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Überspannungsschäden durch Blitzeinwirkung prüfen
Teil 2: Werkzeuge zur Beurteilung und professionelle Vorgehensweise

Ein fester Bestandteil der Schadenbearbeitung in den Sachversicherungen nimmt die Regulierung von Blitz-Überspannungsschäden ein. Die oftmals sehr unterschiedlichen Schadenbilder, stark voneinander abweichende Vertragsbedingungen sowie die unterschiedliche Regulierungspraxis einzelner Versicherungsunternehmen lassen diese Schadenregulierungen für die Elektrofachkraft und den Kunden schwer einschätzbar, mitunter sogar willkürlich erscheinen.

BLIDS ortet Gewitterblitze nicht nur in Deutschland.

BLIDS ortet Gewitterblitze nicht nur in Deutschland. Jeder Blitz sendet elektromagnetische Schwingungen aus, die von Messstationen empfangen werden. Der Ort eines Einschlags lässt sich dann zwischen 50 und 200 Meter genau eingrenzen. Stephan Thern, Leiter des Blitz-Informationsdienstes, vor einem Messempfänger. (Foto: www.siemens.com/presse)

Bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden elektrische Zählgeräte, sogenannte „Blitzzähler“, eingesetzt, um die Blitzverteilung messtechnisch zu bestimmen.

Diese Technik wurde weiterentwickelt und so bestehen heute Blitzortungssysteme aus einem Netz von elektronischen Blitzmessempfängern, die zusammenarbeiten, um Blitzereignisse innerhalb des Gebietes, das durch das System erfasst wird, aufzufinden und geografisch zu lokalisieren.

Blitz-Ortungssysteme

Siemens betreibt seit 1992 ein Blitzortungs- und Erfassungssystem (Bild 1 bzw. Titelbild) unter dem Namen BLIDS [1]. Aus dieser Datensammlung können langjährige Statistiken sowie aktuelle Zahlen zu Blitzereignissen veröffentlicht oder auf Anfrage gegen eine Gebühr zu Verfügung gestellt werden (Bilder 2 und 3). Die Sachversicherer können über den VdS auf diese Daten zugreifen.

Seit 2002 erfasst die Firma Nowcast ebenfalls Blitzeinschläge, sodass die Daten miteinander verglichen werden können [2]. Im Internet sind weitere Anbieter von Blitzdaten zu finden. Bei der Bewertung dieser Daten ist zunächst zu klären, aus welcher Datenquelle (Erfassungssystem) diese generiert werden.

Es muss weiterhin geklärt werden, ob die Daten dieser Anbieter wissenschaftlichen und normativen Kriterien entsprechen, siehe hierzu die DIN EN 62858 (VDE 0185-858) „Blitzhäufigkeit basierend auf Blitzortungssystemen – Allgemeine Grundsätze“ [3].

Mess- und Analysetechnik

Zur Beurteilung von beschädigten elektronischen Baugruppen müssen optische und messtechnische Untersuchungsmethoden sinnvoll eingesetzt und ggf. kombiniert werden.

Dabei spielt die visuelle Begutachtung eine zentrale Rolle. Sind Schmauchspuren durch einfache Inaugenscheinnahme nicht erkennbar, können im Labor optische Geräte wie z. B. Digitalmikroskope oder gegebenenfalls Röntgengeräte eingesetzt werden.

Die elektrotechnischen Untersuchungen beschränken sich meist auf einfache Messungen wie z. B. die Prüfung der Sperr- und Durchlassfunktion von Dioden oder die Messung von internen Versorgungsspannungen. Ein vollständiger Test der Baugruppenfunktion ist nur beim Hersteller mit seiner Entwicklungsumgebung möglich.

Optische Prüfgeräte wie z. B. Digitalmikroskope oder Röntgengeräte sind bei Forschungsinstituten oder größeren Sachverständigenbüros vorhanden. Mit der Röntgenuntersuchung einer Baugruppe kann auch ein Dienstleister im Bereich der Materialprüfung, wie z. B. das Unternehmen ProCon X-Ray aus Sarstedt, beauftragt werden [4].

Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Kosten für diese Untersuchungen oftmals den Wert des geschädigten Gerätes übersteigen.

Hilfe zur Beurteilung – GDV-Studie „Blues“

Um zu klären, bis zu welcher Entfernung zwischen Einschlagort des Blitzes und Schadenort ein Schaden noch plausibel sein kann, hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 2006 bei der Fachhochschule Aachen eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben [5].

In der Zwischenzeit konnten die Blitzortungssysteme technisch weiterentwickelt und so heute präzisere Ortsangaben geliefert werden. Daher wird in den Gremien des GDV über eine Aktualisierung der Studie diskutiert. Bis deren Ergebnisse vorliegen, können die Daten der Studie von 2006 verwendet werden.

Demnach sind zur Feststellung der Schadenursache Blitz-Überspannung neben der Entfernung zum Einschlagort des Blitzes auch Faktoren wie z. B. Bebauungsdichte, Einkopplungsmöglichkeiten und Gerätekategorie entscheidend. Auch werden die verfügbaren Ortungssysteme bewertet und Aussagen zu deren Genauigkeit getroffen.

Bei der Schadenbewertung ist zwischen zwei Schadentypen zu unterscheiden: Nahe Einschläge, die zu Überspannungen innerhalb der hausinternen Energieversorgungs- und informationstechnischen Netze führen, und solche Schäden, die durch eine Übertragung von Überspannungsimpulsen aus Versorgungsleitungen im Außenbereich entstehen. Wichtiges Kriterium ist die Gerätekategorie, diese unterscheidet Geräte, die an ein Versorgungsnetz (wie Haushaltsgeräte) oder an mehrere Versorgungsnetze (z. B. Fernsehgeräte, PC) angeschlossen sind (Kategorie A und B).

Einige wesentliche Aussagen der Studie sind:

  • Schlägt ein Blitz in einer Entfernung von mehr als 3 000 m vom Schadenort ein, ist ein Schadeneintritt an elektronischen Geräten in höchstem Maße unwahrscheinlich.
  • Einzelne, frei stehende Gebäude, die mittels eigener Stichleitung an das Stromnetz angeschlossen sind, können bis zu einer Entfernung von 3 000 m zum Einschlagort des Blitzes unter ungünstigen Bedingungen von einem Überspannungsschaden betroffen sein.
  • In dörflicher Umgebung ist ein Schadeneintritt bei einem Abstand von mehr als 2 000 m unwahrscheinlich, dieser Wert sinkt auf 1 500 m in städtischer/vorstädtischer Umgebung.
  • Geräte, die über zwei leitungsgebundene Anschlüsse verfügen (z. B. Computer mit Stromversorgung und Netzwerkkabel) können sensibler auf induzierte Überspannungen reagieren als Geräte mit nur einem Anschluss (z. B. Waschmaschine).

 

Bewerten der Ortungsgenauigkeit von Blitzerfassungssystemen

Die Ortungsgenauigkeit der Blitzortungssysteme wird bei der Schadenbearbeitung immer wieder in Frage gestellt. In der Fachliteratur finden sich zahlreiche Abhandlungen zum Thema.

Nach veröffentlichten Untersuchungen und den Erkenntnissen aus der Schadenregulierung beträgt der räumliche Fehler im Mittel etwa 200 m. In Sonderfällen können die Messungen systematische Fehler enthalten, z. B. kann durch besondere topologische Gegebenheiten (Bergregionen) oder Randgebiete des Erfassungsbereiches der Sensoren das Ergebnis beeinflusst werden.

Im begründeten Einzelfall kann daher eine räumliche Ortungsgenauigkeit von etwa 400 m angesetzt werden.

Es ist zu berücksichtigen, dass die Ortungssysteme seit Erstellung der Studie von 2006 verbessert werden konnten. Damit sind heute die in der Studie genannten Entfernungen tendenziell geringer anzusetzen.

Es sollte im Einzelfall beim Anbieter der Blitzdaten für die jeweilige Messung eine Angabe zur Ortungsgenauigkeit angefordert werden. Dieser Wert ist dann in der weiteren Bearbeitung zu berücksichtigen.

