Elektrische Anlagen für 
Baustellen

Mehr Sicherheit durch neue Norm DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704)

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Immer, wenn der technische Stand sich verändert, muss die Normenlage 
angepasst werden. Gerade auf Baustellen trifft dies in den letzten Jahren mehr und mehr zu. Die DIN VDE 0100-704 wurde nach langer Ankündigung nun im Oktober 2018 neu veröffentlicht und enthält tiefgreifende Änderungen.

Bereits mit der Herausgabe der DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704):2001-05[1] wurde zur Erhöhung der Sicherheit festgelegt, dass nicht nur Stromkreise im 1-Phasenbetrieb sondern alle Stromkreise mit Steckdosen bis 32 A nicht mehr mit 0,5 A sondern mit RCDs ≤ 30 mA zu schützen sind. Dies erforderte schon damals einen immensen Aufwand an Nachrüstung, Erneuerung und Neukauf von Baustromverteilern (Bild 1).

Rückblick

Forderung allstromsensitiver RCDs

Die ersten Geräte auf Baustellen, die mit Frequenzumrichtern betrieben wurden, waren Kräne, Lüftungsanlagen und Pumpen. Diese Geräte mussten schon seit 2005 an einen entsprechenden Baustromverteiler mit einer allstromsensitiven Fehlerstrom-Schutzeinrichtung angeschlossen werden. So hieß es im Abschnitt 531.3.2 von DIN VDE 0100-530 (VDE 0100-530):2005-06[2]: „Wenn Teile elektrischer Betriebsmittel, die auf der Lastseite einer Fehlerstrom-Schutzeinrichtung fest errichtet werden, reine Gleich-Fehlerströme erzeugen können, muss die Fehlerstrom-Schutzeinrichtung vom Typ B sein.“

Die damalige BGI 608 kannte dazu noch ein paar Sonderlösungen mit Trenntransformatoren oder Ausnahmen, in denen noch ein RCD Typ A verwendet werden durfte, aber grundsätzlich war damit der RCD Typ B auf Baustellen schon eingeführt.

Ob Geräte wie Inverter-Schweißgeräte, elektronische Umformer für Betonrüttelflaschen, Bauaufzüge, Ladegeräte für Stapler, Siloantriebe oder gesteuerte Pumpen usw. einen vorgeschalteten RCD Typ B erfordern, war in der Vergangenheit für Laien nicht möglich und für Elektrofachkräfte kaum erkennbar.

Selbst wenn auf der Baustelle erkannt wurde, dass es sich um ein frequenzgesteuertes Gerät handelt, bestand ein Problem darin, eine geeignete Steckdose zu finden. Meist konnte dies nur die Elektrofachkraft erkennen! Kennzeichnungen, wie im Bild 2 zu sehen, haben sich in der Praxis als nicht ausreichend erwiesen. Eine Kennzeichnung der Baustromverteiler ist künftig nicht mehr nötig (Bild 3).

Ständig steigende Anzahl 
elektrischer Geräte

Die ständig steigende Anzahl an Geräten (zum Beispiel mit Frequenzumrichtern), die auch glatte Leck-/Gleichfehlerströme erzeugen können und somit RCDs vom Typ A beeinflussen können, erforderte nun neue Schutzmaßnahmen. Mit der neuen DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704) vom Oktober 2018 [3] wird diesem Problem nun entgegengewirkt. Im Abschnitt 704.531.3 von DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704)[3] ist festgelegt, dass Drehstrom-Steckdosen bis einschließlich 63 A mit einem allstromsensitiven RCD vom Typ B zu schützen sind.

Nur wenn man über Baustromverteiler Bereiche versorgt, die nicht direkt zur Baustelle gehören, kann man argumentieren, dass dort kein RCD Typ B erforderlich ist. Denkbar und sinnvoll wäre dies eigentlich nur für eine separat aufgestellte Containeranlage.

Hauptschalter bei
Baustromverteilern

Im Abschnitt 704.537.2.101 von DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704)[3] wurde folgendes festgelegt: „Fest angeschlossene Baustromverteiler (BV) mit Steckdosen müssen Einrichtungen zum Trennen der Einspeisung, die gegen Einschalten abschließbar und für Laien (BA1) benutzbar sind, enthalten. Eine verschließbare Umhüllung ist nicht ausreichend.“ Ein Vorhängeschloss am Baustromverteiler genügt somit nicht mehr.

