Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
Nachnutzung alter Trafotürme (1)
Als vor 132 Jahren weltweit die erste Drehstrom-Fernübertagung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt a. M. gelang und die ersten Trafostationen das Licht der Welt erblickten, konnte niemand ahnen, dass Trafostationen als wesentlicher Baustein der Elektrifizierung mehr als ein Jahrhundert überleben. Mit zunehmendem Abbruch und Verschwinden dieser besonderen Turmspezies erinnern sich immer mehr Menschen an den kulturellen Wert dieser Landmarken. Sie engagieren sich für eine Weiterexistenz durch mannigfaltige Nachnutzungskonzepte.
Die früher in großer Anzahl für Freileitungen konzipierten Turmstationen müssen seit den 1990er Jahren mehr und mehr kleinen fabrikfertigen Kabelstationen weichen [1]. Mit zunehmendem Abbruch und Verschwinden dieser besonderen Turmspezies erinnern sich an Tradition und Technikgeschichte interessierte Bürger, Vereine und Gemeinden an den kulturellen Wert dieser Landmarken und schützenswerten technisch-baulichen Kulturgüter. Sie engagieren sich für eine Weiterexistenz durch mannigfaltige Nachnutzungen [2] [3].
„Trafotürme sind Zeitzeugen, ein Stück Heimat, Identifikationsobjekte, Wegweiser, Landmarken, Vertreter einer Architekturepoche und prägende Elemente einer erhaltenswerten Kulturlandschaft“ [4]. Diese verinnerlichte Erkenntnis vereint beispielhaft jene schöpferischen Menschen, deren Wirken nicht nur daraus hinauslief, Wertvolles zu erhalten, sondern die in einem Trafoturm wohnend sich begeistern und wohlfühlen, ja sich selbst einen Lebenstraum erfüllen. An fünf Beispielen in unterschiedlichen Bundesländern soll dieses Engagement ganz unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure aufgezeigt werden: angefangen von der Wissenschaftskommunikations-Expertin Daniela Kinkel aus Bonn (NW), dem ehemaligen Siemens-und Siecor-Bauleiter Hans Kast aus Coburg (BY), den Architekten Achim Schollenberger aus Oberursel (HE) und Gerhard Guckes aus Idstein (RP) und dem Bauunternehmer Karl-Heinz Dorfi aus Weißach (BW).
Tiny House „Kunigunde“ in Bonn-Mehlem
Die Wissenschaftskommunikationsakteurin, Idealistin, Rikscha-Kapitänin und Vorständin von „Radeln ohne Alter Deutschland“, die schon immer, lange Zeit vor der „Tiny House“-Bewegung, in einem kleinen Haus wohnen wollte, verliebte sich in ein altes Trafohäuschen in Bonn-Mehlem, an dem sie oft ihre Rikscha-Fahrgäste vorbeichauffierte. Mehlem ist der südlichste Ortsteil der früheren Bundeshauptstadt, der Geburtsstadt Beethovens und des Grundgesetzes. Besucher schätzen die reizvolle Rheinpromenade in Mehlem mit Blick auf den gegenüber liegenden Drachenfels. Einer Sage zufolge gab es eine tragisch endende Liebesbeziehung einer schönen Kunigunde, der die Straße ihren Namen zu verdanken hat, in der die im Jahr 1913 errichtete Trafostation an deren äußersten Ende nahe am Mehlemer Bach heute noch steht, (siehe Bild).
Daniela Kinkel träumte davon, was sie alles daraus machen könnte, wenn sie so ein besonderes Türmchen besäße. Im Jahr 2012 kam ihr ein Zufall zu Hilfe, der schließlich dazu führte, dass ihr die seit einigen Jahren leerstehende und zum Abriss vorgesehene Turmstation samt 68 m2 Grundstück vom RWE notariell für einen symbolischen Preis übertragen wurde [5]. Seitdem träumt sie von verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten.
Aber nun waren durchaus kostspielige Hürden zu nehmen: Statiker, Architekt, Wärmeschutznachweis, Nachweis von Hochwasser- und Brandschutz, Artenschutz-Prüfbericht und nicht zuletzt die Parkplatzablösung zum Preis von 6 850 €. Nach 613 Tagen seit dem ersten Bauantrag wurde die Baugenehmigung im Juni 2019 erteilt, Bild 2. Als Belohnung winkt ein Tiny House in idyllischer Lage mit unverbaubarem, traumhaftem Blick auf den Drachenfels. Das Turmhaus besitzt dank einer Stationserweiterung durch einen Anbau im Jahr 1958 insgesamt 54 m2 Wohnfläche. Es beherbergt im Erdgeschoss ein kleines Bad, und den Heizungsraum, im Anbau ein 16 m2 großes Schlafzimmer, im 1. Obergeschoss die Küche, Esszimmer sowie eine Terrasse, beides mit Ausblick zum Drachenfels und schließlich im 2. Obergeschoss das Wohnzimmer. Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 150 000 €. Das Urteil des Architekten Markus Speth lautet: „Der Spagat zwischen Zweckbau und coolem Wohnen ist gelungen, ohne den Ursprung des Gebäudes zu verleugnen.” Das war ja auch Daniela Kinkels Ziel. Viele Einzelheiten der Planung (von den Architekten Boris und Hendrik Schulte-Stracke aus Arnsberg), der Bauüberwachung, des Bauablaufs der einzelnen Gewerke, vieler Zwischen-Ereignisse (z. B. Umplanungen) und Preise findet man auf ihrer Homepage [5]. Inzwischen wurden bereits sieben Fernsehproduktionen von diesem einmaligen Beispiel einer Nachnutzung eines technisch-historischen Kulturguts ausgesendet.
Autor: Dr.-Ing. Illo-Frank Primus
Literatur
[1] Primus, I.-F.: Geschichte und Gesichter der Trafstationen - 125 Jahre Trafostationen in Deutschland, VDE Verlag GmbH, 2013
[2] Primus, I.-F.: Alten Trafotürmen weiteres Leben geben, Elektropraktiker, 2018, H.4, S. 315-319.
[4] Poßer, C.: Nachnutzung – die Chance für ein „zweites Leben“ von Turmtrafostationen, Kulturerbe Energie, BHU, Bonn, 2015, S. 129 - 137
[5] https://turmstation-kunigunde.de/ueber-kunigunde/energieLIVE, Kundenzeitschrift der Stadtwerke Neustadt, Frühjahr 2022, S. 6-7
Der vollständige Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

