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Elektrotechnik
ZVEH-Jahrestagung 2003: Handwerksordnung und Meisterbrief auf der Kippe
ep8/2003, 1 Seite
Branche aktuell Elektropraktiker, Berlin 57 (2003) 8 586 Handwerksordnung wird praktisch ausgehebelt „Unter dem Deckmantel der Deregulierung soll eine Reform der Handwerksordnung durchgepeitschtwerden,diepraktischderen Abschaffung gleichkommt.“ Mit scharfen Worten kritisierte ZVEH-Präsident Karl Hagedorn (Bild ) die vom Bundeskanzler in der Agenda 2010 angekündigten Änderungen des Handwerksrechts. Der Gesetzesentwurf der Bundesregierung sieht vor, mehr als zwei Drittel aller bisherigen Vollhandwerke in die Anlage B zu verlegen. Hiervon betroffen wären auch die Informationstechniker. Von derzeit 94 Vollhandwerken sollen nur noch 29 gefahrengeneigte Handwerke - darunter das Elektrotechniker-Handwerk - in der Anlage A verbleiben. Hagedorn: „Unabhängig davon, dass das Kriterium der Gefahrengeneigtheit generell zu kurz greift, ist auch nicht nachvollziehbar, wieso das Informationstechniker-Handwerk als nicht gefahrengeneigt klassifiziertwird.Hierwirdeine Willkür an den Tag gelegt, die offensichtlich das Ziel verfolgt, möglichst viele Handwerksberufe in die Anlage B zu drücken, um damit den Zugang in die selbstständige Existenz ohne Meisterbrief zuzulassen.“ Der Meisterbrief soll nach den Vorstellungen der Bundesregierung in diesen Handwerksberufen nur noch ein freiwillig zu erwerbendes Zertifikat sein. Nach Ansicht des ZVEH-Präsidenten zeigt sich die von der Bundesregierung verfolgte Absicht, die Handwerksordnung (HwO) in ihrem Kern zu treffen und damit praktisch auszuhebeln, am deutlichsten in der vorgesehenen Regelung, dass Gesellen nach 10-jähriger Berufstätigkeit - davon insgesamt fünf in herausgehobener, verantwortlicher oder leitender Stellung - ohne weitere Qualifikation ein Handwerksunternehmen führen dürfen. Damit, so Hagedorn, werde die Meisterprüfung als Zugangsvoraussetzung für eine selbstständige Tätigkeit im Handwerk auch in den 29 in der Anlage A verbleibenden Berufen de facto aufgehoben. Leistungsfähigkeit des Handwerks ist bedroht Das neue Handwerksrecht soll angeblich „Existenzgründungen im Handwerk erleichtern, mehr Innovationen in Handwerksbetrieben ermöglichen und die Ausbildung im Handwerk attraktiver machen“. Karl Hagedorn: „Wie die Regierung auf Basis einer Zerschlagung der HwO Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen will, bleibt dem, der von der Materie etwas versteht, ein unergründliches Rätsel.“ Zur Zeit sei im Handwerk jeder zehnte Beschäftigte ein Lehrling: „Die Ausbildungsquote ist hier drei mal so hoch wie in der übrigen Wirtschaft.“ Würde der Meisterbrief nicht mehr Voraussetzung zur Selbstständigkeit sein, sei damit zu rechnen, dass Handwerksbetriebe allenfalls noch für den eigenen Bedarf ausbildeten. „Hier droht auf einen Schlag der Verlust von 60000 Ausbildungsplätzen. Darüber hinaus würde die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsbereichs Handwerk durch den nachhaltigen Abbau bewährter Qualifikationsstrukturen systematisch ausgehöhlt“, warnte der ZVEH-Präsident und fügte hinzu: „Vor dem Hintergrund ständiger Lobreden über die Leistungen des Handwerks ist es geradezu infam, wenn jetzt die Pläne zur Aushöhlung der Handwerksordnung auch noch begründet werden, indem man die volkswirtschaftlichen Leistungen des Handwerks herunter spielt und diskreditiert.“ „Es glaube doch selbst in der Regierung niemand ernsthaft“, so Hagedorn, „dass die Handwerksordnung Schuld daran sei, dass Deutschland wirtschaftliches Schlusslicht in Europa ist: Nicht eine bewährte Ordnungsstruktur ist hierfür maßgeblich, sondern ein unglaubliches politisches Fehlverhalten der Bundesregierung.“ Selbstverständlich sei das Handwerk zu geeigneten Reformen bereit und habe hierzu bereits weitreichende Vorschläge auf den Tisch gelegt. Diese zielten ab auf Dynamisierung, Flexibilisierung, Qualitätssicherung, Verbraucherschutz, Umweltschutz und Nachhaltigkeit und nicht auf die Zerschlagung unverzichtbarer mittelständischer Strukturen, von denen unsere Gesellschaft bislang erheblich profitiert habe. Bei der Betrachtung müsse man sich zudem bewusst machen, dass in den elektro- und informationstechnischen Handwerken innerhalb der letzten acht Monate die Ausübungs- und auch die Ausbildungsberufe neu geordnet wurden. „Hier sind Berufsbilder entstanden, die aktuellste Trends aufgreifen, sich nah am Markt und an der Betriebspraxis orientieren und den Gedanken der Kundenorientierung mehr als bisher in den Mittelpunkt rücken. Es wurden Konzepte erarbeitet und umgesetzt, die Zugang zu vielversprechenden Tätigkeitsfeldern wie etwa dem Wachstumsmarkt `Energie- und Gebäudetechnik' verschaffen“, unterstrich Hagedorn. Philipp: Qualifikation in den Mittelpunkt stellen Massive Kritik an der Bundesregierung und an den geplanten Änderungen der Handwerksordnung äußerte auf der ZVEH-Jahrestagung auch Handwerkspräsident Dieter Philipp (Bild ): „In der Wirtschaft ist der zyklische Automatismus, dass eine Krise bald wieder in einen Aufschwung münden muss, längst nicht mehr gegeben.“ Die deutsche Wirtschaft stagniere vielmehr im dritten Jahr und nun breche auch noch der Export weg. Somit werde Deutschland Schlusslicht beim Wachstum in Europa bleiben. Der Binnenmarkt stecke, so der Handwerkspräsident, seit Jahren in der Rezession. Das bekämen die elektro- und informationstechnischen Betriebe genauso ZVEH-Jahrestagung in Hamburg Handwerksordnung und Meisterbrief auf der Kippe Vielfältig waren die Schwerpunkte der diesjährigen ZVEH-Jahrestagung. Sie reichten von den aktuellen Konjunkturdaten der Branche über die neuen Ausbildungsberufe und geplante E-Check-Aktionen bis hin zu den Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf das Elektrohandwerk. Ein Thema sorgte allerdings für besonderen Zündstoff: Die geplante Änderung der Handwerksordnung. ZVEH-Vizepräsident Walter Tschischka, Präsident Karl Hagedorn und Hauptgeschäftsführer Heinz-Werner Schult: „Eine Aushöhlung der Handwerksordnung wird Ausbildungs- und Arbeitsplätze kosten“ Interessiert verfolgten die Teilnehmer die Ausführungen zu den von der Bundesregierung geplanten Änderungen in der HwO ZDH-Präsident D. Philipp
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