Elektrotechnik
Elektrounfälle in Land-/Forstwirtschaft und Gartenbau
ep8/2006, 3 Seiten
Elektropraktiker, Berlin 60 (2006) 8 648 FÜR DIE PRAXIS Arbeitssicherheit Unfallgeschehen 2002 Insgesamt ereigneten sich im Jahr 2002 in Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau 172 000 Unfälle, davon 233 mit tödlichem Ausgang. Die Entwicklung der tödlichen Elektrounfälle zeigt (Tafel ) - zum Vergleich ist in der Tafel auch die Entwicklung aller tödlichen Elektrounfälle für Deutschland insgesamt angegeben. Während tödliche Unfälle bezüglich Unfallhergang und Ursache sorgfältig untersucht werden (Kurzfassungen der tödlichen Elektrounfälle 2002 siehe Tafel ), konnte die folgende Auswertung nur anhand der Unfallanzeigen bzw. Durchgangsarzt-Berichte erfolgen. Die Angaben sind daher ungenau, z. B. fehlen Informationen über den Zustand der Installationen und die vorhandenen Schutzmaßnahmen gegen Gefährdung durch elektrischen Schlag. Die verwertbaren Daten sind in Tafel aufgeführt; der Vollständigkeit halber wurden auch vier Unfälle mit Elektrozäunen angegeben. Freileitungen und Erdleitungen Auffällig ist die Anzahl der Unfälle mit elektrischen Freileitungen oder Erdleitungen - die Betroffenen sind meist Versicherte der Gartenbau-Berufsgenossenschaft (GBG). Unfälle durch Annäherung an Freileitungen ereigneten sich bis zur Liberalisierung des Energiemarkts wenige - überwiegend im Obstbau und bei der Obsternte mit Aluminiumleitern. Seit der Liberalisierung des Energiemarkts ist die Anzahl dieser Unfälle offensichtlich ansteigend. Arbeiten wie das Pflegen und Freischneiden von Freileitungstrassen werden nicht mehr von den Netzbetreibern selbst durchgeführt, sondern vergeben. Die Auftragnehmer sind in der Regel Garten- und Landschaftspflegebetriebe, die von den Netzbetreibern auch die Verantwortung für das sichere Durchführen der Arbeiten übertragen bekommen. Diesen Unternehmen fehlen häufig die notwendigen Kenntnisse zur sicheren Planung, Koordinierung und Durchführung der Arbeiten - so der einschlägigen Vorschriften VSG 1.4 „Elektrische Anlagen und Betriebsmittel“, DIN VDE 0105 Teil 15 „Betrieb von Starkstromanlagen - Besondere Festlegungen für landwirtschaftliche Betriebsstätten“. Sechs von 14 Unfällen mit Freileitungen ereigneten sich bei derartigen Arbeiten auch bei der Verwendung von Hubsteigern und Teleskopsägen oder -scheren als Folge der falschen Einschätzung der Abstände zu den Freileitungen oder der Fallrichtung und -weite von Bäumen oder Ästen. Auch Missverständnisse bei Absprachen hatten schon tödliche Unfälle zur Folge - Beginn der Arbeiten vor Freischaltung der Freileitung durch den Arbeitsverantwortlichen! Fast immer sind Freileitungen im Mittelspannungsbereich (5 bis 60 kV) betroffen. Die BGen reagierten auf diese Entwicklung mit der BG-lichen Informationsschrift „Ausästarbeiten in der Nähe elektrischer Freileitungen (BGI 887)“, die für Auftraggeber und Auftragnehmer Hilfen zur Gefährdungsbeurteilung und Übertragung der Verantwortung gibt. Diese steht vor ihrer Inkraftsetzung. Die Unfälle mit Erdleitungen ereignen sich in der Regel beim Verlegen von Platten, Verbundpflaster o. ä. auf Bürgersteigen, beim Einschlagen von sogenannten Schnurnägeln und bei Bagger- oder Grabarbeiten. Die Ursachen der Unfälle liegen auch hier immer wieder im organisatorischen Bereich, da vor dem Beginn der Arbeiten keine ausreichende Informationen über die Verlegung der Kabel eingeholt wurden. Unfälle mit Freileitungen und Erdleitungen haben häufig schwerwiegende Verletzungen, z. B. Verbrennungen, mit längerer Arbeitsunfähigkeit (AU) zur Folge. Elektrounfälle in Land-/Forstwirtschaft und Gartenbau W. Hofmann, Kassel Die Anzahl der gemeldeten nicht tödlichen Elektrounfälle in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau ist in den letzten Jahren ansteigend gewesen, während die Anzahl der tödlich verlaufenen Elektrounfälle seit Mitte der 80er Jahre relativ gering ist und die Zahl von der Tendenz her abnimmt. Wesentliche Unfallbereiche werden näher betrachtet. Autor Dipl.