Abschätzung maximal möglicher Entfernungen

Aus den in der Studie des GDV „Hilfestellungen zur einfacheren Beurteilung von Blitz- und Überspannungsschäden in der Schadensregulierung“ (Blues) veröffentlichten Ergebnissen und Schlussfolgerungen können maximal mögliche Entfernungen zwischen Blitzeinschlagort und Schadenort festgelegt werden. Dabei sind in Abhängigkeit von der Gerätekategorie, der Verteilung bzw. dem Einkopplungsweg und der Bebauungsdichte die in den folgenden Tabellen genannten Entfernungen anzusetzen.

In Tabelle 1 sind die Entfernungen (ohne Berücksichtigung der Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems) zwischen Blitzeinschlag-ort und Schadenort angegeben, bis zu denen noch eine signifikante Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein Schaden durch einen Blitzeinschlag verursacht wird.

Tabelle 2 bietet ein Beispiel für eine Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems von 400 m und die entsprechenden Entfernungen zwischen dem Blitzeinschlagort und Schadenort, bis zu denen noch eine signifikante Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein Schaden durch einen Blitzeinschlag verursacht wird.

Stark vereinfacht stellt Tabelle 3 die Entfernungen dar, bis zu denen der Zusammenhang zwischen Schaden und Blitzeinschlag als sehr wahrscheinlich bzw. wahrscheinlich bezeichnet werden kann – ohne Unterscheidung der Gerätekategorien und mit der Zusammenlegung der lokalen Klassifizierungen „Stadt“ und „Vorstadt“ sowie einer Ortungsgenauigkeit von 400 m.

###gekürzt###

Autor: L. Erbe

Literatur:

[1] siemens.com/blids

[2] www.nowcast.de

[3] DIN EN 62858(VDE 0185-858):2016-05: Blitzhäufigkeit basierend auf Blitzortungssystemen – Allgemeine Grundsätze (IEC 62858:2015).

[4] www.procon-x-ray.de

[5] Die komplette Studie ist auf der Internetseite des GDV veröffentlicht, siehe: www.gdv.de/wp-content/uploads/2007/07/Studie_FH_Aachen.pdf

 

Tafeln:

{1} Entfernungen ohne Berücksichtigung der Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems nach [4, s. 118]

2} Beispiel für eine Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems von 400 m und die entsprechenden Entfernungen zwischen Blitzeinschlagort und Schadenort

{3} stark vereinfachte Entfernungen bei einer Ortungsgenauigkeit von 400 m, bis zu denen ein wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen Blitzeinschlagort und Schadenort besteht

 

Der vollständige Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

Kartendarstellung von Blitzereignissen aus einer Muster-Einzelanfrage
Bild 2) Kartendarstellung von Blitzereignissen aus einer Muster-Einzelanfrage (Quelle: Siemens, BLIDS)
Tabellendarstellung der Blitzereignisse aus der Muster-Einzelanfrage mit allen wesentlichen Daten
(3) Tabellendarstellung der Blitzereignisse aus der Muster-Einzelanfrage mit allen wesentlichen Daten (Bild: Siemens, BLIDS)
{1} Entfernungen ohne Berücksichtigung der Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems nach [4, s. 118]
Tafel {1} Entfernungen ohne Berücksichtigung der Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems nach [4, s. 118]
2} Beispiel für eine Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems von 400 m und die entsprechenden Entfernungen zwischen Blitzeinschlagort und Schadenort
Tafel {2} Beispiel für eine Ortungsgenauigkeit des Blitzortungssystems von 400 m und die entsprechenden Entfernungen zwischen Blitzeinschlagort und Schadenort
{3} stark vereinfachte Entfernungen bei einer Ortungsgenauigkeit von 400 m, bis zu denen ein wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen Blitzeinschlagort und Schadenort besteht
{3} stark vereinfachte Entfernungen bei einer Ortungsgenauigkeit von 400 m, bis zu denen ein wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen Blitzeinschlagort und Schadenort besteht
 

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