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Aus dem Facharchiv: Arbeitsschutz, Arbeitssicherheit, Betriebsführung
Störlichtbogenschutzkleidung folgt verschiedenen Konzepten

Immer wieder kommt es zu schweren Unfällen mit Störlichtbögen. Nicht selten stellt sich bei den Ermittlungen heraus, dass die Geschädigten gar keine oder keine sachgemäße Schutzkleidung getragen haben: So auch ein 64-jähriger Elektriker, dessen Kleidung nach einem Unfall in einem Transformatorenhaus in Flammen aufgegangen ist.

Störlichtbogenschutzkleidung

Störlichtbogenschutzkleidung für Klasse 2, vorwiegend aus Leder (Foto: Dehn)

Eine angemessene Schutzkleidung hätte die Auswirkung dieses Unfalls möglicherweise mindern können: Schutzkleidung gegen thermische Gefahren eines Lichtbogens darf nicht brennen. Daher stellt sich die Frage, warum Schutzkleidung nicht angelegt wird.

Schutzkleidung muss Akzeptanz finden

Eine mögliche Antwort findet sich im Internet. In verschiedenen Foren ist immer wieder zu lesen, dass die vom Arbeitgeber verordnete Schutzkleidung schwer, unbequem oder steif sei. Die Betroffenen schildern ihr Unwohlsein und suchen in verschiedenen Portalen nach Alternativen.

Das Anliegen der Betroffenen ist verständlich. Für Sport und Freizeit gibt es seit Langem hoch funktionelle Bekleidungssysteme, die Feuchtigkeitsmanagement, Bewegungsfreiheit und Leichtigkeit bieten.

Und auch die PSA-Richtlinie fordert eine ergonomische Gestaltung: „Die Persönlichen Schutzausrüstungen müssen so konzipiert und hergestellt werden, dass der Benutzer unter den bestimmungsgemäßen und vorhersehbaren Einsatzbedingungen die mit Risiken verbundene Tätigkeit normal ausüben kann und dabei über einen möglichst hohen und den Risiken entsprechenden Schutz verfügt.“

Komfort lässt sich messen

Auf den gewohnten Komfort muss man im Beruf nicht zwingend verzichten. Daher sollte Störlichtbogenschutzkleidung (PSAgS) verschiedene Grundprinzipien beachten. So wird der Bewegungskomfort u. a. durch den Schnitt, dehnbare Stretchkeile in Rücken oder Ärmeln oder den Größenspiegel, aber auch durch Materialien mit Stretchanteil beeinflusst. Die Art der Gewebe entscheidet auch über die Schutzeigenschaften sowie über Weichheit, Griff, Feuchtigkeitsmanagement und Luftdurchlässigkeit.

Während einige dieser Faktoren einem subjektiven Empfinden unterliegen, lässt sich das Verhalten gegenüber Feuchtigkeit objektiv messen:

BSD prüft beispielsweise seine Kollektionen unter Anwendung der EN 31092/ISO 11092 auf den Widerstand gegen Wasserdampf (Resistance to Evaporating Heat, kurz: RET). Dieses aus der Funktionskleidung stammende Testverfahren lässt aus Sicht des Unternehmens eine belastbare Aussage zur Atmungsaktivität und damit zum Feuchtigkeitstransport Klimaeigenschaften und Tragekomfort zu. Ein niedriger RET-Wert (0–6), steht für ein sehr atmungsaktives Bekleidungssystem, das auch bei starker körperlicher Belastung funktioniert.

Was zählt mehr: 
Gewicht oder Komfort?

Den Entwicklungen der Schutzgewebehersteller und Konfektionären ist zu verdanken, dass sich Schutz und Komfort nicht mehr ausschließen müssen.

Nach DIN EN 61482-2 zertifizierte Schutzkleidung gegen die thermischen Gefahren eines Lichtbogens ist in verschiedenen Systemen erhältlich, die sich entsprechend ihrem Aufbau wie folgt unterscheiden.