Bisher wurde ein Hauptschalter explizit nur für Anschlussschränke vorgeschrieben, um im Bedarfsfall die gesamte Stromversorgung der Baustelle abschalten zu können. Die neue Forderung bedeutet tatsächlich in den meisten Fällen eine Neubeschaffung des Baustromverteilers. Die „Notlösung“, an einen Baustromverteiler für den Festanschluss eine kurze Leitung mit Stecker zu montieren, mag bei 63-A-Baustromverteilern noch praxistauglich sein, bei allen größeren Typen jedoch nicht mehr.

Leider ist eine Nachrüstung oft nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch aus Sicht der Regelwerke schwierig. Da Baustromverteiler nach ihrer Norm DIN EN 61439-4 (VDE 0660-600-4)[4] typgeprüft sein müssen, kann nur der eigentliche Hersteller des Baustromverteilers einen Umbausatz inklusive neuer technischer Dokumentation bereitstellen. Durch einen Umbau „auf eigene Faust“ sind dann umfangreiche Prüfungen und Berechnungen erforderlich.

Prüfung

Auch die bisher verwendeten Installationsprüfgeräte sind nun nicht mehr uneingeschränkt verwendbar. So lassen sich mit einigen von ihnen keine allstromsensitiven Fehlerstromschutzschalter prüfen (Bild 4). Erst seit wenigen Jahren können nicht nur Prüfgeräte der oberen Preisklasse RCD Typ B mittels glatten Gleichfehlerströmen prüfen. Langsam setzt sich diese nun wichtige Funktion auch bei günstigeren Geräten durch.

Zugelassene 
Leitungsbauarten

Schon seit vielen Jahren fordert die Normung, dass flexible Leitungen der Bauart „H07RN-F oder gleichwertig“ beständig gegen Abnutzung oder Wasser sein müssen. Für die Praxis bedeutet das, dass neben der schweren Gummischlauchleitung H07RN-F auch das besonders widerstandsfähige NSSHÖU verwendet werden kann. Mit der neuen Ausgabe DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704)[3] wurde nun auch neu die Polyuretanleitung H07BQ-F mit aufgenommen, die im Gegensatz zur Gummischlauchleitung allerdings nicht beständig gegenüber großer Hitze ist.

Deshalb sollte dieser Kabeltyp auch nie an Schweißgeräten oder in der unmittelbaren Umgebung von Schweißarbeitsplätzen eingesetzt werden, da es sonst zu einem Schmelzen der Leitung kommen kann.

Weiterhin nicht zugelassen ist das aus Österreich stammende N07V3V3-F, eine besonders schwere Form der PVC-Schlauchleitung (Bild 5). Sie wird gerne auch in deutschen Baumärkten unter der Überschrift „Baustellenleitung“ vertrieben. Diese Leitung ist jedoch weder nach VDE noch den Regelwerken der DGUV auf deutschen Baustellen zulässig.

Übergangsfrist

In der Übergangszeit bis zum 18.05.2021 sind weiterhin beide Normen gültig. Bis zu diesem Datum dürfen also auch Baustromanlagen nach der alten Norm aufgebaut werden. Danach dürfen Baustromanlagen nach alter Norm nicht mehr geändert werden, ohne sie an die neue Norm anzupassen. Bei einer „Kombination“ aus alten und neuen Baustromverteilern muss beachtet werden, dass bereits in der DIN VDE 0100-530 (VDE 0100-530):2011-06[5] im Abschnitt 531.3.1 früher folgende Festlegung getroffen wurde: „Den Fehlerstromschutzeinrichtungen (RCDs) des Typs B und des Typs B+ dürfen Fehlerstromschutzeinrichtungen (RCDs) des Typs A nicht vorgeschaltet werden.“

Die sauberste Lösung besteht darin, unabhängige Versorgungsstränge aufzubauen, entweder nur mit RCD Typ A oder nur mit RCD Typ B (Bild 6).

