Sternpunktbehandlung

Wie Netze gegenüber Erde betrieben werden

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Bei der Sternpunktbehandlung dreht es sich vordergründig gar nicht um den Sternpunkt und erst recht nicht nur um Anlagen über 1 kV. In diesem Fachbeitrag soll es auch um TN- und IT-Systeme gehen, um SELV sowie PELV und um das schöne Märchen vom isolierten Industrienetz, an dem noch so manch alter Hase hängt. Nicht nur die Zeiten haben sich geändert, sondern auch die Verbraucher in den Anlagen. 

Der größte Anteil der Anlagenfehler sind Erdschlüsse. Wie das Netz darauf reagiert, die Art und Einstellung vieler Schutzeinrichtungen und auch der Betrieb hängen davon ab, ob es sich um ein isoliertes oder geerdetes System handelt.

Isolierte Netze

Isolierte Netze sind solche, die keine direkte Verbindung zur Erde haben. In Anlagen bis 1000 V sind die einfachsten isolierten Systeme die Kleinspannung SELV und die Schutztrennung nach Bild 1.

Isolierte Netze haben den großen Vorteil, dass sie mit einem einpoligen (Erd-)Fehler weiterbetrieben werden können. Sie finden daher in kleineren Sicherheitskreisen, z. B. in Notbeleuchtungsanlagen und medizinischen Bereichen eine breite Anwendung als IT-Systeme. In Anlagen >1 kV sind isolierte Systeme auch als OSPE-Netze (OSPE = ohne Sternpunkterdung) bekannt (Bild 2).

In isolierten Wechselstromsystemen steht zwischen den Leitern die Leiter-Leiter-Spannung ULL an, gegenüber Erde davon jeweils der halbe Wert.

In ungestörten Drehstromsystemen (Bild 3) herrscht zwischen den Leitern die Spannung ULL und zwischen den Leitern und Erde jeweils die Spannung

(Gl. 1)

Formel

In Bild 4 sind die Spannungen bei einem widerstandsbehafteten Erdfehler in L1 dargestellt. Durch die Sternpunktverlagerung erhöhen sich die Leiter-Erde-Spannungen in den gesunden Leitern L2 und L3. Man erkennt leicht, dass bei einem widerstandslosen Erdschluss die Leiter-Erde-Spannung von L1 null wird, während sie in L2 und L3 die volle Leiter-Leiter-Spannung annimmt. (Dies war auch ein Grund, in medizinischen Bereichen Drehstromtransformatoren für IT-Systeme nicht mehr zuzulassen.)

Zwischen den isolierten Leitern untereinander und gegen Erde besteht ein elektrisches Feld (Le Monnier 1752) (Louis Guillaume Le Monnier (1717–1799)), das in Bild 2 durch die Leiter-Erd-Kapazitäten CE symbolisiert ist; die Leiter-Leiter-Kapazitäten sind hier nicht dargestellt.

Bei einem Erdfehler in L1 wird seine Erdkapazität CE kurzgeschlossen, und die Ladeströme der Erdkapazitäten der beiden gesunden Leiter addieren sich geometrisch zum sogenannten kapazitiven Erdschlussstrom. Sein Betrag ist

(Gl. 2)

Formel

(Kreisfrequenz ω = 2 ∙ π ∙ f)

Meistens gehen Erdfehler mit Lichtbögen einher. Bleibt ihre Stromstärke unter 10 A, verlöschen sie beim Nulldurchgang der Netzspannung, werden jedoch nach wenigen Millisekunden durch die wiederkehrende Spannung erneut gezündet (sogenannte intermittierende Erdschlüsse). Die bei jeder neuen Zündung auftretende Einschwingspannung erreicht Werte bis zu 3,5 · ULM. Bei einem solchen Trommelfeuer sind Überspannungsschäden kein Wunder.

