Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
Risiken und Nebenwirkungen
Die Energiewende war 2023 ins Stocken geraten, weil die Bundesregierung einige ursprüngliche Zielsetzungen aus den Augen verloren hatte. Sie hatte die Risiken und Nebenwirkungen der Energiewende vernachlässigt. Die Energieeinsparung schien keine Rolle mehr zu spielen, und der Import von Wasserstoff hätte damals erneut unerwünschte Abhängigkeiten schaffen können.
Als 1973 in Israel der Jom-Kippur-Krieg ausbrach, wurde den westlichen Industrieländern erstmals schmerzlich bewusst, dass sie sich in allzu große Abhängigkeit von erdölexportierenden Ländern des Nahen Ostens begeben hatten. Um die westlichen Verbündeten Israels unter Druck zu setzen, wurde die Erdölförderung gedrosselt und dadurch der Ölpreis in die Höhe getrieben. Die Industrieländer wurden in eine Wirtschaftskrise gestürzt, von der sie sich nur langsam wieder erholten.
An Warnungen hatte es nicht gefehlt. Kurz vor dem Kriegsausbruch hatte der Club of Rome eine Studie über die Grenzen des Wachstums veröffentlicht, der zu entnehmen war, dass die wichtigen Rohstoffe schon in absehbarer Zeit zur Neige gehen würden. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass sich die Ressourcen nicht so schnell wie damals prognostiziert erschöpfen würden. Aber die grundsätzliche Aussage ist immer noch aktuell. Die Industrieländer des Westens haben nicht genügend Rohstoffe, um ihren Bedarf zu decken, und sind deshalb erpressbar, wenn sie sich von einzelnen Lieferländern abhängig machen.
Die Ölpreiskrise löste die Energiewende aus
Die Ölpreiskrise des Jahres 1973 bewirkte einen tief greifenden Sinneswandel, der große Teile der Bevölkerung erfasste und die damalige Bundesregierung dazu veranlasste, die Nutzung der Sonnenenergie zu fördern, wenn auch anfangs nur zaghaft. Aber das Interesse an der Energiewende war geweckt worden, und daraus ergaben sich zwei Konsequenzen, die sich sehr schnell zu einem Konsens verdichteten.
Erstens wurde deutlich, dass die Nutzung fossiler Energierohstoffe so weit wie möglich eingeschränkt werden sollte, am besten durch Einsparung von Energie. Zweitens sollten Steinkohle, Erdöl und Erdgas, solange sie noch unverzichtbar sein würden, nicht aus Ländern importiert werden, die politisch unzuverlässig sind und die Importländer erpressen können. Daraus ergab sich, dass so viel Energie wie möglich im eigenen Land produziert werden sollte. Dafür kamen angesichts der absehbaren Erschöpfung der Kohlereserven in Deutschland nur die Sonnenenergie und die Windenergie infrage.
Angesichts der schwelenden Ölpreiskrise war die Einsparung von Erdöl der erste Schritt. Relativ bald waren solarthermische Systeme auf dem Markt, sodass man nutzbare Wärme auf dem eigenen Hausdach produzieren und Heizöl direkt einsparen konnte. Obwohl die Bundesregierung und die Landesregierungen immer wieder Förderprogramme auflegten, waren diese Systeme unter dem Strich relativ teuer, sodass zunächst nur die Idealisten und die Überzeugten in diese neue Technik investierten. Aber ein Anfang war gemacht, und bald waren auch die ersten Photovoltaik-Systeme einsatzbereit. Etwa zur gleichen Zeit errichteten einzelne Landwirte in Norddeutschland neben ihrem Hof kleine Windkraftanlagen.
Dezentralisierung der Energieversorgung
Gleichzeitig wuchs in Deutschland der Widerstand gegen die Nutzung der Kernenergie an. Die Solar- und Windkraftanlagen traten in Konkurrenz zu den Kernkraftwerken, und auf neutrale Beobachter wirkte dies wie der Kampf vieler kleiner Davids gegen einen sehr großen Goliath. Die Befürworter der Kernenergie rechneten immer wieder vor, wie viele Photovoltaik- oder Windkraftanlagen notwendig sein würden, um ein Kernkraftwerk ersetzen zu können.
Eine Photovoltaikanlage mit 2 kW Leistung produzierte damals etwa 2 MWh pro Jahr. Um auf den gleichen Ertrag wie ein Kernkraftwerk zu kommen, das rund 10 TWh jährlich erzeugt, wären also rein rechnerisch fünf Millionen Photovoltaikanlagen notwendig. Eine typische Windkraftanlage des Jahres 1990 mit 250 kW Leistung produzierte rund 500 MWh jährlich. Also würden rechnerisch 20 000 dieser Anlagen ein Kernkraftwerk ersetzen.
Diese Zahlen schreckten aber die Akteure der Solar- und Windenergie-Branche nicht ab. Denn die Photovoltaikanlagen wurden preisgünstiger und nach und nach immer größer, und die Leistung der Windkraftanlagen wurde innerhalb weniger Jahre verzehnfacht. Bald erzeugten die Solar- und Windkraftanlagen in Deutschland so viel Strom wie ein Kernkraftwerk, und ihr Anteil an der deutschen Stromversorgung wuchs unaufhörlich weiter an.
Der technische Charakter der Energiewende war das eine, die politische Untermauerung war das andere. Mit den erneuerbaren Energien traten dezentrale solare Systeme gegen zentrale fossile Systeme an. Unzählige Privatinitiativen konkurrierten mit dem Geschäftsmodell der Energiekonzerne. Irgendwann kam der Begriff von der „Demokratisierung der Energiewende“ auf.
Autor: Dr. Detlef Koenemann
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