Skip to main content 
(Bild 1) Kabelsalat, aber kein Funktionserhalt (Foto: K.-O.Kaiser)
Sicherheitstechnik | Brand- und Explosionsschutz

Aus dem Facharchiv: Elektropraxis

Auf die richtige Abstimmung kommt es an: beim Planen des Funktionserhalts steckt die Lösung häufig im Detail

31.10.2019

Neben der erforderlichen Sicherheitsstromversorgungsanlage, die bei Ausfall des Allgemeinstroms für den notwendigen Ersatz sorgt, kommt der elektrischen Leitungsanlage mit Funktionserhalt im Brandfall eine besondere Bedeutung zu.

Seiten

Dies ist aber hinsichtlich der Schnittstellen aber noch nicht genug: In den besagten eigenen Räumen für die Verteiler mit FE dürfen sich keine anderen Anlagen und Einrichtungen befinden. Das bedeutet, dass diese Räume bezüglich der Planung der anderen Fachplaner „weiße Flächen“ sind. Dort dürfen sich keinerlei fachfremde Einrichtungen, Lüftungsleitungen oder Leitungsanlagen befinden. Wenn doch, ist die Gleichwertigkeit der anderen Lösung durch das Planungsteam ganzheitlich zu analysieren und Maßnahmen einzuplanen.

Beschaffenheit der Verteiler-Brandschutzgehäuse

Unter Berücksichtigung der o. g. Aspekte ist es planerisch interessant, die anderen potentiellen Lösungen für Verteiler mit FE gemäß MLAR zu prüfen. Auch hier gilt: Die Lösung findet sich im Detail und es gibt verschiedene Wege zum Ziel.

Brandschutzgehäuse sind eine weit verbreitete Produktlösung, um den FE von Verteilern sicherzustellen. Durch die kompakte Bauweise sind die Herausforderungen im Brandfall groß, da mit einem zusätzlichen Wärmeeintrag von außen in das Gehäuse und vor allem durch entstehende Luftfeuchtigkeit im Gehäuse durch austretenden Wasserdampf aus den Feuerschutzplatten durch kristallin gebundenen Gips zu rechnen ist.

Hier die derzeit praktikabelsten Lösungsansätze:

Brandschutzgehäuse mit elektrischen Komponenten als Bestandteil einer sicherheitstechnischen Anlage. Hierzu wird eine eigene Brand-Typprüfung in einer zertifizierten Materialprüfanstalt durchgeführt, die den FE der im Brandschutzgehäuse eingebauten elektrischen Komponenten im Brandfall unter Last nachweist. Der bauaufsichtliche Nachweis wird dann über eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung (abZ) für das Gesamtsystem Brandschutzgehäuse plus elektrischen Einbauten bestätigt (vgl. hierzu MLAR 2005, Abschnitt 5.2.2 b.).

Allerdings dürfen bei der Umsetzung dieser Lösung auf der Baustelle die typgeprüften elektrischen Einbauten nur in der genauen Anordnung im Brandschutzgehäuse verwendet werden, was natürlich die Flexibilität bezüglich der Belegung einschränkt. Erleichterungen im Zulassungsverfahren des DIBt sowie nichtwesentliche Abweichungen im abZ im Sinne der Landesbauordnungen sind hier allerdings möglich.

Brandschutz-Leergehäuse mit einer allgemeinen bauaufsichtliche Zulassung (abZ) als Leergehäuse nach MLAR 2005, Abschnitt 5.2.2 c. Diese Brandschutzgehäuse sind geeignet für den Einbau von elektrischen Komponenten als Bestandteil einer sicherheitstechnischen Anlage, um den FE zu gewährleisten. Allerdings muss der FE bei dieser Produktlösung laut abZ gesondert nachgewiesen werden. Dieser gesonderte Nachweis stellt allerdings eine große Herausforderung an alle am Bau Beteiligten dar, besonders für den Fachplaner Elektro. Auch hier gibt es derzeit verschiedene Lösungsansätze:

  • Für das Brandschutz-Leergehäuse mit elektrischen Einbauten als Bestandteil einer sicherheitstechnischen Anlage erfolgt eine Bewertung durch den Fachplaner Elektro auf Basis von Temperatur und Luftfeuchtigkeitswerten im Brandschutz-Leergehäuse anhand von Analogien zu vergleichbaren bereits typgeprüften Kombinationen oder auf Basis von Erfahrungswerten, die allerdings in der Praxis aufgrund der Vielzahl an Schaltgerätekombinationen selten vorliegen. Ggf. können im Einzelfall besondere Vorortsituationen, wie z. B. reduzierte und reglementierte Brandlasten oder eine vorhandene Sprinklerung, als brandschutztechnische Kompensation zur Begründung einer nicht wesentlichen Abweichung zur positiven Bewertung des FE derartiger Konstruktionen herangezogen werden.
  • Für das Brandschutz-Leergehäuse mit elektrischen Einbauten als Bestandteil einer sicherheitstechnischen Anlage wird wie oben beschrieben eine gleichwertige eigene Brand-Typprüfung in einer zertifizierten Materialprüfstelle durchgeführt, die den FE der elektrischen Komponenten im Brandfall unter Last nachweist. Da das Brandschutz-Leergehäuse bereits über eine bauaufsichtlichen Nachweis (abZ) verfügt genügt als Nachweis für den FE der eingebauten elektrischen Komponenten ein Typprüfbericht. Um den Nachweis der Betriebssicherheit und Wirksamkeit dieser Lösung, z. B. für den Prüfsachverständigen zu führen, sind entsprechende Dokumentationen zu erbringen – z. B. Typprüfbericht, Typenschild, Montage- und Bedienungsanleitung für Brandschutz-Leergehäuse mit typgeprüfter Anlage. Eine Typprüfung kann hier auch über herstellerbezogene Verfahren oder Teststände erfolgen, sofern diese einen dokumentierten Nachweis liefern. Auch hier gilt, dass nur die typgeprüften elektrischen Einbauten in der genauen Anordnung im Brandschutzgehäuse in der Praxis verwendet werden dürfen, was die Flexibilität ebenso einschränkt.
  • Einen ganz neuen und pfiffigen Lösungsansatz bieten Brandschutz-Leergehäuse der Fa. Priorit, die im Brandfall aktiv be- und entlüftet werden können und somit eine freie Bestückung der elektrischen Komponenten als Bestandteil einer sicherheitstechnischen Anlage möglich machen (Bilder 4 und 5). Die Wärmelasten, die bei gewünschten Bestückung mit Komponenten verschiedener Hersteller bisher vorher genau bestimmt werden mussten, werden nunmehr durch die zirkulierende Luft gezielt abgeführt. Die Durchströmung des Gehäuses erfolgt von der unteren Rückseite mittels eines kleinen Ventilators. Die sich im Gehäuse erwärmende Luft strömt oben – ebenfalls auf der Rückseite – in den angrenzenden rückwärtigen Raum ab. Da die Wand, an der das Leergehäuse befestigt wird – aufgrund der Bestimmungen der abZ – in der korrespondierenden Feuerwiderstandsklasse des Gehäuses und massiv sein muss, ergibt sich hieraus kein Mehraufwand. Es sind als zusätzliche Kosten lediglich der kleine Ventilator, sowie zwei Absperrelemente sowie kurze Stücke von mindestens feuerhemmenden/feuerbeständigen Lüftungsleitungen zu berücksichtigen. Für diese Kosten „kauft“ sich der Bauherr jedoch für die Planung und Ausführung sowie den Betrieb – und das ist ein großer Vorteil – eine uneingeschränkte Flexibilität der Belegung des Verteilers mit einer freien Bestückung ein.

Fazit: Die Planung und Errichtung von FE-Leitungsanlagen ergeben zahlreiche Schnittstellen zu den Gewerken des Hochbaus und der übrigen TGA. Insofern müssen sich der originär verantwortliche Fachplaner Elektro und MSR frühzeitig mit den anderen Fachbeteiligten abstimmen, da die Wahl der elektrischen Leitungen mit FE erhebliche Auswirkungen auf den notwendigen Platzbedarf sowie Anordnung der anderen Gewerke haben. Auch die Planung der FE-Verteiler muss frühzeitig im Entwurf abgestimmt werden. Neuerdings bietet hier die aktive Belüftung von bauaufsichtlich zugelassenen Leergehäusen eine gute Lösung im Detail.

Bild 2, rechts: Elektrische Leitung mit integriertem Funktionserhalt, ohne dazugehöriges Tragesystem (Bild: Dätwyler Cables GmbH)

Bild 3, links: Trassenüberbelegung – ein allseits anzutreffender Fehler(Bild: K.-O. Kaiser)


Seiten