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Prävention in der Praxis
Sicherheit bei elektrotechnischen Arbeiten in besonderen Situationen

Bei den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Elektrofachkräfte treten oftmals besondere Umstände auf, die in der Gefährdungsbeurteilung zu beachten sind. Hinsichtlich der üblichen Risiken existieren zwar zahlreiche Hilfsmittel der BGen, die genutzt werden können. Doch nicht immer reicht das in der Praxis aus.

Bild 2

Bild 2 (Foto: Enzengroß)

Beispielsweise im Kundendienst ist es häufig der Fall, dass die dort eingesetzten Mitarbeiter auf sich allein gestellt arbeiten müssen. Schon nach dem Grundgesetz, Artikel 2, lässt sich auch bei diesen Tätigkeitsfeldern die Verantwortung des Unternehmers/der Führungskraft für den Mitarbeiter ableiten (vgl. Bild 1). Das betrifft nach dem Arbeitsschutzgesetz auch die Gefährdungsbeurteilung und die daraus abzuleitenden Maßnahmen – einschließlich der Unterweisung.

Welche Gefahren im Vorfeld erkennbar sind

Schon bei der oberflächlichen Betrachtung ergeben sich verschiedene Fragen:

  • Welche Gefahren kann der Unternehmer/die Führungskraft im Vorfeld erkennen, die den Mitarbeiter beim Kunden erwarten?
  • Was muss folglich die diesbezügliche Unterweisung beinhalten?
  • Was ist rechtlich bei Auslandseinsätzen zu beachten?

Es ist sinnvoll, bei der Gefährdungsbeurteilung und den daraus abzuleitenden Schutzmaßnahmen einschließlich der Unterweisung die Gefahren in den sonst üblichen Tätigkeitsfeldern zu betrachten. Diese Risiken unterscheiden sich prinzipiell nicht von Tätigkeitsfeldern in stationären Bereichen. Dazu haben die Berufsgenossenschaften bereits umfangreiche Hilfsmittel erarbeitet. Sie befassen sich u. a. mit folgenden Gefahren in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern des Elektrotechnikers:

  • elektrischer Strom
  • Umgang mit Leitern
  • Arbeiten auf und mit Gerüsten, Fahrgerüsten und Hubarbeitsbühnen
  • Arbeiten in der Nähe unter Spannung stehender aktiver Teile
  • Arbeiten unter Spannung u. a. m.

Auf dieser Grundlage kann der Unternehmer eine qualifizierte Gefährdungsbeurteilung vornehmen, die nötigen Schutzmaßnahmen ableiten und seine Mitarbeiter entsprechend unterweisen.

Welche Risiken sind aber darüber hinaus beim Kunden zu erwarten? Ist der Unternehmer oder die Führungskraft im Vorfeld überhaupt in der Lage, diese zu erkennen? Hier stößt die Prävention zunächst scheinbar an Grenzen. Es gibt Unternehmen, die sich auch mit dem „Vordenken“ möglicher Gefahren sehr intensiv beschäftigen. Dabei handelt es sich aber aus den Erfahrungen des Autors eher um größere Unternehmen. Hier einige ausgewählte Beispiele:

Schutz vor Tätlichkeiten. So hat sich ein Energieversorgungsunternehmen beispielsweise mit dem Tätigkeitsfeld von Sperrkassierern beschäftigt. Diese Mitarbeiter werden beim Kunden nicht gerade mit Freude erwartet. Es gab daher extreme Vorkommnisse bis zu solchen Ereignissen, dass der Kunde seinen Hund auf den Sperrkassierer gehetzt hatte. Aus diesen Erfahrungen heraus entschied das Unternehmen, seine Mitarbeiter nicht nur psychologisch, sondern auch von einem erfahrenen Hundeführer im Umgang mit Hunden in einem zweitägigen Kurs zu schulen. Das ist eine sinnvolle Maßnahme, die rechtlich aber nicht zwingend vom Unternehmer oder der Führungskraft gefordert ist.

Schutz vor Zeckenbissen. Eine zweite solche sinnvolle Maßnahme ist beispielsweise, seine Freileitungsmonteure und Monteure von Windenergieanlagen vor Zeckenstichen – mit teils schwerwiegenden gesundheitlichen Auswirkungen – zu schützen. Auch hier hat ein Energieversorgungsunternehmen „Pionierarbeit“ geleistet und entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen.

Vorbereitung auf den Auslandseinsatz. Viele Großunternehmen machen sich bereits im Vorfeld Gedanken über die möglichen Risiken ihrer Mitarbeiter während eines Auslandseinsatzes. Hier ist stark zu differenzieren. So dürften sich die Risiken, z. B. bei einem Einsatz in Frankreich von denen bei einem Einsatz in Simbabwe oder China, teils stark unterscheiden. In diesen Unternehmen werden die Mitarbeiter über die erforderlichen Schutzimpfungen, die geltenden rechtlichen Bestimmungen des jeweiligen Landes und dort geltende Arbeitsschutzbestimmungen informiert. In kleineren Unternehmen sind solche Maßnahmen eher weniger üblich und nötig.

