Sichere Stromversorgung auch in Krisenzeiten
Welche Auswirkungen hat die Pandemie aktuell auf das Unternehmen Bender? Wie gehen Sie bei sich damit um?
F. Dalitz: Alle Mitarbeiter, bei denen es möglich ist, arbeiten aus dem Home Office. Abhängig von der derzeitigen Situation reduzieren alle Mitarbeiter ihre Überstunden als Vorbereitungsmaßnahme.
Hygienemaßnahmen wurden ausgeweitet und in vielen Bereichen weitere Desinfektionseinrichtungen aufgestellt. Abstandsregeln zum Schutz der Mitarbeiter gehören mittlerweile so selbstverständlich zum Arbeitsalltag wie das Tragen von ESD-Schutzkleidung.
Als Spezialist für elektrische Sicherheit ist die Firma Bender jedoch sehr breit aufgestellt und in allen Branchen tätig.
Zur Zeit werden aber auch viele elektrische Anlagen erneuert oder erweitert, weil Anlagen still stehen bzw. mit verminderter Kapazität laufen. Im Geschäftsbereich Hospitals werden aktuell sogar Überstunden geleistet, um die stark gestiegene Nachfrage beliefern zu können.
Alle Signale von den Märkten lassen uns bei Bender optimistisch in die Zukunft blicken. Mitunter ist aktuell auch besonderer Einsatz erforderlich, sind Ideen gefragt, wenn zum Beispiel aufgrund mangelnder Zulieferungen Lieferengpässe vermieden werden sollen. Dazu versuchen wir, falls notwendig, Produkte kurzfristig und vorübergehend alternativ anzubieten, natürlich ohne die Qualität und Sicherheit zu beeinträchtigen.
Unsere Servicemitarbeiter stehen selbstverständlich für Notfälle und Havarien zur Verfügung, Wartungen werden aktuell aber nicht durchgeführt.
Sie sagten, dass im Geschäftsbereich Hospitals aktuell sogar Überstunden geleistet werden. Unterstützen sie auch besondere Projekte?
A. Namdar: Ja, unter anderem unterstützen wir auch das Projekt des Notkrankenhauses auf dem Berliner Messegelände.
Als Marktführer und verlässlicher Partner wurden wir angesprochen, ob wir eine kurzfristige Lösung für dieses Projekt bereitstellen können. Wir konnten!
F. Dalitz: Auch international ist der Bedarf extrem angestiegen. Wie wir alle nun auch mal aus den Massenmedien erfahren haben, zählen die deutschen Standards zu den besten der Welt. Durch die Produktion von Standardtypen sind wir in der Lage, insbesondere deutschlandweit innerhalb von wenigen Tagen zu liefern.
Welche Informationen erhalten Sie zur aktuellen (elektrotechnischen) Lage in den Krankenhäusern?
F. Dalitz: Aus der Sicht der verantwortlichen Elektrofachkräfte (VEFK), der Technischen Leiter und Betreiber der Elektrotechnik lässt sich festhalten, dass viele Projekte, die bereits im Vorfeld angestoßen wurden, nun abgerufen und sanierungsbedürftige Stromversorgungen jetzt erneuert werden.
Das Bewusstsein der Betreiber ändert sich, hier lässt sich eine merkliche Sensibilisierung feststellen, denn eine zuverlässige Stromversorgung wird nicht mehr als selbstverständlich angenommen, sondern wird sinngemäß überprüft und erneuert.
A. Namdar: Ein interessantes Detail lässt sich noch von den Elektroplanern berichten. So werden Projekte, bei denen zunächst nur relativ wenige Intensivbetten vorgesehen waren, aktuell neu aufgelegt und zwar mit einer deutlichen Erhöhung der Kapazitäten.
Möchten Sie den Elektropraktikern noch etwas ans Herz legen?
A. Namdar: Die allgemein anerkannten Regeln der Technik gelten auch in Krisenzeiten.
Werden medizinische elektrische Geräte im TN-S-System betrieben, können durch hohe Ableitkapazitäten RCDs sofort auslösen. Das kann auch oder gerade in Krisenzeiten nicht akzeptiert werden, wenn es auf die Funktion besonders ankommt.
Der 1. Fehler muss beherrschbar bleiben und darf nicht zum Ausfall des Gerätes bzw. Systems führen. Alle medizinischen Geräte bzw. Systeme gehören an eine IT-System-Steckdose! Medizinische IT-Systeme sind deshalb unverzichtbar.
Vielen Dank für das Gespräch, alles Gute für die weitere Arbeit und natürlich beste Gesundheit.
Jedes Krankenhaus, ob großes Universitätsklinikum oder kleines Kreiskrankenhaus, erhöht derzeit seine Kapazitäten in der Intensivpflege. Es werden Krisenszenarien durchgespielt und Notfallpläne erarbeitet. Zu jedem Intensivpflegebett gehört auch mindestens ein medizinisches elektrisches Gerät (ME-Gerät) bzw. medizinisches elektrisches System (ME-System), welches einen Patienten im Kampf gegen das Virus unterstützt. Dass diese Geräte und Systeme unterbrechungsfrei arbeiten müssen, versteht sich von selbst. Voraussetzung dafür ist jedoch eine zuverlässige Stromversorgung. Aus diesem Grund steht eine sichere Stromversorgung für medizinisch genutzte Bereiche der Gruppe 2 im Mittelpunkt, die als ungeerdetes Netz (IT-System) ausgeführt sein muss.
