Mit sicherer Stromversorgung wettbewerbsfähig bleiben

Errichten einer neuen MS-Schaltanlage bei einem Chemieunternehmen

ep/2016/07/ep-2016-07-603-605-00.jpg
ep/2016/07/ep-2016-07-603-605-01.jpg
ep/2016/07/ep-2016-07-603-605-02.jpg

pdf Artikel als PDF-Datei herunterladen

Störungen und Ausfälle bei Produktionsanlagen und -maschinen können erhebliche finanzielle Auswirkungen haben. Deswegen spielt nicht nur die Instandhaltung, sondern auch die zuverlässige Stromversorgung für viele Unternehmen eine wichtige Rolle. 

Eine optimale elektrische Energieversorgung stellt eine bessere Anlagenverfügbarkeit sicher und sorgt für Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen. Beim Chemieunternehmen Kronos Titan am Standort Nordenham haben Mitarbeiter der Wisag, einem der größten Industriedienstleister in Deutschland, im Zuge von Modernisierungsmaßnahmen eine der derzeit modernsten Mittelspannungsschaltanlagen installiert (Bilder 1 und 2).

Kronos ist weltweit der fünftgrößte Hersteller von Titandioxid-Pigmenten und in Deutschland, über die 100-prozentige Tochtergesellschaft Kronos Titan, größter Produzent. Die Produktionskapazität liegt bei 550 000 t Titandioxid pro Jahr. „Die chemische Industrie steht mit ihren Produkten in einem harten internationalen Wettbewerb. Mit diesen müssen wir uns auf dem Weltmarkt behaupten. Ein wichtiger Faktor für die internationale Wettbewerbsfähigkeit dieser Produkte ist eine bestmögliche und zuverlässige Energieversorgung“, erläutert Olaf Steinhardt, EMSR-Ingenieur bei Kronos Titan in Nordenham.

Eigenes 6-kV-Werksnetz

Das Werk wurde 1969 in Betrieb genommen.Für die elektrische Stromversorgung der Produktionsanlagen steht ein eigenes 6-kV-Werksnetz mit isolierter Sternpunktbehandlung zur Verfügung. Die Einspeisung der 6-kV-Industrieschaltanlage erfolgt vorrangig über einen 110/6-kV-Transformator und im Bedarfsfall über einen 20/6-kV-Reservetransformator. Beide Netzanschlusspunkte sind unabhängig voneinander. Der Energiebedarf wird vorrangig von einem eigenen Gas-und-Dampf-Kraftwerk erzeugt. Überschüssige Energie speist das Unternehmen in das vorgelagerte Netz.

Im Zuge der Erneuerung galt ein besonderes Augenmerk der Erweiterbarkeit bzw. die Integrationsfähigkeit von zwei weiteren 6-kV-Unterstationen. Hierfür wurde eine komplett neue 6-kV-Schaltanlage in einem ebenfalls neuen Anlagengebäude errichtet. Voraussetzung für die Modernisierung der Anlage war die Erweiterbarkeit und Kompatibilität mit den vorhandenen Anlagen und der Leittechnik vor Ort.

Vorbereitende 
Maßnahmen

Vor der eigentlichen Montage der Schaltanlage musste ein Flureisenrahmen als Aufstellfläche vorbereitet werden. Henrik Dalchow, Projektleiter bei der Wisag Elektrotechnik in Bremen, berichtet: „Die Arbeiten erforderten ein hohes Maß an Genauigkeit, da hier lediglich eine Toleranz von einem Millimeter pro Meter zugelassen ist. Eine weitere Herausforderung war die Positionierung der ersten Schaltfelder auf den jeweiligen Flureisenrahmen. Dadurch, dass im Endstadium die Anlagenlänge ein beträchtliches Maß annimmt, musste auch hier mit einem hohen Maß an Präzision gearbeitet werden, damit die Anlage nicht aus der Flucht läuft.“

Zusätzlich war Präzisionsarbeit auch bei der Montage der verbauten Druckentlastung zwingend nötig, die zum Absorbieren des auftretenden Gasdrucks im Störlichtbogenfall dient, da sonst die Felder nicht mehr aneinandergereiht werden konnten. Sobald das erste Feld fixiert war, wurden die nächsten Felder sukzessive mit silikonisolierten Steckverbindungen zusammengefügt. Die Verbindung musste vor dem Einbau auf Beschädigungen und Fremdkörper gründlich geprüft und gereinigt werden. Dalchow weiter: „Im gesamten Projektverlauf war die Kommunikation und Abstimmung mit dem Kunden sowie dem jeweiligen Energieversorgungsunternehmen für die Einspeisung von primärer Wichtigkeit.“