Wenn ein RCD Typ B vor einem RCD Typ A eingebaut ist, dürfen keine frequenzgeführten Betriebsmittel hinter dem Typ A angeschlossen werden, denn dann besteht die Möglichkeit, dass glatte Gleichfehlerströme die Auslösung des vorgeschalteten RCD Typ A verhindern. Wenige Milliampere eines Gleichstroms können schon dazu führen, dass RCDs Typ A nur noch sehr langsam oder gar nicht mehr auslösen.

Fazit

Die Änderungen in der Norm waren längst überfällig. Moderne Antriebstechniken in vielen Baugeräten erfordern zeitgemäße Schutzmaßnahmen bei der Stromversorgung. Auch der Hauptschalter ist in vielen Ländern Europas schon lange Pflicht – teilweise sogar als Not-Aus. Für viele Bauunternehmen bedeutet dies jedoch auch deutliche Investitionen. Um Elektrounfälle zu reduzieren, bezuschusst die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) ihre Mitgliedsbetriebe bei der Anschaffung von Fehlerstromschutzeinrichtungen (RCD) Typ B.

Literatur

n


Bilder:


(1) Umfangreiche Änderungen in der neuen Norm machen zukünftig den Einsatz alter Baustromverteiler nahezu unmöglich (Quelle: Geller/Lochthofen)

(2) Diese Schweißgeräte können glatte Gleichfehlerströme erzeugen Kaum ein Betreiber hat in der Vergangenheit eine entsprechende Kennzeichnung angebracht. Die Funktionssymbole des Schweißgerätes müssen richtig erkannt und bewertet werden, um zu erkennen, ob RCD Typ B erforderlich sind. (Quelle: Geller/Lochthofen; ep)

(3) Baustromverteiler mit nur RCD Typ B (li.) und nur RCD Typ A Beide Baustromverteiler sind entsprechend gekennzeichnet, damit auch Laien erkennen können, wo Betriebsmittel mit FU eingesteckt werden dürfen. Zukünftig ist diese Kennzeichnung nicht mehr nötig. (Quelle: Geller/Lochthofen)

(4) Mit diesem Installationstester lassen sich bereits allstromsensitive RCD prüfen – das ist noch längst nicht selbstverständlich (Quelle: Geller/Lochthofen)

(5) Die besonders schwere Form der PVC-Schlauchleitung vom Typ N07V3V3-F ist auch nach neuer Norm nicht zulässig auf deutschen Baustellen (Quelle: Geller/Lochthofen)

(6) Vor RCDs Typ B dürfen keine RCDs Typ A verwendet werden. Eventuell auftretende glatte Gleichfehlerströme können dann verhindern, dass RCDs Typ A funktionieren. a) Stromkreise mit Geräten, bei denen sinusförmige und/oder pulsierende Gleichströme und/oder pulsierende Gleichfehlerströme einem glatten Gleichstrom von ≤ 6 mA überlagert sind b) Stromkreise mit Geräten, bei denen zusätzlich zu Fall a) sinusförmige Ströme, einschließlich hochfrequente Ströme und/oder glatte Gleichströme > 6 mA auftreten können. (Quelle: Geller/Lochthofen; ep)

Literatur:

[1] DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704):2001-05 (zurückgezogen) Errichten von Niederspannungsanlagen – Anforderungen für Betriebsstätten, Räume und Anlagen besonderer Art – Baustellen.
[2] DIN VDE 0100-530 (VDE 0100-530):2005-06 (zurückgezogen) Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 530: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Schalt- und Steuergeräte.
[3] DIN VDE 0100-704 (VDE 0100-704):2018-10 Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 7-704: Anforderungen für Betriebsstätten, Räume und Anlagen besonderer Art – Baustellen.
[4] DIN EN 61439-4 (VDE 0660-600-4):2013-09 Niederspannungs-Schaltgerätekombinationen – Teil 4: Besondere Anforderungen für Baustromverteiler (BV).
[5] DIN VDE 0100-530 (VDE 0100-530):2011-06 (zurückgezogen) Errichten von Niederspannungsanlagen – Teil 530: Auswahl und Errichtung elektrischer Betriebsmittel – Schalt- und Steuergeräte.

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