-Ing. Wolfgang Hofmann, Bundesverband der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften, Hauptstelle für Sicherheit und Gesundheitsschutz, Kassel. Tafel Elektrounfälle in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und im Gartenbau Jahr Tödliche Tödliche davon (soweit Angaben vorliegen) Unfälle mit Unfälle Unfälle in der mit Frei- mit Frei- Verletzten BRD LUV1) Elektro- leitungen leitungen LUV1) anlage insgesamt und Leitern 1990 148 5 1 4 2 37 1991 108 4 2 2 - 86 1992 152 2 - 2 - 86 1993 113 4 1 1 - 81 1994 110 4 1 2 2 71 1995 94 4 3 1 - 95 1996 101 4 4 - - 71 1997 92 4 2 2 - 89 1998 88 7 6 1 - 89 1999 86 7 2 5 3 99 2000 100 1 - 1 - 102 2001 66 1 - 1 - 113 2002 65 3 1 1 1 132 2003 67 1 1 -- - 101 1) Zahlen der Landwirtschaftlichen Unfallversicherung (LUV) Tafel Tödliche Elektrounfälle in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und im Gartenbau im Jahre 2002 Unfallzeit- Personen Land Unfallhergang punkt m w Alter 13.05.2002 X 13 Schleswig- Der Verletzte führte Reinigungs-Holstein arbeiten an einem Hochdruckreiniger durch und erhielt vermutlich einen tödlichen Stromschlag. Bei der Untersuchung des Hochdruckreinigers und der elektrischen Anlage wurden keine Mängel festgestellt. 08.02.2002 x 21 Gartenbau- Beim Freischneiden einer Frei-BG leitung geriet der Landschaftspfleger von der Aluminiumleiter aus mit der Stangensäge an die 20-kV-Freileitung, stürzte von der Leiter und erlitt einen tödlichen Genickbruch. 06.08.2002 x 37 Gartenbau- Bei Straßenbauarbeiten wurde BG mit einer Metallspülspitze ein 400 V-Erdkabel beschädigt. Der Arbeiter erhielt einen tödlichen Stromschlag. EP0806-648-650 20.07.2006 11:58 Uhr Seite 648 Kleinspannung, Zündstromkreise Die Unfälle mit Kleinspannung (< 50 V) ereigneten sich in allen Fällen durch das Erzeugen von Kurzschlüssen in Einbauräumen von Starterbatterien. Beim Ein- und Ausbau wurde wohl immer die Grundregel missachtet, dass beim Ausbau die Masseverbindung zuerst gelöst und beim Wiedereinbau zuletzt angeschlossen werden muss. Die Unfallfolgen sind Verbrennungen. In drei von sechs Fällen wurde eine Arbeitsunterbrechung von mehr als drei Tagen gemeldet. Bei den Hochspannungsunfällen mit Zündstromkreisen von Freischneidern handelte es sich um einen Konstruktionsfehler an einem bestimmten Erzeugnis. Hier wurde vom Hersteller eine Nachrüstaktion durchgeführt. Elektrozäune Das Unfallgeschehen mit Elektrozäunen durch unmittelbare elektrische Einwirkung - Elektrozaunimpulse - hat ebenfalls steigende Tendenz. Ursache ist die zunehmende Verwendung leistungsstärkerer Geräte. Eine 1990 durchgeführte Untersuchung von 90 Unfällen mit Elektrozäunen ergab als Unfallursache ausschließlich mechanische Verletzungen, meist durch den Zaundraht beim Auf- und Abbau der Elektrozaunanlagen. Damals eingesetzte Elektrozaungeräte hatten allerdings nur etwa 1/10 der heutigen Leistungswerte. Die in den derzeit gültigen internationalen Normen festgelegte Begrenzung der Impulsenergie für in Europa eingesetzte Ge- Elektropraktiker, Berlin 60 (2006) 8 649 Arbeitssicherheit FÜR DIE PRAXIS Tafel Elektrounfälle in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau 2002 Ursachen, Gegenstände, Folgen Anzahl AU > 3 Tage Ausgewertete Unfälle insgesamt 132 62 Freileitungen > 1 kV 14 11 davon mit Leitern 3 2 davon mit Bäumen beim Fällen, Ausästen, mit Hebezeugen 11 9 Erdkabel, mit Schnurnägeln, bei Baggerarbeiten 23 3 Kleinspannung 12 V, Batterien, Verbrennungen 6 3 Zündstromkreise von