
Nachgehakt: Ingenieurmangel in Deutschland
100.000 Elektroingenieure dringend gesucht – Panikmache oder Realität?
Der VDE schlägt Alarm: In Deutschland fehlen angeblich 100.000 Elektroingenieure, auf dem Arbeitsmarkt drohe eine gewaltige Lücke. Doch das vorgelegte Zahlenmaterial ist nicht überzeugend – und weckt einen bösen Verdacht.
Laut Bundesanstalt für Arbeit lag die Vakanzzeit in den Berufsgruppen Mechatronik, Energie- und Elektrotechnik im Jahr 2015 bei 118 Tagen. Vergleicht man sie mit der durchschnittlichen Vakanzzeit von 84 Tagen für alle gemeldeten Stellen, scheint es in den drei Berufsgruppen mehr offene Stellen als Bewerber zu geben. Schließlich müssen die Arbeitgeber sehr lange nach einem passenden Bewerber suchen.
Doch die Vakanzzeit besitzt wenig Aussagekraft.
Zum einen führen Unternehmen mit fingierten Stellenausschreibungen häufig einen Markttest durch. Anhand der Bewerbungen erkennen sie, welche Berufsgruppen sich angesprochen fühlen, falls die Stelle eines Tages wirklich besetzt werden muss. Diese Scheinausschreibungen kann die Arbeitsagentur nicht von echten Stellenangeboten unterscheiden. Sie gehen deshalb in die Berechnung der Vakanzzeit ein und verfälschen die Statistik.
Auf der anderen Seite ist die Arbeitsagentur nicht mehr die erste Adresse für Ingenieure, die ihre berufliche Situation verändern möchten. Nicht wenige Ingenieure wechseln ihre Arbeitsstelle nach persönlichen Empfehlungen oder Kontaktanbahnungen über Xing und LinkedIn – ohne vorherige Stellenausschreibung des Unternehmens. Diese Eigeninitiative beider Seiten geht komplett an der Arbeitsagentur vorbei, sie fließt nicht in die angebliche Vakanzzeit von 118 Tagen ein.
Traue keiner Statistik …
Der VDE argumentiert hauptsächlich mit dem Verhältnis von neu ausgebildeten Elektroingenieuren und jenen, die nicht mehr als E-Ingenieure arbeiten, weil sie die Branche wechseln oder in Rente gehen. Hier sieht der Verband Gefahren für die Zukunft: Es würden zu wenig Elektroingenieure ausgebildet, um die Abgänge zu ersetzen.
ep fragte den Arbeitsmarktexperten Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Karl Brenke prüfte die Zahlen des Instituts für Wirtschaft (IW), auf die sich der VDE bezieht:
"Das IW rechnet sich bei den derzeit beschäftigten Ingenieuren reich. Es wird einfach unterstellt, dass jeder ausgebildete E-Ingenieur auch in einem Ingenieurberuf oder in einer Leitungsposition tätig ist. Ich habe das mit den selben Daten, die das IW verwendet, nachgerechnet. Man kann in den Daten von 2013 (sie nutzt auch das IW) 190.000 Personen nachweisen, die eindeutig als E-Ingenieure beschäftigt sind und eine entsprechende Ausbildung haben. Zudem gibt es 65.000 Personen, die als E-Ingenieure ausgebildet sind und von deren Job man annehmen kann, dass sie ausbildungsadäquat beschäftigt sind (z. B. als Geschäftsführer).
In beiden Gruppen zusammen sind 55.000 Personen im Alter von 55+ Jahren. Das ergibt einen jährlichen Ersatzbedarf von allenfalls 6.000 Personen. Derzeit werden im Bereich Elektroingenieurwesen aber 8.600 (ohne Promotionen, ohne Lehramt) Abschlussprüfungen erfolgreich durchgeführt."
Rein statistisch betrachtet gibt es demnach einen Überschuss an E-Ingenieuren. Und Karl Brenke macht noch auf einen anderen Punkt aufmerksam: "Die Zahl der arbeitslosen E-Ingenieure nimmt zu."
Lücke oder Lüge?
Das stets wiederkehrende Mantra vom Ingenieurmangel folgt einer simplen Logik: Die deutschen Unternehmen wollen ihre Personalkosten senken. Dafür benötigen sie ein Reservoir an qualifizierten ingenieurtechnischen Arbeitskräften.
Deshalb sollen möglichst viele Studienanfänger ein ingenieurtechnisches Studium nicht nur beginnen, sondern erfolgreich abschließen. Je mehr Absolventen, desto geringer die Gehälter. Nur der Druck der arbeitslosen Masse kann die Personalkosten deutlich reduzieren. Sorgt ein Überangebot an Ingenieuren für eine Flut von Absagen, unterschreibt der arbeitssuchende Absolvent irgendwann jeden befristeten Vertrag mit reduziertem Gehalt.
Dass sich VDE und VDI vor den Karren des arbeitgebernahen Instituts für Wirtschaft spannen lassen, wird beiden Vereinen seit Jahren vorgeworfen. Eine Vertretung der Ingenieure würde andere Schwerpunkte setzen, beispielsweise eine Gesetzesinitiative zur Unterbindung der Tarifflucht.
Der Verdacht einer einseitigen Parteinahme von VDE und VDI zugunsten der Großindustrie liegt nahe. Denn sie übernehmen auch deren Forderungen nach erleichterten Bedingungen für die Einwanderung von Ingenieuren. Dabei ist gegen die Integration von qualifizierten Einwanderern oder Flüchtlingen nichts einzuwenden – sofern sie nicht als Lohndrücker missbraucht werden.
