Messen und Prüfen
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Elektrotechnik
Sicheres Messen mit Multimetern - Sicheres und genaues Durchführen von Messungen
ep1/2006, 4 Seiten
Sicherheit an erster Stelle Das wichtigste Anliegen dieser Beitragsfolge ist es, über den sicherheitsgerechten Umgang mit den Multimetern (MM) zu informieren. Gewissermaßen als Zusammenfassung der beiden ersten Teile [1][2] wird nochmals betont: Es sollen in Starkstromanlagen · soweit wie möglich nur noch solche MM und ihr Zubehör verwendet werden, die - den neuesten Ausgaben der Sicherheitsnormen [3][4] entsprechen und - zum Beweis dafür mit dem Prüfzeichen einer akkreditierten Prüfstelle, z. B. dem GS-Zeichen, sowie - außerdem mit der Messgerätekategorie (CAT) sowie der zugehörigen Bemessungsspannung gekennzeichnet sind und · noch vorhandene ältere MM nur unter Beachtung der bereits genannten [2] erforderlichen Einschränkungen bezüglich des Messorts/der Messaufgabe (Messkategorie CAT) zur Anwendung kommen. Spezielle Fachausdrücke für Multimeter Bei den Multimetern werden zur Bestimmung ihres Betriebsverhaltens einige andere Fachausdrücke und Definitionen verwendet, als bei der zweiten großen Gruppe der Messeinrichtungen, den Prüfgeräten nach DIN VDE 0404 [5] und DIN VDE 0413 [6]. Diese Fachausdrücke wurden schon in [2] aufgeführt. Da ihr richtiges Anwenden eine wesentliche Voraussetzung für das sichere Messen ist, werden sie nachfolgend ausführlich erläutert. Zum Teil wird nunmehr auch eine etwas andere Verfahrensweise beim Beschreiben der Genauigkeit des Messens und der Messergebnisse eingeführt, als dies bisher üblich war. 2.1 Festlegungen in den Normen Die in diesem Zusammenhang entstandene neue IEC/EN-Norm (siehe Kasten und [7]) macht nunmehr das Bemühen deutlich, die für das Betriebsverhalten von elektrischen und elektronischen Messeinrichtungen wesentlichen Begriffe (Fachausdrücke und deren Definitionen) auf eine einheitliche Grundlage zu stellen. Seit einiger Zeit ist die Auswirkung dieser Norm auch aus den Angaben der akkreditierten Kalibrierlabors in deren Kalibrierscheinen und auch aus den Angaben der Kataloge einiger Hersteller zu erkennen. Aus diesem Grund sind die diesbezüglichen Angaben der Hersteller bei DMM sehr unterschiedlich. Während sie sich in Europa meist durchweg an den Begriffen und Vorgaben der IEC/EN-Norm für die analogen Multimeter AMM [7][8] orientieren, gibt es in den USA oder in Ostasien für die digitalen Multimeter (DMM) und andere Messgeräte keine einheitliche Verfahrensweise. Ein exakter Vergleich der Eigenschaften der DMM verschiedener Hersteller bezüglich des Betriebsverhaltens ist somit sehr schwierig. 2.2 Herstellerangaben Jeder, der mit Messgeräten umgeht, sollte sich somit darauf einstellen, künftig die in der Tafel aufgeführten Bezeichnungen vorzufinden, zu verstehen und anzuwenden. Die erläuterten Fachausdrücke beschreiben die Eigenschaften der MM. Die zugehörigen Werte sollte der Anwender der MM in der Dokumentation des Herstellers finden. Er muss sie kennen, um gegebenenfalls abschätzen zu können, welche Einflusseffekte bzw. zusätzlichen Messunsicherheiten entstehen können, wenn