Damit Lichtbögen von selbst dauerhaft verlöschen, dürfen ihre Ströme 35 A – 60 A nicht überschreiten (sogenannte Löschgrenze nach [1]). Anderenfalls weiten sich solche Fehler zu Kurzschlüssen aus. Bei 20 kV rechnet man mit einem kapazitiven Erdschlussstrom in Freileitungsnetzen überschläglich von 0,06 A/km, in Kabelnetzen sogar mit 4 A/km, sodass diese Grenze schnell erreicht ist und erdschlusskompensierende Maßnahmen erforderlich werden.

Sind in einem OSPE-Netz induktive einpolige Spannungswandler eingebaut, bestehen zusammen mit den Erdkapazitäten des Netzes alle Voraussetzungen für Schwingkreise. Geraten sie in Resonanz, werden meistens die Wandler zerstört. Man versucht, diesen sogenannten Ferroresonanzen die Schwingungsenergie zu entziehen, indem die in Reihe geschalteten und abgesicherten Hilfswicklungen e-n der Spannungswandler mit einem ohmschen Widerstand von etwa 20 – 40 Ω/500 W bebürdet werden.

Den aktuellen Wissensstand zu Kippschwingungen enthält [2].

Wegen des Vorteils, dass einfache Erdschlüsse nicht zur Abschaltung führen, werden nach wie vor auch ausgedehnte 500-V- bzw. 690-V-Industrienetze als isolierte (IT-) Systeme errichtet. Mit Blick aber auf die enormen Schäden durch Überspannungen sollten sie die ganz große und begründete Ausnahme bleiben. Erfahrungsgemäß fallen diesen Rückwirkungen vorwiegend elektronische Komponenten zum Opfer. Die Elektrofachkräfte in Unternehmen mit großen Industrie-IT-Netzen können ein Lied davon singen! Fehlerströme können darüber hinaus auf Dauer auch ein Brandrisiko bedeuten. Insofern ist es verständlich, dass nach [3] in IT-Systemen unter Tage oftmals schon Abschaltungen des ersten Erdfehlers verlangt werden. Hinzu kommt, dass trotz selektiver Erdschlusserfassung der Fehlerort ohne Suchschaltungen kaum zu finden ist, sodass ohnehin Betriebsunterbrechungen nötig sind. Zu bedenken ist auch, dass im Gegensatz zu Freileitungen in Kabelnetzen einem Erdschluss meistens eine äußere Kabelverletzung vorausgeht, die sich oft zu zweipoligen Fehlern ausweitet und damit ohnehin zur Abschaltung führt.

So attraktiv auch die Vorstellung vom Weiterbetrieb eines erdfehlerbehafteten IT-Systems ist – mit zunehmender Netzgröße werden die Auswirkungen der Spannungserhöhungen immer intensiver, während die Fehlersuche komplizierter wird.

Vor- und Nachteile isolierter Netze

Vorteile sind:

  • Das Netz kann bei Erdschluss weiter betrieben werden.

  • Die Beeinflussung fremder Anlagen ist wegen der relativ kleinen Erdfehlerströme gering.

  • Der Netzschutz ist unkompliziert.

Nachteile sind:

  • Bei Erdschluss erhöht sich die Spannung der gesunden Leiter gegen Erde auf die Leiter-Leiter-Spannung. Dadurch steigt das Risiko von Doppelerdschlüssen.

  • Bei intermittierenden Erdschlüssen entstehen hohe Einschwingspannungen mit Frequenzen von mehreren Kilohertz.

  • Das Auftreten von Ferroresonanzen ist sehr wahrscheinlich, wenn im Netz einpolige Spannungswandler betrieben werden.

Geerdete Netze

Netze können, wie in den Bildern 5 und 6 dargestellt, unmittelbar („starr“) oder mittelbar über eine Spule L bzw. einen ohmschen Widerstand R geerdet werden (Bild 7). Auch in Gleichspannungsnetzen ist es mitunter üblich, einen Leiter starr zu erden.