Unbekannte Risiken bei Alleinarbeiten

Dem Unternehmer oder der Führungskraft sind aber Grenzen gesetzt. Sie können unmöglich bereits im Vorfeld bei einem geplanten Einsatz der Mitarbeiter die Arbeitsrisiken und -schutzmaßnahmen beim Kunden wissen. Das sind vor allem:

  • vorhandene Betriebsgefahren, zum Beispiel biologische Gefahren
  • Verhalten im Gefahrfall, wichtig besonders beim Einsatz in der Petrolchemie
  • Flucht und Rettungswege, Fluchtpläne.
  • Organisation der Ersten Hilfe
  • Verhalten im Brandfall
  • Verkehrswege
  • betriebliche Organisationsstrukturen.

Die rein rechtlich und oberflächlich betrachtete Konsequenz wäre für den Unternehmer oder die Führungskraft, dass er seinem Mitarbeiter diesen Arbeitsauftrag für die „Alleinarbeit“ nicht erteilen darf. Es sei denn, der Unternehmer/die Führungskraft müsste bei jedem Arbeitsauftrag mitfahren und vor Arbeitsaufnahme eine Gefährdungsbeurteilung erstellen. Doch das ist in der Praxis nicht machbar (ep-Tipp).

Rechtliche sinnvolle Konsequenzen

Die DGUV Vorschrift 1 als autonomes Recht der Berufsgenossenschaften, regelt in den §§ 15–18 die Pflichten der Arbeitnehmer. Das autonome Recht besteht immer paritätisch zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern. Auch die Arbeitnehmervertreter haben im § 15 die Mitwirkungspflicht des Arbeitnehmers im Arbeitsschutz definiert. Bezogen auf die beschriebenen und sicher auch anderen Arbeitssituationen, ganz besonders in vielen elektrotechnischen Tätigkeitsfeldern, muss dieser Paragraf seine Anwendung finden.

Deshalb ist zu empfehlen, in den Unterweisungen der Kundendienstmitarbeiter eine Anweisung einzuarbeiten, die wie folgt lauten kann:

„Vor Arbeitsaufnahme beim Kunden haben Sie sich von einer für den Arbeitsbereich verantwortlichen Person (in aller Regel derjenige, der den Auftrag ausgelöst hat) über Folgendes zu informieren:

  • bestehende Betriebsgefahren, die relevant für die Tätigkeit sein können
  • Name und Erreichbarkeit des zuständigen Ansprechpartners
  • zu wählende Verkehrswege
  • Lage der sanitären Einrichtungen und Versorgungseinrichtungen und der entsprechenden Verkehrswege
  • Verhalten im Gefahrfall
  • Verhalten bei Bränden
  • Organisation der Ersten Hilfe
  • Einsicht in die Flucht und Rettungspläne“.

Bei Einsätzen von Kundendienstmitarbeitern in Konzernen und Betrieben mit erhöhtem Gefahrenpotential (Petrolchemie, Kernkraftwerken) werden diese Probleme ohnehin durch den Auftraggeber geregelt. Aber sich allein darauf zu verlassen, ist nicht empfehlenswert. Es sei denn, die Weisungsbefugnis ist vertraglich klar über die Arbeitnehmerüberlassung geregelt.

Die Unterweisung über die Inhalte, Bedeutung und Konsequenzen der §§ 15–18 sollte ohnehin für alle Mitarbeiter und erst recht für die genannten Tätigkeitsfelder Bestandteil der Erstunterweisung sein. Es ist sinnvoll, etwa alle 5 Jahre in den permanenten Unterweisungen die Inhalte zu diskutieren, weil sich Bedingungen ständig ändern. Doch das ist aus den langjährigen Erfahrungen des Autors in der Praxis selten der Fall.

Elektrotechnische Arbeiten auf Baustellen

Nicht ohne Grund werden elektrotechnische Arbeiten auf Baustellen als Tätigkeiten des Bau- und Nebengewerbes bezeichnet. Das bedeutet, dass sich Elektrotechniker auf Baustellen vorhandenen Organisationsstrukturen unterzuordnen haben.

Doch besonders auf Baustellen, wo Beschäftigte mehrerer Arbeitgeber tätig werden, haben sich diese Arbeitgeber bei dem Festlegen von Maßnahmen zur Vermeidung gegenseitiger Gefährdungen der Beschäftigten abzustimmen – vgl. auch Technische Regeln für Arbeitsstätten, Gefährdungsbeurteilung, ASR V 3 Punkt 5.1 (7) vom Juli 2017.