Umrüstung im laufenden 
Produktionsbetrieb

Für die Einbindung der Leit- und Schutztechnik wurde jeweils ein Schutzrelais vom Typ ABB REF 630 montiert. Die Installation der Mittelspannungsschaltanlage erfolgte unabhängig von der Produktion bei Kronos Titan. Lediglich der Umschluss, sprich das Einbinden der Neuanlage in die Bestandsanlage, wurde in einem relativ engen Zeitfenster von drei Tagen realisiert. Olaf Steinhardt: „Unser vorrangiges Ziel war es, die Anlage im laufenden Produktionsbetrieb ohne Abschaltungen umzuschließen und in Betrieb zu setzen. Vorher existierte keine redundante Anbindung der unterlagerten Schaltanlagen, keine Längskupplung sowie keine unterbrechungsfreie Freischaltmöglichkeit für Revisionen. Im Zuge der Modernisierungsmaßnahmen haben die Wisag-Ingenieure nun ein Maximum an Anlagen- und Personensicherheit geschaffen. Ferner sind die Anlagen erweiterbar, sodass hier im Nachgang zusätzliche Einspeisungen hergestellt werden können.“

Aufgrund der guten Projektleistungen hat der Industriedienstleister Wisag im Nachgang einen langfristigen Wartungsvertrag bezüglich der montierten Komponenten erhalten. Dieser impliziert eine 24-Stunden-Rufbereitschaft für die Anlagen. Dalchow: „Die Produkte der chemischen Industrie müssen auch zukünftig innerhalb einer funktionierenden Wertschöpfungskette in Deutschland produziert werden. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür ist eine sichere Stromversorgung. Wir freuen uns, mit unserem technischen Know-how einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können.“n


Bilder:


(1) Die Installation der neuen Mittelspannungsschaltanlage erfolgte unabhängig von der laufenden Produktion

(2) Der Umschluss, sprich das Einbinden der Neuanlage in die Bestandsanlage, wurde in einem relativ engen Zeitfenster von drei Tagen realisiert

Anzeige

Fachartikel zum Thema

  1. Dauerbelastung von Schuko-Steckdosen

    Mich interessiert, in welcher Norm das Thema Dauerbelastung geregelt ist? Hier interessiert mich besonders die Belastbarkeit von Schuko-Steckdosen. Wenn diese für einen Nennstrom 16 A ausgelegt sind, müssten sie doch auch dauerhaft (wirklich dauerhaft (z. B. mit einem Heizlüfter)) mit 16 A...

    ep 09/2019 | Elektrosicherheit, Installationstechnik, Energietechnik, Schutzmaßnahmen, Sonstige Installationsgeräte, Elektromobilität

  2. Ladeinfrastrukturen für 
Elektrofahrzeuge

    Teil 2: Stromversorgung und allgemeine Merkmale Bei Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge handelt es sich längst nicht mehr nur um einfache Steckdosen im Außenbereich. Vielmehr sind es komplexe Ladeeinrichtungen, die beim Errichten und Betreiben das Beachten weitaus mehrerer Aspekte erfordern....

    09/2019 | Energietechnik, Elektromobilität

  3. Energie – Erzeugung, 
Handel und Transport

    Teil 3: Energiewende – Fortschritt und Stillstand

    Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie legte seinen Zweiten Fortschrittsbericht zur Energiewende für das Berichtsjahr 2017 vor. Begleitet werden diese Ausführungen zur „Energie der Zukunft“, so der Titel, von der Stellungnahme einer unabhängigen Expertenkommission. Sowohl der Bericht...

    09/2019 | Energietechnik/-anwendung, Energietechnik, Regenerative/Alternative Energien, Energieerzeugung, Energieverteilung

  4. Elektrofahrzeuge 
schneller laden

    Höhere Ladeleistung durch gekühltes Steckersystem

    Die Akzeptanz der Elektromobilität hängt – besonders bei weiten Strecken – 
in hohem Maße von den Ladezeiten ab. Mit High Power Charging (HPC) gibt 
es eine Ladetechnik, die den Akku in drei bis fünf Minuten für eine Reichweite von 100 km lädt.

    09/2019 | Energietechnik, Elektromobilität

  5. Veränderte Anforderungen 
in der Energieverteilung

    Diskussionsforum für aktuelle Entwicklungen in der Mittelspannung

    Die Energieverteilung von morgen: Sie stand im Fokus der nunmehr sechsten 
Ormazabal-Techniktagung, zu der im Juli über 250 Gäste ins Rottweiler Kraftwerk kamen, um gegenwärtige Trends für eine zukunftsweisende Energieverteilung zu diskutieren. Der ep nahm diese Veranstaltung zum Anlass für ein...

    09/2019 | Energietechnik, Mittelspannungstechnik

  6. Ladeinfrastrukturen für 
Elektrofahrzeuge

    Teil 1: Anschluss- und Ladebetriebsarten

    Bei Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge handelt es sich längst nicht mehr nur um einfache Steckdosen im Außenbereich. Vielmehr handelt es sich um komplexe Ladeeinrichtungen, die beim Errichten und Betreiben das Beachten weitaus mehrerer Aspekte erfordern. Dieser Fachbeitrag gibt einen...