z. B. die Werte der beim Messen auf sein MM wirkenden Einflussgrößen nicht den angegebenen Referenzbedingungen entsprechen. Ist er darüber gut informiert, so kann und muss er sich bei der Neuanschaffung eines MM nicht damit zufrieden geben, wenn in einem Angebot oder einer Beschreibung nur ganz allgemein und somit nicht ausreichend exakt von „Genauigkeit, Fehler oder Messabweichung“ die Rede ist. Es kann dann in derartigen Fällen immer nachfragen und ermitteln, welche Messunsicherheit und welche Einflusseffekte unter welchen Referenzbedingungen für das betreffende MM garantiert werden. Und schließlich muss der Anwender bei den Messungen immer bedenken, dass · die angegebenen Messunsicherheiten (Messabweichung, Messfehler) nur für den Einsatz des MM unter Referenz- bzw. Nenngebrauchsbedingungen gelten und · andere externe Einflüsse, die nicht durch diese Bedingungen berücksichtig wurden, z. B. Innenwiderstände der äußeren Messkreise (Messschaltung) oder Feuchteeinflüsse bei Betauung, zusätzliche ihm unbekannte Messunsicherheiten hervorrufen. Deren Werte können weit über der vom Hersteller angegebenen Messunsicherheit liegen. Messunsicherheit bei AMM und DMM Die derzeit geltenden Normen für das Betriebsverhalten von AMM [7] und DMM [8] wurden noch nicht entsprechend der neuen IEC/EN-Norm [7] und überarbeitet. Da sie wohl auch in den nächsten Jahren noch nicht angepasst werden, muss der Anwender vorläufig mit beiden Begriffswelten zurechtkommen. Zu erwarten ist, dass bei der Fehlerermittlung/-angabe auch künftig und noch längere Zeit die bisher angewandten Fachausdrücke gebräuchlich sind. Sie werden daher auch bei dem nachfolgenden Beschreiben der Methoden der Fehlerbestimmung immer wieder in Klammern mit genannt. Elektropraktiker, Berlin 60 (2006) 1 FÜR DIE PRAXIS Messen und Prüfen Sicheres Messen mit Multimetern Sicheres und genaues Durchführen von Messungen K. Bödeker, Berlin; R. Kindermann, Nürnberg Multimeter stecken in fast jeder Werkzeugtasche. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes „Vielfach“-Messgeräte und können - mit ihrem Zubehör - fast alles. In [1][2] ging es vorwiegend um die sichere Gestaltung der „MM“ und um ihre Eigenschaften - einmal mit der analogen (AMM) und zum anderen mit der digitalen (DMM) Messwertverarbeitung. Nunmehr wird dargelegt was beachtet werden muss, um immer sicher und genau genug zu messen. Normensituation Eine IEC/EN/DIN-Norm über die Begriffe sowie über das Nachweisen und Dokumentieren des Betriebsverhaltens der Multimeter durch den Hersteller existiert zz. nur für die analogen Multimeter (AMM) [7], nicht jedoch für die digitalen Multimeter (DMM). Aus diesem Grund sind die diesbezüglichen Angaben der Hersteller bei DMM sehr unterschiedlich: Während sie sich in Europa meist durchweg an den Begriffen und Vorgaben der IEC/EN-Norm für die AMM [7][8] orientieren, gibt es in den USA oder in Ostasien für die Multimeter (DMM) und andere Messgeräte keine einheitliche Verfahrensweise. Ein exakter Vergleich der Eigenschaften der DMM verschiedener Hersteller bezüglich des Betriebsverhaltens ist somit schwierig. Autor Dipl.-Ing. Klaus Bödeker ist freier Fachjournalist, Berlin; Dipl.