Freischneidern, Hochspannung 4 2 Elektrozaun 4 - Blitzschlag, indirekt 1 1 In der elektrischen Anlage 230/400 V, davon 80 34 mit defekten Leitungen, Steckvorrichtungen, Geräten 49 18 durch unsachgemäßes Basteln unter Spannung, Lampenwechsel, Reparatur an Steckvorrichtungen, Abschneiden von spannungsführenden Leitungen 17 8 nach dem Durchschneiden/-trennen von Leitungen mit Rasenmähern, Heckenscheren 5 3 durch Berühren nicht abgedeckter spannungsführender Teile, z. B. in Verteilungen 6 1 zur Drehrichtungsänderung von Maschinen, Phasenwechsel 1 1 Installationsfehler 1 - Verletzter ist Elektrofachkraft 1 - 1) AU - Arbeitsunterbrechung EP0806-648-650 20.07.2006 11:58 Uhr Seite 649 räte auf 5 Joule bei einem Zaunwiderstand von 500 1 ist im Gegensatz zu den elektrophysiologischen Erkenntnissen zu Einwirkungen von Wechsel- oder Gleichströmen medizinisch nicht abgesichert. Von deutscher Seite wird im Rahmen der Normungsarbeit seit Jahren versucht, diese Begrenzung auch für alle Zaunwiderstandswerte unter 500 festzuschreiben. Dieser Vorschlag stößt jedoch auf erhebliche Widerstände des weltweit tätigen Marktführers aus Neuseeland. Die von den vier gemeldeten Unfällen betroffenen Personen konnten nach ärztlicher Untersuchung die Arbeit wieder aufnehmen, bleibende Schädigungen, z. B. Herzrhythmusstörungen, wurden nicht festgestellt. Verbraucheranlage Etwa 2/3 der Unfälle ereigneten sich in der Verbraucheranlage 230/400 V und davon wieder etwa 2/3 durch das Berühren fehlerhaft unter Spannung stehender Teile (häufig bedingt durch Isolationsschäden an Leitungen oder durch beschädigtes Gehäuse von Steckvorrichtungen oder Schaltgeräten). Betroffen sind · fast immer bewegliche elektrische Betriebsmittel, meist Verlängerungs- und Geräteanschlussleitungen, · aber auch elektrische Betriebsmittel, die gegen mechanische Beschädigungen ungeschützt angeordnet sind, z. B. auf Wänden montierte Steckvorrichtungen an Fahr- oder Arbeitswegen, exponiert angeordnete Schalter an Maschinen (Beschädigungen beim Transport). Siebzehn Unfälle ereigneten sich durch unzulässiges Arbeiten unter Spannung, z. B. beim Lampenwechsel an nicht ausgeschalteten Leuchten, bei Reparaturarbeiten an geöffneten Kupplungen von Verlängerungsleitungen, deren Stecker nicht vom Netz getrennt wurden und beim Abschneiden von lange nicht benutzten ortsfesten Leitungen, ohne zu prüfen, ob diese vorher freigeschaltet waren. In den letzten 25 Jahren ereigneten sich drei tödliche Unfälle dieser Art, wobei in zwei Fällen der Elektromeister selbst die nicht isolierte Zange in der Hand hatte! Das sehr häufig vorkommende Beschädigen oder Durchschneiden von Leitungen mit Rasenmähern, Heckenscheren oder Kettensägen bewirkt meist das Abschalten des vorgeschalteten Überstromschutzorgans oder auch des Fehlerstrom-Schutzschalters. Tritt dies nicht ein, steht das steckdosenseitige Ende der Leitung weiter unter Spannung - erst das gedankenlose Aufnehmen der Leitung kann dann zur Körperdurchströmung führen. Die genannten Gartengeräte oder Elektrowerkzeuge müssen schutzisoliert sein; eine direkte elektrische Gefährdung durch die Geräte kann ausgeschlossen werden. Einige Unfälle ereigneten sich auch dadurch, dass Verteilungen mit unzureichenden oder schadhaften Abdeckungen der spannungführenden Teile als Versteck zur Aufbewahrung von Schlüsselbunden o. ä. genutzt wurden. Ein Unfall ereignete sich beim Umklemmen der Leitungsanschlüsse zum Drehrichtungswechsel an einer Maschine. Im Rahmen der Herstellerberatung durch die BGen und bei Maschinenprüfungen wird schon seit Anfang der 80er Jahre mit gutem Erfolg auf die Verwendung von Phasenwendern bei Drehstromsteckern an Maschinen hingewirkt. Höhere Arbeitssicherheit durch den Einsatz von RCDs Nichttödliche Elektrounfälle