
Überspannungsschäden durch Blitzeinwirkung prüfen
Teil 2: Werkzeuge zur Beurteilung und professionelle Vorgehensweise
Ein fester Bestandteil der Schadenbearbeitung in den Sachversicherungen nimmt die Regulierung von Blitz-Überspannungsschäden ein. Die oftmals sehr unterschiedlichen Schadenbilder, stark voneinander abweichende Vertragsbedingungen sowie die unterschiedliche Regulierungspraxis einzelner Versicherungsunternehmen lassen diese Schadenregulierungen für die Elektrofachkraft und den Kunden schwer einschätzbar, mitunter sogar willkürlich erscheinen.
Hilfe zur Beurteilung – GDV-Studie „Blues“
Um zu klären, bis zu welcher Entfernung zwischen Einschlagort des Blitzes und Schadenort ein Schaden noch plausibel sein kann, hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 2006 bei der Fachhochschule Aachen eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben [5].
In der Zwischenzeit konnten die Blitzortungssysteme technisch weiterentwickelt und so heute präzisere Ortsangaben geliefert werden. Daher wird in den Gremien des GDV über eine Aktualisierung der Studie diskutiert. Bis deren Ergebnisse vorliegen, können die Daten der Studie von 2006 verwendet werden.
Demnach sind zur Feststellung der Schadenursache Blitz-Überspannung neben der Entfernung zum Einschlagort des Blitzes auch Faktoren wie z. B. Bebauungsdichte, Einkopplungsmöglichkeiten und Gerätekategorie entscheidend. Auch werden die verfügbaren Ortungssysteme bewertet und Aussagen zu deren Genauigkeit getroffen.
Bei der Schadenbewertung ist zwischen zwei Schadentypen zu unterscheiden: Nahe Einschläge, die zu Überspannungen innerhalb der hausinternen Energieversorgungs- und informationstechnischen Netze führen, und solche Schäden, die durch eine Übertragung von Überspannungsimpulsen aus Versorgungsleitungen im Außenbereich entstehen. Wichtiges Kriterium ist die Gerätekategorie, diese unterscheidet Geräte, die an ein Versorgungsnetz (wie Haushaltsgeräte) oder an mehrere Versorgungsnetze (z. B. Fernsehgeräte, PC) angeschlossen sind (Kategorie A und B).
Einige wesentliche Aussagen der Studie sind:
- Schlägt ein Blitz in einer Entfernung von mehr als 3 000 m vom Schadenort ein, ist ein Schadeneintritt an elektronischen Geräten in höchstem Maße unwahrscheinlich.
- Einzelne, frei stehende Gebäude, die mittels eigener Stichleitung an das Stromnetz angeschlossen sind, können bis zu einer Entfernung von 3 000 m zum Einschlagort des Blitzes unter ungünstigen Bedingungen von einem Überspannungsschaden betroffen sein.
- In dörflicher Umgebung ist ein Schadeneintritt bei einem Abstand von mehr als 2 000 m unwahrscheinlich, dieser Wert sinkt auf 1 500 m in städtischer/vorstädtischer Umgebung.
- Geräte, die über zwei leitungsgebundene Anschlüsse verfügen (z. B. Computer mit Stromversorgung und Netzwerkkabel) können sensibler auf induzierte Überspannungen reagieren als Geräte mit nur einem Anschluss (z. B. Waschmaschine).
Bewerten der Ortungsgenauigkeit von Blitzerfassungssystemen
Die Ortungsgenauigkeit der Blitzortungssysteme wird bei der Schadenbearbeitung immer wieder in Frage gestellt. In der Fachliteratur finden sich zahlreiche Abhandlungen zum Thema.
Nach veröffentlichten Untersuchungen und den Erkenntnissen aus der Schadenregulierung beträgt der räumliche Fehler im Mittel etwa 200 m. In Sonderfällen können die Messungen systematische Fehler enthalten, z. B. kann durch besondere topologische Gegebenheiten (Bergregionen) oder Randgebiete des Erfassungsbereiches der Sensoren das Ergebnis beeinflusst werden.
Im begründeten Einzelfall kann daher eine räumliche Ortungsgenauigkeit von etwa 400 m angesetzt werden.
Es ist zu berücksichtigen, dass die Ortungssysteme seit Erstellung der Studie von 2006 verbessert werden konnten. Damit sind heute die in der Studie genannten Entfernungen tendenziell geringer anzusetzen.
Es sollte im Einzelfall beim Anbieter der Blitzdaten für die jeweilige Messung eine Angabe zur Ortungsgenauigkeit angefordert werden. Dieser Wert ist dann in der weiteren Bearbeitung zu berücksichtigen.


![{1} Entfernungen ohne Berücksichtigung der Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems nach [4, s. 118]](/fileadmin/_processed_/6/2/csm_tafel_1_1036838-100_dpi_rgb_9b51a3ca8c.png)