-Ing. Robert Kindermann ist Mitarbeiter der Firma Gossen-Metrawatt, Nürnberg. EP0106-44-51 15.12.2005 14:47 Uhr Seite 48 Messen und Prüfen FÜR DIE PRAXIS Tafel Erläuterung von speziellen Fachausdrücken für Multimeter Messunsicherheit. Dieser Fachausdruck ersetzt die bisher gebräuchlichen Bezeichnungen Messfehler oder, wie auch gesagt wurde, die Messabweichung. Er bezeichnet die Abweichung des Mess-/Anzeigewerts vom richtigen Wert. Mathematisch ausgedrückt heißt das: Messunsicherheit gleich Messwert minus richtiger Wert Anmerkung: Die Messunsicherheit ist der sich aus dem Streubereich ergebende wahrscheinliche mittlere Wert. Richtiger Wert. Wert einer Messgröße, der von den nationalen Normalien abgeleitetet wurde und zum Kalibrieren der Messmittel verwendet wird. Die Werte der nationalen Normalien werden durch die Kalibriermittel der akkreditierten Kalibrierlabore repräsentiert. Grenzwert der Messunsicherheit. Diese Bezeichnung steht für die bisherigen Fachausdrücke Grenzwert der Messabweichung oder und Fehlergrenze. Der angezeigte Messwert liegt innerhalb der ± Grenzwerte der angegebenen Messunsicherheit. Der Fachausdruck „Grenzwert der Messunsicherheit“ ist das entscheidende Qualitätsmerkmal der Messunsicherheit des MM. Er wird in der jeweiligen Gerätenorm vorgegeben und ist vom Hersteller zu garantierenren. Wichtig ist dabei für den Anwender: · Jeder vom Hersteller so angegebene Grenzwert der Messunsicherheit gilt nur, wenn beim Einsatz des MM bestimmte, vom Hersteller angegebene Bedingungen (Temperaturbereich, Frequenzbereich usw.) eingehalten werden. · Ebenfalls in den jeweiligen Normen [7][8] werden eingeengte Werte oder Bereiche dieser Bedingungen festgelegt, die als Referenzbedingungen bezeichnet werden. Unter diesen Referenzbedingungen entstehende Messunsicherheiten (Messabweichung) werden als Eigenunsicherheit (Eigenabweichung) bezeichnet. Referenzbedingungen. In einer Norm oder einer Dokumentation für eine bestimmte Menge von Einflussgrößen (siehe Tafel ) angegebene Werte und/oder Wertebereiche, bei deren Vorhandensein die geringsten für das Messgerät angegebenen (festgelegten) Messunsicherheiten (Messfehler, Messabweichung) gelten. Eigenunsicherheit (bisher Eigenabweichung). Messunsicherheit eines bestimmten Messgeräts (Typ), wenn es unter Referenzbedingungen verwendet wird. Die Eigenunsicherheit ihres MM sollte jede Elektrofachkraft kennen. Sie wird vom Hersteller in der Gerätedokumentation/ vom Kalibrierlabor in der Kalibierbescheinigung genannt. Einflusseffekt (bisher mitunter üblich: zusätzlicher Messfehler). Damit wird eine zusätzliche Messunsicherheit bezeichnet die entsteht, wenn die Einsatzbedingungen des MM von den angegebenen Referenzbedingungen (Tafel ) abweichen. Sie wird in der Dokumentation der Hersteller meist gesondert angegeben. Einflussgröße. Alle Größen, die von außen auf die Messeinrichtung einwirken und deren Betriebsverhalten (Messunsicherheit, Eigenunsicherheit) beeinflussen bzw. einen Einflusseffekt hervorrufen (siehe Tafel ). Nenngebrauchsbereich, Nenngebrauchsbedingungen. Dies ist ein festgelegter Bereich von Werten, den eine oder mehrere Einflussgröße(n) annehmen