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Aus dem Facharchiv: Leseranfrage
Spannungsversorgung eines Prüfplatzes

Müssen Schaltschränke für die Bereitstellung unterschiedlicher Spannungen für Fleischereimaschinen insbesondere der Norm VDE 0104 entsprechen oder existieren dafür keine (normativen) Vorgaben?

Schaltschrank

Frage: Wir produzieren Fleischereimaschinen für einen weltweiten Kundenstamm, weshalb wir uns immer wieder mit Sonderspannungen und unterschiedlichen Netzfrequenzen befassen müssen.

Um diese unterschiedlichen Spannungen und Frequenzen bereitzustellen, haben wir bei mehreren Firmen Angebote für einen Schaltschrank eingeholt, der prinzipiell aus einem Frequenzumrichter für die Bereitstellung der 50 oder 60 Hz, einem Trenntrafo für die unterschiedlichen Spannungen, diversen Filtern sowie Steuerungs- und Schalttechnik besteht. Zudem möchten wir diese Spannungsversorgung auch in unserem Ausstellungsraum nutzen, um Kunden die Maschinen zu präsentieren.

Von einem potentiellen Lieferanten kam nun der Einwand, dies müsse alles der VDE 0104 entsprechen (Not-Aus, Visualisierung etc.). Ein anderer potentieller Lieferant meinte, daraufhin angesprochen, dies träfe nicht zu, da es sich in unserem Fall nicht um einen Prüfplatz handle, sondern nur um eine Spannungsversorgung. Die Maschinen verfügen von sich aus über alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen (Not-Halt usw.). Die Maschinenprüfung an sich findet an einem Platz mit diversen Prüfmitteln statt. Wie ist das nun tatsächlich zu bewerten?

Antwort: Das sind in der Tat viele verschiedene Themenfelder. Ich will versuchen, sie zu sortieren.

Konstruktion & Erprobung. Im Rahmen der Risikobewertung nach DIN EN ISO 13849-1 [1] hat sich der Anfragende eingehend Gedanken gemacht, wie die Maschine beschaffen sein muss, wie die Sicherheitseinrichtungen funktionieren und eingestellt sein müssen. Dies muss natürlich auch unter entsprechenden „Live“-Bedingungen getestet werden, damit der Hersteller eine sichere Maschine ausliefern kann. Dies geschieht optimaler Weise an einem Prüfplatz mit der richtigen Spannungsversorgung.

Arbeitssicherheit am Prüfplatz. Es ist immer schnell gesagt: „Das ist ein Prüfplatz.“ Ja, aber was bedeutet das? Wichtigstes Element ist die Einschätzung durch die Gefährdungsbeurteilung des Betreibers. An einem Prüfplatz werden „Dinge“ erprobt. An einem Prüfplatz muss damit gerechnet werden, dass auch mal etwas nicht erwartungsgemäß funktioniert und das zu prüfende „Ding“ auch einen unbestimmten und schlimmstenfalls einen gefährlichen Zustand annimmt. Dann sind besondere Schutzeinrichtungen erforderlich, um Prüfpersonal und Sachwerte zu schützen. Eventuell ist es sinnvoll, die Spannungsversorgung mit in die NOT-AUS-Schnittstelle des Prüfplatzes einzubeziehen – das muss jedoch nicht zwangsläufig über die geplante Spannungsversorgung passieren, sondern kann natürlich auch über den Weg der normalen Energieverteilung erfolgen.

Konstruktion der Spannungsversorgung. Der Hinweis auf die DIN EN 50191 (VDE 0104) [2] ist pauschal nicht falsch, doch es kommt auch hier darauf an, wie es umgesetzt wird. Im Anwendungsbereich der DIN EN 50191 (VDE 0104)[2] heißt es dazu: „1.3 Diese Europäische Norm gilt nicht für den zur allgemeinen Energieversorgung gehörenden Teil der Prüfanlagen [...]“ In der DIN EN 50191 (VDE 0104)[2] finden sich auch wenige sinnvolle Hinweise, die irgendwie auf die Konstruktion der Spannungsversorgung anzuwenden wären. Die DIN EN 50191 (VDE 0104) [2] geht eher auf den technischen und organisatorischen Rahmen von Prüffeldern und Prüfplätzen ein und nicht explizit auf die Energieversorgung dieser.

Auch wenn im Katalog der harmonisierten Normen nach Niederspannungsrichtlinie 2014/35/EU3 [3] die DIN EN 50191 (VDE 0104) [2] nicht genannt ist als normative Grundlage zum Bauen eines Niederspannungsproduktes, heißt das nicht, dass sie unberücksichtigt bleiben muss.

Aus verschiedenen Zweigen der Maschinenbauindustrie sind mir ähnliche Spannungsversorgungen bekannt. Es ist also nicht das erste Mal, dass dies erfunden wird. Besonderer Wert wurde dort immer auf die galvanische Trennung gelegt, dass also zwischen FU und der zu versorgenden Maschine ein Trenntransformator verwendet wird.

Literatur: [1] DIN EN ISO 13849-1:2016-06 Sicherheit von Maschinen – Sicherheitsbezogene Teile von Steuerungen – Teil 1: Allgemeine Gestaltungsleitsätze.
[2] DIN EN 50191 (VDE 0104):2011-10 Errichten und Betreiben elektrischer Prüfanlagen.
[3] Richtlinie 2014/35/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Februar 2014 zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die Bereitstellung elektrischer Betriebsmittel zur Verwendung innerhalb bestimmter Spannungsgrenzen auf dem Markt.

Autor: M. Lochthofen

Der Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

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