Digitalisierung im Brandschutz
Smarte Frühalarmierung im Brandschutz ist unerlässlich
Die moderne Gebäudetechnik setzt auf Internettechnologien. Die Branche verspricht sich von der vernetzten Welt Zeit- und Ressourceneffizienz, Sicherheitsvorteile und Komfort. Doch beim Brandschutz macht die Digitalisierung oft Halt. Mit erheblichen Folgen. Ein Expertenaustausch zum Brandschutztag 2023.
Die Sicherheitstechnik im Gebäudesektor erlebt eine drastische Veränderung. Bei der Immobilienplanung und -verwaltung werden zunehmend virtuelle Szenarien und intelligente Komponenten eingesetzt. Das Jahr 2023 markiert die Realität von Smart Cities. Allerdings stellt sich die Frage, wie weit wir bei der Digitalisierung im Bereich Brandschutz fortgeschritten sind. In Deutschland sind Rauchmelder zwar bundesweit vorgeschrieben, jedoch gibt es immer noch häufig Probleme mit fehlerhafter Technik oder unzuverlässigem Verhalten.
Doch was ist, wenn der Ernstfall doch eintritt und die Technik versagt? Zuverlässige und schnelle Rauchfrüherkennungen sollten selbstverständlich sein. Das gilt privat wie auch in der gewerblichen und industriellen Umgebung. Zum Brandschutztag am 9. Oktober beleuchteten Experten die Gefahren und zukunftsweisende Techniken.
Schon der Brandrauch ist lebensbedrohlich
Dipl.-Ing. Reiner Pieper von der BAB Brandschutz Akademie Berlin hält die Gefahren der Rauchbildung in Deutschland für unterschätzt. 25 Jahre war er Ortsbrandmeister, fünf Jahre Stadtbrandmeister sowie Ausbilder für die Feuerwehr-Grundausbildung. Sein Wissen aus praktischen Einsätzen bei Bränden, Unfällen und Hochwasserereignissen setzt er heute in der Brandaufklärung ein.
„Brandrauch ist extrem heiß, dicht und giftig. Er enthält Kohlendioxid. Das bedeutet: 80 % der Brandopfer verbrennen nicht, sie ersticken an Rauchgiften“, erklärt er. „Schon drei Atemzüge im Brandrauch führen zur Bewusstlosigkeit. Enthaltenes Ammoniak führt mit Reiz- und Ätzwirkungen zu dauerhaften Schäden. Kohlemonoxid und Blausäure haben Wirkungen auf Blut, Nerven und Zellen zur Vergiftung.“
Evakuierung: Ein Kampf gegen die Zeit
Grundsätzlich gilt deshalb: Je eher Rauch erkannt wird, desto besser. Reiner Pieper zu den Hintergründen: „Rauch ist schneller als die Temperatur. Die meisten Leute denken: Wenn es noch nicht heiß ist, kann ich noch löschen oder meine Sachen packen, die Luft anhalten und rausrennen. Aber das funktioniert nicht. Im geschlossenen Raum hat man innerhalb von fünf Minuten keine Chance, zu atmen. Nach 20 Minuten ist bei einem vollentwickelten Brand kein Sauerstoff mehr in der Luft“. Die ersten zweieinhalb Minuten seien zur Rettung entscheidend. Nur ein Rauchmelder, der in Echtzeit alarmiert, ist damit ein guter Rauchmelder.
Digital ist besser!?
Aus Sicht von Matthias Wolff ist die Funktionalität der in Deutschland eingesetzten Rauchwarnmelder meist nicht gewährleistet. Er ist Geschäftsleiter des deutschen Unternehmens Lupus-Electronics für innovative und leicht bedienbare Sicherheits- und Automationstechnik mit Sitz in Landau. Die Kosten für die Wartungen würden Wohngesellschaften und beteiligte Fachfirmen in zu hohe Verwaltungs- und Kostenaufwände stürzen. Das Thema Rauchmelderpflicht wäre so nur allzu oft lästiger Stressfaktor. Und damit weniger priorisiert.
„Rauchwarnmelder müssen jährlich gewartet werden. Brandmeldeanlagen vierteljährlich“, sagt Wolff. „Langwierige Terminabsprachen zur Wartung und No-Shows sind die Praxis. Oft müssen Immobilien immer wieder angefahren werden. Das ist ein hoher Aufwand. Die Kosten sind in der Regel zwei bis dreimal so hoch, wie sie kalkuliert wurden. Und dennoch hat man zwischen den Wartungsintervallen keine Gewährleistung der Funktionalität. Im 21. Jahrhundert ist das ärgerlich.“
Wolff setzt sich deshalb für das Internet of Things (IoT) bei Rauchwarnmeldern ein. Seinen weltweit ersten Mobilfunk-Rauchmelder, der nach DIN 14676-1C-Standard arbeitet, führt vollautomatisch eine DIN-konforme Selbstinspektion mit einer zehnjährigen Batterielaufzeit durch. Alle Protokolle werden in einer datensicheren Cloud gespeichert. Das vorgeschriebene Inspektionsintervall von mindestens einem Jahr wird auf alle 24 bis 48 Stunden verkürzt. Möglich macht das die Verbindung über das Narrowband-IoT-Mobilfunknetz. Rauchalarmierung und der aktuelle Gerätestatus werden in Echtzeit über eine Smartphone-App oder ein webbasiertes Dashboard kommuniziert. Der Rauchalarm kommt so auch bei Abwesenheit sofort beim Bewohner an. Optional kann sogar eine Notrufleitstelle aufgeschaltet werden.
„Das Problem ist, dass Deutschland bei der Digitalisierung im Brandschutz hinterherhängt“, sagt er. „Ein smartes Netzwerk von Milliarden untereinander verbundener Sensoren, die etwas erkennen und automatisch und schnell weiterleiten – das funktioniert in vielen Bereichen, also warum nicht auch bei Rauchmeldern so denken, statt auf Technik aus den 70ern zu setzen?“, findet er.

