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Geschichte

Digitale Medien im Wandel

Happy Birthday: Die CD wird 35

17.08.2017

Die Millionenfrage bei Günter Jauchs Sendung „Wer wird Millionär?“ könnte lauten: Welche Musik war auf der ersten CD zu hören, die am Markt erschien? Richtige Antwort: Abbas Album „The Visitors“.

Sony von Philips abgehängt

Am 17. August 1982 hatte der erste Silberling aus dem Fertigungswerk in Hannover-Langenhagen Verkaufspremiere als Massenprodukt. Den ersten CD-Player konnten Käufer allerdings erst zwei Monate später im Handel erwerben. Dennoch war der Run auf die Compact Disc derart groß, dass die produzierende Fabrik in Niedersachsen über Nacht hunderte von Arbeitslosen einstellen musste, um mit der Produktion nachzukommen. Das neuartige Prinzip der CD wurde erstmals am 8. März 1979 von der Firma Philips Gloeilampenfabrieken präsentiert. Dafür vergab die angesehene Ingenieursvereinigung IEEE 2009 einen ihrer Meilensteine. Konkurrent Sony ging damals leer aus, denn die Japaner zeigten erst fünf Tage später, am 13. März 1979, auf der ASE-Tagung in Brüssel ihre Version der CD. Die Unternehmen fusionierten ihre CD-Entwicklung, um gemeinsam die Audio-CD bis zur Marktreife im August 1982 zu verwirklichen.

Technische Erfindungen aus Hannover

Die heute bereits veraltete Technik galt damals als revolutionär und löste das beliebte Vinyl auf Platz Eins der Massentonträger ab. Ein Laserstrahl tastet die Oberfläche der CD kontaktlos ab, auf der sich ein optischer Speicher befindet. Die Informationen sind spiralförmig auf einer von innen nach außen verlaufenden Spur angeordnet und belegen höchstens 85 Prozent der Oberfläche. Maximal 99 Titel können auf einer Audio-CD gespeichert werden. Das Prinzip wurde über die Jahre weiterentwickelt und perfektioniert. In Hannover erblickte der digitale Massentonträger das Licht der Welt. Begonnen hatte der technische Siegeszug bereits 1887, als Emil Berliner mit einer Nadel Schallschwingungen in gewachste oder geätzte Zinkplatten ritzte und dadurch Töne aufzeichnen konnte. Aus Hartgummi ließ er fabrikreif Schellackplatten für den Massenmarkt pressen. Sein Bruder gründete die Deutsche Grammophon-Gesellschaft und vertrieb unter dem Namen Polygram ab 1898 Musik für das heimische Wohnzimmer. Ingenieure und Tontechniker ließen sich in Hannover nieder und tüftelten für Polygram an neuen Techniken. 1965 hatte die erste Musikkassette in Hannover Weltpremiere. 17 Jahre später folgte die erste CD. 130 Techniker waren über lange Zeit an der Entwicklung der Compact Disc beteiligt. Am Ende hielten die enthusiastischen Käufer und Musikliebhaber eine 13 Gramm schwere und 12 Zentimeter große Polycarbonat-Scheibe in den Händen, frei von rauschenden Rillen und mit einem Schutzlack versiegelt.

Mit Abba hinaus in die Welt

Polygram gehörte damals zum niederländischen Unternehmen Philips. In Langenhagen baute der Konzern die Fabrik zur weltweit größten Fertigungsstätte der phonografischen Wirtschaft aus, wo in staubfreien Räumen auf geheimen Wegen die CD produziert wurde. Zu Eröffnung erschien unter anderem Peter Gabriel. Die erste käuflich zu erwerbende CD war „The Visitors“ der schwedischen Popband Abba. Ursprünglich sollte Beethovens Neunte Sinfonie auf CD gepresst werden. Doch die Aufführung bei den Bayreuther Festspielen aus dem Jahr 1951 war zu lang für die Compact Disc. Anfangs speicherte die CD nur 20 Minuten Musik. Heutiger Standard sind 74 Minuten Musik – so lang wie Beethovens Neunte unter dem Dirigat von Wilhelm Furtwänglers 1951. Auch den Durchmesser von zwölf Zentimetern haben wir dem Konzert aus Bayreuth zu verdanken. Auf 11,5 Zentimeter passten nur 66 Minuten Musik. So entstand der berühmte Red-Book-CD-Standard mit 0,5 Zentimetern und 8 Minuten Musik mehr. Letztlich sorgte also das Durchsetzungsvermögen der Klassikliebhaber dafür, das später auch auf Pop- und Rock-CDs jede Menge Bonusmaterial passte.

Die Sargnägel sind eingeschlagen

Der einstige kometenhafte Aufstieg der CD ist lange vorbei. CD-Player werden kaum noch verkauft. Streaming-Dienste und Downloads machen der Compact Disc das Leben schwer. Doch vor allem die Technik bringt Archivare zur Verzweiflung. Die CD vermodert und zerfällt, während das Vinyl eine Renaissance erlebt und auch nach Jahrzehnten bei guter Pflege den Hörer entzückt. Nur in Deutschland gibt es noch einen nennenswerten Anteil von CDs am Tonträgerumsatz. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, dass auch hier die Liebe erlischt. Die Verkäufe gehen kontinuierlich zurück, das CD-Presswerk in Hannover-Langenhagen schloss im Januar 2017 seine Pforten. Mit 35 Jahren liegt die CD im Hospiz der todgeweihten Technologien. (Quelle: ABBA BEST/youtube)

Autor
Name: Antje Schubert