bleiben, abgesehen von Sekundärverletzungen, z. B. durch Stolpern oder Fallen, in der Regel außer der ärztlichen Untersuchung, die die Unfallmeldung zur Folge hat, ohne weitere Folgen. Allerdings wurde bei 34 von 80 Unfällen in der Verbraucheranlage eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen gemeldet, meist bedingt durch stationäre Beobachtung des Verletzten. Dieser glimpfliche Ausgang der Unfälle mag auch dadurch bedingt sein, dass seit 1980 intensiv durch UVVen und Errichtungsnormen die Einführung der Schutzmaßnahme Fehlerstrom-Schutzschaltung mit IN 0,03 A in Steckdosenstromkreisen durch die BGen erfolgte. Zusätzlich wird durch intensive Beratungstätigkeit der technischen Aufsichtsdienste und des Elektrohandwerks erfolgreich versucht, die Unternehmen vom Nutzen einer Nachrüstung zu überzeugen. Aus den Untersuchungen der tödlichen Unfälle ist bekannt, dass bei keinem dieser Unfälle ein Fehlerstrom-Schutzschalter IN 0,03 A oder auch mit 0,3 A, wie er seit Jahren von den Sachversicherern für die Gesamtanlage gefordert wird, vorhanden war. Leider fehlen für diese Untersuchung der nicht-tödlichen Elektrounfälle meist solche Angaben. Fünf Unfallanzeigen ist der Hinweis zu entnehmen, dass ein Fehlerstrom-Schutzschalter IN 0,03 A im betroffenen Stromkreis nicht vorhanden war. In 13 Fällen wird das Abschalten des Fehlerstrom-Schutzschalters angegeben, davon in fünf Fällen mit der Folge einer Arbeitsunterbrechung von mehr als drei Tagen. Dabei ist zu bedenken, dass auch der Fehlerstrom-Schutzschalter IN 0,03 A den Körperstrom nicht begrenzen kann, sondern durch schnelles Abschalten die Einwirkungsdauer (max. 0,04 s) in einem Rahmen hält, der nach elektrophysiologischen Erkenntnissen keine Dauerschäden erwarten lässt. Häufig wird in den Unfallberichten angegeben, dass aufgrund des Unfalls ein Fehlerstrom-Schutzschalter IN 0,03 A nachgerüstet wurde. Stellung der Verletzten im Betrieb Tafel enthält eine Auswertung der betrieblichen Zuordnung der Verletzten zu den Unfallgegenständen Frei- und Erdleitungen, elektrische Anlage und sonstigen in Tafel genannten Unfallgegenständen. Zu ergänzen ist: · Bei Frei- und Erdleitungen waren die betroffenen Betriebsunternehmer und der mithelfende Familienangehörige Landwirte, die Arbeitnehmer waren überwiegend bei der GBG und sonst bei der LBG Berlin versichert. · Bei Unfällen mit der elektrischen Anlage ist die Konstellation ähnlich. Hier sind jedoch auch einige Arbeitnehmer aus landwirtschaftlichen Betrieben in den alten Bundesländern betroffen. Präventionsmaßnahmen Für die landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften (LBGen) und die Gartenbau-Berufsgenossenschaften (GBGen) bleibt der Auftrag, im Rahmen der Beratung der Unternehmer weiterhin Aufklärung zu betreiben und · auf die Gefährdungen durch den elektrischen Strom und den sicheren Betrieb der Anlagen hinzuweisen, · auf die regelmäßigen Prüfungen durch Elektrofachkräfte und die Zusammenarbeit mit dem Elektrohandwerk bei der Instandsetzung, Erweiterung und Änderung der elektrischen Anlagen hinzuwirken und · auf die Nachrüstung der elektrischen Betriebsanlagen mit hochwirksamen Schutzmaßnahmen hinzuwirken - die Fehlerstrom-Schutzschaltung mit einem max. Nennfehlerstrom von 0,03 A, möglichst in allen Endstromkreisen. Elektropraktiker, Berlin 60 (2006) 8 650 FÜR DIE PRAXIS Arbeitssicherheit Tafel Stellung der Verletzten im Betrieb Unfallgegenstand Betriebsunternehmer Mithelfender Familienangehöriger Arbeitnehmer Freileitungen, 5 1 31 Erdleitungen Elektrische Anlagen 25 15 40 Sonstiges 5 3 7 EP0806-648-650 20.07.2006 11:58 Uhr Seite 650
Ähnliche Themen
Autor
- W. Hofmann
Downloads
Laden Sie diesen Artikel herunterTop Fachartikel
In den letzten 7 Tagen:
Sie haben eine Fachfrage?
