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Leseranfrage
Umbauten innerhalb von bestehenden Betrieben

Was passiert, wenn Fremdfirmen die 5 Sicherheitsregeln auf Baustellen missachten und Schutzmaßnahmen umgehen? Wer ist für den Betrieb verantwortlich?

Elektriker beim Verlegen von Kabeln

(Symbolfoto) (Foto: Niko/stock.adobe.com)

Frage: Baustellen in bestehenden Produktionsstätten werden häufig von der Planungsabteilung, oft mit einem externen Planungsbüro, ausgeschrieben und an Fremdfirmen übergeben. Die Fremdfirmen handeln dann selbstständig auf den Baustellen im Werksbereich.

Nicht selten gibt es im Rahmen dieser Baumaßnahmen eine Vielzahl von provisorischen Installationen und Eingriffen in die elektrische Anlage, die die Produktion direkt beeinflussen. Wir konnten auch beobachten, wie Fremdfirmen die fünf Sicherheitsregeln missachten und Schutzmaßnahmen umgehen. Kommt es während der Baumaßnahmen zu Störungen in der Produktion, wird der Betriebselektriker gerufen, dem es dann schwerfällt, im Tohuwabohu den Fehler zu finden.

Ist die verantwortliche Elektrofachkraft (VEFK) für den Betrieb auf der Baustelle verantwortlich? Wie sind der Betrieb und die Verantwortlichkeit für die elektrischen Anlagen zu sehen, wenn Betriebsteile umgebaut werden? Wie wäre eine Schnittstelle vom Übergang vom Normalbetrieb auf den Baustellenbetrieb zu definieren? Wer ist bei Baustellen innerhalb bestehender Anlagen wofür, wann verantwortlich? Muss die VEFK die Prüfpflichten intensivieren?

Antwort: Um diese Leseranfrage umfangreich zu beantworten, fehlen unter anderem die vertragsrechtlichen Unterlagen. Grundsätzlich aber müssten zum Beispiel nachfolgende Fragen geklärt werden.

Organisation. Gibt es eine transparente und nachvollziehbare Organisationsstruktur für die Elektrotechnik? Im Rahmen der Organisation der Elektrosicherheit ist ein Anlagenbetreiber (ANLB) zu bestellen. Dieser trägt die Verantwortung für den sicheren Betrieb und ordnungsgemäßen Zustand von elektrischen Anlagen. Zu seinen Aufgaben zählen u. a. die Organisation der Prüfung, Inspektion, Wartung und Instandsetzung. Die Aufgaben der VEFK/ANLB aus Sicht der Elektrotechnik werden in der Praxis sehr häufig durch eine Person (Doppelfunktion) abgedeckt.

Die VEFK vertritt den Unternehmer im Bereich der elektrotechnischen Sicherheit. Sie tritt zusätzlich mit in die Unternehmensverantwortung ein (Bild).

Die VEFK bildet die zentrale Schnittstelle bzgl. Elektrosicherheit zur Unternehmensleitung. Sie ist hinsichtlich der Ausführung ihrer Aufgabe gegenüber disziplinarisch übergeordneten Personen fachlich weisungsfrei. Die VEFK ist für die Leitung und Aufsicht sowie Auswahl und Kontrolle des ihm unterstellten Personals, wie auch den eingesetzten Dienstleistern im Bereich der Elektrotechnik und bzgl. des Themas Elektrosicherheit verantwortlich.

Die VEFK hat sowohl für die Einhaltung der allgemeinen Arbeitsschutzmaßnahmen zu sorgen, als auch dafür, dass die Anforderungen aus dem elektrotechnischen Regelwerk und der geltenden Bestimmungen anderer Regelsetzer im gesamten Betrieb zwingend angewendet werden. Als VEFK trifft sie, in Abstimmung mit der Geschäftsführung, die übergeordneten fachlichen Entscheidungen über alle wichtigen Themen bzgl. Elektrosicherheit, welche zu bewerkstelligen sind. Zu den Aufgaben der VEFK gehören z. B.

  1. a) elektrotechnische Installationen planen, projektieren, konstruieren und sicherheitstechnisch bewerten;
  2. b) enge Zusammenarbeit mit dem Bereich Einkauf bzgl. der Ausschreibung bei der Beschaffung von Geräten, Maschinen und Anlagen, die Elektrotechnik beinhalten;
  3. c) Arbeitskräfte einsetzen (Arbeiten organisieren, Arbeitsverfahren festlegen, geeignete Arbeits- und Aufsichtskräfte auswählen, die einschlägigen Sicherheitsfestlegungen bekanntgeben und erläutern, aktuelle Gesetze, Verordnungen und Normen kommunizieren, auf besondere Gefahren hinweisen, Arbeitsschutzunterweisungen, zu verwendende PSA und Schutzvorrichtungen festlegen und notwendige Schulungsmaßnahmen durchführen);
  4. d) Fremdfirmen einsetzen und überwachen;
  5. e) elektrische Anlagen errichten;
  6. l) elektrische Anlagen und Betriebsmittel prüfen;
  7. f) elektrische Anlagen betreiben (Inbetriebsetzen, Betätigen (Bedienen), Arbeiten und Instandhalten);
  8. g) elektrische Anlagen ändern.