Starr geerdete Netze

In Anlagen bis 1000 V ist das einfachste geerdete System die Kleinspannung PELV nach Bild 5 als eine Funktionskleinspannung mit sicherer Trennung. Zwischen den Leitern steht die Leiter-Leiter-Spannung ULL an und zwischen dem nicht geerdeten Leiter und Erde die gleich große Leiter-Erde-Spannung U0.

In einigen Anlagen ist PELV nicht erlaubt, z. B. im Bereich von Schwimmbecken (DIN VDE 0100-702 (VDE 0100-702)[4]).

Die starre Sternpunkterdung SSPE ist dem Niederspannungselektriker aus den 0,4-kV-TT- und -TN-Netzen bekannt (Bild 6). Angewendet wird sie aber auch in 220-kV- und 380-kV-Übertragungsnetzen.

Hier stellt jeder einpolige Fehler einen einpoligen Kurzschluss dar. In den überwiegenden Fällen ist der einpolige Kurzschlussstrom I‘‘k1 größer als der dreipolige I‘‘k3, sodass auch er von den Kurzschlussschutzeinrichtungen sicher erfasst wird.

Zur erforderlichen Erdungsimpedanz des Sternpunktes in Netzen bis 1 000 V gibt es keine Vorgaben. Möglichst niederohmig sollte er schon sein. Die leider immer noch allgegenwärtigen 2 Ω stammen aus DIN VDE 0100 (VDE 0100):1973-5 [5] und werden selbst von den Experten immer wieder mit dem Schutzerdungswiderstand für Anlagen >1 kV verwechselt. Zu diesem Wert hieß es in DIN VDE 0100-410 (VDE 0100-410):
1983-11 [6], dass ein Gesamterdungswiderstand aller Betriebserder von 2 Ω ausreichend ist.

Damit war eindeutig nur der Niederspannungsbetriebserder gemeint und nicht etwa der Erdungswiderstand einer Transformatorenstation! Hintergrund dieser Forderung ist die gewünschte Spannungsbegrenzung bei Kurzschlüssen zwischen einem Außenleiter und dem N- oder PEN-Leiter. Bei Erdschluss eines Leiters nehmen nämlich durch die Sternpunktverlagerung die „gesunden“ Leiter gegen N oder PEN einen impedanzabhängigen Wert von 1,45 der Leiter-Erde-Spannung U0 an [7]. (Wie oben bereits gezeigt wurde, ist in einem isolierten Netz dieser Wert mit 1,73 ∙U0 deutlich höher).

In der Vergangenheit wurde der Sternpunkt des Transformators oft unmittelbar in der Trafobox geerdet. Das führte dazu, dass in unsymmetrisch belasteten TN-C-Netzen ein Teil des Betriebsstromes über Erdungsanlagen und das Potentialausgleichsystem zum Sternpunkt zurückfloss. Um das zu verhindern, sind einige Regeln zu beachten:

  • Ab Hauptverteiler ist konsequent ein TN-S-Netz zu errichten.

  • Der Sternpunkt des Transformators ist nach Bild 8 isoliert bis zur PEN-Schiene des Hauptverteilers zu führen. Dieser Leiter ist ein PEN-Leiter und daher grün-gelb zu kennzeichnen.

  • Nach der Aufteilung des PEN in PE und N wird die PE-Schiene an der gemeinsamen Erdungsanlage – ein einziges Mal – geerdet (zentraler Erdungspunkt (ZEP)).

  • Bei alternativer Versorgung, also z. B. aus Transformator 1 oder aus Transformator 2 sind die beiden Einspeiseleistungsschalter vierpolig auszuführen.

Von der Möglichkeit, bei Außenleiterquerschnitten > 35 mm2 den Querschnitt des PEN zu reduzieren, wird abgeraten, auch wenn sie bei Einhaltung der Bemessungsregeln für Neutralleiter nach DIN VDE 0100-520 (VDE 0100-520)[8] unter gewissen Umständen erlaubt ist. Der PEN sollte also leitwertgleich zu den Außenleiterquerschnitten ausgelegt werden.

