Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
Nachnutzung alter Trafotürme (3)
Als vor 132 Jahren weltweit die erste Drehstrom-Fernübertagung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt a. M. gelang und die ersten Trafostationen das Licht der Welt erblickten, konnte niemand ahnen, dass Trafostationen als wesentlicher Baustein der Elektrifizierung mehr als ein Jahrhundert überleben. Mit zunehmendem Abbruch und Verschwinden dieser besonderen Turmspezies erinnern sich immer mehr Menschen an den kulturellen Wert dieser Landmarken. Sie engagieren sich für eine Weiterexistenz durch mannigfaltige Nachnutzungskonzepte. In diesem 3. Teil wird abschließend ein weiteres, originelles Nachnutzungskonzept dieser eigentümlichen Turmspezies vorgestellt.
Über ausgefallene Nachnutzungskonzepte alter Trafotürme – zum Wohnen (Teil 1 in ep 05/23) oder zum Übernachten (Teil 2 in ep 07/23) [29] – wurde schon berichtet. In diesem 3. Teil wird abschließend ein weiteres, originelles Nachnutzungskonzept dieser eigentümlichen Turmspezies vorgestellt. Es gibt erfreulicherweise bereits eine große Bandbreite unterschiedlichster Nachnutzungen alter Trafotürme, wie man in neuerer Literatur und im Internet recherchieren kann [29–36]. Die meisten unter den nachgenutzten Trafotürmen wurden unstreitig zu Artenschutztürmen umgestaltet. Aber Mini-Museen mit interessanten Ausstellungen in ehemaligen Trafotürmen einzurichten, stellt eine ausgefallene Nachnutzungsform dar, wie an einigen Beispielen in verschiedenen Bundesländern bezeugt werden kann.
Ausstellungsgebäude an der Erdmannshöhle
Das nach Recherchen des Autors älteste unter den heute noch existierenden Turm-Transformatorstationsgebäuden Deutschlands steht in Hasel (BW), einer kleinen Gemeinde im Landkreis Waldshut am Südrand des Schwarzwalds.
Das Wahrzeichen Hasels ist die Erdmannshöhle. Und genau am Eingang zu dieser Höhle wurde seinerzeit die Trafostation im Jahr 1899 errichtet und in Betrieb genommen [37]. Ihre Aufgabe war – wie im Höhlenführer des Pfarrers A. Ludwig nachzulesen und mit einem Foto vom Jahr 1900 belegt ist – mit Beginn der Elektrifizierung die Erdmannshöhle für die Besucher mit sichererem Strom anstatt mit Fackeln zu beleuchten. Dies geschah bemerkenswerterweise 15 Jahre vor der Elektrifizierung der Gemeinde, die der neuen Technik damals noch mit Skepsis begegnete.
Die Erdmannshöhle ist eine der ältesten Tropfsteinhöhlen Deutschlands und eine weit über die Grenzen bekannte Sehenswürdigkeit. Im Jahre 2005 feierte Hasel ein Jahr lang ihre erste schriftliche Erwähnung als „Schauhöhle“ vor 250 Jahren. Die Erdmannshöhle besitzt eine Länge von 2 185 m, wovon 360 m besichtigt werden können. Einzigartige Riesentropfsteine begründen die besondere Faszination dieser Höhle, der zweitältesten Schauhhöhle Deutschlands. Der größte Tropfstein ist über vier Meter hoch und am Fuß über zwei Meter dick. Sein Alter wird auf 135 000 Jahre geschätzt.
Das Alter der Höhle selbst wird auf mehr als 500 000 Jahre geschätzt. Ihren Namen verdankt sie den Erdweibchen und Erdmännchen, die der Sage nach hier einst ihr Wesen trieben und in Johann Peter Hebels „Trompeter von Säckingen“ erwähnt werden.
Bereits im Jahr 1765 besuchte Markgraf Karl Friedrich I die Höhle. Bei einem erneuten königlichen Besuch im Jahr 1811 von der Adoptivtochter Napoleons I., Stéphanie de Beauharnais, und ihrem Mann Erbprinz Karl Ludwig von Baden war die Höhle noch mit Fackeln „artig illuminiert“.
Im engen Trafohäuschen mit den typischen elektrotechnischen Bauteilen waren viele Jahrzehnte auch noch die Toiletten für die Höhlenbesucher untergebracht. 1969 übernahm die Gemeinde den Betrieb der Höhle und 1997 wurde ihr vom Land auch das Gelände übertragen, sodass im Jahr 2000 die Turmstation saniert und ein Anbau errichtet wurde. Seitdem hängen Schauvitrinen mit Mineralien aus der Höhle und aus der Region an den Wänden. Die ehemalige Trafostation dient nun den Höhlenbesuchern als schmucker Empfangs-, Aufenthalts- und Ausstellungsraum, vor allem um die Zeit bis zum Beginn der jeweiligen Höhlenführung zu überbrücken [38].
Autor: Dr.-Ing. Illo-Frank Primus
Literatur
[29] Primus, I.-F.: Nachnutzung alter Trafotürme – Teil 2: Nachnutzungskonzept Übernachten, Elektropraktiker, Berlin 77 (2023) S. 537–541.
[30] Primus, I.-F.: Geschichte und Gesichter der Trafostationen – 125 Jahre Trafostationen in Deutschland, VDE Verlag GmbH, 2013.
[31] Scheiwiller, Y.: Trafoumnutzung – Trafotürme und andere Kleinbauten denkmalpflegerisch umnutzen statt abbrechen, Masterarbeit MAS Denkmalpflege und Umnutzung, Berner Fachhochschule Architektur, Holz, Bau, Steinen/Burgdorf 2015.
[32] Primus, I.-F.: Historische Trafostationen entdecken – sehenswerte Architekturen in Sicherheit bringen, Baukultur und Denkmalpflege vermitteln, Beispiele, Methoden, Strategien, Bund Heimat und Umweltschutz in Deutschland (BHU), Bonn, 2013, S. 147–150.
[33] Primus, I.-F.: Historische Trafostationen sinnvoll umgenutzt der Nachwelt erhalten, Jahrbuch Anlagentechnik für elektrische Verteilungsnetze 2018, EW Medien und Kongresse, 2018, S. 59–90.

