
Nachgehakt: Ingenieurmangel in Deutschland
100.000 Elektroingenieure dringend gesucht – Panikmache oder Realität?
Der VDE schlägt Alarm: In Deutschland fehlen angeblich 100.000 Elektroingenieure, auf dem Arbeitsmarkt drohe eine gewaltige Lücke. Doch das vorgelegte Zahlenmaterial ist nicht überzeugend – und weckt einen bösen Verdacht.
Schließlich gibt der VDE den Bildungs- und Arbeitsmarktpolitikern eine Hausaufgabe auf:
"Unternehmen, Hochschulen und Verbände sollten also nicht nachlassen in ihrem Bemühen, mehr Jugendliche für ein Studium der Elektro- und Informationstechnik zu gewinnen und internationale Studierende, Ingenieurinnen und Ingenieure zu integrieren."
Elektroingenieure – heiß begehrt und hoch bezahlt?
Gäbe es tatsächlich den seit Jahren behaupteten Mangel, würden die Unternehmen die umworbenen Elektroingenieure mit überdurchschnittlich hohen Gehältern locken. Große Nachfrage + knappes Angebot = hohe Preise – das ist das Gesetz der Marktwirtschaft.
In der Praxis sind die Zahlen weniger spektakulär. Elektroingenieure (Master oder Dipl.-Ing. Uni/TH) können mit einem durchschnittlichen Einstiegsgehalt von ca. 46.800 Euro rechnen. Beim Bachelor- und Dipl.-Ing. (FH)-Abschluss liegen die Gehälter ca. 3.000 Euro niedriger.
Eine andere Statistik führt die Bundesagentur für Arbeit. Sie veröffentlichte im Mai 2016 den Entgeltatlas für Deutschland. Darin wird für viele Berufe der Mittelwert des Bruttomonatsgehalts von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2014 angezeigt.
Für Ingenieure für Elektrotechnik weist der Atlas ein mittleres Entgelt (Median) von mehr als 5.000 Euro aus. Die Datenbasis ist allerdings lückenhaft. In acht Bundesländern ist die Datenmenge zu gering, um das mittlere Entgelt zu berechnen. Das betrifft vor allem die ärmeren Bundesländer in Ostdeutschland, außerdem Bremen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und das Saarland. Der Median stützt sich deshalb u.a. auf Hochlohn-Länder wie Bayern und Baden-Württemberg, was die Statistik etwas verzerrt erscheinen lässt.
Denn im Gehaltsgefüge der wichtigsten Branchen belegen Elektroingenieure einen Platz im unteren Drittel. An der Spitze stehen Ingenieure in der Chemie- und Pharmaindustrie, gefolgt von Fahrzeugbau, Maschinen- und Anlagenbau, Informationstechnologie und Energieversorgung. Weniger als Elektroingenieure verdienen ihre Kollegen im Baugewerbe und in Planungsbüros.
Weil die Gehälter regional verschieden sind, bieten einige Unternehmen – vor allem in Ostdeutschland – weniger als 40.000 Euro, während in Baden-Württemberg oder Bayern deutlich mehr verdient werden kann. Doch auch in Bayern zählen Elektroingenieure nicht zu den höchstbezahlten Mitarbeitern – trotz qualifiziertem Studium.
Problematisch ist die lückenhafte Tarifbindung. Arbeitgeber, die sich einem Tarifvertrag entziehen, bieten Ingenieuren ein Einstiegsgehalt, das durchschnittlich 3.000 bis 4.000 Euro unter dem Tarifgehalt liegt.
Auch mit einer anderen negativen Gehaltsentwicklung werden Ingenieure immer öfter konfrontiert: Der Auslagerung ganzer Fachgebiete an Ingenieurdienstleister. Die Dienstleister bieten Ingenieuren meist kurzfristige, projektbezogene Arbeitsverträge – und Gehälter unter Tarif. Eine Festanstellung ist bei Ingenieurdienstleistern nicht möglich, die Beschäftigung erfolgt über Werkverträge oder Arbeitnehmerüberlassung (Leiharbeit).
Gäbe es eine Ingenieurslücke – vor allem in den seit Jahren behaupteten Dimensionen –, hätten die Dienstleister keine Existenzgrundlage mehr. Die Unternehmen wären heilfroh, die wenigen verfügbaren Ingenieure fest einstellen und sie mit einem übertariflichen Gehalt werben zu können. Leiharbeit funktioniert nur bei einem Arbeitskräfteüberschuss.
Fingierte Stellenausschreibungen
Zur Begründung der Ingenieurslücke wird häufig die sogenannte Vakanzzeit herangezogen. Diese statistische Kenngröße stammt von der Bundesagentur für Arbeit. Die Vakanzzeit umfasst die Zeitspanne zwischen dem vom Arbeitgeber gewünschten Besetzungstermin und der Abmeldung des Stellenangebots bei der Arbeitsvermittlung.