Der Erdungsleiter zwischen der PE-Schiene und dem ZEP in Bild 8 muss thermisch in der Lage sein, den größten Kurzschlussstrom über eine Zeit zu führen, die durch den Kurzschlussschutz vorgegeben ist.

Das untenstehende Beispiel 1 (siehe Abschnitt Berechnungsbeispiele) zeigt eine Querschnittsermittlung nach DIN VDE 0100-540 (VDE 0100-540) [7].

In Hochspannnungsnetzen gelten nach DIN EN 50522 (VDE 0101-2) [9] weitere strenge Forderungen an die Erdungsanlage. Sie muss u. a. dafür sorgen, dass bei einem Erdfehler die zulässigen Berührungsspannungen eingehalten werden.

Vor- und Nachteile starr 
geerdeter Netze

Vorteile sind:

  • Gegenüber den isolierten oder mittelbar geerdeten Netzen treten die geringsten Überspannungen bis zu einer Größe von 1,8 ∙ULM auf.

  • Erdfehler werden durch den ohnehin notwendigen Kurzschlusschutz erfasst; ein zusätzlicher Schutz ist nicht erforderlich.

Nachteile sind:

  • Der erste Erdfehler führt zur Abschaltung des betroffenen Anlagenteils. Durch Ring- oder Maschennetze mit schnellen Umschaltungen kann dieser Nachteil aber weitgehend kompensiert werden.

  • Die relativ großen Erdschlussströme können zu einer starken Beeinflussung fremder Anlagen führen. Daher müssen z. B. nach [10] bei möglicher Beeinflussung von Telekommunikationsanlagen einpolige Fehler innerhalb von 200 ms abgeschaltet werden.

Niederohmige Sternpunkterdung
(NOSPE)

Die niederohmige Sternpunkterdung (NOSPE) hat sich vor allem in Kabelnetzen > 1 kV bewährt (Bild 7). Nach und nach rüsten die Energieversorger vorwiegend in Städten ihre Kabelnetze von RSPE auf NOSPE um und nehmen in Kauf, dass Erdfehler unverzüglich abgeschaltet werden.

Dazu wird der Sternpunkt des Transformators über einen ohmschen Widerstand geerdet, der einpolige Fehlerströme auf 500 A – 3 000 A begrenzt.

Sind Hochspannungsmotoren im Netz vorhanden, dürfen die Fehlerströme 100 A – 150 A nicht überschreiten; höhere Ströme ruinieren das Blechpaket bis zur Unbrauchbarkeit. Hierzu werden die Motorkabel mit Umbauwandlern ausgerüstet, die nach dem Prinzip des Fehlerstrom-Schutzschalters Erdfehlerströme erkennen und abschalten (Bild 9).

Zur Erfassung von Nullströmen in den Sammelschienen von Schaltanlagen eignet sich auch die sogenannte Holmgreen-Schaltung aus drei parallelen Stromwandlern.

In der Erdungsleitung des Sternpunktwiderstandes ist eine Strommessung erforderlich, um auch Widerstandsfehler erfassen zu können.

Der Leiterquerschnitt für den NOSPE-Widerstand richtet sich nach Fehlerstrom und Abschaltzeit und lässt sich nach [9] berechnen, wie im Beispiel 2 (siehe Abschnitt Berechnungsbeispiele) gezeigt ist.

Vor- und Nachteile der NOSPE

Vorteile sind:

  • Es treten keine stationären Spannnungserhöhungen im Netz auf.

  • Gegenüber SSTE gibt es nur eine geringe Beeinflussung fremder Anlagen.

  • Stationäre Spannungserhöhungen wie im isolierten Netz treten nicht auf.

  • Die vorübergehenden Spannungserhöhungen an der Fehlerstelle bleiben bei Werten von (0,8 – 1,1) ULM.

Nachteile sind:

  • Der fehlerbehaftete Netzteil wird unverzögert abgeschaltet.

  • Der Netzschutz ist aufwändiger als bei den anderen Arten der Sternpunkterdung.

