Was sonst noch geschah
Kurzschluss – Der Wochenrückblick
Die schönsten Ereignisse der Woche – von Dobrindt, Schmuddelsex, beleidigten Journalisten, dem fiktiven Staat San Escobar, einer Nonsensklage und der Extrem-Akustik in der Elbphilharmonie.
Kaum eröffnet, schon vernichtet. Nach der mehrstündigen Premierennacht am 12. Januar 2017 ist die Elbphilharmonie bei manchen Journalisten glatt durchgefallen. In der FAZ wirkt Eleonore Büning regelrecht schockiert:
"Dieser Saal klingt gnadenlos überakustisch […] Jedes noch so feine Geräusch tritt in diesem Raumkontinuum laut an die Rampe, lauter, als es eigentlich ist. Pech für die Musiker: Alle im Saal hören jeden Fehler, jeden Atmer, jedes Klappengeräusch, jeden sekundenkurz verrutschten Einsatz."
Auch das unvermeidliche "Flüstern, Schnaufen oder Schlimmeres" des Publikums werde überdeutlich verstärkt. Der Tagesspiegel berichtet, dass die Meinung der Premierengäste zur Akustik "je nach Sitzposition bis hin zu 'steril' oder gar 'unzumutbar'" gehe. Die Süddeutsche Zeitung wiederum kritisiert die Innenarchitektur:
"Den Besucher beschleicht das Gefühl, dass er kein Konzerthaus durchsteigt, sondern einen jener treppenverschachtelten Carceri, wie sie Piranesi erträumte. Die Orientierung geht in der Enge oft verloren […]"

Ganz oben auf den billigen Plätzen hört man angeblich am besten (Bild: Zumtobel, Michael Zapf)
Ein weniger feingeistiges Problem plagt Witold Waszczykowski. Der polnische Außenminister warb in New York für einen Sitz Polens im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Dabei habe er sich mit Vertretern von über 20 Staaten getroffen, "zum Beispiel mit Staaten wie Belize oder San Escobar."
Pech für den Minister: San Escobar existiert nicht. Waszczykowski meinte den Inselstaat Saint Kitts und Nevis.
Die Facebook-Community sieht das nicht so eng. Jemand richtete eine Gruppe für das fiktive Land San Escobar ein. Mehr als 100.000 Likes zeugen von der großen Beliebtheit der República Popular Democrática de San Escobar. Einen Wiki-Eintrag gibt es auch schon.
Das Wahrzeichen auf den Hügeln über der Hauptstadt
El Niño Air bietet schon Flüge nach San Escobar an
Eine Attraktion bei Touristen: Schloss der Liebe
Endlich ist geklärt, wo Frank Trebbin Besame Mucho sang: In San Escobar
Der deutsche Bundesverkehrsminister hat keine Probleme, deshalb macht er sich welche. Unser aller Dobrindt möchte ein einheitliches digitales Ticketsystem für öffentliche Verkehrsmittel in Deutschland einführen. Mit einer Chipkarte quer durch alle Nahverkehrsverbünde Deutschlands fahren, das ist Dobrindts Ziel.
Bis 2019 sollen 75 Prozent der Bevölkerung in den Genuss des eTickets kommen. Für den Aufbau einer zentralen Abrechnungsstelle zwischen den Verkehrsverbünden spendiert Dobrindt schon mal 840.000 Euro.
Und nun Hand aufs Herz, liebe Leser: An wie vielen Tagen im Jahr brauchen Sie ein Ticket für den Bus in einem anderen Bundesland? Geschäftsreisende ausgenommen, dürfte sich der Nutzen für den Normalbürger in sehr engen Grenzen halten.
Etwas anderes ist für die Bundesregierung viel interessanter. Das eTicket zeichnet ein lückenloses Bewegungsprofil auf. Der Fahrschein aus Papier kann das nicht. Deshalb soll er verschwinden.

Offizielles Pressefoto von Alexander Dobrindt. Bildunterschrift: Ortsumgehung Saulgrub 2012
Echte Probleme gibt es für die Freunde der Ultrakurzwelle in Norwegen. Am 11. Januar 2017, 11:11 Uhr, wurden in der Region Nordland fast alle UKW-Sender abgeschaltet. Die anderen Regionen folgen bis Ende 2017. Dann ist UKW in Norwegen Geschichte.
Den Radiohörern wird der Umstieg auf Digital Audio Broadcasting (DAB) angeboten. Wobei angeboten das falsche Wort ist – entweder DAB oder Stille.
Auch in anderen Ländern steht der UKW-Abschied bevor. Besonders radikal gebärden sich die österreichischen Privatsender. Sie forderten schon 2016 ein Verkaufsverbot für UKW-Radios.
Freiwillig möchte das Hörervolk nicht auf den guten alten UKW-Empfänger verzichten und Geld in DAB investieren. Denn nicht nur die UKW-Küchenradios sind nach der Abschaltung Schrott. Auch alle UKW-Autoradios müssen auf eigene Kosten ausgetauscht werden. Und beim Auto hört der Spaß bekanntlich auf.

