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Betriebsführung: Elektrofachkraft in Theorie und Praxis
Wer eine Elektrofachkraft ist

Die Verantwortung für die Auswahl der Elektrofachkräfte (EFK) wird von Unternehmern häufig unterschätzt – bis es zum Unfall kommt. Die Fachautoren Stefan Euler und Hartmut Hardt erläutern in ep Elektropraktiker 04/2017 die Regelwerke für EFK und ihre Umsetzung in der Praxis.

Elektrofachkraft

Es gibt zwar verschiedene Fundstellen und Formulierungen für die Definitionen der Elektrofachkraft (EFK). Jedoch kommt darin stets der sogenannte Dreiklang als „Messlatte“ für die Qualifikation der Elektrofachkraft zum Ausdruck.

Dieser wurde bereits im Jahr 1979 in der Unfallverhütungsvorschrift VBG 4 (heute: DGUV Vorschrift 3, alt BGV A3) festgeschrieben. Er bezieht sich auf die nötige theoretische und praktische Qualifikation einer EFK sowie auf die zusätzlich erforderliche Kenntnis des Regelwerks für das übertragene Arbeitsgebi

Geselle: nicht automatisch Elektrofachkraft

Ob jemand Elektrofachkraft ist, bestimmt im Normalfall der Unternehmer/Arbeitgeber oder eine von ihm bestellte verantwortliche Elektrofachkraft (vEFK).

Doch beispielsweise per Gesellenbrief kann noch niemand automatisch Elektrofachkraft sein. Auch wenn dies sehr oft von den unterschiedlichsten Institutionen so dargestellt wird.

Das ist auch in keinem Gesellenbrief zu finden, dass der Betreffende damit zugleich zur Elektrofachkraft ausgebildet wurde. Vielmehr dokumentiert der Gesellenbrief immer den erlangten Ausbildungsberuf, der auch konkret benannt ist, wie zum Beispiel: 

  • Energieelektroniker/in für Betriebstechnik
  • Energieelektroniker/in Geräte und Systeme
  • Energieelektroniker/in für Automatisierungstechnik
  • Energieelektroniker/in für Informations- und Telekommunikationstechnik

Darin kommt deutlich die Vielzahl an Berufen zum Ausdruck, die in den Bereich der Elektrotechnik fallen. Ob die erforderlichen Kenntnisse für die Aufgaben, die im jeweiligen Unternehmen an eine Elektrofachkraft gestellt werden, vorhanden sind, kann nicht global beantwortet werden.

Auswahlverantwortung des Unternehmers

Hier kommt die Auswahlverantwortung des Unternehmers/Arbeitgebers oder einer von ihm bestellten verantwortlichen Elektrofachkraft zum Tragen – vgl. auch Bürgerliches Gesetzbuch (BGB), Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) sowie auch DGUV Vorschrift 1 „Grundsätze der Prävention“.

Doch in der täglichen Praxis zeigt es sich immer wieder, dass der Unternehmer seiner Verantwortung zur Auswahl der für die Tätigleiten geeigneten Mitarbeiter häufig nicht nachkommt oder seine Auswahlverantwortung auf die leichte Schulter nimmt.

Das geht so lange gut, bis es zu einem Unfall kommt. Erst dann fangen die Mühlen der Justiz an zu mahlen. Nun hat der Unternehmer/Arbeitgeber nachzuweisen, dass der betreffende Mitarbeiter auch über die passende Ausbildung für die von ihm verlangte Arbeit verfügt und entsprechend unterwiesen wurde. Genau an dieser Stelle geraten die meisten Unternehmer dann ins Straucheln.

Die Universal-EFK gibt es nicht

Der Gesellenbrief allein reicht hier eben noch nicht aus. Bedingt durch die Vielfalt der unterschiedlichen Aufgaben einer Elektrofachkraft kann es auch nicht „die EFK“ geben, die umfassend für alle elektrotechnischen Arbeitsgebiete ausgebildet und qualifiziert ist.

Der Mitarbeiter muss in der Regel zunächst Praxiserfahrung auf dem übertragenen Aufgabengebiet sammeln und sich die nötigen Kenntnisse über die betreffenden Vorschriften aneignen, um als Elektrofachkraft zu gelten und arbeiten zu können. Für neue Mitarbeiter in einem Unternehmen gilt dies ebenfalls: Erst nach erfolgreicher Einarbeitung in das neue Aufgabengebiet können sie als Elektrofachkräfte angesehen werden.

Erfahrungswerte und betriebliche Praxis

Die Dauer von Einarbeitungsphasen hängt in der Praxis neben anderen Randbedingungen wesentlich von der Komplexität des Aufgabengebiets sowie von den Fähigkeiten und der Motivation des betreffenden Mitarbeiters ab.

Von Unternehmen werden in der Praxis häufig Zeiträume genannt, die zwischen 12 und 36 Monaten variieren. In Einzelfällen können sehr gut ausgebildete und motivierte Mitarbeiter – im Sinne einer abgestuften Freigabe – für bestimmte Tätigkeiten, für die sie die praktische Einarbeitung bereits abgeschlossen haben, bereits früher als Elektrofachkraft eingesetzt werden.

Eine gute betriebliche Praxis ist es in diesem Zusammenhang auch, neue Mitarbeiter im elektrotechnischen Betriebsteil nach dem Abschluss der dokumentierten Einarbeitungsphase schriftlich zur Elektrofachkraft für ihr konkretes Arbeitsgebiet zu bestellen.

