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20. Todestag von Manfred von Ardenne
Hochbegabter Visionär der Funk- und Fernsehtechnik

„Aus der Vergangenheit zu lernen genügt nicht. Das Gelernte muss Grundlage werden für das eigene Mitgestalten der besseren Zukunft.“ Manfred von Ardenne (1970)

Manfred von Ardenne und Siegmund Loewe

Manfred von Ardenne und Siegmund Loewe (Foto: Loewe AG, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Cleveres Kind, schlechter Schüler

Manfred Baron von Ardenne wurde am 20. Januar 1907 in Hamburg geboren. Bis zu seinem Tod am 26. Mai 1997 erlebte er das Deutsche Reich, die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, die Besatzungszonen, die Deutsche Demokratische Republik und in seinen letzten Lebensjahren die Bundesrepublik Deutschland.

Ardennes Vater, Egmont Baron von Ardenne, wurde 1913 ins Kriegsministerium nach Berlin versetzt und zog mit der Familie von Hamburg in die Hauptstadt. Seine Mutter Adela kümmerte sich ausschließlich um ihn und seine vier Geschwister.

Schon als Kind begeisterte sich Manfred von Ardenne für Handwerk und Technik. Statt die Schulbank zu drücken, experimentierte, bastelte und tüftelte er lieber, baute Schaltungen und nahm Messungen vor.

Aufgrund seiner schulischen Leistungen verließ er das Gymnasium in Berlin-Tempelhof mit 15 Jahren. Sein Lehrer vermerkte im Abgangszeugnis: „Sein Wissen und Können geht in einigen Gebieten der Physik und Chemie über das Klassen- sowie Schulziel hinaus“. Er wechselte auf das Friedrich-Realgymnasium und schloss die Schule 1923 mit der Primareife ab.

Ardennes Eltern erkannten sein Potential und räumten für ihn in ihrer Wohnung das beste Zimmer frei. Hier richtete sich Manfred ein Labor für Radiotechnik ein

Studieren ohne Abitur

Mit nur 16 Jahren meldete Ardenne sein erstes Patent an, ein „Verfahren zur Tonselektion, insbesondere für die Zwecke der drahtlosen Telegraphie”. Mit dem Verkauf erster Bücher und technischer Entwicklungen bestritt er ab 1924 seinen Lebensunterhalt selbst und zahlte seinen Eltern für das 30 Quadratmeter große Labor freiwillig Miete.

1925 ermöglichten ihm die Rundfunkpioniere Georg Graf von Arco und Geheimrat Walther Nernst ein Studium an der Berliner Universität. Er besuchte vier Semester lang Vorlesungen über Chemie, Mathematik und Physik.

1926 erlangte Ardenne durch seine Idee von der Mehrsystem-Elektroröhre erste Bekanntheit. Sie bildet die technische Grundlage des von Loewe-Opta als Massenprodukt hergestellten Rundfunkempfängers. Die Mehrsystem-Elektroröhre ist der erste integrierte Schaltkreis der Elektronikgeschichte.

Sensation – Auf das Titelblatt der New York Times

Von 1921 bis 1945 leitete Manfred von Ardenne das Von-Ardenne-Laboratorium für Elektrophysik in Berlin-Lichterfelde. Bis zu seiner Schließung galt das Labor als Vorreiter auf den Gebieten der Fernsehtechnik, Bildwandlung, Elektronenmikroskopie, Rastermikroskopie, Isotopentrennung sowie der Elektronen- und Ionenstrahltechnik.

1930 machten Ardenne und sein Mitarbeiter Emil Lorenz eine bahnbrechende Entdeckung. Er erkannte, dass alle notwendigen Komponenten in seinem Lichterfelder Forschungsinstitut vorhanden waren, um die weltweit erste vollelektronische Fernsehübertragung zu realisieren.

Den Tag schilderte er später so: „In fieberhafter Eile entnahmen wir dem Fertigungslager zwei Elektronenstrahlröhren, stellten zwei Einrichtungen zur Erzeugung der Ablenkungsspannungen aus Bestandteilen des Niederfrequenzlabors zusammen, brachten einen der Breitbandverstärker in Betriebsbereitschaft und entlehnten dem optischen Labor eine Linse hoher Lichtstärke und eine Photozelle geringer Trägheit.

Noch am gleichen Abend, am 14. Dezember 1930, hatten Emil Lorenz und ich ein entscheidendes Erlebnis. Ich hielt eine Schere vor dem Schirm meines Leuchtfleckabtasters und sah tatsächlich, wie ihre Konturen am anderen Ende des Zimmers auf dem Leuchtschirm der Empfängerröhre erschienen. Wir wiederholten den Versuch mit einem Diapositiv und erzielten einen noch eindrucksvolleren Erfolg.”

1931 präsentierte Manfred von Ardenne seine Erfindung auf der Funkausstellung in Berlin. Damit schaffte er es auf das Titelblatt der New York Times.

