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Sicherheitstechnik

Betriebsblindheit

ep12/2010, 2 Seiten

Jeder kennt es – man kommt wieder und wieder an der gleichen Stelle vorbei und bemerkt nicht, dass sich in der Zwischenzeit etwas verändert hat. Im täglichen Leben kann das eher nebensächlich sein. Geht es jedoch um den Schutz von Menschenleben und Sachwerten, sollte ein solches Verhalten nicht vorkommen. Verhindern lässt es sich aber nicht vollständig.


Definition Mit Betriebsblindheit bezeichnet man allgemein unangemessene Wahrnehmungs- und Beurteilungstendenzen, die oft durch Routine verursacht sind. Klassisches Merkmal der Betriebsblindheit ist die eingeschränkte Wahrnehmung betrieblicher Abläufe und Zusammenhänge. Auswirkungen. In Produktionsprozessen kann sie zu einer geringeren Effektivität und damit zu Wettbewerbsnachteilen führen. In Bezug auf die Sicherheit eines Unternehmens kann sich daraus allerdings eine nicht zu unterschätzende Gefährdung ergeben. Abhilfe. Eine Betriebsblindheit kann i. d. R. nur durch Anstöße und Impulse von außen - von Nichtbetriebsangehörigen - erkannt und verändert werden. Das funktioniert aber nur, wenn die zuständigen Betriebsangehörigen bereit sind, sich helfen zu lassen. Gefahren ignorieren. Eine Art der Betriebsblindheit ist das regelmäßige Vorbeigehen an potentiellen Gefahrenpunkten, wie Installationsschächten, Zwischendecken- und Zwischenböden. Selbst mancher Sicherheitsverantwortliche vertritt die Ansicht: „Da ist sicher alles in Ordnung, denn da arbeiten nur Fachunternehmen.“ Eine grundsätzlich falsche Einstellung! Beispiel Flughafenbrand Ein bekanntes Beispiel ist wohl der Großbrand im April 1996 im Düsseldorfer Flughafen. Obwohl die VIP-Lounge der Fluggesellschaft Air France schon länger in Benutzung war, ist niemanden aufgefallen, dass eine Fluchttüre fehlte. Ursprünglich ein Fehler in Planung und Ausführung, dann aber ein Zeichen von Betriebsblindheit, denn immer wieder müssen Verantwortliche hier vorbeigegangen sein, ohne zu merken, dass es sich um eine Sackgasse handelte. Fast ein Jahr später konnte der Autor beim Besuch des Flughafens in einem Verbindungsgang (Fluchtweg) zwischen S-Bahnhaltestelle und Flughafengebäude in eine für Arbeiten teilweise geöffnete Zwischendecke sehen. Neben den unterschiedlichsten zusammen verlegten Kabeln (fehlende getrennte Verlegung) fiel eine „Konstruktion“ besonders auf: Ein Energieversorgungskabel verlief entlang des Ganges (ohne Brandschutzverkleidung). Daran war eine Videoleitung, welche deutlich an ihrer grünen Farbe erkennbar ist, mit Kabelbindern befestigt. Da der Verlauf dieser Leitung aber von der einen auf die andere Seite des Ganges führte,wurde die Videoleitung am letzten Kabelbinder fast rechtwinklig abgebogen und frei über den Gang hinweg gespannt. Es handelt sich um keine notwendige Leitung in einem Fluchtweg, sie war nicht eigengesichert und im Brandfall, nach dem Schmelzen der Kabelbinder, hätte sie auf der Zwischendecke gelegen usw. Die großen und für die Öffentlichkeit erkennbaren Mängel wurden medienwirksam beseitigt, an verdeckten Mängeln ging man jedoch regelmäßig vorbei. Im Falle eines erneuten Unglücks werden Antworten auf die folgenden Fragen fällig: · Wer hat den Mangel verursacht? · Wer hat ihn abgenommen? · Wer ist für Sicherheitsüberprüfungen zuständig? · Wer hat sonst noch in diesem Bereich gearbeitet und hätte auf diese Gefährdung aufmerksam machen müssen? · Wer von ihnen hätte die