  • Einlagige Schutzkleidung. Das zu Schutzkleidung verarbeitete Material liegt in einer einfachen Stofflage vor.
  • Doppellagige Schutzkleidung. Das in der Schutzkleidung verarbeitete Gewebe wird „gedoppelt“, sodass zweimal dasselbe Textil in einem Bekleidungsteil – üblicherweise Jacken der Klasse 2 – verarbeitet ist.
  • Zweilagige Schutzkleidung. Für die Herstellung eines Schutzkleidungsteils werden zwei unterschiedliche Materialien verarbeitet, um optimale Schutz- und Komforteigenschaften zu erzielen
  • Mehrschichtige (mehrlagige) Schutzkleidung. Ein solches System folgt dem in der Sportbekleidung verbreiteten „Zwiebelprinzip“ und ist aus zwei oder mehr Bekleidungsschichten aufgebaut – angefangen von der Unterwäsche bis zur „Außenhaut“, die neben den Gefahren eines Störlichtbogens oder schlechter Sicht auch gegen schlechtes Wetter o. ä. schützt
  • Schutzkleidung aus Leder.

Jedes System hat Vorteile, allerdings auch Grenzen.

Gut geschützt – 
nur mit einer Schicht

Einlagige Störlichtbogenschutzkleidung verfügt in der Regel über eine geringere Schutzleistung als zweilagige Anzüge oder ein Bekleidungssystem, bei dem Ober- und Unterbekleidung zusammen getragen werden. Das gilt insbesondere dann, wenn Einlagen-Schutzkleidung aus modernen, leichten und hoch komfortablen Geweben gefertigt ist. Diese haben, beispielsweise wie bei CWS boco, ein „Fliegengewicht“ von 220 g/m2.

Eine Alternative mit einem hohen Baumwollanteil und 350 g/m2 Gewicht bietet engelbert strauss mit seiner Linie „e.s.vision Multinorm“ an; sie erfüllt Störlichtbogenschutz der Klasse 1. Mit dem Trend zu immer leichteren Geweben sind die Hersteller gefordert, technisch immer ausgeklügeltere Materialien zu entwickeln. Diese haben mittlerweile zu Materialkompositionen von bis zu sechs Einzelkomponenten geführt.

Gewicht ist nicht gleich
 Schutzgefühl

Man sollte aber nicht außer Acht lassen, dass ein leichtes Gewebe nicht unbedingt mit einem guten subjektiven Schutzgefühl korreliert. Dieses ist bei mehr Materialmasse, also einem schwereren Gewebe, meist höher als bei dünnen und extrem leichten Geweben. Deshalb spielt das häufig als alleinige Entscheidungsgrundlage gesetzte Materialgewicht eine zu große Rolle, wie die Produktentwickler bei HB Schutzbekleidung glauben: Oft würde nämlich über die Konstruktion der Bekleidungsteile, mithilfe von zusätzlichen Patten, Taschen oder Teildopplungen eine fehlende Materialmasse quasi kompensiert. Anhand einer zweiten Kenngröße, dem Fertigteilgewicht, lässt sich diese Angabe relativieren. Daher führt das Unternehmen diese Gewichtsangabe zusätzlich zur Materialgrammatur an und zieht mit der Alpinbekleidung gleich.

Um bei einem einlagigen Schutzkleidungsaufbau eine hohe Schutzleistung zu erzielen, gibt es nur eine Lösung: die Verwendung schwererer Gewebe mit Flächengewichten zwischen 350 und 450 g/m2.

Aufgrund der gegebenen Festigkeit und Steifigkeit der Textilien leiden aber darunter die Trageeigenschaften und die Akzeptanz dieser Kleidung.

Hält doppelt 
immer besser?

Eine doppellagig gearbeitete Schutzkleidung „doppelt“ die Schutzwirkung eines Materials. Der große Vorteil eines solchen Systems ist der zweifache Schutz:

Im Unglücksfall bildet die innere Bekleidungsschicht „das Netz mit doppeltem Boden“. Wenn also die äußere Lage aufgrund der hohen einwirkenden Temperaturen aufbrechen sollte, bildet die zweite Textillage eine zusätzliche Schutzschicht.