Existenzsicherung in der Zeit des Nationalsozialismus

Zur Finanzierung seines Lichterfelder Forschungsinstituts brauchte der Autodidakt Ardenne Aufträge von Staat und Industrie. So entwickelte er neben der ersten vollelektronischen Fernsehübertragung ein Spezialgerät für Lungendiagnostik, den ersten Breitbandverstärker und das erste Rasterelektronenmikroskop.

Auf der Funkausstellung 1933 stellte Reichspostminister Wilhelm Ohnesorge, ein Freund seines Vaters,  Manfred von Ardenne dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler vor. Der Vertrag mit dem Reichspostministerium sollte ihm die Existenz seines Laboratoriums während des Nationalsozialismus sichern.

In dieser Zeit wandte sich Ardenne der experimentellen Kernphysik zu. Er baute Linear- und Ringbeschleuniger zur Isotopentrennung. Den bei ihm beschäftigten Theoretiker Fritz Houtermans beauftragte er, die Isotopentrennung von Uran mit einer Ultrazentrifuge durchzurechnen.

Der Houtermans-Bericht zeigte, dass ein Element mit der Massenzahl 239 (später bekannt als Plutonium) als Brennstoff und Explosivstoff genutzt werden könne. Ardenne stufte den Bericht, der eine Auslösung von Kern-Kettenreaktionen beschrieb, als geheim ein. Er wurde nur einem ausgewählten Kreis deutscher Kernphysiker vorgelegt.

Aufgrund des Berichtes bezweifelten die Alliierten Siegermächte nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dass Ardennes Kernforschung ausschließlich friedlichen Zielen dienen sollte.

Etwa zeitgleich mit Ardennes Bericht meldete der theoretische Physiker Carl Friedrich von Weizäcker (Bruder des späteren Bürgermeisters Westberlins und Bundespräsidenten Richard von Weizäcker) eine Plutoniumbombe zum Patent an.

Die Familie von Ardenne hegte keine Sympathie für den Nationalsozialismus. Sein Vater lehnte die Aufforderung Hermann Görings, eine leitende Position in der NSDAP einzunehmen, entschieden ab.

Zwangsverpflichtung zum Atombombenbau in der Sowjetunion

Nach Ende des zweiten Weltkrieges wurde im geheimen Schlussprotokoll von Jalta (Februar 1945) festgelegt, dass zu den Reparationen auch die Verwendung deutscher Arbeitskräfte gehörte. Im Protokoll der Potsdamer Konferenz (August 1945) wurden die Arbeitsreparationen nicht erwähnt. Sowjetische Offiziere und Wissenschaftler suchten dennoch gezielt nach deutschen Spezialisten.

Manfred von Ardenne siedelte mit seinem Laboratorium nach Sinop (Sowjetunion) ans Schwarze Meer über. Ein dreistöckiges Sanatorium mit 100 Zimmern wurde für ihn umgebaut. In der näheren Umgebung stellte man für den Nobelpreisträger Gustav Hertz (Onkel Heinrich Hertz entdeckte die elektromagnetischen Wellen) ein weiteres Gebäude bereit, der hier ebenfalls eine neue Wirkungsstätte finden sollte.

Nachdem die USA die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abwarfen, wurden deutsche Wissenschaftler, darunter Manfred von Ardenne und Gustav Hertz, zwangsverpflichtet, an der Entwicklung einer russischen Atombombe mitzuwirken. Die Sowjetunion wollte möglichst rasch zur Supermacht USA aufschließen.

Das von ihm entwickelte Verfahren der elektromagnetischen Trennung von Uranisotopen kam bei der Produktion der ersten einsatzfähigen sowjetischen Atombomben jedoch nicht zum Einsatz, da es zu kompliziert war. Seine Vorbereitungen zur industriellen Trennung von Lithiumisotopen nutze die Sowjetunion zur Entwicklung der Wasserstoffbombe, womit sie die USA im nuklearen Wettrüsten überholte. Im Dezember 1953 erhielt er dafür den Stalinpreis. 

Fast zehn Jahre lebten und arbeiteten Ardenne und Hertz in der UdSSR. Für Entwicklung und Bau eines Elektronenmikroskops erhielt er bereits im März 1947 eine Prämie in Höhe von 50.000 Rubel. Ardenne sagte 1956 in einem Interview mit der Tageszeitung Neues Deutschland: „Das Verbot der Atomwaffen würde die Atomenergie aus einem Fluch fast sprunghaft in einen Segen für die Menschheit verwandeln.“

Der rote Baron vom Weißen Hirsch

1955 entschied sich Manfred von Ardenne für ein Leben im sozialistischen Teil Deutschlands. Er siedelte nach Dresden über. Im Stadtteil Weißer Hirsch erwarb er ein großes Gelände und errichtete dort das private „Forschungsinstitut Manfred von Ardenne“.

Ardenne ließ sich von Walter Ulbricht, der ihn nur einen Tag nach seiner Ankunft in Dresden persönlich willkommen hieß, und der DDR-Regierung auf vielfältige Weise unterstützen. Neben einem russischen Pkw für sich selbst handelte er zahlreiche Vorteile für das Institut aus.

