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Ermittlung des Kapitalbedarfs

ep2/2006, 2 Seiten

Der Unternehmer hat es selbst in der Hand, den Kapitalbedarf seines Unternehmens zu steuern. Bereits durch eine pünktliche Rechnungslegung, Vermeiden von unnötigen Lagerzeiten für Material und durch sinnvolle Kooperationen kann der Aufwand an Kapital beträchtlich gesenkt werden. Das führt unmittelbar zu einer Verbesserung der Liquidität.


Wirtschaftlicher Kreislauf Jedes Unternehmen befindet sich in einem wirtschaftlichen Kreislauf. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass das Unternehmen einerseits Güter und Leistungen erwirbt, und dafür Ausgaben anfallen. Andererseits werden wiederum Güter bzw. Leistungen an den Markt abgegeben, wofür Einnahmen erlöst werden. Durch ein Unternehmen fließt folglich ein ständiger Güter- und Geldstrom, wobei diese entgegengesetzt fließen und zeitlich versetzt auftreten. Kapitalbedarf entsteht schon in der Gründungsphase eines Unternehmens. Vor der Aufnahme der eigentlichen Betriebstätigkeit fällt bereits Kapitalbedarf für die Ingangsetzung des Geschäftsbetriebes an wie z. B. für Markt- und Standortuntersuchungen, Entwicklungskosten, Aufbau der Organisationstruktur usw. Kapitalbedarf ermitteln Anlagevermögen Ausgehend von der Investitionsplanung entstehen für den Fall des Kaufs der erforderlichen Anlagengegenstände Ausgaben, die in Form der Abschreibungsanteile über die Umsatzerlöse erst langfristig wieder in das Unternehmen zurückfließen. Je höher die Anlagenintensität eines Unternehmens ist, desto größer ist die langfristige Bindung des Kapitaleinsatzes. Um so höher sind die fixen Kosten wie Abschreibungen, Zinsen für aufgenommenes Fremdkapital, Versicherungsprämien u. a. Die Schätzrisiken für den Anlagenbedarf sind - da gegenwartsbezogen - vergleichsweise gering. Durch Angebotsvergleiche läßt sich der erforderliche Finanzbedarf im allgemeinen leicht ermitteln. Planungsfehler oder unvorhergesehene Mehraufwendungen kommen jedoch auch hier vor. In dem beschriebenen Beispiel wird für die Gründung eines Elektroinstallateurunternehmens folgender Kapitalbedarf geplant (Tafel ). Umlaufvermögen Die Ermittlung des Kapitalbedarfs für die laufende Betriebstätigkeit gestaltet sich wesentlich schwieriger. Dafür sind insbesondere die laufenden Ausgaben pro Tag zu ermitteln: · Materialkosten · Personalkosten sowie · sonstige Kosten bei normaler Kapazitätsauslastung. Würde Material und Leistung eines Arbeitstages noch am gleichen Tag bar verkauft werden, so wäre der Kapitalbedarf identisch mit dem Wert des Material- und Leistungsaufwandes eines Tages. In der Realität vergeht jedoch vom Zeitpunkt des Einkaufs der Materialien beim Großhandel über die Lagerung und Montage bis zur Rechnungslegung und dem Zahlungseingang eine längere Zeitspanne, die vom Unternehmen finanziell überbrückt werden muss. Somit bleibt das Kapital mehrere Tage oder Wochen gebunden, bevor es wieder in liquider Form in das Unternehmen zurückfließt. Je länger diese Zeitspanne währt, desto größer ist der Kapitalbedarf. Allgemein ermittelt man den Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen wie folgt: Ausgaben/Arbeitstag x durchschnittliche Kapitalgebundenheit. Gesamtkapitalbedarf Bei der Gründung eines Unternehmens bzw. eines Zweigbetriebes ist es wichtig, neben der relativ einfachen Ermittlung der Positionen für das Anlagevermögen die erforderlichen Mittel für die laufende Betriebstätigkeit einzuplanen (Tafel ). Dieser Bedarf kann in manchen