Schnittstellendefinition.

  • Wer ist wofür verantwortlich?
  • Wer kontrolliert die Einhaltung der Vereinbarungen?
  • Wer koordiniert die Arbeiten?

Schnittstellendefinition.

  • Wer ist wofür verantwortlich?
  • Wer kontrolliert die Einhaltung der Vereinbarungen?
  • Wer koordiniert die Arbeiten?

Eine detaillierte Schnittstellendefinition inklusive einer genauen Ablaufregelung von Prozessen ist unabdingbar. Diese sollte auch die Zusammenarbeit mit anderen Firmen sowie anderen betrieblichen Einrichtungen auf dem Gelände regeln. Weiterhin muss darauf geachtet werden, dass Schnittstellen schriftlich definiert und gelebt werden.

Rollenverteilungen. Auszug aus DIN VDE 0105-100 (VDE 0105-100) [1], 3.2 Personal, Organisation und Kommunikation:

Anlagenbetreiber (ANLB): „Person mit der Gesamtverantwortung für den sicheren Betrieb der elektrischen Anlage, die Regeln und Randbedingungen der Organisation vorgibt.“ (Gesamtverantwortung für die elektrische Anlage – 7 Tage/24 Stunden).

Anmerkung 1. Zum Begriff: Diese Person kann der Eigentümer, Unternehmer, Besitzer oder eine beauftragte Person sein, die die Unternehmerpflichten wahrnimmt.

Anmerkung 2. Zum Begriff: Erforderlichenfalls können einige mit dieser Verantwortung einhergehende Verpflichtungen auf andere Personen übertragen werden. Bei umfangreichen oder komplexen Anlagen kann diese Zuständigkeit auch für Teilanlagen übertragen sein.

Hinweis. Der Anlagenbetreiber muss nicht Elektrofachkraft sein.

  • Anlagenverantwortlicher (ANLV): „eine Person, die beauftragt ist, während der Durchführung von Arbeiten die unmittelbare Verantwortung für den Betrieb der elektrischen Anlage zu tragen, die zur Arbeitsstelle gehört.“
  • Anmerkung 1. Zum Begriff: Der Anlagenverantwortliche hat die möglichen Auswirkungen der Arbeiten auf die elektrische Anlage oder die Teile davon, die in seiner Verantwortung stehen, sowie die Auswirkungen der elektrischen Anlage auf die Arbeitsstelle und die arbeitenden Personen zu beurteilen. Erforderlichenfalls können einige mit dieser Verantwortung einhergehende Verpflichtungen auf andere Personen übertragen werden.
  • Arbeitsverantwortlicher (AV): „eine Person, die beauftragt ist, die unmittelbare Verantwortung für die Durchführung der Arbeit an der Arbeitsstelle zu tragen.“

Anmerkung 1. Zum Begriff: Erforderlichenfalls können einige mit dieser Verantwortung einhergehende Verpflichtungen auf andere Personen übertragen werden.“

Auszug aus DIN VDE 1000-10 (VDE 1000-10) [2], 3 Begrif

  • Elektrofachkraft (EFK): „Person, die aufgrund ihrer fachlichen Ausbildung, Kenntnisse und Erfahrungen sowie Kenntnis der einschlägigen Normen [...] die ihr übertragenen Arbeiten beurteilen und mögliche Gefahren erkennen kann.“
  • verantwortliche Elektrofachkraft (VEFK): „Person, die als Elektrofachkraft [...] die Fach- und Aufsichtsverantwortung übernimmt und vom Unternehmer dafür beauftragt ist.“

Auszug DIN VDE 0105-100 (VDE 0105-100) [1], 3.1 Allgemeines: 

  • Betrieb: „alle Tätigkeiten, die erforderlich sind, damit die elektrische Anlage funktionieren kann.“
  • Risiko: „eine Kombination der Eintrittswahrscheinlichkeit und des Schweregrades der möglichen Verletzung oder Gesundheitsschädigung einer Person in einer Gefährdungssituation.“
  • elektrische Gefährdung: „Quelle einer möglichen Verletzung oder Gesundheitsschädigung durch das Vorhandensein elektrischer Energie in einer Anlage.“
  • elektrische Gefahr: „Risiko einer Verletzung elektrischen Ursprungs.“

