Arbeits- und Gesundheitsschutz
Schutzkleidung für Kombimonteure
ep6/2008, 2 Seiten
Elektropraktiker, Berlin 62 (2008) 6 521 für Sie auf der intersolar 2008 12.6. bis 14.6.2008, Neue Messe München Messeplus-Angebot ep-Sonderhefte + Fachbuchangebot u.a. zum Thema Photovoltaik Besuchen Sie uns an unserem Messestand: Halle B6, Stand 723 Schutzkleidung für Kombimonteure Die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) soll umfassenden Schutz bieten und zudem in verschiedenen Tätigkeitsfeldern gleichzeitig einsetzbar sein. Das stellt hohe Anforderungen an die Materialien und setzt umfangreiche Tests voraus. In den Stadtwerken Karlsruhe hat man die geeignete Lösung für die 200 Kombimonteure gefunden. Der Verantwortliche für Arbeitssicherheit gibt Auskunft zu seinen Erfahrungen. Anspruchsvolle Ziele Zielsetzung war es, im Rahmen des Arbeitsschutzes für die in den Stadtwerken Karlsruhe tätigen 200 Kombimonteure eine PSA zu entwickeln, die für ihre breit gefächerten Tätigkeiten zugeschnitten ist. Diese erstrecken sich vom Schweißen im Rohrgraben bis hin zu Wartungsarbeiten an Schaltschränken im Nieder-und Mittelspannungsbereich. Dementsprechend muss die Schutzausrüstung sowohl gegen Hitze und Flammen, Störlichtbogen als auch gegen Funkenflug und flüssige Metallspritzer schützen. Erst nach einer umfangreichen Testphase haben die Stadtwerke Karlsruhe (SWK) ihre Kombimonteure mit speziellen Schutzanzügen (Bilder , ) ausgestattet. Resultat Der neue Anzug besteht aus einem einlagigen spinndüsen gefärbten Gewebe aus Nomex Comfort mit einem Gewicht von 300 g/m2 und einer Materialzusammensetzung von 93 % Nomex, 5 % Kevlar, 2 % P140-Antistatikfaser. Es ist zudem in den Unternehmensfarben gestaltet. Noch in diesem Jahr sollen die neuen Anzüge ausgeliefert werden. Aus den Erfahrungen lernen Dabei setzen die Stadtwerke auf ihre langjährigen Erfahrungen der Vergangenheit. Dazu hat der Autor beim Verantwortlichen für Arbeitssicherheit, Heinz Feuchter, nachgefragt, der bereitwillig dazu Auskunft erteilte. Die Stadtwerke Karlsruhe setzen bei der Schutzkleidung Gewebe aus Aramid-Markenfasern ein. Woraus resultiert diese Entscheidung? Heinz Feuchter: „Bereits vor 20 Jahren wurde von den SWK die damals übliche Elektriker-Arbeitskleidung aus Baumwolle durch Nomex-Schutzanzüge ersetzt. Wir wollten durch den Einsatz des flamm- und hitzefesten Aramidgewebes einen funktionellen Schutz für unsere Mitarbeiter vor Verbrennungen haben. Mit jeder folgenden Ausschreibung wurde die Kleidung in punkto Leistung und Komfort verbessert, wodurch die Akzeptanz bei den Mitarbeitern erhöht und die Zahl der Verletzungen verringert werden konnten. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass der anfängliche Mehrpreis über die lange Tragedauer mehr als aufgehoben wurde. Chemisch ausgerüstete Gewebe kamen für uns nicht in Frage, da die Schutzleistung irgendwann nicht mehr gegeben ist und dieser Zeitpunkt aber nicht erkennbar ist. Die Mitarbeiter schätzen den optimalen Schutz. Dr. Karl Roth, der technische Geschäftsführer der SWK, legte auch bei der Umstellung auf ein eigenes CI (Corporate Identity)- Bekleidungskonzept großen Wert auf die Beibehaltung des hohen Schutzes. Das