dürfen, ohne dass ein über die festgelegte/angegebene Messunsicherheit hinausgehender Einflusseffekt entstehen kann. Messumfang. Bereich zwischen dem kleinsten und dem größten mit dem betreffenden Gerät bzw. mit dem ausgewählten Messbereich messbarer Wert der betreffenden Größe. Genauigkeit. Grad der Übereinstimmung zwischen angezeigtem und richtigem Wert. EP0106-44-51 15.12.2005 14:47 Uhr Seite 49 3.1 Analoge Multimeter Bei den analogen MM (AMM) und auch bei allen anderen Zeigermessgeräten (direkt wirkende elektrische Messgeräte mit Zeigeranzeige), werden durch die Norm [7] so genannte Genauigkeitsklassen vorgegeben, die auch als Klassengenauigkeit bezeichnet werden. Deren Werte - kurz Klassen genannt - sind mit: 0,1 - 0,2 - 0,5 - 1,0 - 1,5 - 2,5 und 3,0 durch die Norm [7] vorgegeben. Messgeräte, die mit einem solchen (genormten) Klassezeichen gekennzeichnet sind, müssen die dementsprechenden, d. h. dieser Klasse zugeordneten Anforderungen der Norm [7] erfüllen. Die Klasse beschreibt die Grenzwerte der Messunsicherheit (Messabweichung, Messfehler) in Prozent des Bezugswerts, d. h. üblicherweise des Messbereichsendwerts (obere Grenze des jeweiligen Messbereichs). Es kann jedoch auch ein anderer eindeutig angegebener Bezugswert sein. Beispiel: Bei der Klasse 3,0 sind die Grenzen der Eigenunsicherheit (Eigenabweichung) ± 3 % des Bezugswerts (Messbereichsendwerts). Der leicht zu errechnende absolute Wert dieser Messunsicherheit Messunsicherheit = ± (Klasse/100) · Messbereichssendwert beträgt beim Messbereich von z. B. 300 V Messunsicherheit = ± (3,0/100) · 300 = 9 V Sie gilt für den gesamten Messbereich, d. h. für alle im jeweiligen Messbereich angezeigten Messwertwerte. Achtung! Dieser absolute Wert der Messunsicherheit (Messfehler) wirkt sich umso stärker aus, je kleiner der angezeigte Messwert bzw. der Zeigerausschlag des analogen Multimeters (AMM) ist. Beispiele: · Bei Messwerten im Bereich von etwa 10 % des Messbereichsendwerts. Daten: Anzeigewert 30 V, möglicher Istwert 21 V bis 39 V. Es kann somit nicht von einer genauen Messung (akzeptable Messunsicherheit) gesprochen werden. · Bei Messwerten in der Größenordnung des Messbereichsendwerts. Daten: Anzeigewert 300 V, möglicher Istwert zwischen 291 V und 309 V. Dies ist eine für das Messen in Starkstromanlagen ausreichende Genauigkeit (akzeptable Messunsicherheit). Um solche Fehler zu vermeiden, sollte bei AMM immer der Messbereich (Bild ) gewählt werden, bei dem der Messwert (Zeigerausschlag) im obersten Drittel der Skale liegt. Um der messenden Person dies für jeden Messwert zu ermöglichen, wurde bei den AMM die im Bild erkennbare ungewöhnliche Messbereichseinteilung gewählt. Zu beachten ist, dass sich der Messbereich (Bereich in dem gemessen werden soll) nicht immer mit der gesamten Länge der Skale (Anzeigebereich) übereinstimmt. Der Abschnitt der Skale, in dem vom Hersteller die Klassengenauigkeit garantiert wird, ist mit kleinen Punkten oder einem dick ausgezogenen Skalenbogen gekennzeichnet. Für die im Zusammenhang mit den Prüfungen an Starkstromanlagen und für ähnliche Aufgaben durchzuführenden Messungen ist die Genauigkeit (Messunsicherheit) von AMM der