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Betriebsführung

Unfälle durch Pokémon Go

Crash! Boom! Bang! – und dann?

26.07.2016

Wenn der Azubi im Schaltschrank geröstet wird, weil er zwischen den Sammelschienen Pikachu fangen wollte, stellt sich die Frage: Haftet der Azubi oder der Elektrobetrieb?

Der Hype um Pokémon Go verwirrt die Sinne mancher Spieler:
  • In Bosnien jagten Spieler ihre Figuren auf einem Minenfeld aus der Zeit des Jugoslawienkriegs
  • In Deutschland fuhren Spieler mit ihren Autos in ein militärisches Sperrgebiet, auf dem eine Schießübung mit scharfer Munition stattfand
  • In Baltimore (USA) rammte ein Autofahrer einen Polizeiwagen, während er Pokémon Go spielte
  • In den USA wurden mehrere Motorradfahrer gestoppt, die ihr Smartphone für die mobile Pokémon-Jagd auf das Lenkrad montiert hatten
  • In Kalifornien stürzten zwei Spieler von einer 25 Meter hohen Klippe auf den Sandstrand; sie wurden nur leicht verletzt, mussten aber von der Feuerwehr gerettet werden
  • Im Bundesstaat New York prallte ein Autofahrer beim Pokémon-Spiel vor einen Baum
  • In Amsterdam tapsten Spieler durch die Notaufnahme des Akademischen Medizinischen Zentrums
  • Spieler schreckten auch nicht davor zurück, das Giftgasmonster Smogon ausgerechnet im Vernichtungslager Auschwitz zu jagen
Diese Bewerber für den Darwin Award sind keine schrägen Ausnahmen. Pokémon Go durchdringt längst den Alltag. Spieler torkeln gedankenversunken über Baustellen, Bahngleise, abgesperrtes Gelände und private Grundstücke. Auch Mitarbeiter mancher Firmen jagen während der Arbeitszeit eines der 151 Monster, die weltweit gefangen werden können. Das ist zwar nur selten gestattet, doch beim Spielen funktioniert das Hirn nach eigenen Regeln. Wer haftet bei Unfällen oder Schäden in der Freizeit?
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) klärt auf: Verletzungen Bei Verletzungen mit gesundheitlichen oder finanziellen Folgen greift die private Unfallversicherung. Die Frage nach der Schuld ist hier nicht relevant. Auch Pokémon Go-Unfälle durch eigenen Leichtsinn oder grobe Fahrlässigkeit sind von der privaten Unfallversicherung gedeckt. Verkehrsunfälle Grundsätzlich ist der zu Fuß gehende Spieler durch die Kfz-Haftpflichtversicherung des Autofahrers geschützt, mit dem er kollidiert. Wird jedoch bei Verkehrsunfällen ein Passant verletzt, der sich auf der Pokémon-Jagd in sein Smartphone vertieft hat, statt auf den Verkehr zu achten, kann er eine Mitschuld am Unfall tragen. Schäden
Verursachen Pokémon-Spieler Schäden, weil sie im Jagdfieber die Umwelt nicht mehr wahrnehmen, kommt dafür die private Haftpflichtversicherung auf. Die Schäden dürfen aber nicht vorsätzlich entstanden sein. Hausfriedensbruch
Auch Pokémon-Spieler dürfen private Grundstücke nicht ohne Erlaubnis des Eigentümers betreten. Trippelt ein Spieler mit sturem Blick aufs Smartphone durch ein privates Gartentor, kann der Grundstücksbesitzer die Polizei alarmieren und Anzeige erstatten. Im Gegensatz zu den USA befinden sich die Spieler hierzulande aber nicht in Lebensgefahr. Statt die trantütigen Pokémonistas kurzerhand zu erschießen, muss der Grundstücksbesitzer die deutschen Regeln beachten: Zuerst den Traumtänzer laut ansprechen und deutlich auffordern, das private Grundstück zu verlassen. Latscht der Spieler trotzdem weiter übers private Blumenbeet, darf der Besitzer die Polizei rufen. Wer haftet bei Unfällen oder Schäden während der Arbeitszeit?
Die Pokémon-Jagd ist reine Privatsache. Ob der Mitarbeiter während der Dienstzeit Pokémon Go spielen darf, hängt von der Toleranz seines Arbeitgebers ab. Hat der Arbeitgeber private Tätigkeiten am Arbeitsplatz verboten – z. B. privates Telefonieren und Mailen oder die Nutzung privater Smartphones –, kann er den Pokémon-Spieler für Schäden zur Verantwortung ziehen, die durch Unfälle im Zusammenhang mit dem Spiel entstanden sind. Das gilt erst recht, wenn der Arbeitnehmer Pokémon Go auf dem Diensthandy spielt. Hier macht sich der Pokémon-Spieler auch noch beim Datenschutz angreifbar. Der Azubi muss also damit rechnen, sich für den Schaden am Schaltschrank zu verantworten. Sofern er beim Ausflug in die virtuelle Welt von Pikachu nicht den Darwin Award in der Kategorie Pokémon Go gewann – einen Platz in der Urne auf dem Kaminsims.

Autor
Name: Jürgen Winkler