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Aus dem Facharchiv: Leseranfrage
LED-Leuchte der SK II

Es gibt Leuchten mit Schutzklasse II, die ein ungeerdetes Metallgehäuse besitzen. Ist bei dieser Ausführung die Gefahr eines elektrischen Schlages deutlich erhöht?

Bild: martin konopka/EyeEm/stock.adobe.com

Frage:
Im Auftrag eines Kunden habe ich eine LED Leuchte der Schutzklasse II mit fest verbauten LED-Modulen eines österreichischen Importeurs montiert. Nach der Montage stellte ich bei Berührung der Metallteile mit einem zweipoligen Spannungsprüfer fest, dass das Gehäuse scheinbar unter Spannung steht. Als ich die Leuchte wieder demontiert hatte, habe ich sie über ein Kabel angeschlossen und isoliert gelagert und am Ausgang des Treibers eine Spannung von 27 V (Herstellerangabe max. DC 38 V) gemessen und dann mit einem Multimeter die Spannung Gehäuse gegen Erde, welche zu meinem Erstaunen ca. 93 V/14 kHz betrug. Auch wenn mir bewusst ist, dass das normativ wohl nicht ganz richtig ist, habe ich an das Gehäuse vorsichtshalber, trotz der Schutzklasse II, den Schutzleiter fest angeschlossen. Gerade in letzter Zeit werden immer mehr LED-Leuchten mit Metallgehäuse und LED-Treiber mit hochfrequentem Zwischenkreis der Schutzklasse 2 vertrieben. Ich finde das, vor allem auch in Bezug auf EMV, problematisch. Unabhängig vom geschildertem Problem sehe ich durch diesen Typ Leuchten mit ungeerdetem Metallgehäuse auch die Gefahr eines elektrischen Schlages deutlich erhöht. Welche Meinung haben Sie zu diesem Thema?

Antwort:
Leider liegen weder weitere Informationen noch Bilder vor, sodass alle meine Ausführungen ausschließlich auf der Textanfrage basieren.

Berührungsstrom. Bei Leuchten, wie auch bei jedem anderen Betriebsmittel, bedeutet die Kennzeichnung „Schutzklasse II“ nur, dass die aktiven Teile galvanisch so voneinander isoliert sind, dass das mehrfache der Netzspannung nicht zu einem Überschlag führen kann. Schutzbeschaltungen dürfen nicht gegen berührbare leitfähige Teile, die nicht am Schutzleiter angeschlossen sind, geschaltet werden. Insofern gehe ich auch von einer Induktionsspannung aus. Die von ihnen ermittelten 93 V bei 14 kHz hören sich zunächst viel an, können jedoch durchaus zulässig sein. Wichtig ist, dass unter normalen Bedingungen kein Strom bemerkbar ist.

Am einfachsten und sichersten ist in diesen Fällen eine Berührungsstrommessung mit einem Gerätetester. Bei dieser Messung wird der Berührungsstrom frequenzbewertet und somit normiert. Das ist wichtig, denn der Körper reagiert bei höheren Frequenzen weniger als bei 50 Hz. Die im Prüfgerät verwendete Prüfschaltung zur Ermittlung des Berührungsstroms ist an das Verhalten des menschlichen Körpers nach wissenschaftlichem Stand angepasst. Die DIN EN 60990 (VDE 0106-102) [1] beschreibt detailliert dieses Verfahren. Überschlägig wird eine Körperdurchströmung bei 14 kHz etwa 20fach geringer wahrgenommen. Selbst wenn ich nun den geringsten Norm-Grenzwert für Berührung ansetzte (0,25 mA eff.) bräuchte es einen Strom von 5 mA, um überhaupt spürbar zu sein.

Da ich davon ausgehe, dass der Anfragende für den Frequenzbereich geeignete Messgeräte benutzt hat und keinen Schutzleiterstrom feststellen konnten scheint es sich also um zulässige und ungefährliche Einkopplungen zu handeln.

EMV. Das Thema EMV lässt sich ohne genaue Kenntnisse des Typs und dessen Aufbau nicht bewerten. Grundsätzlich muss jedoch eine Leuchte auch der europäischen EMV-Richtlinie konform erklärt werden und die im entsprechenden Amtsblatt gelisteten und zutreffenden Normen einhalten. Die Bewertung ist oft nur in entsprechenden EMV-Laboren möglich.

Zweifel an der Sicherheit. Wenn der Anfragende Zweifel daran hat, dass die Leuchte sicher ist, sollte der Anfragende zunächst den Importeur/Hersteller fragen, ob die Feststellungen normal oder ein Fehler darstellen. Es kann sich ja durchaus um Transportschäden oder unentdeckte Produktionsfehler handeln.

Wenn dies nicht zum gewünschten Ergebnis führt, kann die Marktaufsicht eingeschaltet werden. Diese kann dann auch detailliert die Konstruktions- und Prüfunterlagen des Herstellers anfordern und prüfen.

Liegt dann tatsächlich eine Gefährdung für den Benutzer vor, kann ein Produktrückruf „RAPEX-Verfahren“ ausgesprochen werden.

Nachrüstung Schutzleiter. Im Grunde wurde das Produkt durch den nicht vorgesehenen Schutzleiteranschluss wesentlich verändert. Bei fachgerechter Ausführung und Prüfung der Schutzmaßnahmen sehe ich jedoch keine Gefahr darin.

Formal wurde durch den Anschluss des Schutzleiters die Leuchte von Schutzklasse II zu Schutzklasse I, das Niveau der Sicherheit wurde dadurch verringert (normativ). Dies erfordert dann eine Umkennzeichnung und neue Konformitätsbewertung – der Anfragende wird zum Hersteller!

Viele Deckenleuchten werden heute als Schutzklasse II ausgeführt, um gerade bei Installation durch Laien im privaten Bereich die Problematik der Nullung bei Altanlagen zu vermeiden.

Autor: M. Lochthofen

Literatur:

[1] DIN EN 60990 (VDE 0106-102):2017-03 Verfahren zur Messung von Berührungsstrom und Schutzleiterstrom.

Dieser Artikel wurde unserem Facharchiv entnommen.

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