Anzeige

Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
Landstromversorgung 
von Flusskreuzfahrtschiffen: Eine Alternative auch für die Binnenschifffahrt

Flusskreuzfahrten erfreuen sich steigender Beliebtheit. Bei Anwohnern von Anlegestellen sorgt das wachsende Aufkommen an Hotelschiffen jedoch für Unmut, da die Dieselgeneratoren während der Liegezeit weiterbetrieben werden, was zu mehr Lärm- und Schadstoffemissionen führt.

Bei dieser Landstromversorgung stehen zwei CEE-Steckdosen 125  A und zwei Steckvorrichtungen für jeweils 400  A zur Verfügung (Quelle: Jean Müller)

Eine Alternative ist die Landstromversorgung, die eine Entlastung für Menschen und Umwelt bringt. Um Lärm und Abgase zu vermeiden, wird bei der Landstromversorgung versucht, den Strombedarf der Hotelschiffe während der Liegezeiten aus dem öffentlichen Verteilnetz zu decken. Je nach Größe des Schiffes kann der Bedarf bis zu 800 A betragen.

In Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Rheinenergie hat Jean Müller auf Basis bewährter Gehäusetechnik einen automatisierten Anschlussschrank entwickelt, der es den Schiffen ermöglicht, während der Liegezeiten Strom aus dem Niederspannungsverteilnetz zu beziehen, sodass die Generatoren abgeschaltet werden können.

Die meisten Schiffe führen bereits an Bord Kabel zum Anschluss an entsprechende Versorgungsnetze mit. Bei einem Strombedarf bis 125 A sind die im Markt weit verbreiteten CEE-Stecker vorgesehen. Ist der Strombedarf größer, kommen beispielsweise Stecksysteme vom Typ Powerlock der Firma ITT Cannon zum Einsatz. Diese können mit Strömen bis zu 400 A belastet werden.

Bei dem oben erwähnten Anschlussschrank stehen an Land zwei CEE-Steckdosen 125 A und zwei Anschlussplätze mit Steckvorrichtungen vom Typ Powerlock 400 A zur Verfügung (Bild), wovon zwei in beliebiger Kombination genutzt werden können. Auf diese Weise lassen sich sowohl die großen Hotelschiffe als auch kleinere Hotel- oder Fahrgastschiffe aus dem Niederspannungsverteilnetz versorgen.

Der Schrank ist modular aufgebaut und via GPRS mit einem Back-End verbunden, sodass ein autorisierter Kunde sich mittels App anmelden und ohne weitere Vor-Ort-Unterstützung durch den Energieversorger anschließen kann. Die bezogene Energie wird vor Ort gemessen und zur Abrechnung automatisiert an den Versorger gemeldet.

Normen, Schutzmaßnahmen und Arbeitsschutz

Vorgaben zur Ausführung der Landstromversorgung sind in der DIN VDE 0100-730 (VDE 0100-730) [1] zu finden. Die aktuell gültige Norm befasst sich noch mit Anschlüssen bis 63 A. Sie befindet sich aber in Überarbeitung und soll dann zukünftig für Anschlüsse bis 125 A gelten. Für größere Ströme gilt die 
DIN EN 16840 [2]. Außerdem gelten natürlich die einschlägigen Normen und VDE-Vorschriften zum Errichten elektrischer Anlagen.

Um den Anschluss von Hotelschiffen an das landgebundene Verteilnetz so sicher wie möglich zu gestalten, ist es sinnvoll, die Versorgungsleitungen über eine Fehlerstrom-Schutzeinrichtung zu überwachen. So können Schäden am Verbindungskabel erkannt werden, bevor diese zu größeren Problemen führen.

Eine der großen Herausforderungen ist die Tatsache, dass die anzuschließenden Schiffe zum Teil recht alt sein können. Es sind nicht wenige Schiffe auf den Gewässern im Einsatz, bei denen eine Verbindung zwischen N und PE existiert.

Der Aufbau einer Landstromversorgung muss gewährleisten, dass das für den Anschluss des Schiffes zuständige Personal nur zu den Einrichtungen Zugang erhält, die für den Anschluss unerlässlich sind. Dabei muss ausgeschlossen werden, dass Manipulationen an Leistungsschaltern, Messsystemen oder der Steuerung möglich sind. Gleichzeitig müssen die Schränke so sicher sein, dass der Zugang ausschließlich für autorisiertes Personal möglich ist. Dieser Zugang sollte ohne Schlüssel möglich sein, um den organisatorischen Aufwand der Zugangssteuerung in Grenzen zu halten.

