendes Vehikel!

Obwohl die Automobile im Jahr 1865 eher Dampfmaschinen auf Rädern glichen und einen Höllenlärm verursachten, wurden sie von manchen Fußgängern überhört und übersehen. Weit über tausend Verkehrstote zählte Großbritannien im zehnten Jahr nach Einführung des Gesetzes – trotz roter Warnflagge. Und nicht nur blinde und sehbehinderte Menschen zählten zu den Unfallopfern.

Der Red Flag Act gilt nicht als Gipfel der Regierungskunst. Doch selbst, wenn er noch heute als Vorbild für die Arbeit eines Parlaments dienen würde – kein noch so ausgefeiltes Gesetz kann Menschen davor schützen, dass das Leben eine endlose Folge von Unfallgefahren ist.

Wer mit Kopfhörern abgeschottet auf die Straße läuft und dabei seine WhatsApp-Nachrichten liest, dem helfen weder rote Flaggen noch Warnsounds mit 67 dB (A). Der liegt auf der Motorhaube. Oder unter dem Auto, egal, ob Benziner oder Elektro.

Achtung, Verschwörungstheorie!

Für den Verkauf von E-Autos ist der Lärmzwang kontraproduktiv. Wer möchte freiwillig auf die viel gelobte Stille eines Elektroautos verzichten?

Doch vielleicht ist das der einzige Zweck der Verordnung. Vielleicht werden Blinde und Sehbehinderte nur vors Loch geschoben, um den E-Auto-Verkauf so lange zu bremsen, bis die Großkonzerne in der Lage sind, mit kleinen Krautern wie Tesla fertig zu werden. Denn bisher lacht Tesla über VW, Mercedes-Benz und General Motors, nicht umgekehrt.

Aber das ist nur eine Verschwörungstheorie.


Wie absurd der Lärmzwang ist, zeigt dieser TV-Spot von VW. Der Automobilhersteller lässt seine E-Auto-Flotte im Schritttempo kreisen – und bewirbt sie mit dem besten aller Verkaufsargumente: Stille (Video: Volkswagen AG)

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