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Blockierte Energiewende
Wind ohne Kraft

Wirtschaftsminister Gabriel unterwirft sich endgültig der Kraftwerkslobby. Er drosselt den Ausbau der Windkraftanlagen. Bei E.ON & Co. spritzt der Schampus.

Für die Windkraft wird es düster

Mit sicherem Gespür für jeden großen Fettnapf erinnert sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel an die gute alte Zone. Als hätte es in Deutschland nicht genug Bi-, Tri- und Sowjetzonen gegeben, greift der Staatenlenker aus Goslar zum Bleistift und skizziert auf der Landkarte der Bundesrepublik einen mächtigen Keil. Er nennt ihn Zone 2, den dicken Rest drumherum Zone 1.

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Auf den ersten Blick wirkt Zone 2, als hätte sich ein Hurrikan von der Nordsee aus ins Land gefräßt (auf den zweiten Blick wie die schematische Darstellung des menschlichen Geschlechtsakts in einer akrobatischen Variante, was aber niemand mit Sigmar Gabriel verbinden würde).

Tatsächlich funktioniert Gabriel als sein eigener Hurrikan. Die beiden Zonen sind Bestandteil eines Programms, das in der Konsequenz zum Stopp der Energiewende führen kann.

Windkraft: Opfer des Erfolgs

Bis 2016 war der Ausbau der Windkraftanlagen im Binnenland (Onshore) überaus erfolgreich. Zwar reduzierte die Bundesregierung 2014 die Planung für den jährlichen Zuwachs von Windkraft auf 2.500 Megawatt. Doch diese Zahl blieb reine Theorie. 2014 wurden neue Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 4.700 Megawatt errichtet, 2015 folgten noch einmal 3.700 Megawatt.

In der Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) begrenzt Gabriel den Anteil regenerativen Stroms auf maximal 40 bis 45 Prozent im Jahr 2025. Aktuell beträgt er 33 Prozent.

Für die Drosselung auf maximal 45 Prozent benutzt Gabriel mehrere Knebel. Wie in jedem Ministerium ist auch im Wirtschaftsressort die finanzielle Amputation beliebt, verbunden mit einer forsch formulierten Drohung:

"Die Förderung für Windenergie an Land wird am 1. Juni 2017 einmal um 5 Prozent gekürzt, eine schärfere Kürzung droht bei weiterhin zu hohem Zubau."

Zusätzlich dekretiert Gabriel feste jährliche Zuwachsraten für die Windenergie:

  • 2017 bis 2019: 2.800 Megawatt pro Jahr
  • ab 2020: 2.900 Megawatt pro Jahr

Dabei ist zu beachten, dass die Bundesregierung ausschließlich mit Bruttowerten rechnet. Der Ersatz verschlissener Anlagen wird in die staatlich erlaubten Zuwachsraten einbezogen. Da absehbar ist, dass die Windkraftparks der ersten Stunde in den nächsten Jahren ersetzt werden müssen, reduziert sich der Spielraum für die Errichtung neuer Anlagen erheblich.

Weißt du, wo ich wohne? Ich wohne in der Zone.

Gabriels Zonenplan sieht folgendes vor:

Zone 1: In diesen Bundesländern soll der größte Teil der zukünftigen Windparks errichtet werden. Theoretisch könnten hier alle neuen Anlagen bis zur 2.800 bzw. 2.900 Megawatt-Grenze stehen.

Zone 2: Für Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein sowie Teile von Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ordnet Gabriel eine Reduzierung neuer Windkraftanlagen an. Genehmigt werden dürfen nur noch Windräder bis zu einer jährlichen Gesamtleistung, die 42 Prozent unter dem Durchschnitt der Gesamtleistung der vergangenen drei Jahre liegt.

Warum der Windkraftbann ausgerechnet die windreichsten Bundesländer trifft, begründet Gabriel mit Netzengpässen:

"Zwar herrschen in Norddeutschland für Windenergie die besten Bedingungen, andererseits fehlen dort besonders viele Stromnetze. Deshalb wird in den Regionen, in denen es Netzengpässe gibt, der Zubau von Windrädern begrenzt auf 58 Prozent des Durchschnitts der letzten drei Jahre."

In Norddeutschland müssen Erneuerbare-Energien-Anlagen immer öfter abgeregelt werden, um an sonnen- oder windreichen Tagen die Stromnetze nicht zu überlasten. Die Anlagenbetreiber werden für die Abregelung entschädigt. Das Geld holt sich Gabriel von den privaten Stromkunden zurück. Eine klassische Umverteilung zulasten der kleinen Leute – SPD bleibt SPD.