    08/2019 | Energietechnik, Elektromobilität

  7. Energie – Erzeugung, 
Handel und Transport

    Teil 2: Energiewende – konsequent auf fossile Energieträger verzichten

    Die wahrscheinlich größte Gefahr droht dem Klima durch die Nutzung fossiler Energieträger. Warum das so ist und welche Alternativen bestehen, zeigt der zweite Teil dieser Beitragsserie. Mit dem Aufzeigen ihrer Entwicklung wird auch die Energiewende selbst zur Sprache kommen. ...

    08/2019 | Energietechnik, Regenerative/Alternative Energien, Energieverteilung, Energieerzeugung

  8. Beste Aussichten für den Solar- und Speichermarkt

    Intersolar und EES Europe 2019 mit spannenden Neuigkeiten

    Mit 1 354 Ausstellern, 100 000 m2 Ausstellungsfläche und rund 50 000 Besuchern aus 162 Ländern konnte Europas größte energiewirtschaftliche Plattform, „The smarter E Europe“, einen erneuten Zuwachs verbuchen. Die Intersolar Europe und die EES Europe sind Teil von „The smarter E Europe“, die...

    08/2019 | Regenerative/Alternative Energien, Energietechnik, Sonstiges, Photovoltaik, Energiespeicher, Batterieanlagen, Veranstaltung

  9. Energie – Erzeugung,
Handel und Transport

    Teil 1: Erneuerbare und fossile Primärenergien für die Stromerzeugung

    Wer die mit der Energiewende einhergehenden Diskussionen über die verschie-
denen Arten der Stromerzeugung gewinnbringend verfolgen und verstehen will, sollte sich zuerst ein Bild über die zur Verfügung stehenden Energiequellen 
beziehungsweise Energieträger machen. Das empfiehlt sich nicht nur...

    07/2019 | Energietechnik, Regenerative/Alternative Energien, Energieerzeugung, Photovoltaik, Windkraftanlagen

  10. Mit EM-Power in die Zukunft

    Kontrolle der Energieflüsse durch Hard- und Software-Kombinationen

    Mitte Mai 2019 fand in München zum zweiten Mal separat die Messe EM-Power als Teil von The smarter E Europe statt. Im Fokus der Veranstaltung standen die intelligente Energienutzung und -effizienz in Industrie und Gebäuden, Energiemanagement, dezentrale Energieversorgung und -dienstleistungen...

    07/2019 | Energietechnik, Regenerative/Alternative Energien, Energieverteilung, Elektromobilität, Photovoltaik, Kraft-Wärme-Kopplung, Windkraftanlagen

Anzeige

Nachrichten zum Thema

Der in eine AC-Ladestation oder -Wallbox integrierbare Ladecontroller CC612 erlaubt den Aufbau einer eichrechtskonformen Ladeinfrastruktur.

Weiter lesen

Die Gleichstromtechnik steht möglicherweise vor einem bedeutenden Comeback, nachdem sie in Europa in Versorgungsnetzen schon seit vielen Jahrzehnten kaum noch eine Rolle gespielt hat.

Weiter lesen

Das umstrittene Mischpreisverfahren am Regelenergiemarkt wurde vom Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf am 29. Juli 2019 wieder kassiert. Das OLG entsprach damit der Klage der Next Kraftwerke.

Weiter lesen

Auch am heutigen Freitag erreichen die Temperaturen wieder Rekordniveau. Die anhaltende Hitze sorgt nicht nur bei Menschen und Tieren für Probleme.

Weiter lesen

Der Flugverkehr soll nach Forderung des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BBE) auf klimafreundliches Kerosin umgestellt werden. Für Autofahrer und Endkunden der Energiekonzerne werden ebenfalls Änderungen verlangt.

Weiter lesen

Das sonnige Wetter bescherte Deutschland einen neuen Rekord: Im ersten Halbjahr 2019 lieferten die mehr als 1,7 Millionen Photovoltaikanlagen rund 24,5 Milliarden Kilowattstunden sauberen Strom.

Weiter lesen

Im Juni kam es in der Stromversorgung zu heftigen Schwankungen. Das deutsche System stand kurz vor dem Kollaps. An drei Tagen wurde weniger Elektrizität ins Netz eingespeist, als benötigt wurde.  

Weiter lesen

Die Norm DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704) 2018-10 gilt für elektrische Anlagen für Bau- und Abbrucharbeiten. Das Beiblatt zu IEC 61547 beschreibt ein objektives Licht-Flickermeter.

Weiter lesen

Aus dem Facharchiv: Leseranfrage Prüfung eines ortsfesten Notstromaggregates

Ist bei der Prüfung eines Notstromaggregates nach DGUV Vorschrift 3 auch das Feststellen der Isolationsfestigkeit erforderlich?

Weiter lesen

Aus dem Facharchiv: Elektropraxis Gleichzeitiges Laden von verschiedenen E-Mobilen

Im Sommer 2016 wurde an der Technischen Hochschule Bingen (THB) an einem Nachmittag eine große Anzahl an E-Mobilen geladen.

Weiter lesen