Klassen 1,5 oder auch von 2,5/3,0 völlig ausreichend. Elektropraktiker, Berlin 60 (2006) 1 FÜR DIE PRAXIS Messen und Prüfen Skalengestaltung eines analogen Multimeters, das Messen von Werte bis 5 (V, A) sollte wegen der geringeren Messunsicherheit mit der oberen Skale erfolgen Beispiele für digitale Multimeter mit unterschiedlichem Anzeigenumfang a) METRA HIT ONE 3 3/4-stellig; b) METRA HIT 22 S 4 3/4-stellig (Fotos: GMC) Tafel Beispiele für Referenzbedingungen und Einflusseffekte (zusätzliche Messunsicherheit), die bei Multimetern auftreten Einflussgröße Einflusseffekt Art Referenz- Grenzen des Nenngebrauchs- AMM DMM bedingung bereichs/Einflussbereichs des Klasse 3 angegebenen Einflusseffekts Temperatur 23 °C Referenzbedingung zusätzlich je nach Mess- ± 2 K (23 °C) ± 10 °C nochmals die funktion/ jeweilige -bereich z. B. Klassen- zusätzlich genauigkeit ± (0,2 % + 1D) Relative 40 % 60 % bis 75 % zusätzlich nach Luftfeuchte bis 60% Herstellerangaben Gebrauchslage waagerecht bis 45° gegen die Waagerechte zusätzlich nach Herstellerangaben Frequenz der 45 Hz je nach Messfunktion und dito z. B. zusätzlich Messgröße bis 65 Hz Messbereich aber nur im ± (2,2 % + 4D) Bereich im Bereich 35 bis 1000 Hz 15 Hz bis 20 kHz Kurvenform der sinusförmig Größe des Crestfaktors CF zusätzlich Messgröße (wird in einem Folgebeitrag - CF 1 bis 3: ± 1 % erläutert) CF 3 bis 6: ± 3 % vom Messwert Batterie- 8 V ± 0,1 V Angabe „Batterie einsatzbereit“ - zusätzlich spannung bis 10 V z. B. ± 2 Digit Tafel Eigenunsicherheiten von AMM und DMM der mittleren Preisklasse Messgröße Art des Multimeters AMM 3 3/4-stelliges DMM 4 3/4-stelliges AMM Klasse Messunsicherheit Messunsicherheit (Messabweichung) (Messabweichung) Gleichspannung ± 1,5 % v. E ± (0,2 % v.M + 2D) ± (0,05 % v.M +3 D) Gleichstrom ± 1,5 % v. E ± (0,5 % v.M + 2D) ± (0,2 % v.M + 5 D) Wechselspannung ± 2,5 % v. E ± (0,5 % v.M + 3D) ± (0,5 % v.M + 30 D) (45.....65 Hz) Wechselstrom ± 2,5 % v. E ± (1 % v.M + 3D) ± (1 % v.M + 30 D) (45.....65 Hz) Widerstand ± 1,5 % v. E ± (0,5 % v.M + 3D) ± (0,1 % v.M + 5 D) v. E. - vom Messbereichsendwert; v. M. - vom Messwert EP0106-44-51 15.12.2005 14:47 Uhr Seite 50 3.2 Digitale Multimeter Die Benennung der DMM erfolgt üblicherweise nach der Stellenzahl des Anzeigewerts in Digit und lautet beispielsweise (siehe Tafel unter Wechselspannung): · „DMM 3 1/2-stellig“ wenn Anzeigenumfang 0000 bis ......1999 Digit · „DMM 3-stellig“, wenn Anzeigenumfang 0000 bis ... 2999 Digit bzw. 0000 bis ... 6000 Digit (Bild a) · „DMM 4-stellig“, wenn Anzeigenumfang 00000 bis .....29999/ Digit bis ca.00000 ....59999 Digit (Bild b) Bei diesen Multimetern wird meist noch vom Messfehler (Messabweichung) bzw. von der Eigenabweichung gesprochen, wenn nach dem neuen, heutigen Verständnis die Messunsicherheit gemeint ist. Bei DMM ausländischer Herkunft wird statt Messfehler (Messabweichung) meist der Ausdruck „Genauigkeit“ verwendet (engl. accuracy). Richtig wäre es eigentlich, hier die Bezeichnung „Ungenauigkeit“ zu verwenden. Im Gegensatz zu den AMM besteht die Messunsicherheit (Tafel ) bei den DMM aus dem prozentualen (relativen) Fehler, der auf den angezeigten Wert (Messwert) bezogen