Resonanzsternpunkterdung (RSPE)

Die Resonanzsternpunkterdung (RSPE) erfolgt nach Bild 7 über eine Induktivität (auch Löschdrossel oder Petersenspule, die 1917 von Waldemar Petersen (1880 –1946) erfunden wurde).

Angewendet wird sie in den meisten Mittelspannungsnetzen. RSPE-Netze können mit einfachen Erdfehlern weiterbetrieben werden. Die Netzbetreiber aber rüsten ihre RSPE-Kabel-Netze nach und nach auf NOSPE um, weil es sich gezeigt hat, dass die Lichtbögen bei Kabelfehlern wegen der Enge an der Fehlerstelle nicht von selbst verlöschen und sich letztlich zu Kurzschlüssen ausweiten, die in Schnellzeit abgeschaltet werden. Im Gegensatz dazu verlöschen Lichtbögen in Freileitungen von selbst, sofern die Löschgrenze nicht überschritten ist (siehe unter „isolierte Netze“), sodass die RSPE hier durchaus ihre Daseinsberechtigung hat.

Bei einem Erdfehler wird der kapazitive Erdschlussstrom an der Fehlerstelle durch den ihm gegenüber um 180° gedrehten induktiven Strom der Erdschlussspule kompensiert.

Theoretisch wäre bis auf einen ohmschen Restanteil eine Aufhebung dieser beiden Ströme möglich. Diesem kritischen Fall der Resonanz, bei dem bekanntlich Spannungs- bzw. Stromüberhöhungen auftreten, geht man dadurch aus dem Weg, indem die Netze leicht induktiv überkompensiert werden (ca. 5 – 10 %). Die Bezeichnungen „Resonanzsternpunkterdung“ und „gelöschtes Netz“ sind darauf zurückzuführen.

Es verbleibt also ein sogenannter Erdschlussreststrom IRES, dessen Größe sich bei dem Netzbetreiber erfragen lässt.

Die Kapazitäten einer Freileitung sind stark witterungsabhängig und abhängig vom sich ändernden Bewuchs der unter den Leitungen liegenden Flächen. Daher werden Freileitungen durch Verdrillen symmetriert. Leitungszu- und -abschaltungen führen ebenso zu Änderungen der Leiterkapazitäten. Zunehmend werden aber auch Oberschwingungen ein Problem, die ja wesentlich in die Größe der kapazitiven und induktiven Blindwiderstände eingehen [11]. Insgesamt ist es nötig, die erforderliche Induktivität der Erdschlussspule stets dem Netz anzupassen. Heute realisiert man das mit Verstimmungsgradreglern und Tauchkernspulen.

Dem Querschnitt der Erdungsleiter für die E-Spulen (stehen meistens im Umspannwerk) legt man nach [9] den größten Spulenstrom zugrunde. Die Querschnitte der übrigen Erdungsleiter, also auch in den Transformatorenstationen, werden nach dem Doppelerdschlussstrom I‘‘kEE dimensioniert. Falls dieser nicht bekannt ist, rechnet man mit

I‘‘kEE = 0,85 ∙I‘‘k (Gl. 3)

Die in den Anlagen notwendigen Spannungswandler für Mess-, Schutz- oder Steuerzwecke enthalten oft auch Hilfswicklungen e-n oder a-n. Diese werden zu einem offenen Dreieck (in Reihe) geschaltet und abgesichert. Im fehlerfreien Netz ist die Summe ihrer Spannungen gleich null. Bei einem Erdschluss oder einer Leiterunterbrechung heben sich die Spannungen nicht auf, es entsteht eine resultierende Spannung, die zur Erdschlussmeldung oder für das Verriegeln bestimmter Schaltvorgänge benutzt wird, die im Erdschlussfall nicht erlaubt wären. Unbenutzte Hilfswicklungen von induktiven Spannungswandlern sollten wie in OSPE-Netzen bebürdet werden, um Kippschwingungen zu vermeiden. Obwohl Kippschwingungen nur in isolierten Netzen auftreten können, haben Ereignisse in RSPE-Netzen gezeigt, dass sie im Verlauf von Schalthandlungen durchaus möglich waren.

