Skip to main content 
Bild: Cornelia Wohlrab / adobestock.com
Heizungs- und Wärmetechnik | Energietechnik/-Anwendungen | Energieverteilung

Kommunale Wärmewende

Europa kann cooler heizen

30.06.2023

Eine ifeu-Studie untersucht, wie das Konzept der Niedertemperatur-Heizungen Kommunen den Umstieg auf erneuerbare Nahwärme erleichtern kann.

In Deutschland wird derzeit intensiv über die optimale Methode zur Wärmeversorgung debattiert. Ähnliche Diskussionen finden auch in Ländern wie Frankreich, Belgien, Dänemark, Österreich und Norwegen statt, wo das Ende für neue Öl- und Gasheizungen auf der politischen Agenda steht. Eine kürzlich durchgeführte Studie des ifeu-Instituts untersucht, wie das Konzept der Niedertemperatur-Heizungen den Städten und Gemeinden dabei helfen kann, den Übergang zu erneuerbarer Nahwärme zu erleichtern. Dadurch können sie Kurs auf Klimaneutralität nehmen, ohne die Bürger zu überfordern.

Das Beispiel der Stadt Steinheim an der Murr nahe Stuttgart veranschaulicht, wie es gemacht werden kann: Um den Wechsel von alten Öl- und Gasheizungen zu Wärmepumpen und Nahwärme zu vollziehen, bietet die Gemeinde zunächst den Hausbesitzern eine energetische Beratung an. Anschließend wird ein Nahwärmenetz mit niedriger Temperatur errichtet. Dadurch werden die Bewohner bei der Umstellung unterstützt.

Cooler heizen: Runter auf 55 °C

„Der Ausbau der Niedertemperatur-Wärme wie in Steinheim ist der richtige erste Schritt, um die Wärmewende in den Kommunen umzusetzen“, erklärt Martin Pehnt, Studienleiter und Geschäftsführer des ifeu. Die Kombination von Temperaturabsenkung in einzelnen Gebäuden und dem folgenden Ausbau der Fernwärmeversorgung, die auch von großen Wärmepumpen gespeist wird, sei in Städten und Gemeinden ein neuer Weg, die Welt der Öl- und Gas-gestützten Heizungen zu verlassen.

Es ist wichtig zu wissen, dass herkömmliche Heizsysteme in Europa normalerweise mit Temperaturen von 70 °C und höher arbeiten. Dies wird als Vorlauftemperatur bezeichnet. Bei modernen Heizungsanlagen sind diese hohen Temperaturen jedoch nicht erforderlich. "Niedertemperatursysteme" funktionieren selbst an den kältesten Tagen des Jahres mit Temperaturen von weniger als 55 °C. Oftmals genügt es, gezielt kleinere Heizkörper auszutauschen. Zudem kann eine hydraulische Abstimmung des Heizkreises, die Dämmung bestimmter Teile der Gebäudehülle oder der Austausch alter Fenster und Türen dazu beitragen, die Vorlauftemperatur zu senken.

„Das niedrige Temperaturniveau macht den Einsatz von Wärmepumpen, Solarkollektoren und Fernwärme attraktiver und kostengünstiger“, sagt Pehnt. Ist der Umstieg auf niedrige Vorlauftemperaturen in den Häusern erst geschafft, wird auch der Betrieb von Nahwärmenetzen deutlich günstiger: Niedertemperatur-Netze verlieren weniger Wärme und sparen so direkt Energiekosten ein.

Was das Viertel in Steinheim als Vorbild so attraktiv macht, erklärt Pehnt: „Es ist wegen der dort vorherrschenden Öl- und Gaskessel und seiner relativ dünnen Bebauung eigentlich
nicht für den Ausbau der Fernwärme prädestiniert.“ Die Energieagentur Kreis Ludwigsburg hatte jedoch frühzeitig die Idee, eine kostengünstige und weitgehend auf erneuerbaren Energien basierende Fernwärmeversorgung anzubieten - das stieß auf positive Resonanz.

Role-Model für Gemeinden in ganz Deutschland und Europa

Besonders die Erfahrungen mit den erheblichen Preisanstiegen bei Gas aufgrund des Ukraine-Konflikts haben vielen Menschen die Vorteile erneuerbarer Energien deutlich vor Augen geführt. Das Niedertemperatur-Fernwärmenetz entlastet die Bewohner von den Kosten und dem Aufwand, ihre Gebäude individuell umzurüsten.

Um sicherzustellen, dass alle angeschlossenen Gebäude für den Einsatz von Niedertemperatur-Heizungen geeignet sind, werden zunächst Energieberatungen und Sanierungsfahrpläne erstellt. Eine detaillierte Heizlastberechnung wird ebenfalls durchgeführt. Bei Bedarf haben die Eigentümer in den kommenden Jahren die Möglichkeit, die Heizflächen zu vergrößern oder die Gebäudehülle besser zu isolieren. Es kann ausreichen zu überprüfen, welche Räume häufig genutzt werden und ob die vorhandenen Heizkörper ausreichen, um den Raum zu beheizen.

Da nicht alle Gebäude von Anfang an für eine niedrigere Heiztemperatur geeignet sind, wird die Nahwärme zunächst mit 64 °C betrieben und erst um das Jahr 2030 herum auf 58 °C gesenkt. Der Erfolg dieses Vorgehens zeigt sich darin, dass die Wärmeverluste und Energiekosten im Netz im Vergleich zu 90-Grad-Systemen durchschnittlich um 30 % sinken.

Ein weiterer wichtiger Faktor für den Erfolg ist eine professionelle Planung sowie eine städtische Gesellschaft als Betreiber des Fernwärmenetzes, die nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist.

Die Studie steht hier zum Download bereit.