Das IT-System – kompromisslos sicher
Das IT-System wird vor allem dort eingesetzt, wo auf dessen Vorteile nicht verzichtet werden kann, wie zum Beispiel in Operationsräumen und Intensivstationen. Warum? Weil es hier um Menschenleben geht.
Für Anlagen, bei denen eine Abschaltung oder ein ungeplanter Stillstand ggfs. mit Gefahren für den Patienten verbunden sind, gibt es für das IT-System keine Alternative, hat dieses System doch zahlreiche Vorteile. Im Gegensatz zur geerdeten Stromversorgung, einem TN-S-System, ist hierbei kein aktiver Leiter geerdet ausgeführt. Aufgrund der bewusst fehlenden niederohmigen Verbindung zwischen Sternpunkt des Transformators und PE fließt beim Auftreten eines ersten Isolationsfehlers kein hoher Fehlerstrom.
Daraus ergeben sich sehr gute EMV-Eigenschaften, keine Abschaltungen und eine Ein-Fehler-Sicherheit. Damit bietet das IT-System von allen Netzformen die höchste Versorgungssicherheit. Der Isolationswiderstand im IT-System wird permanent durch ein Isolationsüberwachungsgerät gemessen, das bei kritischen Veränderungen einen Alarm erzeugt. Ein erster Isolationsfehler führt nicht wie im geerdeten System zur automatischen Abschaltung der Stromversorgung, sondern diese kann im Fehlerfall weiterbetrieben werden. Es versteht sich von selbst, dass Isolationsfehler auch im IT-System zeitnah beseitigt werden müssen, um das System auf einem hohen Isolationsniveau zu halten.
Die normative Basis
In der DIN VDE 0100-710:2012-10 [1] und im Beiblatt 1 vom Juni 2014 [2] sind die Schutzziele und der grundsätzliche Aufbau von Stromversorgungen im medizinischen Bereich beschrieben. Wesentliche Ziele sind die Vermeidung eines Totalausfalls der Stromversorgung sowie der Schutz des Patienten und des medizinischen Personals vor gefährlichen Berührungsspannungen nach Auftreten eines ersten Fehlers sowie die unmittelbare Information der Zuständigen über kritische Anlagenzustände. An der Unterteilung in drei unterschiedliche Raumgruppen 0, 1 und 2 hat sich nichts geändert.
Sicherheit durch Redundanz
Damit Verfügbarkeit und Ausfallsicherheit gewährleistet sind, schreibt die Norm eine redundante Auslegung der Stromversorgung im Krankenhaus durch Versorgung aus zwei unabhängigen Stromquellen vor. Die Systemstruktur muss im Bedarfsfall die automatische Umschaltung (nach DIN VDE 0100-560:2013-10, [3]) zwischen allgemeiner Stromversorgung (AV), Sicherheitsstromversorgung (SV, Stromerzeugungsaggregat mit Verbrennungsmotoren) und/oder batteriegestützter Sicherheitsstromversorgung (BSV nach DIN VDE 0558-507:2008-12, [4]) ermöglichen.
Die Umschaltung zwischen den unterschiedlichen Stromversorgungen darf weder medizinische elektrische Geräte beeinträchtigen noch Behandlungen stören. Normgerechte Umschalteinrichtungen mit sicherer Trennung gewährleisten, dass alle wichtigen Systeme zuverlässig weiterlaufen, wenn die Versorgung durch das Energieversorgungsunternehmen (EVU) oder wegen einer beschädigten Leitung ausfällt oder die Stromqualität, etwa durch Spannungseinbrüche oder -spitzen, schwankt. Die medizinischen Geräte sind so auszuwählen, dass sie mit der normgerechten Spannungsunterbrechung von max. 0,5 s bzw. max. 15 s (bis der Ersatzstrom-Generator gestartet ist und die Versorgung vollständig übernommen hat), ungestört betrieben werden können. Ist dies so nicht möglich, müssen auch sie aus einer geeigneten zwischengeschalteten BSV (batteriegestütztes zentrales Stromversorgungssystem) versorgt werden.
Literatur
DIN VDE 0100-710:2012-10 Errichten von Niederspannungsanlagen Teil 7-710: Anforderungen für Betriebsstätten, Räume und Anlagen besonderer Art Medizinisch genutzte Bereiche.
DIN VDE 0558-507:2008-12 Batteriegestützte zentrale Stromversorgungssysteme (BSV) für Sicherheitszwecke zur Versorgung medizinisch genutzter Bereiche. n
DIN VDE 0100-560:2013-10 Errichten von Niederspannungsanlagen Teil 5-56: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel Einrichtungen für Sicherheitszwecke.
Errichten von Niederspannungsanlagen Teil 7-710: Anforderungen für Betriebsstätten, Räume und Anlagen besonderer Art Medizinischgenutzte Bereiche; Beiblatt 1: Erläuterungen zur Anwendung der normativen Anforderungen aus DIN VDE 0100-710 (VDE 0100-710):2012-10
Weitere Bilder
Systemverteiler mit 12 x B16 Sicherungsautomaten ohne Bypass Schalter und ohne Einzelkreisfehlersuchsystem inkl. 6,3-kVA-Trafo (Quelle: Bender)
Friedhelm Dalitz (Quelle: Bender)
Abdurrahman Namdar (Quelle: Bender)
- F. Dalitz
- A. Namdar
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