Vor- und Nachteile der RSPE

Die Vorteile sind:

  • Das Netz kann im Erdfehlerfall weiterbetrieben werden.

  • Die Beeinflussung fremder Anlagen ist gering.

  • Lichtbögen verlöschen von selbst, sofern die Löschgrenze nicht überschritten ist und es sich um Freileitungsnetze handelt.

Die Nachteile sind:

  • Die Leiter-Erde-Spannung der gesunden Leiter erhöht sich bei Erdschluss um das √3-Fache. Damit besteht die Gefahr, dass ein weiterer Erdschluss in einem anderen Leiter hinzukommt (Doppelerdschluss).

  • An der Fehlerstelle können über längere Zeit (bis zu zwei Stunden) gefährliche Schritt- und Berührungsspannungen auftreten.

  • Schalthandlungen im erdfehlerbehafteten Netz führen zu Schwingungsvorgängen im Kilohertz-Bereich mit Spannungsüberhöhungen bis 2,5 ∙ULM, sodass nur unbedingt notwendige Schaltungen ausgeführt werden sollten.

Kurzzeitig niederohmige 
Sternpunkterdung (KNOSPE)

Nur der Vollständigkeit halber sei die kurzzeitig niederohmige Sternpunkterdung (KNOSPE) genannt, ohne auf sie weiter einzugehen. Sie wird als Suchschaltung in RSPE-Netzen angewandt, indem der Erdschlussdrossel vorübergehend ein ohmscher Widerstand parallelgeschaltet wird. Auf diese Weise entsteht ein NOSPE-Netz, in dem der Fehler selektiv abgeschaltet und somit die Lage der Fehlerstelle erkannt wird.

Berechnungsbeispiele

Beispiel 1

Aufgabe: Mit welchem Kupferquerschnitt ist der Erdungsleiter zwischen der PE-Schiene des Hauptverteilers und dem ZEP nach Bild 8 auszuführen? Der speisende Transformator hat eine Leistung von 630 kVA und eine Kurzschlussspannung uk = 4 %. Die unverzögerten Schnellauslöser am Einspeiseleistungsschalter schalten bei Kurzschluss laut Datenblatt in 30 ms ab.

Lösung: Der unterspannungsseitige Nennstrom In des Transformators beträgt bei U2 = 0,4 kV etwa 900 A.

Der unterspannungsseitige Kurzschlussstrom ist dann

(Gl. 4)

Formel

Der notwendige Querschnitt des Erdungsleiters ist

(Gl. 5)

Formel

Aus [13] Tabelle A.54.2 entnimmt man für einen PVC-isolierten Kupfereiter einen Wert von

(Gl. 6)

Formel

Eingesetzt erhält man den notwendigen Querschnitt zu

(Gl. 7)

Formel

Gewählt werden 35 mm2.

Das trifft auch für die Verbindung zwischen N- und PE-Schiene zu.

Beispiel 2

Aufgabe: Welcher Kupferquerschnitt ist für den Anschluss eines NOSPE-Widerstandes erforderlich, wenn der Fehlerstrom 3 kA beträgt und seine Abschaltung durch den Reserveschutz nach 5 s erfolgt?

Lösung: Aus Bild D.1 in [9] entnimmt man für Kupfer und eine Fehlerstromdauer von 
5 s eine zulässige Stromdichte von G = 
90 A/mm2.

Der gesuchte Querschnitt wird dann wegen

(Gl. 8)

Formel

Gewählt werden 50 mm2.

Fazit

Isolierte Netze sollten nur in Ausnahmefällen errichtet werden. In Anlagen bis 1 000 V gehören dazu Netze geringer Ausdehnung, wie in medizinisch genutzten Bereichen und Notbeleuchtungsanlagen.

OSPE-Netze in Anlagen >1 kV sollten nicht errichtet werden. Bestehende OSPE-Netze lassen sich vorteilhaft auf RSPE oder NOSPE umrüsten.