Doppellagige Störlichtbogenschutzkleidung der Klasse 2 (7 kA) wird beispielsweise von HB Schutzbekleidung oder mit der Kollektion Nomex Comfort Arc 400 von CWS boco  im Mietservice angeboten.

Von der Freizeitkleidung 
abgeschaut

Anders als eine doppellagige Schutzkleidung verbindet eine zweilagige Schutzkleidung die Vorteile von zwei Materialien in einem Bekleidungsteil. Auf diese Weise können Qualitäten gemischt werden, die auf die geforderten Eigenschaften optimal zugeschnitten sind. Das verdeutlicht beispielsweise die Kollektion BP Multi Protect 7 kA. Sie ist aus Kermel-Denim-Mischgeweben in zwei Gewichtsklassen gefertigt, die übereinander gelegt werden. Die obere Lage wiegt 320 g, die untere nur 50 % dieses Gewichts pro m². Das leichte Innenfutter führt nach Herstellerangaben zu einem Effekt, den man auch von Freizeitkleidung kennt: Weil es leichter ist, wird das Innenfutter kaum wahrgenommen.

Daher bieten Jacken und Hosen in dieser Kombination einen hohen Komfort und eine gute Klimatisierung. Dennoch darf man nicht vergessen, dass innere und äußere Lage zusammen mehr als 500 g/m² wiegen. Damit lassen sich höhere Schutzziele erreichen. Aber auch hier gilt: Je mehr Gewicht die Schutzkleidung hat, umso eher wird die Zumutbarkeitsgrenze bei den Beschäftigten erreicht. Neben dem hohen Schutzniveau hat zweilagige PSAgS einen weiteren Vorteil:

Ist die obere Bekleidungslage beispielsweise durch einen Riss „verletzt“, bietet die darunterliegende Textilschicht noch einen gewissen Grad an Sicherheit, falls die PSA nicht sofort gewechselt werden kann.

Geschützt 
wie eine Zwiebel

Störlichtbogenschutzkleidung, die dem Zwiebelprinzip folgt, macht sich die Prinzipien von Funktionskleidung zunutze.

Kollektionen wie die BSDcomfort von BSD, Aberdeen in Kombination mit Fakse-Unterwäsche von Helly Hansen oder ATHS und ATHP von Fristads Kansas setzen auf die Kombination mehrerer zertifizierter Bekleidungsarten. Sie bestehen aus Unterwäsche, Ober- und Außenbekleidung.

Die Garderobe wird anschließend entsprechend dem geforderten Schutzziel zusammengesetzt oder kann je nach Gefährdungsgrad auch einzeln getragen werden mit Ausnahme der Unterwäsche. Dafür müssen die Bekleidungsteile allerdings einzeln oder im Bekleidungssystem den Box-Test durchlaufen.

Immer mehr Anbieter lassen außerdem das Material oder den Materialaufbau im ATPV-Test (Arc Thermal Protective Value) prüfen. Die in diesen Prüfdurchgängen ermittelten Werte zeigen die maximale Schutzleistung, wenn Ober- und Unterbekleidung zusammen getragen werden. Die Schutzleistung ist in diesen Fällen i.d.R. höher als die rein rechnerische Summe der Schutzleistung der einzelnen Bekleidungsteile, berichtet HB Schutzbekleidung.

Der Vorteil eines „Zwiebel“-Aufbaus ist die Flexibilität bei der Materialauswahl:

Jede Bekleidungsschicht kann aus einem optimal für die jeweilige Anforderung ausgewählten Textil gefertigt werden und verbindet Schutz- und Komforteigenschaften auf optimale Weise.

Der mehrlagige Bekleidungsaufbau hat unter anderem auch die Voraussetzungen für nach DIN EN 61482-2 zertifizierte Softshelljacken und Fleecejacken geschaffen: Sie verbinden Tragekomfort, gute Klimaeigenschaften und Feuchtigkeitstransport bei gleichzeitig zuverlässiger Schutzfunktion.