Die DDR-Regierung schmückte sich wiederum mit dem berühmten Erfinder. Das Institut entwickelte sich zu einem der renommiertesten und effektivsten wissenschaftlich-technischen Forschungslabore der DDR.

In den 1960er Jahren wandte sich Ardenne der Medizin zu und widmete sich der Krebsbehandlung. In Nobelpreisträger Otto Warburg vom Westberliner Max-Planck-Institut fand er einen einflussreichen Fürsprecher. Er entwickelte die umstrittene Krebs-Mehrschritt-Therapie (sKMT), bei der ihm jedoch der durchschlagende Erfolg versagt blieb.

Führende Krebsforscher warnten vor Ardennes Therapie, weshalb ihm die Eröffnung einer eigenen Krebsklinik versagt blieb. Diesen Wunsch konnte er sich erst nach der Wende erfüllen.

Die wissenschaftliche Kontroverse wurde auch den Medien der DDR ausgetragen. Dennoch stand er weiterhin in der Gunst der DDR-Regierung. Der rote Baron, wie er genannt wurde, gehörte weiterhin zu den wissenschaftlichen Beratern des Regierungschefs Walter Ulbricht.

Erst unter Erich Honecker, der 1971 auf Ulbricht folgte, sank allmählich Ardennes Stern. Gesundheitlich angeschlagen entwickelte er die bis heute weltweit in der Naturheilkunde verbreitete Sauerstoff-Mehrschritt-Therapie (SMT).

Ardenne konnte sein Institut bis 1989 vor der Verstaatlichung bewahren. Lange Zeit gehörte er der DDR-Volkskammer an und war politisch aktiv. Er stand der DDR zwar nicht völlig unkritisch gegenüber, war ihr gegenüber aber grundsätzlich positiv eingestellt.

Mit der Wende kam die Wende

Als im Herbst 1989 in die Demonstrationen gegen die DDR-Regierung begannen, forderte auch Ardenne Reformen in der Gesellschaft. Er trat für die Abkehr vom bürokratischen Zentralismus und für die Einführung einer sozialistischen Marktwirtschaft ein. In der Volkskammer plädierte er noch am 13. November 1989 dafür, die vielleicht letzte Chance nicht zu verspielen, zu einem menschlichen und würdigen Sozialismus zu finden.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und der Währungsunion am 1. Juli 1990 blieben die staatlichen Förderungen für sein Institut aus. Ein tiefgreifender Umstrukturierungsprozess begann.

Ardenne teilte sein Institut auf. Der physikalisch-technischen Bereich wurde zum Fraunhofer-Institut für Elektronenstrahl- und Plasmatechnik. Aus einem anderen Teil des Instituts gründete er die Von Ardenne Anlagentechnik GmbH. Damit gelang ihm der Sprung ins kapitalistische System.

Vier Monate nach seinem 90. Geburtstag, am 26. Mai 1997, starb Manfred von Ardenne. Bis zu seinem Tod brachte er es auf rund 600 Erfindungen und Patente.

Sein Sohn, Dr. Alexander von Ardenne, führt mit dem Von Ardenne Institut für angewandte Medizin das Lebenswerk seines Vaters bis heute fort.

Ehrungen

Manfred von Ardenne war Träger mehrerer Auszeichnungen, u. a. Nationalpreis der DDR (1. und 2. Klasse), Staatspreis der UdSSR, Stalinpreis 2. Klasse der UdSSR, Friedrich-Schiller-Preis der Stadt Hamburg, Ernst-Abbe-Medaille der Kammer der Technik der DDR und Colani Design France Preis.

Ardenne war u.a. Mitglied der Internationalen Astronautischen Akademie Paris und Ehrenmitglied der Gesellschaft für Ultraschalltechnik.

1989 wurde Manfred von Ardenne zum Ehrenbürger der Stadt Dresden ernannt.

Seit 2002 wird von der Europäischen Forschungsgesellschaft Dünne Schichten e.V. der Manfred-von-Ardenne-Preis für Angewandte Physik vergeben. Von 2000 bis 2014 zeichnete das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf Schüler in Sachsen mit dem Von Ardenne Physikpreis für besondere Lernleistungen im Fach Physik aus.

Das Oranke-Gymnasium und das Pestalozzi-Gymnasium in Berlin-Hohenschönhausen fusionierten 2006 zum Manfred-von-Ardenne-Gymnasium

Berühmte Romanvorlage

Die Scheidungsaffäre seiner Großeltern Armand von Ardenne und Elisabeth Baronin von Ardenne, geborene von Plotho, diente Theodor Fontane als Grundlage für seinen Roman Effi Briest.

Bild oben rechts: erstes elektronisches Mikroskop 1937 (Foto: DR. rer. nat. Alexander von Ardenne, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Bild mitte links: Villa und Sternwarte in Dresden (Foto: Steffen Müller, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Bild unten rechts: Manfred von Ardenne 1986 (Foto: Rainer Mittelstädt, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

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