RSPE in Kabelanlagen >1 kV sollte ersetzt werden durch NOSPE, in Freileitungsanlagen kann RSPE durchaus sinnvoll sein.

Literatur

n


Bilder:


(1) Einfaches isoliertes Netz (Quelle: Schmidt, ep)

(2) Isoliertes Drehstromnetz (Quelle: Schmidt, ep)

(3) Fehlerfreies System (Quelle: Schmidt, ep)

(4) Widerstandsbehafteter Erdschluss in L1 (Quelle: Schmidt, ep)

(5) Einfaches geerdetes Netz (Quelle: Schmidt, ep)

(6) Starre Sternpunkterdung (Quelle: Schmidt, ep)

(7) Sternpunkterdung über L bzw. R (Quelle: Schmidt, ep)

(8) Typische Sammelschienenanordnung und ZEP (Quelle: Schmidt, ep)

(9) Anschluss eines Kabelumbauwandlers für den Nullstromschutz (Quelle: Schmidt, ep)

Literatur:

[1] [1] DIN VDE 0845-6-2 (VDE 0845-6-2):2014-09 Maßnahmen bei Beeinflussung von Telekommunikationsanlagen durch Starkstromanlagen Teil 2: Beeinflussung durch Drehstromanlagen.
[2] [2] DIN IEC/TR 61869-102 (VDE 0414-9-102):2015-02 Messwandler – Teil 102: Ferroresonanzschwingungen in Schaltanlagen mit induktiven Spannungswandlern.
[3] [3] DIN EN 50628 (VDE 0118-10):2016-11 Errichten elektrischer Anlagen im Bergbau unter Tage.
[4] [4] DIN VDE 0100-702 (VDE 0100-702):2012-03 Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 7-702: Anforderungen für Betriebsstätten, Räume und Anlagen besonderer Art – Becken von Schwimmbädern, begehbare Wasserbecken und Springbrunnen.
[5] [5] DIN VDE 0100 (VDE 0100):1973-05 (ungültig) Bestimmungen für das Errichten von Starkstromanlagen mit Nennspannungen bis 1 000 V.
[6] [6] DIN VDE 0100-410 (VDE 0100-410):1983-11 (ungültig) Errichten von Starkstromanlagen mit Nennspannungen bis 1 000 V – Schutzmaßnahmen – Schutz gegen gefährliche Körperströme.
[7] [7] DIN VDE 0100-442 (VDE 0100-442):2013-06 Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 4-442: Schutzmaßnahmen – Schutz von Niederspannungsanlagen bei vorübergehenden Überspannungen infolge von Erdschlüssen im Hochspannungsnetz und bei Fehlern im Niederspannungsnetz.
[8] [8] DIN VDE 0100-520 (VDE 0100-520):2013-06 Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 5-52: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Kabel- und Leitungsanlagen.
[9] [9] DIN EN 50522 (VDE 0101-2):2011-11 Erdung von Starkstromanlagen mit Nennwechselspannungen über 1 kV.
[10] [10] DIN VDE 0845-6-1 (VDE 0845-6-1):2013-04 Maßnahmen bei Beeinflussung von Telekommunikationsanlagen durch Starkstromanlagen – 
Teil 1: Grundlagen, Grenzwerte, Berechnungs- und Messverfahren.
[11] [11] Fassbinder, S.: Oberschwingungen stören die Erdschlusslöschung, Elektropraktiker, Berlin 66 (2012) 8, S. 646–648.
[12] [12] Schmidt, F.; Zimmer, A.: Mittelspannungsanlagen – Planung, Errichtung, Prüfung, Betrieb. 3., aktualisierte Auflage; Huss-Medien Berlin, 2016.
[13] [13] DIN VDE 0100-540 (VDE 0100-540):2012-06 Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 5-54: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Erdungsanlagen und Schutzleiter.

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Wir erklären regelmäßig wichtige Fachbegriffe aus der Elektrotechnik, um den Wissensspeicher zu erneuern. Heute: Der Potentialausgleich.

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