Immer richtig angezogen

In jedem Fall muss ein mehrlagig aufgebautes Schutzkleidungssystem sicherstellen, dass das Zusammenspiel der einzelnen Schichten funktioniert. Mietdienstleister DBL weist darauf hin, dass Feuchtigkeitstransport, Gewicht und auch Optik aufeinander abgestimmt sein müssen. So ist es bei Außeneinsätzen oder bei Kälte und Nässe unabdingbar, dass das „Gesamtpaket“ schützt und wärmt, ohne jedoch zu vermehrter Schweißbildung zu führen. Trotzdem müssen die drei übereinander getragenen Bekleidungsschichten noch genügend Bewegungsfreiheit bieten. Bei anderen Bedingungen – etwa an warmen Tagen – sind dann die einzelnen Komponenten im Hinblick auf Schutz und Funktionalität gefordert.

Vor- und Nachteile des Zwiebelprinzips

Die hohe Flexibilität eines im Zwiebelprinzip aufgebauten Schutzkleidungssystems kommt unmittelbar dem Wohlbefinden bei der Arbeit zugute. Die Kleidung wird an das jeweilig geforderte Schutzniveau angepasst, wodurch ein hoher Tragekomfort, gute Klimaeigenschaften und eine ausreichende Bewegungsfreiheit erhalten bleiben. Dass eine derart funktionelle Störlichtbogenschutzkleidung teurer ist als eine einfache Variante, dürfte sich von selbst verstehen.

Die aus mehreren Teilen zusammengestellte Schutzkleidung hat auch Tücken:

  • So ist es durchaus möglich, dass eine Bekleidungsschicht – vorzugsweise die schützende Unterwäsche – vergessen wird. Das Schutzniveau der geforderten Klasse ist dann nicht mehr zu erreichen.
  • Ein zweiter Nachteil des „Zwiebelprinzips“ besteht darin, dass es im Normungsprozess (auch durch die IEC 61482-2) nicht zugelassen ist, weil nicht sichergestellt werden kann, dass der Nutzer die definierten Kleidungsteile wirklich übereinander trägt. Hier muss der Unternehmer eine Entscheidung treffen und diese in seiner Gefährdungsbeurteilung begründen. Durch das Tragen eines im Störlichtbogen geprüften Shirts unter der Jacke erreicht man faktisch einen Zusatzschutz, aber die Jacke sollte auch ohne das Shirt das erforderliche Schutzziel erreichen.

Leder als Alternative

Außer textilbasierter bietet Dehn mit der Kollektion Dehncare auch eine aus Leder gefertigte Störlichtbogenschutzkleidung an. Das Naturprodukt Leder ist nach Herstellerangaben atmungsaktiv und bietet hohen Tragekomfort. Es wird in Kombination mit Neopren und einem flammhemmenden Innenfutter verarbeitet und erreicht einen hohen Schutzgrad, der deutlich über die in der Norm IEC 61482-1-2 definierten Werte für die Einwirkenergie hinausgeht. Die Kollektion umfasst Anzüge und Schaltmäntel; der Anzug wird in sechs Größen angeboten, der Mantel ist in drei Doppelgrößen verfügbar.

Fazit

Schutzkleidung gegen die thermischen Einwirkungen eines Störlichtbögen entwickelt sich ständig weiter. Heute gibt es inzwischen moderne Kleidungssysteme, deren Funktionalität sich stark an der Outdoor-Branche orientiert – mit hohem Komfort und sehr gutem Schutz. Die Hersteller verfolgen unterschiedliche Konzepte.

Daher hat der Unternehmer oft die Qual der Wahl. Hier sollten aber auch die Mitarbeiter stärker mitreden können, denn sie müssen die beschaffte PSAgS schließlich bei der Arbeit tragen.

Autor: S. Anton-Katzenbach
Der Beitrag ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

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