Motto der Stadtwerke lautet schließlich ,,Versorgung mit Verantwortung“. Welche Tests wurden von Ihnen im Rahmen der Beschaffung vorgenommen? Feuchter: „Unser Ziel war es, einen maximalen Schutz bei gutem Tragekomfort zu erhalten. Deshalb hatten wir uns eine dreistufige Testreihe überlegt, um die Schutzwirkung und den Komfort der Anzüge zu überprüfen. Erste Testphase war ein dreimonatiger Trageversuch im Sommer 2006, bei dem die Anzüge unter den realen Arbeitsbedingungen Elektropraktiker, Berlin 62 (2008) 6 522 BETRIEBSFÜHRUNG eines Elektrikers und eines Gas-Wasser-Installateurs getestet wurden. Die Anzüge wurden von den Mitarbeitern als komfortabel eingestuft. Zur Überprüfung der Materialqualität und Pflegeeigenschaften wurden die Anzüge zudem alle drei Tage gewaschen. Das Handhaben der Wäsche wurde als einfach und problemlos bezeichnet. Die Anzüge erwiesen sich als farbbeständig und zeigten keine Abnutzungserscheinungen. Danach erfolgten Funktionstests beim Hersteller, die wir um eigene Leistungstests an Gewebemustern ergänzten.“ Wie sahen die Funktionstests im Einzelnen aus? Feuchter:„Um sich ein genaues Bild über die Schutzfunktionen machen zu können, wurden die Anzüge auch in einer Reihe von Tests in den Hersteller-Labors überprüft. Der Viersekunden-Beflammungstest am so genannten Thermo-Man ergab lediglich 13 % Verbrennungen zweiten und dritten Grades. Der ungeschützte Kopf wurde hierbei nicht mit berücksichtigt. Dies würde für einen beispielsweise 30 bis 39 Jahre alten Mitarbeiter eine Überlebenschance von 100% bedeuten.“ Am „Arc-Man“ wurde die Schutzwirkung gegen Störlichtbogen ebenfalls erfolgreich getestet. Zusätzlich wurden von mir dann noch zwei weitere Tests am Nomex-Gewebe mit 300 g/m2 durchgeführt. Diese orientierten sich an den Anforderungen im praktischen Arbeitsalltag. Bei Test 1 wurde das Gewebe vertikal aufgespannt und davor mit der Flex Stahl bearbeitet, sodass Funken direkt auf das Gewebe flogen. Das Gewebe ließ keinen Funken durch und zeigte keine Löcher. In einem zweiten Test wurde das Gewebe horizontal aufgespannt und direkt daneben eine Schweißnaht mit einem elektrischen Schweißgerät gezogen. Dies ergab lediglich eine leichte Verfärbung des Stoffes, jedoch keine Durchbrüche." In der neuen PSA wird mit einem Flächengewicht von 300 g/m2 ein schwereres Nomex-Gewebe eingesetzt als bisher - aus welchem Grund? Feuchter: „Der Kombimonteur ist ein neues Berufsfeld. Er verrichtet die Tätigkeiten eines Gasleitungsmonteurs und eines Elektrikers. Deshalb muss die Schutzbekleidung nicht nur gegen Störlichtbogen schützen und gute Flamm- und Hitzeschutzeigenschaften aufweisen, sondern auch einen wirksamen Schutz bei leichten Schweißarbeiten darstellen. Mit einem Gewebe aus Nomex Comfort mit 265 g/m2 Flächengewicht hatten wir den bei uns erforderlichen Störlichtbogenschutz erreicht, jedoch nicht den von uns gewünschten Schutz gegen Funkenflug sowie beim Schweißen gegen flüssige Metallspitzer. Gemeinsam mit Dupont und unserem Lieferanten Gross & Bukschat hatten wir deshalb eine leichte Erhöhung des Flächengewichts auf 300 g/m2 in Betracht gezogen, was letztendlich dank dem Weber IBENA sehr schnell als Gewebe umgesetzt wurde. Die erfolgreichen Trageversuche und Test zeigten uns, dass es die richtige Entscheidung war.