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Ende des 3D-Fernsehens
Ein totes Pferd kann man nicht reiten – auch nicht in 3D

Gemunkelt wurde es schon lange, jetzt ist es offiziell: 3D-Fernsehen wird eingestellt. Kein großer Hersteller ist mehr bereit, 3D-fähige TV-Geräte zu produzieren. Auch im Kino sieht es für 3D düster aus – ein Filmregisseur zieht frustriert Bilanz.

3D-Kino 1951 in London

3D-Kino 1951 in London (Bild: The National Archives UK, Lizenz: OGL)

Rückzug der letzten großen Hersteller

Sony und LG erklärten in dieser Woche, bei allen neuen TV-Modellen auf die 3D-Wiedergabe zu verzichten. Zuvor hatte sich bereits Samsung aus dem 3D-Geschäft zurückgezogen.

Mit dem Ausstieg des Trios der Marktführer ist das Ende des 3D-Fernsehens besiegelt. Kleinere Hersteller wie Vizio, Philips, TCL und Sharp sind ebenfalls draußen.

Begründet wird die Vollbremsung mit ökonomischen Zwängen: Zu wenig Verkäufe, zu wenig Umsätze, zu wenig Gewinn.

Die Geschichte des 3D-Fernsehens ist eine Geschichte voller Missverständnisse

Als James Cameron 2009 den 3D-Film „Avatar“ in die Kinos brachte, versprachen sich die TV-Hersteller neue Absatzmärkte. Der enorme Erfolg von "Avatar" sollte die Kunden bewegen, ihre 2D-Fernseher gegen 3D-fähige Geräte auszutauschen.

Doch unter den Käufern sprach sich schnell herum, dass ein einigermaßen passabler 3D-Effekt nur dann zu erleben ist, wenn der Zuschauer wie ein toter Aal stocksteif im exakt vermessenen Winkel und unveränderlichem Abstand zum TV-Gerät saß.

Der Aufwand, der für den 3D-Genuss betrieben werden musste, ähnelte dem Voodoo von HiFi-Freaks, die ihren Stuhl in unverrückbarer Position zwischen die Lautsprecher nageln, um dann doch keinen Unterschied zwischen Remaster-, Gold- und Ramsch-CD zu hören.

Wirklich goutieren ließen sich die 3D-Filme nur mit einer Heimkinoanlage. Die kostete aber Geld, und man brauchte dafür Platz im Wohnzimmer.

Das 3D-Fernsehen wurde zusätzlich durch das Tragen der 3D-Brille erschwert. Kurzsichtige Brillenträger standen vor der Wahl, entweder unscharfe 3D-Fernsehbilder zu erahnen oder ihre eigene Sehhilfe über das 3D-Gestell zu stülpen.

Am Angebot der Blu-ray-Discs lag die Zurückhaltung der Kunden nicht; 3D-Filme für Blu-ray gab es jede Menge. Ab 2010 stieg zunächst auch die Nachfrage nach 3D-fähigen Fernsehgeräten an. 2012 erreichten 3D-Fernseher einen Anteil von 23 Prozent am Verkauf aller TV-Geräte. Danach zeigte die Kurve nur noch nach unten. 2015 fielen die Verkäufe auf 16 Prozent, 2016 sanken sie auf acht Prozent.

Der Anteil 3D-fähiger Blu-ray-Player am Gesamtverkauf aller Blu-ray-Player war ebenfalls rückläufig: 40 Prozent im Jahr 2012, 25 Prozent 2015, 11 Prozent 2016.

Das ist eine klare Abstimmung an der Ladenkasse: 3D-Fernsehen wird von den Kunden nicht angenommen. Es ist ein Fall fürs Technikmuseum. Neben MiniDisc, Betamax, Bildtelefon, Sony CD Kopierschutz und Nintendo Virtual Boy ist noch eine Vitrine frei.

Auch im 3D-Kino riecht's nach Tod

Seit „Avatar“ pumpt die Filmindustrie einen 3D-Film nach dem anderen in die Kinos. Viele Filme blockieren mit ihren 3D-Versionen die Säle zu den besten Kinozeiten; die 2D-Ausgaben werden auf den Vormittag oder in die Nacht abgeschoben.

So will man das Publikum zum Ticketkauf für 3D-Filme motivieren. Doch im Grunde sind diese Maßnahmen Ausdruck purer Verzweiflung. Wer zu solchen Tricks greifen muss, um seinen Kunden die 3D-Filme aufzuschwatzen, hat die Schlacht längst verloren.

Daran ist die Filmindustrie selbst schuld. Von Ausnahmen wie „Gravity“ abgesehen, beschränkt sich das 3D-Kinoerlebnis auf Pseudo-3D. Die erhöhten Eintrittspreise (3D-Brille + 3D-Zuschlag + Überlängenzuschlag = Mondpreis) sind damit nicht zu rechtfertigen.

Eine annähernd realistisch erscheinende Dreidimensionalität wird in den wenigsten Filmen geboten. Durchs Publikum zischende Sterne oder eine plötzlich ausgestreckte Faust in Richtung Zuschauer sind eher komisch als beeindruckend.

Wie dramatisch der qualitative Verfall des 3D-Kinos ist, beklagte der Regisseur Wim Wenders. Er ist seit Jahren leidenschaftlicher Anhänger der 3D-Filmkunst, sein 3D-Dokumentarfilm "Pina" wurde 2012 für den Oscar nominiert.

Am 25. Januar 2017 ließ er in einem Interview mit dem Tagesspiegel seinen Frust über den Zustand des 3D-Kinos raus. Seine enttäuschte Bilanz bezieht sich auf das Arthouse-Kino, sie lässt sich aber auch auf das blutleere 3D-Hollywood-Kino übertragen:

„Die Technik ist dermaßen ausgebeutet und ausgepowert worden durch all die Mistfilme, die damit produziert wurden, dass Arthouse-Kinos und -Verleiher es inzwischen strikt ablehnen, etwas anderes in 3-D zu zeigen als Animation oder Action. Was einen nicht verwundert bei der effekthascherischen Weise, in dem diese Bildersprache bislang eingesetzt wurde.

Das Fernsehen hat sich zurückgezogen, es gibt keinen Sender mehr in Europa, der 3D zeigt. Die Industrie hat sich ebenfalls abgewendet, weil wegen des Mangels an Content auch keine 3D-Fernsehgeräte mehr gekauft werden. Dadurch will auch das Publikum 3D nicht mehr, zumindest nicht in einem Film, der etwas Ernsthaftes erzählt. Ich habe mein Bestes gegeben als Rufer in der Wüste, aber außer dem Meisterwerk von James Cameron, ‚Avatar‘, ist wenig passiert. Scorsese drehte ‚Hugo Cabret‘, Ang Lee ‚Life of Pi‘, das war’s schon.“

Weiter geht's mit OLED HDR 4k Curved Screen

Der Markt frisst wieder mal seine eigenen Innovationen. Doch für Nachschub ist gesorgt. Das nächste große Ding ist OLED-TV in HDR mit Curved Screen. Mindestens in 4k. Dann sieht man endlich den Pickel auf der Nase des Nachrichtensprechers in seiner ganzen porenglänzenden Prächtigkeit.

Wer trotzdem für 3D-TV kämpfen möchte, kann auf change.org eine Petition unterzeichnen. Die wird dann im Technikmuseum in eine Vitrine gelegt, an der ein kleines Schild klebt: "Hier ruht das 3D-Fernsehen". 

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