Um den Anschluss der Kabel möglichst sicher durchführen zu können, müssen die Steckvorrichtungen während des An- und Abklemmens spannungsfrei sein. Daher lassen sich die Steckvorrichtungen im Anschlussschrank erst einschalten, wenn alle Kabel richtig gesteckt sind und die Schranktür sicher verschlossen ist.

Die Synchronisierung des Bordnetzes mit dem Versorgungsnetz muss auf dem anzuschließenden Schiff sichergestellt werden. Eine Gefahr könnte auftreten, wenn die Schiffsbesatzung versucht, Unterbrechungsfrei von Eigenversorgung auf Landstromversorgung umzuschalten, ohne die beiden Systeme sauber zu synchronisieren.

Es muss auf jedem Schiff geprüft werden, ob die elektrische Installation für den Anschluss an eine Landstromversorgung geeignet ist. Auch muss für jedes Schiff festgelegt werden, ob die erforderlichen technischen Einrichtungen für eine unterbrechungsfreie Umschaltung gegeben sind oder ob die Umstellung nur mit einer kurzen Unterbrechung der schiffseigenen Systeme durchzuführen ist.

Da die Arbeiten im direkten Uferbereich bzw. auf dem Anleger (Ponton) stattfinden, sind bei den Arbeiten an der Versorgung des Schiffes gegebenenfalls Absturzsicherungen zu verwenden, um die an der Landstromversorgung tätigen Personen vor eventuellen Abstürzen von Bord, Kai oder Anlegen zu schützen. Die hier möglichen Gefahren sind in einer Gefährdungsbeurteilung zu bewerten und in einer Arbeitsschutzunterweisung zu behandeln.

Die Anschlusskabel müssen regelmäßig in kurzen Zeitabständen auf mögliche mechanische Beschädigungen hin überprüft werden, da diese beim Herstellen der Verbindung stark beansprucht werden.

Es muss immer sichergestellt werden, dass die Codierung an den Steckverbindern funktionsfähig und wie festgelegt ausgeführt ist.

Autor: V. Schmidt

Literatur:

[1] DIN VDE 0100-730 (VDE 0100-730):2016-06 Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 7-730: Anforderungen für Betriebsstätten, Räume und Anlagen besonderer Art – Elektrischer Landanschluss für Fahrzeuge der Binnenschifffahrt.

[2] DIN EN 16840:2017-05 Fahrzeuge der Binnenschifffahrt – Elektrischer Landanschluss, Drehstrom 400 V, 50 Hz, und mindestens 250 A.

Der vollständige Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

Kommentare

botMessage_toctoc_comments_926
Anzeige

Nachrichten zum Thema

+++ News +++ Elektromobilität: gesetzliche Grundlagen Weg frei für E-Ladesäulen in privaten Tiefgaragen

 E-Auto-Nutzer, die in Mehrfamilienhäusern wohnen, haben künftig einen Anspruch auf Einbau einer Ladesäule in gemeinsam genutzten Tief- und Sammelgaragen. Das hat der Bundestag am Donnerstag beschlossen und den Weg für eine Reform des...

Weiter lesen

Gemeinsam mit der Hülskens-Gruppe hat Rheinland Solar die schwimmende Unterkonstruktion entwickelt. Die Anlage dient zur Eigenversorgung und soll einen Großteil des jährlichen Strombedarfs des Sand- und Kieswerkes decken.

Weiter lesen

Aus dem Facharchiv: Leseranfrage Schutz gegen Störlichtbögen

Wird zur Planung einer Transformatorenstation ein Störlichtbogennachweis benötigt?

Weiter lesen

Trotz Belastungen durch die Corona-Pandemie treibt Bosch Klimaschutzziele voran. Ziel ist es durch eine Steigerung der Maßnahmen, die  ökologische Qualität der CO₂-Neutralstellung weiter zu verbessern. Das Stichwort „New Clean Power“ steht symbolisch...

Weiter lesen

Auch 2020 ist die Innovationsplattform The smarter E präsent, um die Themen der neuen Energiewelt voranzutreiben – in diesem Jahr verstärkt im Rahmen digitaler Formate.

Weiter lesen
Anzeige