Gefahr erkennen können und beseitigen müssen? Umsatzsteigerung Besichtigung nutzen. Planer, Errichter und Dienstleister haben die Möglichkeit, die Betriebsblindheit beim Kunden für sich zu nutzen. Bei jeder Begehung - sei es bei der Inspektion/Wartung oder bei einer Instandsetzung - sollten nicht nur die eigenen Systeme in Augenschein genommen werden, sondern auch damit im Zusammenhang stehende sonstige Bereiche. Dabei getroffene Feststellungen werden mit dem Kunden besprochen und ggf. die Beseitigung des Mangels oder der Gefahrenstelle angeboten. Beispiel Kabeldurchführung. Ein typisches und immer wiederkehrendes Beispiel sind Kabeldurchführungen durch (Brand-) Wände und Decken. Ständig werden von den verschiedensten Firmen Kabel nachgezogen und anschließend vergessen, die Durchführung mit einem Brandschott zu verschließen. Dabei handelt es sich um eine Maßnahme, die z. B. im Rahmen einer Anlagenwartung ohne weiteres mit ausgeführt werden kann (Bild ). Richtige Kundenansprache. Allerdings ist darauf zu achten, in welcher Art und Weise der Kunde auf derartige Umstände anzusprechen ist. Nicht alle sind einsichtig und erkennen derartige Hinweise als Unterstützung an. Gelegentlich ist festzustellen, dass der Ansprechpartner verärgert reagiert, weil er die Betriebsblindheit mit eigenem Versagen gleichsetzt. Manche Mitarbeiter sehen gut gemeinte Hinweise sogar als einen persönlichen Angriff an. Fachkompetenz zeigen. Aber auch dann, wenn aus einer Gefahrensituation kein zusätzlicher Auftrag zu generieren ist, kann sie zum eigenen Vorteil genutzt werden. Die im Bild gezeigte Situation stellt ein Fluchttreppenhaus dar. Der zuständige Sicherheitsbeauftragte ist immer wieder unter normalen Bedingungen durch dieses Treppenhaus gegangen. Dabei ist ihm nichts BETRIEBSFÜHRUNG Elektropraktiker, Berlin 64 (2010) 12 1030 Betriebsblindheit A. Kraheck, Troisdorf Jeder kennt es - man kommt wieder und wieder an der gleichen Stelle vorbei und bemerkt nicht, dass sich in der Zwischenzeit etwas verändert hat. Im täglichen Leben kann das eher nebensächlich sein. Geht es jedoch um den Schutz von Menschenleben und Sachwerten, sollte ein solches Verhalten nicht vorkommen. Verhindern lässt es sich aber nicht vollständig. MEISTERWISSEN Autor Adolf Kraheck, Troisdorf, ist freier Fachautor auf dem Gebiet unabhängiger sicherheitstechnischer Beratung und Planung. Fehlendes Brandschott - typische Situation zum „Übersehen“ Fachkompetenz zeigen: fehlende Trittabsperrung kann im Panikfall zu schweren Verletzungen führen aufgefallen. Die Gefährdung liegt nun darin, dass bei mehreren Personen, die in einer Gruppe in Panik durch das Treppenhaus laufen, die an der Außenseite laufenden Personen mit den Beinen zwischen Treppe und Fenster rutschen können mit den entsprechenden Folgen. Der Hinweis, an dieser Stelle ein Geländer zu montieren, bedeutet u. a. · das Zeigen von Fachkompetenz durch Erkennen von Gefahrensituationen allgemein, · die Kontaktpflege zum Kunden, den man ansonsten vielleicht nur bei der Unterzeichnung von Arbeitsberichten trifft. Sensibilisierung der Belegschaft Um die vorgefundene Situation für das eigene Unternehmen nutzen zu können, bedarf es entsprechender Erfahrung und die Sensibilisierung aller Beschäftigten. Es reicht nicht aus, dass beispielsweise der Vertriebsmitarbeiter bzw. die Montageleitung derartige Situationen erkennen kann. Auch der Servicetechniker, bis hin zum einfachen Monteur, müssen ein Gespür für „Abweichungen