“ Ist Schutzkleidung mit einem Flächengewicht von 300g/m2 noch tragbar? Feuchter: „Viele Elektriker und Schweißer werden auch heute noch beim Arbeiten von ihrer PSA mit Flächengewichten jenseits der 330 g/m2-Marke eher behindert. Es ist hinlänglich bekannt, dass eine als zu schwer empfundene Schutzausrüstung oftmals nicht oder nicht korrekt getragen wird. Aufgrund unserer praktischen Erfahrung gehen wir davon aus, dass die Wohlfühl-Grenze bei einem Flächengewicht von etwa 300 g/m² liegt. Deshalb kamen für uns nur leistungsstarke Aramidgewebe wie die aus Nomex infrage, die das von uns gewünschte komplexe Schutzniveau mit vergleichsweise wenig Gewicht erreichen.“ Wie sichern Sie die Qualität der von Ihnen eingesetzten Schutzkleidung? Feuchter: „Schutzausrüstung ist nur so stark wie das schwächste Glied. Deshalb wurde von den Stadtwerken Karlsruhe im Rahmen der Beschaffung nichts dem Zufall überlassen. Das Muster für den Schutzanzug wurde von unserem Lieferanten mit uns bis ins Detail besprochen und dokumentiert. So sichern wir, dass auch tatsächlich die Verarbeitung der gewünschten Gewebe, das Vernähen mit hitze- und flammfesten Nomex-Nähgarnen und die Verwendung von flammfesten Applikationen in der Produktion erfolgt. Die SWK zogen damit die Konsequenz aus einem Lichtbogenunfall aus dem Jahr 2005, der sich an einem 1-kV-Schaltkasten (Bild ) ereignet hatte. Der Lichtbogen war aus der Anlage auf den Mitarbeiter übergeschlagen. Dank seines Nomex-Schutzanzugs erlitt der Mitarbeiter lediglich ein paar Hautrötungen. Bei der Unfalluntersuchung fiel auf, dass dieses Gewebe dem Lichtbogen standgehalten hatte, aber die Beinnähte der Hose aufgegangen waren. Es stellte sich heraus, dass beim Vernähen des Schutzanzugs kein Nomex-Nähgarn sondern nur ein Baumwoll-Polyester-Gemisch eingesetzt wurde, das unter dem Hitzeeinfluss geschmolzen war. Mit der detaillierten Baumuster-Dokumentation schließen wir derartige Verarbeitungsmängel künftig aus.“ Wie setzt man aus Ihrer Erfahrung im Unternehmen eine qualitativ hochwertige Schutzausrüstung durch? Feuchter: „Auch wenn bei der Beschaffung das letzte Wort die Geschäftsführung hat, liegt die fachliche Verantwortung bei der Arbeitssicherheit. Wichtig bei der Einführung einer speziellen Schutzkleidung ist die klare Begründung und Argumentation. Auch die direkte Kommunikation mit der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat zur Festlegung der wichtigen Punkte und Vorgaben für den Einkauf sind wichtig. Damit ist die Arbeitssicherheit auch besser geschützt vor bösen Überraschungen, wie zum Beispiel aus Kostengründen eine ganz andere Bekleidung als die empfohlene zu erhalten. Dadurch, dass wir mit den richtigen Vorkehrungen einen Arbeitsunfall verhindern oder dessen negative Auswirkungen minimieren, erweisen wir dem Unternehmen und den Mitarbeitern als Ganzes einen Dienst.“ M. Rola Störlichtbogen-Unfall an einem 1-kV-Schaltkasten Foto: SWK PSA mit Schutzwirkung gegen Hitze und Flammen Fotos: Dupont multifunktionale PSA, geeignet für Arbeiten unter Spannung
Autor
- M. Rola
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