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Begriffe aus den Bereichen Betriebsführung und Arbeitsschutz
Was bedeutet Gefährdungsbeurteilung und welche Funktion hat sie?

Wir erklären regelmäßig wichtige Fachbegriffe aus der Elektrotechnik und den Bereichen Betriebsführung und Arbeitsschutz, um den Wissensspeicher zu erneuern. Heute: Gefährdungsbeurteilung.

Symbolfoto (Bild: Nik/stock.adobe.com)

In unserer Leseranfrage vom 13. März 2018 ging es um die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Erstellung einer Gefährdungsbeurteilung. Unser Autor H.-H. Egyptien († 2016) erläutert nun die genaue Funktion und den Begriff der Gefährdungsbeurteilung.

Überblick

Die Gefährdungsbeurteilung war immer schon für alle Tätigkeiten üblich. Sie ist notwendig, um sicher arbeiten zu können. Man kann von einer allumfassenden Regel der Praxis sprechen, die meist unbewusst angewendet wird, um Unfälle und Schäden zu verhüten. Im Vorschriftenwerk wird sie allerdings erst in den letzten Jahrzehnten detailliert gefordert und beschrieben.

Verhältnisse im Betrieb

„Gefährdungsbeurteilung, was soll denn das?“ fragen auch heute noch manche Mitarbeiter im Betrieb. Vernünftige und aktive Kollegen bemerken wiederum: „Gefährdungsbeurteilungen machen wir als Praktiker schon immer, längst bevor der Gesetzgeber diese Forderung als allgemeinen Grundsatz vor Aufnahme einer Arbeit festgelegt hat." Wer irgendeine betriebliche Aufgabe durchführen muss, ist schon im Interesse der eigenen Sicherheit und des Gesundheitsschutzes dazu verpflichtet, sich zu informieren über:

  •     die örtlichen Verhältnisse,
  •     die zeitlichen Veränderungen,
  •     die Fähigkeiten der Beschäftigten,
  •     die Eigenschaften der bereitgestellten Hilfsmittel und  Werkzeuge/Arbeitsmittel.

Als Konsequenz daraus sind die erforderlichen Maßnahmen für Sicherheit und Gesundheitsschutz durchzuführen und bei Änderungen den veränderten Verhältnissen anzupassen. Denn die Randbedingungen für Arbeiten aller Art ändern sich sowohl in Abhängigkeit von der Zeit, z. B. den jahreszeitlichen Verhältnissen, wie auch von neuen technischen Entwicklungen.

Blick zurück

Bild 1 zeigt eine Werkhalle mit einer umfangreichen Transmissionsanlage vom Ende des 19. Jahrhunderts. Alle Maschinen wurden von einem einzigen 10-kW-Elektromotor angetrieben. Die zahlreichen Riementriebe, offenen Wellen und Speichenräder bildeten akute Gefahrenstellen.  Eine solche Situation wäre nach dem heutigen Stand der Sicherheitstechnik in einer Werkhalle nicht mehr akzeptabel.

Verantwortung

 Aber auch moderne, auf den ersten Blick sicher erscheinende Arbeitsbereiche (Bild 2) sind nicht unter allen Betriebsbedingungen „absolut“ sicher. Dies zu beurteilen ist die Aufgabe des Arbeitgebers. Zusammen mit jeder verantwortlichen Führungskraft, deren Fachkenntnis und Erfahrung sie zur befähigten Person machen, müssen sie ein sicheres Arbeiten der Mitarbeiter gewährleisten. Dazu ist eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Die erforderlichen Maßnahmen für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz sind von den Vorgesetzten festzulegen und zu überwachen.

Überlebensprinzip

Eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen ist keine neue Forderung, sondern eine Selbstverständlichkeit für alle Tätigkeiten, die sich seit Jahrhunderten für die Jagd, beim Fischen, bei der Landarbeit, beim Errichten von Gebäuden, wie auch bei Arbeiten aller Art als wichtiges Prinzip zum Überleben der Menschen bewährt hat:
„Der Erfahrenere, der Klügere oder auch der Stärkere weist seine Mitarbeiter ein. Er vermittelt ihnen die Kenntnisse, schafft somit die Voraussetzungen, mit denen sie die gestellte Aufgabe ohne körperliche Schädigungen durchführen können. Denn der Unterweisende kennt die Gefahren und die Maßnahmen, um sich dagegen zu schützen.“