vom Normalzustand“ bekommen. Schließlich könnte der Kunde etwas übersehen, was direkt oder indirekt die Funktion der eigenen Anlagen beeinträchtigt. Die Sensibilisierung der eigenen Mitarbeiter lässt sich nicht alleine durch Weiterbildungsmaßnahmen erreichen. Hierzu müssen diese in einem realen Objekt, z. B. bei der Inspektion einer Anlage, von einem erfahrenen Mitarbeiter begleitet werden. Dieser erklärt die entsprechenden Situationen und stellt den Zusammenhang in einem Sicherheitskonzept dar. Dokumentation Beim Thema Betriebsblindheit geht es auch um die Dokumentation der eigenen Leistungen. In den Zeiten zwischen zwei Inspektionen/Wartungen, z. B. einer Brandmeldeanlage (BMA), sieht der Errichter/Dienstleister seine einwandfrei funktionierende Anlage i. d. R. nicht. Er kann also nicht feststellen, was sich in der Zwischenzeit geändert hat. Beispiel. In einer Produktionshalle wurden neben den flächendeckenden Rauchmeldern zusätzliche Rauchmelder, auf Anweisung des Versicherers, unmittelbar über besonders gefährdete Maschinen installiert. Die Betriebsabläufe änderten sich und die Maschinen wurden vom Kunden in einer anderen Abfolge aufgestellt, ohne den Errichter zu beauftragen, die notwendigen Rauchmelder entsprechend zu versetzen. Bei einem Ausfall der Maschinen aufgrund eines Feuers wäre die Versicherung von ihrer Leistung befreit gewesen. Der Unternehmer könnte sich dann an den Errichter wenden, weil er diesen für verantwortlich hält. Der Errichter seinerseits muss dann unter anderem nachweisen können, · welche Vorgaben zu diesen besonderen Meldern bestanden, · welche Hinweise er dem Kunden für den Fall eines Umbaus gegeben hat und · dass die Maschine nach seiner letzten Anwesenheit im Objekt versetzt wurde. Die Dokumentation dient also nicht nur dem Nachweis einer einwandfreien Leistung, sondern vor allem zur Absicherung gegen Ansprüche nach einem Schadensfall. Fazit Die Betriebsblindheit eines Kunden ist prinzipiell seine eigene Angelegenheit. Planer, Errichter und Dienstleister in der Sicherheitsbranche werden damit aber mittelbar und unmittelbar konfrontiert. Einerseits entstehen so Lücken in dem Sicherheitskonzept und andererseits besteht die Möglichkeit, Gefahren zu vermeiden, Kompetenz zu zeigen und durch notwendige Arbeiten den eigenen Umsatz zu steigern. Was für das Unternehmen des Kunden gilt, ist aber ebenso ein Maßstab für das eigene Unternehmen. Die Arbeiten im eigenen Unternehmen sind auch nicht frei von der alltäglichen Routine. Elektropraktiker, Berlin 64 (2010) 12 Dokumentation Fortsetzung Dosen-, Gehäuse- und Schottsysteme für Brandschutzwände und -decken. KAISER Abschottungen schützen Leitungen und Rohre. Das feuer- und rauchdichte Dosenschott ist schnell und einfach mit einem Ø 74 mm KAISER Fräser montiert. Die innovative KAISER Systemlösung mit hohem Montagekomfort. · Sichere, sichtbare, zertifizierte Brandabschottung F30-F90 · Für die Wanddurchführung und -einführung · Ohne Spachteln und Schmieren · Selbständiges Abdichten der Fugen und Zwickel · Zerstörungsfreie Nachbelegung · Für Leitungsbündel oder einzelne Installationsrohre kai1110ep Dosenschott System DS 90 Brandneu. KAISER Elektroinstallations-Systeme Unterputz.Hohlwand.Betonbau.Einbaugehäuse.Erdung.Kabelverschraubungen Werkzeuge . Energieeffizienz . Brandschutz . Schallschutz . Bauen im Bestand www.kaiser-elektro.de . Tel. +49(0)2355.809.0 TECHNIK

Autor
  • A. Kraheck
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