Betrieben höher als das betriebsnotwendige Anlagevermögen sein. Erfahrungsgemäß wird daher in vielen Fällen bei der Planung des Vermögensaufbaus nur ein grobgeschätzter, häufig viel zu niedriger Betrag, angesetzt. Derartige Finanzierungsfehler, die im Stadium der „Geburt eines Betriebes“ oft aus Sorglosigkeit gemacht werden, können nicht nur zu Zahlungsschwierigkeiten, sondern schließlich auch zum finanziellen Zusammenbruch führen. Möglichkeiten zur Reduzierung des Kapitalbedarfs Angesichts des chronischen Mangels und der nicht unerheblichen Kosten für die betriebliche Verwendung von Kapital sollte jeder Unternehmer einen möglichst geringen Kapitaleinsatz anstreben. Anlagevermögen Miete oder Leasing. Bei der Miete oder beim Leasing müssen die Gegenstände des Anlagevermögens nicht von der Unternehmung selbst gekauft zu werden. Man erwirbt statt dessen langjährige entgeltliche Nutzungsrechte. Dadurch kann der Kapitalbedarf für das Anlagevermögen erheblich gesenkt werden. Verteilung des Investitionsaufwandes auf mehrere Perioden. Die über die Verkaufspreise hereinfließenden Abschreibungsbeträge der bereits durchgeführten Investitionen können sofort wieder zur Finanzierung der auszubauenden Kapazität verwendet werden. Auf diese Weise ist es möglich, zunächst mit einem geringen Anlagevermögen zu beginnen, um es dann Schritt für Schritt bis zur notwendigen Größe auszubauen. Umlaufvermögen Je schneller die eingekauften Werkstoffe verarbeitet/verkauft werden und die Kundenzahlungen eingehen, um so geringer ist der Kapitalbedarf. Gelingt es dem Unternehmer, die Zeit der Kapitalbindung zu senken, so verringert sich damit auch der Bedarf an Umlaufvermögen (Im Überblick - Beispiel 2). Maßnahmen zur Senkung des Kapitalbedarfs: · Reduzierung der Lagerdauer oder gänzliches Vermeiden der Lagerung von Materialien · Vereinbarungen von Abschlagszahlungen der Kunden - z. B. 30 % bei Montagebeginn - oder gar Vorkasse bei Auftragsbestätigung, wenn durchsetzbar Elektropraktiker, Berlin 60 (2006) 2 106 BETRIEBSFÜHRUNG Ermittlung des Kapitalbedarfs Der Unternehmer hat es selbst in der Hand, den Kapitalbedarf seines Unternehmens zu steuern. Bereits durch eine pünktliche Rechnungslegung, Vermeiden von unnötigen Lagerzeiten für Material und durch sinnvolle Kooperationen kann der Aufwand an Kapital beträchtlich gesenkt werden. Das führt unmittelbar zu einer Verbesserung der Liquidität. Tafel Ermittlung des Kapitalbedarfs bei einer Firmengründung 1 1. Anlagevermögen Vorbereitungsaufwand für Gründung und Ingangsetzung: 1500 Euro Grundstückskosten: 50000 Euro Baukosten der Betriebsgebäude: 150000 Euro Ausrüstungsinvestitionen (Betriebs- und Geschäftsausstattung, Maschinen, Fuhrpark): 80000 Euro Gesamt: 281500 Euro 2. Umlaufvermögen Vorschau- bzw. Durchschnittswerte: Materialkosten: 410 Euro/Tag Lohnkosten: 450 Euro/Tag Gemeinkosten: 200 Euro/Tag Weitere Planungsdaten (Durchschnittszeiten zur Ermittlung der Kapitalbindungsdauer): Lagerdauer der Werkstoffe: 10 Tage Montage: 10 Tage Frist bis zur Rechnungsstellung: 15 Tage Zahlungsziel: 35 Tage Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen: Material: 410 x (10 + 10 + 15 +35) = 28700 Euro Lohnkosten: 450 x (10 + 15 + 35) = 27000 Euro Sonstige Kosten: 200 x (10 + 10 + 15 + 35) = 14000 Euro Gesamt: 69700 Euro 3. Gesamtkapitalbedarf Vorbereitungsaufwand: 1500 Euro Kapitalbedarf für das Anlagevermögen Grundstückskosten: 50000 Euro Baukosten Betriebsgebäude: 150000 Euro Ausrüstungsinvestitionen: 80000 Euro Kapitalbedarf für das Anlagevermögen: 