Sicherheit und Zuverlässigkeit elektrischer Anlagen im Fokus

Im Dienste der Schadenverhütung

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Nach mehrjährigen Abstimmungsprozessen ist nun die Novelle der DIN VDE 0100-712 erschienen. Lutz Erbe hat im DKE-Arbeitskreis 221.5.2 für PV-Anlagen an dieser neuen Norm mitgearbeitet. Der studierte Elektrotechniker hat elf Jahre in einem Industriebetrieb in der Instandhaltung gearbeitet und befasst sich seit 15 Jahren bei der VGH Versicherung Hannover mit der Schadenverhütung. Zudem ist er als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger tätig. Zu seiner Arbeit im Dienste der Schadenverhütung fragte der ep bei Lutz Erbe nach.

Herr Erbe, würden Sie sagen, dass Ihnen die Sicherheit von elektrischen Anlagen besonders am Herzen liegt?

L. Erbe: Auf jeden Fall, als Mitarbeiter der Schadenverhütung eines Sachversicherers hat man meist den Sachschutz im Fokus, aber in der Elektrotechnik ist der Personenschutz damit untrennbar verbunden. Auch erlebe ich bei Schulungen von Elektrofachkräften immer wieder, dass die Befürchtung, für einen Sach- oder Personenschaden verantwortlich gemacht zu werden, bei der täglichen Arbeit der EFK nie ausgeblendet werden kann.

Wie sieht Ihr ganz normaler Arbeitstag aus?

L. Erbe: Das Schöne an meiner Tätigkeit ist, dass es keinen „normalen“ Arbeitstag gibt. So gibt es einerseits die Ortstermine zur Schadenbegutachtung oder Risikoabschätzung. Andererseits gibt es Arbeitsgruppen bei DKE und GDV, an denen ich teilnehme, sowie zu leitende Schulungen oder zu haltende Vorträge auf Fachtagungen. Einige Tage Büroarbeit sind natürlich auch nicht zu vermeiden.

Welche Ursachen haben Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Schäden oder Mängel?

L. Erbe: Bei Bestandsanlagen treffe ich immer wieder auf Instandhaltungsmängel, Verschleiß und Überalterung im Zusammenspiel mit nicht durchgeführten Prüfungen oder nicht bestimmungsgemäßem Einsatz von Betriebsmitteln. Des Weiteren gibt es Häufungen bestimmter Fehler, wie z. B. die mangelhafte Installation von Überspannungsschutzgeräten oder Montagefehler beim Anschluss von Aluminiumkabeln. Bei den Neuanlagen sind für mich zu viele Planungs- und Montagefehler auffällig. Dies betrifft oft PV-Anlagen, in industriellen Anlagen treten diese Fehler sehr viel seltener auf. Dabei muss ich natürlich immer berücksichtigen, dass ich ja meist nur die Anlagen sehe, bei denen bereits Schäden oder Probleme vorliegen. So ist meine Sicht hier hoffentlich nicht repräsentativ.

Mit der Photovoltaik befassen Sie sich seit 2010 sehr intensiv. Wie kam es dazu?

L. Erbe: Der ab 2010 durch die Änderungen der Einspeisevergütung ausgelöste Boom bei der Errichtung von PV-Anlagen musste auch in der Versicherungswirtschaft technisch begleitet werden. Da ich bereits 1990 in meiner Diplomarbeit mit einer Gruppe Studenten eine PV-Anlage aufgebaut, den Wechselrichter und die Steuerung entworfen und gebaut hatte, habe ich die Entwicklung natürlich sehr genau beobachtet. Da lag es nahe, in den entsprechenden Arbeitskreisen des GDV und der DKE auch Aufgaben zu übernehmen. So konnten wir beispielsweise 2011 den VdS-Leitfaden „PV-Anlagen“ fertigstellen.

Welche künftigen Herausforderungen sehen Sie für das Elektrohandwerk hinsichtlich der Qualität und der Sicherheit von elektrischen Anlagen?

L. Erbe: Hier sehe ich in vielen Punkten einen Weiterbildungsbedarf der Handwerker. Es reicht nicht aus, dass allein der Meister einmal im Jahr eine Fachtagung besucht. Die Elektrofachkraft arbeitet eigenverantwortlich und muss als ausführende Fachkraft ihre Kenntnisse auf dem Stand der Technik halten. Hierzu gehören aus meiner Sicht eben auch Mindestkenntnisse in normativen Vorgaben. Allein den Stand zu halten wird umso schwerer, da zurzeit in vielen Betrieben erfahrene Mitarbeiter altersbedingt ausscheiden und ersetzt werden müssen, qualifizierter Nachwuchs aber knapp ist.

Die Versicherungsbranche steht vor großen Herausforderungen. Würden Sie sagen, dass heute die Schadenverhütung eine besondere Rolle einnimmt?

L. Erbe: Seit mehreren Jahren sind die Schadenquoten in Industrie, Gewerbebetrieben und kommunalen Objekten zu hoch. Dies hat im Zusammenhang mit der zunehmenden Wertkonzentration in diesen Objekten zur Folge, dass der Versicherungsschutz für manche Betriebe nun gänzlich in Frage gestellt ist. Um in diesen Bereichen weiter Versicherungsschutz anbieten zu können, reicht eine einfache Erhöhung der Versicherungsprämien nicht aus. Die Anforderungen an den technischen und organisatorischen Brandschutz steigen in manchen Branchen erheblich. Aus meiner Sicht müssen hier auch die Instandhaltungsprozesse kritisch geprüft, bewertet und optimiert werden. Im Bereich der Schadenverhütung müssen dabei höhere Anforderungen an die „kritischen“ Betriebe gestellt und auch durchgesetzt werden.

Die gut ausgebildete Elektrofachkraft ist hier an vorderster Linie gefragt, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit einer elektrischen Anlage auch bei steigenden Anforderungen an die Verfügbarkeit und bei höheren Vernetzungsgraden der Anlagen zu gewährleisten. n


Bilder:


(1) Fachautor Lutz Erbe

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