Leitungsanschlüsse mit gebogenen Ösen
Vorweg. Ich wundere mich stets über Forderungen (hier vom Kunden des Anfragenden aufgestellt), die sich pauschal auf VDE-Bestimmungen beziehen. Leider häufen sich solche Pauschalaussagen in letzter Zeit. Selbst Sachverständige treffen solche ungenauen Angaben. Es sollte doch möglich sein, normativ (mit Bezug auf entsprechende Normen und Normenabschnitte) begründete Beanstandungen vorzugeben.
Konkret. Ich kann dem Anfragenden versichern, dass es in den VDE-Bestimmungen der Normen der Reihe DIN VDE 0100 (VDE 0100) ein solches Verbot, für einen Anschluss eines Massivleiters mit Ösen, nicht gibt.
Als positiv könnte man Aussagen in anderen Normen bezeichnen, so z. B. in DIN VDE 0618-1 (VDE 0618-1) [1]. Hier gibt es im Abschnitt 3.2.5 folgenden Hinweis: „Klemmstellen müssen das Klemmen ohne besonderes Herrichten des oder der Leiter ermöglichen. Anmerkung: Der Ausdruck ,besonderes Herrichten‘ umfasst das Verwenden von Kabelschuhen, das Biegen von Ösen usw. [...]“.
Auch in DIN VDE 0611-4 (VDE 0611-4) [2] gibt es eine analoge Aussage. So heißt es unter 3.1.6: Mehrstöckige Verteiler-Reihenklemmen müssen das Klemmen ohne besonderes Herrichten der Leiter ermöglichen. Der Ausdruck ,besonderes Herrichten‘ umfasst das Verwenden von Kabelschuhen, das Biegen von Ösen usw. [...]“ Und es gibt noch mehrere Normen mit analogen Aussagen.
Das heißt zwar nicht, dass Ösen gebogen werden müssen, aber zumindest wird eine solche Anschlussart nicht ausgeschlossen.
Grundsätzliche Fragen. Es stellt sich für mich aber dennoch die Frage, wer heutzutage überhaupt noch korrekt Ösen biegen kann und dafür die notwendige Zeit aufwendet. Ich möchte dem Leser aber dieses Können nicht absprechen. Ich selbst habe in meiner Lehrzeit das Biegen von Ösen noch ausgeprägt lernen müssen und würde es mir auch heute noch zutrauen, ordnungsgemäße Ösen zu biegen
Zu den Kunden-Hinweisen. Fakt ist, dass in den VDE-Bestimmungen nur allgemeine Aussagen bezogen auf Anschlussstellen – sowohl für aktive Leiter als auch für Schutz- und Erdungsleitungen – enthalten sind. Für Erdungsleiter gibt es im Abschnitt 542.3.2 von DIN VDE 0100-540 (VDE 0100-540) [3] folgende Festlegung: „Der Anschluss eines Erdungsleiters an einen Erder muss fest und elektrisch zuverlässig ausgeführt werden. Die Verbindung muss durch Schweißen, Pressverbinder, Klemm- oder andere mechanische Verbinder hergestellt werden. Mechanische Verbinder müssen in Übereinstimmung mit den Herstellerangaben errichtet werden. Wenn ein Klemmverbinder verwendet wird, darf er den Erder oder den Erdungsleiter nicht beschädigen.“
Beim Anschluss der Erdungsleitung am Erder sind als Beispiele weder Kabelschuhe noch Ösen aufgeführt und in der Praxis sind solche Anschlüsse auch kaum machbar. Am anderen Ende der Erdungsleitung wird an der Haupterdungsschiene angeschlossen, an welcher, nach Betriebsmittelnorm, Anschlüsse über Ösen zulässig sind, siehe oben.
Die Stromtragfähigkeit steht nicht im Vordergrund, da Erdungsleitungen nur Fehlerströme – und diese auch nur kurzzeitig – führen müssen. In TN- und IT-Systemen braucht nicht mit signifikanten Fehlerströmen gerechnet zu werden, daher dürfen Erdungsleitungen im TN-und IT-Systemen wie die Schutzpoten-tialausgleichsleiter nach Abschnitt 544.1 von DIN VDE 0100-540 (VDE 0100-540) [3], d. h. wie Schutzpotentialausgleichsleiter bemessen werden, also z. B. mit 6 mm2.
Aufgrund der relativ kleinen Querschnitte bei eindrähtigen Leitern – max. 16 mm2 Cu – kann eine ordnungsgemäße Öse aber immer hergestellt werden.
Kontaktfläche/Auflagefläche. Bezüglich der Auflagefläche für einen Leiter mit Öse möchte ich behaupten, dass diese Fläche sogar größer ist als bei einem Leiter, der unter einem Klemmbügel angeschlossen wird und Klemmbügel sind auch nicht verboten. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, in einer Klemme mit einem Anschlussbereich „von bis“ (z. B. 2,5 mm2 bis 6 mm2) wird die Auflage beim kleineren Querschnitt und somit die Übergangsfläche für den Strom noch geringer sein. Solche Klemmen sind sogar für aktive, d. h. stromführende Leiter zulässig. Siehe hierzu auch die beiden Bilder aus Anhang D.2 von DIN EN 60947-1 (VDE 0660-100) [4] (Bilder 1 und 2).
Mechanische Zuverlässigkeit. Hier gilt, dass auch Kabelschuhe üblicherweise mit Schrauben befestigt werden müssen. Somit kann sich auch bei einer unsachgemäßen Verbindungstechnik und einem falschen Anziehdrehmoment die Anschlussstelle mit Kabelschuh lockern.
Fakt ist aber auch, dass eine ordnungsgemäß angezogene Schraubverbindung – unter Beachtung der vorgegebenen Drehmomente –sich nicht lockern kann. Das setzt voraus, dass die entsprechenden Verbindungselemente, insbesondere notwendige Setzelemente, z. B. Federringe, Spannscheiben usw. zur Anwendung kommen.
Literatur
DIN EN 60947-1 (VDE 0660-100):2015-09 Niederspannungsschaltgeräte Teil 1: Allgemeine Festlegungen.
DIN VDE 0100-540 (VDE 0100-540):2012-06 Errichten von Niederspannungsanlagen Teil 5-54: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel Erdungsanlagen und Schutzleiter.
DIN VDE 0611-4 (VDE 0611-4):1991-02 Niederspannungs-Schaltgeräte Mehrstöckige Verteiler-Reihenklemmen bis 6 mm2.
DIN VDE 0618-1 (VDE 0618-1):1989-08 Betriebsmittel für den Potentialausgleich Potentialausgleichsschiene (PAS) für den Hauptpotentialausgleich.
Weitere Bilder
- W. Hörmann
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