281500 Euro Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen: 69700 Euro Gesamtkapitalbedarf: 351200 Euro 1 Die Beispielrechnung unterstellt, dass es sich um eine Einzelunternehmung mit 6-7 Beschäftigten einschl. Betriebsinhaber und mitarbeitenden Familienangehörigen handelt. Angenommener Jahresumsatz: 475000 Euro (netto) EP-0206-100-107 20.01.2006 8:29 Uhr Seite 106 · Kooperation, z. B. gemeinsame Nutzung teurer Messgeräte · Bilden von Einkaufsgemeinschaften · gemeinschaftliche Werbung (z. B. über Innungen) · Zusammenarbeit beim Vertrieb. Auswertung Eine der wichtigsten Schlussfolgerungen für die Senkung des benötigten Kapitals besteht darin, die Kundenrechnungen noch am Tag der Fertigstellung der Aufträge bzw. der Übergabe des Werks zu erstellen und zu versenden. Das ist in der Praxis oftmals nicht der Fall. Außerdem sollte die Lagerdauer, wie dargestellt, reduziert werden. Diese Vorgehensweise hätte schon beim Ausgangsbeispiel geschehen müssen. Auf diesem Weg hätte man den Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen von 69700 Euro um 18950 Euro auf 50750 Euro verringern können (Tafel , Punkt 2.). Fazit Die vorgestellte Kapitalbedarfsermittlung kann nur Anhaltspunkte für den Kapitalbedarf liefern, denn die Durchschnittswerte bei Tagesausgaben und Umschlagsdauer des Umlaufvermögens können vom tatsächlichen Betriebsgeschehens abweichen. Desweiteren ist zu beachten, dass der Kapitalbedarf ständig in gewissen Grenzen schwankt. Das ergibt sich aus der Struktur von Einnahmen und Ausgaben. Ein wesentlich präziseres Verfahren zur Kapitalbedarfsermittlung stellt ein Finanzplan dar. Er ist die systematische Darstellung aller zukünftigen Einnahmen und Ausgaben eines Betriebes für eine bestimmte Planungsperiode. Gleichzeitig ist er ein wichtiges Instrument für eine laufende Liquiditätsbeobachtung, da rechtzeitig und vorsorgend Liquiditätsengpässe oder -überschüsse sichtbar gemacht werden. P. Ellinghorst Elektropraktiker, Berlin 60 (2006) 2 IM ÜBERBLICK Beispiele zur Erhöhung bzw. Senkung des Kapitalbedarfs Beispiel 1: Erhöhung Dem Kunden musste aus Wettbewerbsgründen ein Zahlungsziel von 45 Tagen eingeräumt werden. Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen: Material: 410 x (10 + 10 + 15 +45) = 32800 Euro Lohnkosten: 450 x (10 + 15 + 45) = 31500 Euro Gemeinkosten: 200 x (10 + 10 + 15 + 45) = 16000 Euro Gesamt: 80300 Euro Der Kapitalbedarf für die laufende Betriebstätigkeit erhöht sich gegenüber dem Ausgangsbeispiel (Tafel , Punkt 2) um 10600 Euro. Beispiel 2: Senkung Der Betrieb reagiert gegenüber dem Beispiel 1, indem er die Rechnungen am Tag der Lieferung erstellt und verschickt. Außerdem wird die Lagerzeit auf 5 Tage verkürzt. Kapitalbedarf für das Umlaufvermögen: Material: 410 x (5 + 10 + 45) = 24600 Euro Lohnkosten: 450 x (10 + 45) = 24750 Euro Sonstige Kosten: 200 x (5 + 10 + 45) = 12000 Euro Gesamt: 61350 Euro Der Kapitalbedarf verringert sich um 18950 Euro gegenüber Beispiel 1. WEB-TIPP Einige informative Internetseiten zum Thema Handwerkskammern www.handwerkskammer.de Förderfibel Sachsen www.sachsen.de KfW-Mittelstandsbank www.kfw-mittelstandsbank.de Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie www.gruenderleitfaden.de und www.softwarepaket.de Services der Sparkassen www.sparkasse.de Portal Lernende Region www.bildungsportal-main-kinzingspessart.de EP-0206-100-107 20.01.2006 8:29 Uhr Seite 107

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  • P. Ellinghorst
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