ist, und einem zusätzlichen konstanten Wert (in Digit), der durch die Analog-Digital-Wandlung des DMM entsteht. Infolge des in Digit angegebenen konstanten Fehleranteils ergibt sich bei kleinen Messwerten eine wesentlich höhere Messunsicherheit als bei Messwerten, die im oberen Teil der Messbereiche liegen (s. Beispiel 2 in [2]). Dieser Mangel lässt sich, wie aus Tafel zu erkennen ist, durch die Wahl des richtigen DMM bzw. des passenden Messbereichs vermeiden oder einschränken. Bei Wechselgrößen ergeben sich, bedingt durch die Gleichrichtung, höhere Mess- bzw. Eigenunsicherheiten. Zusätzlich kann noch eine Reihe weiterer Einflusseffekte (Einflüsse von höherfrequenten Anteilen, Art der Gleichrichtung, Crestfaktor) die Mess-/Eigenunsicherheit negativ beeinflussen. Diese Zusammenhänge werden in einem folgenden Beitrag behandelt. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Messgenauigkeit der DMM oft überschäzt wird. Das heißt, die Messunsicherheit (Messfehler, Messabweichung) ist höher, als man allgemein annimmt. Die in den technischen Spezifikationen der Hersteller angegebene hohe Messgenauigkeit gilt oft nur für die Messung von Gleichspannung und ggf. auch für die Widerstandsmessung. Für Wechselspannungen, Gleich- und Wechselströme sind die zu berücksichtigenden Eigenunsicherheiten erheblich höher (Tafel ). Dabei ist es egal, ob MM 3 3/4 oder MM 4 3/4 eingesetzt werden. Es ergeben sich annähernd gleich große Mess-/Eigenunsicherheiten, weil die gleichen Gleichrichterschaltungen zum Einsatz kommen. Wahl des Messbereichs Im Zusammenhang mit der bei einem Messvorgang tatsächlich erreichbaren Messunsicherheit (Messfehler, Messabweichung) spielt die Auswahl des geeigneten MM bzw. der Messbereiche eine wesentliche Rolle. Werden häufig Werte gemessen, die immer etwa gleich groß sind, z. B. die Netzspannungen 230 V/400 V oder Wechselströme bis etwa 10 A (bei Verbrauchern mit einer Leistung bis 2 000 W), so ist nahezu jedes MM hierfür geeignet. In anderen Fällen sind · der kleinste und der größte Messbereich sowie · die geeignete Messbereichsstaffelung des MM, die möglicherweise bei dem zu lösenden Prüf-/Messaufgaben benötigt werden, die wichtigsten Auswahlkriterien für den Prüfer. Für das Messen beim normgerechten Prüfen elektrischer Anlagen ist der Messumfang der üblichen angebotenen MM meist völlig ausreichend. Einige vom Anwendungsfall abhängige Besonderheiten werden nachstehend aufgeführt. Wer in Niederspannungsanlagen im Bereich der Energietechnik arbeitet, wird mit · den Spannungsmessbereichen zum Messen der Netzspannungen 230 bis 600 V sowie gegebenenfalls für Kleinspannungen ab 24 V und · den Strommessbereichen bis 10 oder 16 A (Direktmessung) sowie den für den Anschluss von Zangenstromwandlern geeigneten kleinen Messbereichen völlig zufrieden sein. Lediglich die Anwendung eines DMM mit höherem Anzeigenumfang (z. B. 3 3/4- oder 4 3/4 -stellige DMM) bringt bei manchen Anwendungen einen Vorteil. Wer Messungen in den Sekundärkreisen von Strom- und Spannungswandlern ausführt, sollte darauf achten, dass der Messbereich des MM möglichst dem des sekundären Nennwerts der Wandler entspricht. Dabei ist die