Früher war auch nicht mehr Lametta – aber Sendernamen wie Hilversum klangen geheimnisvoller als Radio Sachsen-Anhalt
Hören Sie überhaupt noch Radio, so wie früher, mit dem Ohr am Rundfunkempfänger? Oder streamen sie die Sender Ihrer Wahl? Wenn Sie Onlineradio lieber mögen, haben wir einen Tipp: radio.garden präsentiert 8.000 Internetradios aus der ganzen Welt. Hier bekommt man einen echten Gegenwert für seine monatliche GEZ-GebührRundfunksteuer für den immer und ewig zu zahlenden Rundfunkbeitrag.

Radio Garden braucht eine gewisse Rechnerleistung. Aber es lohnt sich.
Apropos Rundfunkbeitrag: Die Depublizierungspflicht steht zur Diskussion. Das sperrige Beamtenwort ist die verharmlosende Bezeichnung für eines der größten Ärgernisse im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Die Mediatheken von ARD und ZDF müssen ihre Inhalte nach exakt festgelegten Terminen löschen (depublizieren), meist nach sieben Tagen. Warum? Weil es so im Rundfunkstaatsvertrag vereinbart wurde.
Woran keiner mehr glauben wollte, ist nun eingetreten: Die Bundesländer diskutieren eine Aufhebung der Depublizierungspflicht. Die Mehrheit ist dafür, Bayern, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen und das Saarland schwanken noch.
Dass die Inhalte von ARD und ZDF mit den Rundfunkbeiträgen finanziert werden und deshalb den Beitragszahlern unbegrenzt zur Verfügung stehen sollten, ist eine Binsenweisheit. Ob sie in alle Staatskanzleien durchdringt, ist ungewiss.
Eine Gegenstimme genügt, um die Depublizierungspflicht zu erhalten. Zum Beispiel die Gegenstimme eines Bundeslandes, dessen Sender befürchtet, drei DVDs ihres regionalen Tatortteams weniger zu verkaufen, wenn der Tatort in der Mediathek abrufbar ist.
Dieser Talk mit Komiker Serdar Somuncu wird wohl nicht in der ZDF-Mediathek archiviert. Wegen Somuncus Vorwürfen gegen eine ZDF-Redakteurin (ab 6:40) erklärte die Betroffene am 11. Januar 2017, Somuncu verklagen zu wollen (Quelle: Javiero's Blog)
Facebook-Fans müssen mal wieder tapfer sein. Mark Zuckerberg hat eine neue Quelle für seinen Geldspeicher angebohrt. Videos können in Zukunft nach 20 Sekunden für Werbung unterbrochen werden.
Bisher führt die ungeliebte Werbung zum Beginn der Videos oft zum sofortigen Wegklicken. Mit dem neuen Werbeformat hofft Facebook, die User mit 20 Sekunden Handlung soweit anzufüttern, dass sie auch den Rest sehen wollen und die Werbung erdulden.
Die Videos müssen mindestens 90 Sekunden, die Werbung darf maximal 15 Sekunden lang sein. Auch einen Namen gibt es schon für die neue Werbeform: Mid-Roll Ads.

Reine Symbolik, was der User denkt. Zuckerberg macht trotzdem, was er will.
Neues von der E-Auto-Front: Der Fahrdienst der Bundesregierung kauft Elektroautos. Exakt fünf E-Autos wurden bestellt. Wir wiederholen die spektakuläre Zahl: Fünf.
Die anderen 95 Dienstfahrzeuge nageln weiterhin mit Diesel oder klopfen mit Benzin. Und obwohl die E-Auto-Abstinenz der Regierung nicht gerade ein Vorbild fürs E-Auto-skeptische Volk ist, machte Umweltministerin Hendricks einen ihrer tollen Vorschläge. Sie möchte eine Elektroquote für Hersteller.
Dieser Vorschlag landet vermutlich dort, wo viele andere Vorschläge von Frau Hendricks schon liegen: in der Ablage. Der VDA und Sigmar Gabriel werden es schon richten.
Gilt eine Ladesäule als Parkplatz für E-Autos? Mit dieser absurd klingenden Frage musste sich die Justiz beschäftigen. Ein Autofahrer wurde kostenpflichtig abgeschleppt, weil er in einer Privatstraße vor einer Ladesäule parkte, ohne zu laden. Gegen die Rechnung von 150 Euro zog der Fahrer vor Gericht.
Die Ladesäule war mit zwei Schildern versehen: "Widerrechtlich geparkte Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt" und "Elektrofahrzeuge während des Ladevorgangs frei".
Weil sein Stecker nicht an die Ladesäule passte und eine zweite Säule mit passendem Anschluss belegt war, parkte er vor der freien Säule. Das Gericht verurteilte ihn zur Zahlung der Abschleppgebühren, der Fahrer geht in Berufung. Fortsetzung folgt.
Um den Ladevorgang zu vereinfachen, wird seit einiger Zeit mit drahtlosen Systemen experimentiert. Auch Qualcomm ist dabei und stelle (wieder mal) eine Ladestation vor, die ein drahtloses Laden von geparkten E-Autos ermöglicht.
Drei Plattformen mit je 3,7 kW, 7,4 kW und 22 kW laden E- und Hybridautos, sobald sie auf dem Parkplatz stehen. Qualcomm gibt ca. 10 Prozent Verlust an, beispielsweise 7,4 kW Eingangsleistung und 6,6 kW Ausgangsleistung.
Denkt man an die harschen Regeln der EU zur Steigerung der Energieeffizienz, wirkt es wie ein gespielter Witz, dass Qualcomm mit einem derart hohen Verlust überhaupt an die Öffentlichkeit geht.
Bei BMW betrachtet man die Energieschleuder mit Wohlwollen. Der Autohersteller ist offizieller Partner von Qualcomm. Energieeffizienz? In Bayern kommt der Strom aus der Steckdose.