Getretner Quark wird breit, nicht stark

Für diese unschöne Situation macht Minister Gabriel die rasant wachsenden erneuerbaren Energien verantwortlich. Unermüdlich wiederholt er, wie viele Kilometer Stromtrassen von Nord nach Süd fehlen und was die Trassen kosten würden.

Doch Netzengpässe sind kein Grund für einen Stopp der Energiewende.

Eine Analyse des Beratungsinstituts Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace kommt zum Ergebnis, "dass die Probleme von starren Großkraftwerken verursacht werden, die die Netze verstopfen und teures Netzmanagement nötig machen."

Daraus schlussfolgert Greenpeace:

"Die Energiekonzerne lassen ihre unflexiblen Großkraftwerke auch dann mit hoher Auslastung laufen, wenn genug Wind- und Sonnenstrom da sind. Das ist nicht nur schädlich fürs Klima, sondern auch teuer für die Stromkunden. Statt Windräder muss die Bundesregierung für die Energiewende mehr konventionelle Kraftwerke vom Netz nehmen und Platz schaffen für die Erneuerbaren."

Energy Brainpool untersuchte u. a. das Atomkraftwerk Brokdorf und das Steinkohlekraftwerk Moorburg. Dabei machte das Institut nach eigenen Angaben eine interessante Entdeckung.

Beide Kraftwerke liefen auch dann mit nahezu voller Leistung, wenn viel Strom aus erneuerbaren Energien produziert wurde. Lag der Strompreis an der Leipziger Energiebörse unter Null, drosselten sie ihre Leistung. Das beweist, dass eine Abregelung von Großkraftwerken nicht so kompliziert ist, wie die Betreiber gern behaupten. Man muss nur wollen.

14 Megawatt in 45 Minuten? Null problemo.

Auch ein Netzbetreiber widerlegt Gabriels Behauptung, die permanent steigende Produktion regenerativer Energie hätte ein teures Netzmanagement zur Folge.

Der Geschäftsführer der 50Hertz Transmission GmbH, Boris Schucht, erklärt dazu im Interview mit dem Tagesspiegel:

"Es gibt einige Mythen in der Energiewirtschaft. Einer davon ist die Vorstellung, man brauche bei der Integration erneuerbarer Energien sofort mehr Flexibilität im System. Also Speicher oder abschaltbare Lasten oder Backup-Kraftwerke. Das ist ein Mythos. Wir haben viel mehr Flexibilität im System, als wir benötigen. Wir haben auch noch riesige weitere Potenziale."

Wie robust die Netze jetzt schon sind, erläutert Schucht am Beispiel der Sonnenfinsternis vom 20. März 2015. Als nach der Verdunkelung die Sonne wieder schien, stieg die Solarleistung in 45 Minuten auf 14 Megawatt. Die gesamte Leistung wurde problemlos abgefangen.

"Wir sind auf dem richtigen Weg, um in der Lage sein zu können, in Zukunft 70 bis 80 Prozent erneuerbare Energien ohne zusätzliche Flexibilitätsoptionen integrieren zu können. Was wir an Flexibilitätsangeboten haben, wird uns bis 2030 oder sogar 2040 ausreichen."

Denkmalschutz für die Welt von gestern

Die Einrichtung der Gabriel-Zonen, die Deckelung des Anteils erneuerbarer Energie, die vorgeschobenen Netzengpässe – jede dieser Maßnahmen dient nur einem Ziel: Die herkömmlichen Kraftwerke so lange wie möglich vor der Konkurrenz durch erneuerbare Energien zu schützen.

Der Wirtschaftsminister richtet eine begehbare Museumslandschaft ein. Wie in den USA, wo Enthusiasten in Living-History-Dörfern das Leben ihrer Vorfahren in Tipis und Blockhütten nachspielen, werden die deutschen Kohlekraftwerke zu teuren Industrieparks aus einer versinkenden Zeit.

Gegen die weltweite technologische Weiterentwicklung kann sich Gabriel stemmen, aufhalten wird er sie nicht. Eben lief eine Meldung aus der Solarforschung durchs Netz: Experten sagen die Marke von einem US-Dollar pro installiertem Watt Sonnenstrom voraus.

Gabriel kann Windkraft und Photovoltaik in Deutschland mit großem Rumms gegen die Wand fahren: Das Sauriersterben der Kohlekraftwerke hat trotzdem begonnen.

Und dann? Lebbe geht weider. Das wusste schon der große Fußballphilosoph Dragoslav Stepanović.

Ein Lied für Sigmar Gabriel, vorgetragen von Bertolt Brecht:

"Ja, mach nur einen Plan,
sei nur ein großes Licht. 
Und mach' dann noch 'nen zweiten Plan,
geh'n tun sie beide nicht."

Bertolt Brecht: Das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens (1928) (Video: Rongart)

 

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