zulässige Dauerüberlastung der Wandler in Höhe von 120 % mit zu berücksichtigen. Das heißt, für die Stromwandler mit sekundärem Nennstrom von 1 A ein Messbereich von 1,2 A ~, für die mit 5 A ein Messbereich von 6 A ~ oder etwas darüber. Für die Spannungswandler mit der sekundären Nennspannung von 100 V ein Messbereich von etwas über 120 V ~. Wenn in Anlagen oder Erzeugnissen mit analoger Messwertverarbeitung gemessen wird, dann sollte darauf geachtet werden, dass die genormten Ausgangssignale 0 ... 5 mA, 0 ... 20 mA bzw. 0 ... 10 V gut gemessen werden können, d. h. die Messwerte möglichst im oberen Drittel der Skale angezeigt werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Messwerte um 20 % ansteigen, wenn am vorgeschalteten Messwertumformer die verfahrenstechnische Größe auf 120 % ansteigt. Wer häufig Widerstandsmessungen vorzunehmen hat, sollte unbedingt ein DMM wählen. Die von diesem Gerät angebotene Genauigkeit macht den doch etwas mühsamen Einsatz von Messbrücken meist überflüssig. Zu beachten ist, dass beim üblicherweise verwendeten Widerstandsmessbereich 0...300 , durch die an der letzten Stelle mögliche Unsicherheit in „Digit“ einem Wert von ± 0,3 entspricht. Kalibrierung. In Anbetracht der erforderlichen Sicherheit für den Prüfenden und um die Gewissheit zu haben, in der Größenordnung richtige Messwerte zu erhalten, ist eine regelmäßige Kalibrierung des MM durch eine dafür autorisierte Stelle bzw. durch den Hersteller im Abstand von zwei Jahren zu empfehlen. Von einer Eigen-Kalibrierung wird wegen der relativen Kompliziertheit der MM und der benötigten Kalibriereinrichtungen abgeraten. Literatur [1] Kindermann, R.; Bödeker, K.: Sicheres Messen mit Multimetern - Normgerechte Multimeter, ordnungsgemäßes Bedienen. Elektropraktiker, Berlin 59(2005)9, S. 702-705. [2] Kindermann, R.; Bödeker, K.: Sicheres Messen mit Multimetern - Vergleich der Merkmale, Messen von Strömen und Spannungen. Elektropraktiker, Berlin 59(2005)10, S. 782-785. [3] DIN EN 61010-1(VDE 0411 Teil1) Sicherheitsbestimmungen für elektrische Mess-, Steuer-, Regel- und Laborgeräte; Teil 1: Allgemeine Anforderungen. [4] DIN EN 61010-031(VDE 0411 Teil 031) Sicherheitsbestimmungen für elektrische Mess-, Steuer-, Regel- und Laborgeräte; Teil 031: Sicherheitsbestimmungen für handgehaltenes Messzubehör zum Messen und Prüfen. [5] DIN VDE 0404 Teil 1 und Teil 2 Prüf- und Messeinrichtungen zum Prüfen der elektrischen Sicherheit von elektrischen Geräten. [6] DIN EN 61557 (VDE 0413 Teile 1 bis 12) Messgeräte zum Prüfen, Messen oder Überwachen von Schutzmaßnahmen. [7] DIN EN 60051-1 (IEC 60051-1):1999-10 Direkt wirkende anzeigende elektrische Messgeräte und ihr Zubehör; Messgeräte mit Skalenanzeige; Teil 1: Definitionen und allgemeine Anforderungen für alle Teile dieser Norm. [8] DIN 43751 Teil 1 Digitale Messgeräte; Allgemeine Festlegungen über Begriffe, Prüfungen und Datenblattangaben. Elektropraktiker, Berlin 60 (2006) 1 51 Messen und Prüfen FÜR DIE PRAXIS EP0106-44-51 15.12.2005 14:47 Uhr Seite 51
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Autoren
- K. Bödeker
- R. Kindermann
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