Hinweis: Wenn der Gesetzgeber die entsprechenden Normen, zum Beispiel VDE-Bestimmungen, direkt benennt und daran im Gesetz eine Folge knüpft, werden die nichtgesetzlichen Regeln praktisch damit zum Gesetzesinhalt. Dies ist beispielsweise in § 49 Energiewirtschaftsgesetz der Fall. Dort wird in Abs. 2 die Einhaltung der allgemein anerkannten Regeln der Technik vermutet, wenn u. a. nach den VDE-Regeln gearbeitet wurde.

Rolle der BetrSichV und der TRBS

Darüber hinaus besitzt die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) i. V. m. den Technischen Regeln für Betriebssicherheit (TRBS) einen wichtigen Stellenwert in der Elektrotechnik. So definiert sie in § 2 (6) erst seit Juni 2015 die befähigte Person (vorher Oktober 2002 § 2 (7):

"Zur Prüfung befähigte Person ist eine Person, die durch ihre Berufsausbildung, ihre Berufserfahrung und ihre zeitnahe berufliche Tätigkeit über die erforderlichen Kenntnisse zur Prüfung von Arbeitsmitteln verfügt; soweit hinsichtlich der Prüfung von Arbeitsmitteln in den Anhängen 2 und 3 weitergehende Anforderungen festgelegt sind, sind diese zu erfüllen."

Die konkreten Anforderungen für den Bereich der elektrischen Gefährdungen sind im Abschnitt 3.3 der Technischen Regel für Betriebssicherheit TRBS 1203 "Befähigte Personen" beschrieben.

Auswahlverantwortung nach BetrSichV

Der Arbeitgeber trägt gemäß BetrSichV die Auswahlverantwortung für Personen, die von ihm mit dem Ausführen der Prüfungen zur Erhaltung des ordnungsgemäßen Zustandes der Anlagen und Arbeitsmittel beauftragt werden. Die erforderliche Qualifikation der befähigten Person ist an die Berufsausbildung, die Berufserfahrung und die zeitnahe berufliche Tätigkeit gebunden.

Aus diesen Forderungen wird deutlich, dass zur sicherheitstechnischen Beurteilung elektrischer Arbeitsmittel – das können Geräte, Maschinen oder Anlagen sein – dem Grundsatz nach klar die Qualifikationsmerkmale einer Elektrofachkraft erforderlich sind. Das betrifft vor allem die fundierte fachliche Ausbildung – verbunden mit umfassenden praktischen Kenntnissen und Erfahrungen sowie mit dem Wissen der einschlägigen Bestimmungen, vor allem aus dem Prüfbereich.

Ergänzung durch TRBS

Die TRBS 1203 ergänzt diese wichtigen Forderungen um den zeitnahen Einsatz im entsprechenden Tätigkeitsbereich und setzt eine bestimmte Dauer für die Ausübung der Tätigkeit voraus, damit von Berufserfahrung gesprochen werden kann.

Hinweis: Beim Anwenden der beispielhaft genannten Maßnahmen aus den TRBS kann der Arbeitgeber insoweit die Vermutung der Einhaltung der Vorschriften der Betriebssicherheitsverordnung für sich geltend machen. Wählt der Arbeitgeber eine andere Lösung, hat er die gleichwertige Erfüllung der Verordnung schriftlich nachzuweisen.

In den TRBS steht u. a. folgender Text:

"… Ausgehend von den ermittelten elektrischen Gefährdungen können als Erkenntnisquellen für Lösungsmöglichkeiten die Informationen der Hersteller, Erkenntnisse der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, Normen, die betrieblichen Erfahrungen und sonstige Informationen zum Stand der Technik dienen …"

In diesem Satz findet sich der Verweis auf die genannte DIN VDE 1000-10 sowie auf die heranzuziehende DIN VDE 0105-100, DGUV Vorschrift 3 "Elektrische Anlagen und Betriebsmittel" und DGUV Information 203-002 "Elektrofachkräfte" usw. wieder.

Fundamentierung durch die
 Berufsgenossenschaft

Der Begriff "Elektrofachkraft" stellt keine Berufsbezeichnung dar. Per Definition wird hier die erforderliche Befähigung der Mitarbeiter festgelegt, um in einem Bereich der Elektrotechnik elektrotechnische Arbeiten eigenverantwortlich und selbstständig vornehmen zu dürfen. Dies wird in der DGUV Information 203-002 (ehemals BGI 548) "Elektrofachkräfte" insbesondere unter Punkt 4. auf den Seiten 16–18 ausgeführt.

Fazit

Aus dieser Ableitung ist deutlich zu erkennen, dass der Status der Elektrofachkraft nicht automatisch per Gesellenbrief erworben wird und es nicht „die EFK“ (ep-Tipp) generell für alle Arbeitsgebiete der Elektrotechnik gibt. Es ist allein die Aufgabe des Unternehmers/Arbeitgebers und seiner bestellten vEFK zu entscheiden, für welche Arbeitsgebiete die Mitarbeiter als Elektrofachkräfte eingesetzt werden können. Diese Entscheidung ist tragfähig zu begründen und sollte ebenfalls mit einer schriftlichen Beauftragung/Bestellung dokumentiert werden.


Über die Autoren:
Stefan Euler ist Geschäftsführer der Mebedo Consulting GmbH und der Mebedo Akademie GmbH. Hartmut Hardt ist Rechtsanwalt und Mitglied des Vorstands der VDI-Gesellschaft Bauen und Gebäudetechnik.


Dieser Artikel ist in der Fachzeitschrift ep Elektropraktiker 04/2017. Wir senden Ihnen das Heft gern kostenlos und unverbindlich an Ihre Adresse.

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