Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
„Erstprüfung“ von elektrischen Maschinen (2)
Es ist viel Zeit ins Land gegangen, bis sich das zuständige DKE-Arbeitsgremium K 225 auf eine neue Ausgabe der DIN EN 60 204-1 (VDE 0113-1) einigen konnte. Die Übergangsfrist, in der noch die Vorgängerausgabe vom Juni 2007 angewendet werden konnte, endete im September 2021. Der Beitrag vergleicht beide Regelwerke, beschreibt Änderungen und geht auf Besonderheiten sowie Kuriositäten ein.
Bei den Prüfungen, die nach DIN EN 60 204-1 (VDE 0113-1) [1] durchgeführt werden können, kam die Isolationswiderstandsmessung bereits im ersten Beitragsteil zur Sprache. Da sie sich allerdings nur im spannungsfreien Zustand durchführen lässt und damit ein Abschalten der Anlage erfordert, steht die Fachkraft bei wiederkehrenden DGUV-V3 Prüfungen oft vor einem Dilemma.
Differenzstrommessung als Alternative zur ISO-Messung (als Empfehlung). Als Ausweichlösung zu einer nicht durchführbaren Isolationswiderstandsmessung könnte die Differenzstrommessung herangezogen werden. Sie ist zwar weder in der DIN EN 60 204-1 (VDE 0113-1) noch in der DIN VDE 0100-600 oder der DIN VDE 0105-100/A1 erwähnt, aber in der guten alten DIN VDE 0701-0702, die mittlerweile wieder in zwei Einzelnormen aufteilt wurde. Also, was ist falsch daran, eine Technologie einer artverwandten Norm zu verwenden? Wir machen definitiv nichts falsch, wenn wir um die Besonderheiten dieser Messung Bescheid wissen.
Übrigens: Das Schweizer Eidgenössische Starkstrominspektorat hatte in seinem Bulletin SEV/VSE 15/04 schon im Jahr 2004 darauf hingewiesen, dass beim Sicherheitsnachweis nach NIV unter bestimmten Bedingungen die Leckstrommessung anstelle der Isolationswiderstandsmessung angewendet werden darf. Das bedeutet, das Eidgenössiche Starkstrominspektorat gibt dem Prüfer entsprechende Verfahrensanweisungen und Spielregeln mit an die Hand, nach denen der Prüfer bei der Anlagenprüfung die Isolationswiderstandsmessung außen vorlassen darf. Das wäre auch für Deutschland wünschenswert.
Über das Messverfahren der Differenzstrommessung könnte eigentlich eine schöne Interpretation abgeleitet werden, gäbe es nicht die EMV-Filter, die in den meisten Maschinen eingebaut sind. Diese führen dazu, dass auf dem Schutzleiter inzwischen jede Menge Ableitströme gegen Erde abgeführt werden. Diese Schutzleiter(filter)ströme lassen allerdings keine Interpretation mehr zu hinsichtlich des Isolationsvermögens der Maschine oder Anlage. Hier wird der grün-gelbe Schutzleiter von der Industrie leider zweckentfremdet.
Zu den Besonderheiten gehört, dass wir überhaupt keinen Grenzwert in Bezug auf fest angeschlossene Anlagen bzw. Maschinen weder in der einen noch in der anderen Norm finden. Es scheint, als würde hier absolute Narrenfreiheit herrschen, als könnten die Maschinenhersteller hier tun und lassen, was sie wollen. In der Praxis werden an Maschinen nicht selten Ableitströme gemessen, die im zweistelligen Milliampèrebereich liegen. Woher nehmen sich die Hersteller die Freiheit, mit den Ableitströmen so freizügig umzugehen? Ganz einfach: Es gibt seit April 1998 eine ganz spezielle Norm, die DIN VDE 0160. Sie beschreibt unter den Punkten 5.2.11.1/5.3.2.1 (Hoher Ableitstrom über den Schutzleiter):
- Hat ein elektronisches Betriebsmittel bei bestimmungsgemäßer Verwendung dauernd einen höheren Ableitstrom als AC 3,5 mA oder DC 10 mA, so ist für den Schutz ein fester Anschluss erforderlich; dies ist in den Betriebsunterlagen anzugeben.
- … kann eine Person einem Ableitstrom ausgesetzt sein, der höher als die Grenze von AC 3,5 mA oder DC 10 mA ist … so lange keine internationalen Normen vorliegen, die das Verhindern, ist Folgendes vorzunehmen:
- Verlegung eines zweiten Schutzleiters
- Der Schutzleiterquerschnitt muss mindestens 10 mm2 betragen
- ein zweiter Schutzleiter muss elektrisch parallel zum ersten Schutzleiter liegen, über getrennte Klemmen führen …
Hier wurde also bewusst eine Lücke in die Norm eingebaut, die die Maschinenhersteller auch dementsprechend auszunutzen wissen. Damit Sie jetzt aber nicht sagen „Ja das war vor über 20 Jahren“: Nein, seit der letzten Normenänderung im Jahre 2007 und auch im Jahr 2019 finden wir in der geltenden Normenausgabe Ähnliches. Hier stand wohl die alte VDE 0160 Pate. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Normenwelt der Industrie gefällig ist.
Autor: T. Buchner
Der vollständige Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.
Quellen
[1] DIN EN 60 204-1 (VDE 0113-1):2019-06 Sicherheit von Maschinen Elektrische Ausrüstung von Maschinen.