Da hat's der Marder richtig kuschlig: Qualcomms Ladestation spendiert zehn Prozent Energie für die Fußbodenheizung des Parkplatzes (Bild: Qualcomm)
Legida gibt auf. Diese Nachricht sorgte am 9. Januar 2017 für gelöste Stimmung in Leipzig. Seit Januar 2015 marschierte ein Wutbürger-Grüppchen mit merkwürdigen Transparenten montags durch die Innenstadt. Nach ca. 40 Demos ist die Luft raus, auf der letzten Veranstaltung konnte man die Legisten mit der Lupe suchen. Für die Stadt ist damit nicht nur der montägliche Imageschaden vorbei, auch im Alltag wird manches leichter.
Legida blockierte Montag für Montag einen Teil der Innenstadt. Hauptstraßen und Straßenbahnlinien wurden unterbrochen, ganze Wohnviertel polizeilich gesperrt, Anwohner durften ihre Häuser weder verlassen noch betreten, Hubschrauber ratterten stundenlang über die Häuser.
Und wofür das Ganze? Dafür:

„Der Weise schweigt. Er kennt die Gründe.“ (Wilhelm Busch, Balduin Bählamm) (Bild: LVZ)
Von Sachsen in die weite Welt. Was macht eigentlich Donald Trump nach Feierabend? Buzzfeed weiß es genau – sagt Buzzfeed. Das Zentralorgan des Boulevards behauptet, im Besitz eines Dossiers aus dem Umfeld des britischen Auslandsgeheimdiensts MI6 zu sein.
Darin steht, dass Trump in einem russischen Hotel mit Prostituierten eine Orgie gefeiert habe, pikanterweise in jenem Zimmer, in dem vor ihm Barack Obama übernachtete. Die Orgie sei vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB arrangiert bzw. überwacht worden. Und weil ein Geheimdienst alles weiß, kennt er auch Trumps Vorlieben für "perverted sexual acts". Gemeint sei Golden Shower – sagt Buzzfeed.

Mit Rücksicht auf jüngere Leser belassen wir es an dieser Stelle bei einem Symbolbild (Bild: Myrabella, Lizenz: CC BY-SA 3.0)
Wer hat Zeit für lange Prozesse? Zwei Edelfedern der Zeit! Dieser Kalauer musste sein, denn die folgende Geschichte ist einfach köstlich.
Am 29. April 2014 lief in der satirischen ZDF-Sendung "Die Anstalt" ein Sketch über die Interessenkonflikte deutscher Journalisten, die Mitglieder diverser US-freundlicher Lobby-Organisationen sind – und gleichzeitig kritisch über die Politik dieser Lobbyisten berichten müssten.
Die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner präsentierten auf einer Schautafel die Verbindungen dieser Journalisten mit Elite-Netzwerken. Dagegen klagten der Herausgeber der Zeit, Josef Joffe, und der Zeit-Autor Jochen Bittner. Sie sahen sich teilweise zu Unrecht in die Nähe dieser Netzwerke gerückt. Bittner bestritt außerdem, wohlwollend über eine Rede von Bundespräsident Gauck berichtet zu haben, die er selbst – gemeinsam mit anderen Redenschreibern – für Gauck erarbeitete.
Joffe und Bittner zogen durch alle Instanzen. Am 10. Januar 2017 wies der Bundesgerichtshof die Klage ab. Das Gericht stellte fest, dass Joffe und Bittner die beklagten Passagen aus dem Gesamtzusammenhang gerissen hätten. Die beiden Edelfedern interpretierten in den Sketch Äußerungen hinein, die in der Sendung nicht getroffen wurden.
Am Ende des Sketches sagt Max Uthoff: "Alles, was Josef Joffe dazu bringt, auf seinen Laptop zu kotzen, da bin ich dabei!" Joffes Laptop dürfte jetzt einen Kärcher vertragen.
Der Sketch, der Joffe und Bittner zur Weißglut trieb: Die Anstalt vom 29. April 2014 (Quelle: RaWo.info)