Betriebssicherheitsverordnung

Die aus dem Arbeitsschutzgesetz abgeleitete Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) trat am 3. Oktober 2002 in Kraft. Sie konkretisiert in § 3 die Verpflichtung des Arbeitgebers, gemäß § 5 ArbSchG eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen. Sie bestimmt über § 4 des ArbSchG als Beurteilungsmaßstab den „Stand der Technik, Arbeitsmedizin und Hygiene sowie sonstige gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse.“ Bei der Gefährdungsbeurteilung und der daraus folgenden Festlegung von Maßnahmen für Sicherheit und Gesundheitsschutz, insbesondere auch hinsichtlich der Bereitstellung und Benutzung von sicheren Arbeitsmitteln, sind nicht nur die Gefährdungen zu berücksichtigen, die mit der Benutzung des jeweiligen Arbeitsmittels verbunden sind. Es sind auch diejenigen Wechselwirkungen zu beachten, die sich zwischen verschiedenen Arbeitsmitteln ergeben oder durch Arbeitsstoffe bzw. aus der Arbeitsumgebung entstehen können, z. B. der Entstehung gefährlicher Stoffe beim Schneiden, Fräsen oder Abbrennen.

Der Arbeitgeber, die Führungskräfte und allgemein die Vorgesetzten werden verpflichtet, eine ganzheitliche Ermittlung und Bewertung der Gefährdungsfaktoren durchzuführen. Bild 3 zeigt eine typische Kleinbaustelle, bei der eine Gefährdungsbeurteilung dringend erforderlich ist. Aber auch die Mitarbeiter müssen mitmachen und die Vorgesetzten dürfen keine unangebrachte „Toleranz“ praktizieren. Den Beschäftigten dürfen nur solche Arbeitsmittel zur Benutzung zur Verfügung gestellt werden, die für die vorgesehene Verwendung geeignet sind.

Damit wird der Arbeitgeber verpflichtet nur solche Arbeitsmittel auszuwählen, die auch bei der vorgesehenen Benutzung sicher sind. Das können spezielle Arbeitsmittel z. B. für feuchte Umgebungen oder für die Nutzung in engen leitfähigen Räumen sein. Daher müssen auch die Umgebungsbedingungen und ihr Einfluss auf Sicherheit und Gesundheitsschutz beurteilt werden. Dazu zählt auch, dass das Auftreten von Ex-Atmosphären, ihre Zündungswahrscheinlichkeit und letztendlich die Auswirkungen möglicher Explosionen mit bei der Gefährdungsbeurteilung erfasst werden. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung sind Art, Umfang und Fristen erforderlicher Prüfungen festzulegen.

Dabei ist zu ermitteln, welche Bedingungen vom Prüfpersonal zu erfüllen sind, um diese Prüfungen oder Erprobungen vornehmen zu können (Befähigte Person). Besonders wichtig (nach BetrSichV) sind die Maßnahmen, die hinsichtlich der Montage von Arbeitsmitteln zu treffen sind. Das gilt soweit die Sicherheit der Arbeitsmittel von deren Zusammenbau abhängt. Diese Bedingung ist vor allem für Reparatur- und Prüftätigkeiten von Bedeutung. Bei elektrischen Betriebsmitteln ist der Schutz gegen direktes Berühren ebenso wie der Schutz bei indirektem Berühren ein solcher Fall.

Autor: H.-H. Egyptien († 2016)

Bild 1 oben rechts – Quelle: EP: V: Werkstatt im 19. Jahrhundert – eine Gefährdungsbeurteilung nach heutigem Sicherheitsstandard wäre kaum möglich

Bild 2 Mitte links – Quelle EP: Produktions- und Lagerhalle – hier ist eine Gefährdungsbeurteilung erforderlich

Sind die Verkehrswege frei?

Ist die Beleuchtung einwandfrei?

Wie hoch ist die Lärmbelastung?

Sind die Fluchtwege gekennzeichnet?

Sind die Stapel sicher?

Bild 3 unten rechts - Quelle EP: Kleinere Arbeiten – hier ist eine Gefährdungsbeurteilung besonders wichtig

Hier fehlt es u. a. am Atemschutz, Augenschutz, Handschutz sowie an einer Unterlage für die Knie. Fraglich ist, ob die Stromversorgung über einen RCD mit IΔN≤ 30 mA erfolgt. Auf den Atemschutz konnte scheinbar wegen des Rauchens verzichtet werden.

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Mehr zum Thema Gefährdungsbeurteilung lesen Sie im neuen Elektropraktiker 03/2018

Hinweis: Seit 2015 gilt die neue Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV).

Abonnenten lesen 5 weitere Teile der Serie kostenfrei:


Gefährdungsbeurteilung - Teil 2: Praktische Umsetzung der Vorgaben aus Gesetz und Verordnung

Gefährdungsbeurteilung - Teil 3: Hilfsmittel der Unfallversicherungsträger

Gefährdungsbeurteilung - Teil 4: Sieben Stufen System

Gefährdungsbeurteilung - Teil 5: Dokumentation

Gefährdungsbeurteilung - Teil 6: Bewertungsschema
 

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