Versicherungen in Zeiten von Corona: Was ist zu tun?
Der Deal: Durch staatliche Rückdeckung „können die Kreditversicherer dabei höhere Risiken eingehen, als es durch die tatsächliche Risikobewertung gerechtfertigt wäre“, erklärt in diesem Zusammenhang der GDV. Im Kern übernimmt der Bund dabei eine Rückgarantie von 30 Milliarden Euro für mögliche Entschädigungszahlungen der Kreditversicherer. Diese erhalten im Gegenzug die Kreditlimits im derzeitigen Umfang von derzeit rund 400 Milliarden Euro weitestgehend aufrecht (siehe Kasten 2).
„Kein Freifahrtschein für unsichere Geschäfte“
Damit wolle man sicherstellen, dass zuvor gesunde Unternehmen weiterhin genügend Spielraum haben, und darüber hinaus auch neue Deckungszusagen übernehmen, so Kolb. Lieferketten und das Vertrauen in den Handel als Rückgrat der Wirtschaft zu stabilisieren sei dabei das Wichtigste. Gut zu wissen, was dann auch noch einmal Alexander Beuther, Abteilungsleiter Delkredere der R+V, explizit bestätigt: „Unternehmen können natürlich weiterhin eine Warenkreditversicherung bei uns abschließen – wir haben keine pauschalen Ausschlüsse.“ Nicht gleichbedeutend mit einem „Freifahrtschein“ für unsichere Geschäfte – „insbesondere nicht für Unternehmen, deren wirtschaftliche Stabilität schon vor der Coronapandemie in Frage stand“. In Fällen besonders schlechter Bonitätsentwicklung könne es daher weiterhin zu Limitkürzungen kommen.
Wie weit der Schutzschirm hier im Einzelfall trägt, wann und wo die Reißleine gezogen wird, muss die Praxis zeigen. „Und seitens des Internationalen Verbandes der Kreditversicherungsmakler beobachten wir das auch sehr genau“, erklärt Fachmakler Frank Otto, Geschäftsführer der VIA Delcredere GmbH und Vorstand des Verbandes.
Verlängerung nicht ausgeschlossen
Die Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Kreditversicherern gilt rückwirkend für Entschädigungszahlungen seit März 2020 und läuft Ende 2020 aus. Kreditversicherungsmakler Frank Otto glaubt allerdings nicht, dass dies reicht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Maßnahme nur ein Dreivierteljahr läuft. Man wird vermutlich nicht umhinkommen, hier zu verlängern. Wenn man vergleicht: Über 720 000 Firmen haben Kurzarbeit angemeldet. In der Finanzkrise 2008 hatten wir ca. 60 000 Kurzarbeiter-Firmen. Die Qualität ist eine ganz andere. Das wird uns wahrscheinlich noch lange beschäftigen.“ Die aktuellen Prognosen des Kreditversicherers Euler Hermes – mit einem Anstieg der Insolvenzen auf einen Negativrekord von insgesamt 35 % in den Jahren 2020/2021 weltweit und um zwölf Prozent hierzulande – sind dafür mehr als ein Indiz.
„Spätestens im dritten Quartal des Jahres wird diese Zeitbombe hochgehen und die Schockwellen dürften sich ins gesamte erste Halbjahr 2021 ausbreiten“, erwartet Ron van het Hof, CEO von Euler Hermes in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Wenn die jeweiligen staatlichen Unterstützungsmaßnahmen zu früh beendet werden, dürfte der Anstieg sogar noch um 5 – 10 Prozentpunkte höher ausfallen“, so die Einschätzung von Maxime Lemerle, Chef der Insolvenz- und Branchenanalysen bei der Euler Hermes Gruppe.
Brisantes Datum
Ein bedenkenswerter Punkt, der in der Insolvenzstudie des internationalen Kreditversicherers angesprochen wird: Deutschland wie auch Großbritannien, Frankreich, Belgien, Schweiz und Indien gehören zu dem Drittel der Länder, das von den Negativeffekten zeitverzögert erreicht wird.
Neben den staatlichen Sofortmaßnahmen sei einer der Hauptgründe dafür die temporäre Aussetzung der Insolvenzantragspflicht in Deutschland bis zum Herbst, heißt es in der Analyse. „Unternehmen in Schieflage müssen dies aktuell erst im Herbst bei einem Insolvenzgericht anzeigen“, sagt Van het Hof. „Deshalb sehen wir aktuell noch relativ wenige Fälle in Deutschland. Aber der Schein trügt und im Herbst schlägt für viele die Stunde der Wahrheit.“ Auch wenn aufgrund der temporär ausgesetzten Antragspflicht zuletzt nur wenige Insolvenzen angemeldet wurden, dürfe auch das nicht darüber hinwegtäuschen, „dass wir im ersten Halbjahr 2020 trotzdem bereits eine Häufung von Großinsolvenzen sehen – insbesondere in Schlüsselbranchen wie der Automobil- und Metallindustrie“.
„Je exportlastiger, je internationaler, je konjunkturabhängiger, desto Corona“, auf diese Formel bringt der Verband der Internationalen Kreditmakler BARDO die besonders hohe Gefährdung von Automobilindustrie, Messen und Konferenzen, Veranstaltern und Dienstleistern. „Wir rechnen in diesem Jahr mit 5 000 bis 7 000 mehr Unternehmensinsolvenzen“, sagt BARDO-Vorstand Frank Otto. „In normalen Jahren sind es 19 000 bis 20 000.“ Die Kreditversicherungsmakler blicken nach seinen Worten mit großer Besorgnis auf das Datum 1. Oktober 2020. „Denn ab da setzt für Unternehmen wieder die Insolvenzantragspflicht ein.“
In günstiger Verhandlungsposition
Brennende Häuser kann man nicht mehr versichern, geflügeltes Wort in der Assekuranz. Was geht denn gegenwärtig überhaupt noch? – „Grundsätzlich bekommt man im Augenblick noch einige Betriebe unter. Bestimmte Branchen sind aber nicht mehr oder nur sehr schwer zu versichern. Man darf dann nicht preisempfindlich und auch nicht wählerisch sein“, beschreibt Fachmakler Frank Otto die Situation. Zulieferer von Gastrobetrieben zum Beispiel schaut sich der Kreditversicherer demnach sehr genau an. Oder auch Maschinenbauer, die nach Italien liefern. Das sei aber nur eine Momentaufnahme. „Was in zwei Wochen ist, weiß man nicht.“
Lieferantenkredite gegen Zahlungsausfälle abzusichern ist folglich heute ein Kraftakt, aber nicht unmöglich. Auch hier können Spezialmakler oft weiterhelfen. Viel hängt dabei auch von der Branchenzugehörigkeit des Betriebes ab. Die immer noch gute Auftragslage vorrangig im Wohnungsbau verschafft auch Firmen aus diesem Bereich eine günstigere Ausgangs- und Verhandlungsposition als anderen, deutlich stärker von der Coronakrise gebeutelten Branchen (s. dazu Kasten 3, Coface-Einstufung nach Branchen).
„Es gibt bezüglich der Baubranche weniger Diskussionen über Prämienerhöhungen wegen überzogener Schadenquoten, die sich noch an Werten aus der Vor-Pandemie-Zeit orientieren.“ Diese Erfahrung macht Fachmakler Frank Otto in den letzten Monaten des Öfteren. Allgemein sei man froh, diese Firmen als Kundschaft zu haben. Im Windschatten von Corona relativiert sich eben auch manches.
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Frank Otto, Gesch
Kurzarbeit
- C. Fritz
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