Beispiel aus der Praxis. Allgemeiner Ablauf:

  • Der Auftraggeber (Anlagenbetreiber) erteilt nach einer vertraglich genau definierten Schnittstellenregelung den Auftrag an einen oder mehrere Auftragnehmer.
  • Der Auftraggeber (Anlagenbetreiber) teilt dem Auftragnehmer oder mehreren Auftragnehmern den Anlagenverantwortlichen mit.
  • Da in diesen Beispielen mehrere Firmen an einem Projekt zusammenarbeiten, hat der Anlagenverantwortliche diese Arbeiten zu koordinieren. Wenn er die erforderliche Koordination nicht selber ausführen kann, muss er einen Koordinator bestimmen.
  • Der Koordinator hat unter anderem a) sicherzustellen, dass nur unterwiesene Fremdfirmen, Mitarbeiter in den Betrieb kommen, b) sicherzustellen, dass nur geprüfte Arbeitsmittel zum Einsatz kommen, c) sicherzustellen, dass alle an diesem Projekt zuständigen Firmen koordiniert werden, d) sicherzustellen, dass eigene Beschäftigte über den Fremdfirmeneinsatz in ihrem Tätigkeitsfeld informiert sind.
  • Der Anlagenverantwortliche hat in einer Gefährdungsbeurteilung die möglichen Auswirkungen der Arbeiten auf die elektrischen Anlagen oder Teile davon, die in seiner Verantwortung stehen, sowie die Auswirkungen der elektrischen Anlage auf die Arbeitsstelle und die arbeitenden Personen zu beurteilen. Erforderlichenfalls können einige mit dieser Verantwortung einhergehende Verpflichtungen auf andere Personen übertragen werden. In diesem Beispiel übernehmen die Anlagenverantwortlichen bzw. die Arbeitsverantwortlichen der Auftragnehmer oder mehrerer Auftragnehmer diese Pflichten.

Allgemeine Hinweise. Die Aufgaben und Pflichten im Bereich des Arbeitsschutzes werden in Deutschland seit 1996 im Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) geregelt. Durch die in den modernen Arbeitsschutzvorschriften eingeräumten Entscheidungsspielräume, der sogenannten Deregulierung, wird den Unternehmen mehr Eigenverantwortung für die Durchführung der Maßnahmen zur Sicherheit und Gesundheit ihrer Beschäftigten gegeben.

Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) [3], § 3a Einrichten und Betreiben von Arbeitsstätten: (1) „Der Arbeitgeber hat dafür zu sorgen, dass Arbeitsstätten den Vorschriften dieser Verordnung einschließlich ihres Anhanges entsprechend so eingerichtet und betrieben werden, dass von ihnen keine Gefährdungen für die Sicherheit und die Gesundheit der Beschäftigten ausgehen. Der Arbeitgeber hat die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales nach § 7 Abs. 4 bekannt gemachten Regeln und Erkenntnisse zu berücksichtigen. Bei Einhaltung der im Satz 2 genannten Regeln und Erkenntnisse ist davon auszugehen, dass die in der Verordnung gestellten Anforderungen diesbezüglich erfüllt sind. Wendet der Arbeitgeber die Regeln und Erkenntnisse nicht an, muss er durch andere Maßnahmen die gleiche Sicherheit und den gleichen Gesundheitsschutz der Beschäftigten erreichen.

Anhang der ArbStättV, 1.4 Energieverteilungsanlagen: „Anlagen, die der Versorgung der Arbeitsstätte mit Energie dienen, müssen so ausgewählt, installiert und betrieben werden, dass die Beschäftigten vor Unfallgefahren durch direktes oder indirektes Berühren spannungsführender Teile geschützt sind und dass von den Anlagen keine Brand- oder Explosionsgefahr ausgeht. Bei der Konzeption und der Ausführung sowie der Wahl des Materials und der Schutzvorrichtungen sind Art und Stärke der verteilten Energie, die äußeren Einwirkbedingungen und die Fachkenntnisse der Personen zu berücksichtigen, die zu Teilen der Anlage Zugang haben.“ 

 

Literatur:

[1] DIN VDE 0105-100 (VDE 0105-100):2015-10 Betrieb von elektrischen Anlagen – Teil 100: Allgemeine Festlegungen.

[2] DIN VDE 1000-10 (VDE 1000-10):2009-01 Anforderungen an die im Bereich der Elektrotechnik tätigen Personen.

[3] Verordnung über Arbeitsstätten (Arbeitsstättenverordnung – ArbStättV) Ausfertigungsdatum: 12.08.2004, zuletzt geändert durch Artikel 282 der Verordnung vom 31. August 2015 (BGBl. I S. 1474).

Autoren: J. Gossenauer, S. Euler

 

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