Während auf Großbaustellen häufig gute Organisationsstrukturen vorhanden sind und sich Sicherheitsfachkräfte täglich um die Arbeitssicherheit kümmern, ist das auf kleineren Baustellen (Eigenheimbau) selten der Fall. Bei Bautätigkeiten treten oft Gefahrensituationen ein, die aus parallel laufenden Tätigkeiten resultieren, wie z. B.:

  • Der Elektriker zieht seine Kabel, dem darüber arbeitenden Mitarbeiter fällt der Stein aus der Hand.
  • Der Elektriker arbeitet als „Mitbenutzer“ auf einer Rüstung. Der Dachklempner hat aber gerade zuvor den seitlichen Geländerschutz (nicht zulässig) entfernt, um das Fallrohr zu setzen.
  • Bei Abbrucharbeiten werden unsachgemäß tragende Elemente entfernt, die zum Einsturz führen. Die darunter arbeitenden Mitarbeiter werden erschlagen – so vor einigen Jahren in Mecklenburg-Vorpommern passiert.
  • Die vorhandene Baustromversorgung wurde nicht fachgerecht erstellt, z. B. der „Erder“ ist nicht vorhanden.
  • Aber auch der Elektriker kann durch offene, unter Spannung stehende Teile Gefahren schaffen u. a. m.

Sicherheitsbewusstsein schaffen

Die aufgeführten wenigen Beispiele entspringen nicht der Phantasie, sie sind leider häufig in der Realität zu finden und führen folglich zu durchaus vermeidbar gewesenen Unfällen.

Im rechtlichen Sinne geht es stets um die Verkehrssicherungspflicht. Genau deshalb ist das, was im Abschnitt 1 beschrieben ist, bezüglich der §§ 15–18 hier sehr wichtig. Doch das allein reicht auf Baustellen, die ein hohes Unfallpotential in sich bergen, nicht aus. Der Elektriker kann und darf teilweise bestimmte Bedingungen nicht ändern oder schaffen. Deshalb gewinnt hier in ganz besonderem Maße das Sicherheitsbewusstsein der Mitarbeiter an Bedeutung. Wie generell im Arbeits- und Gesundheitsschutz ist bei zahlreichen Arbeitnehmern noch viel zu wenig die dazu nötige Einstellung vorhanden. Schuldzuweisungen an andere, fehlende gegenseitige Rücksichtnahme und nicht vorhandene Eigenverantwortung charakterisieren häufig die daraus folgenden Verhaltensweisen. Bei allen rechtlichen Betrachtungen muss doch klar sein: Bei jedem Arbeitsunfall ist stets der Arbeitnehmer selbst der Leidtragende. Auch eine „Entschädigung“ der Berufsgenossenschaft kann nur bedingt die Beeinträchtigungen der Gesundheit kompensieren, doch keinesfalls bleibende Schäden. Sicherheitsbewusstsein zu schaffen und zu fördern ist ein gesamtgesellschaftliches Anliegen, was schwierig ist, aber machbar. In Deutschland gibt es genau hier große Reserven, wie im Straßenverkehr zu sehen ist.

Fehlverhalten des Menschen

90 % aller Unfälle sind auf das Fehlverhalten von Menschen zurückzuführen. Auf Baustellen entstehen mit jedem Baufortschritt stets neue Bedingungen, die zwingend das „Mitdenken“ jedes Mitarbeiters erforderlich machen. Für den Vorgesetzten oder die Führungskraft ist es kaum möglich, im Vorfeld sämtliche potentiellen Risikenzu erkennen und in die Gefährdungsbeurteilung einzuarbeiten. Das ist in etwa vergleichbar mit den Touren eines Kraftfahrer. Hier kann der Unternehmer/die Führungskraft auch nicht im Vorfeld alle möglichen gefährlichen Verkehrssituationen erkennen und planen.

Die Realität auf Baustellen sieht häufig aus, wie auf den Bildern 2 und 3. So etwas führt dann häufig zu einer gewissen Gleichgültigkeit im Sicherheitsbewusstsein. Es beginnt häufig mit scheinbaren Kleinigkeiten und potenziert sich dann in der Folge. Im Arbeitsschutz gilt immer der Grundsatz „Bekämpft die Anfänge“, denn Unfälle – und das zeigen die Unfallanalysen – sind immer auf die Verkettung vieler einzelner Fehler zurückzuführen.

Doch auch das gibt es: Ein vorbildlicher Bauleiter hat dafür gesorgt, dass die Baugrube über einen sicheren Verkehrsweg erreichbar ist (Bild 4) und damit von vornherein wichtige potentielle Risiken vermieden werden (ep-Tipp)

Autor: B. Enzenroß

Den vollständigen Artikel finden Sie in unserem  Facharchiv.

 

Hinweise zu Bild 4:

a) Die Stufentreppe mit Gitterroststufen ist stark rutschhemmend.

b) Sand kann sich nicht auf dieser Treppe ablagern.

c) Eine solche Maßnahme führt insgesamt zu einem erhöhten Sicherheitsbewusstsein.

d) Der stabile Handlauf ermöglicht ein Festhalten, was bei provisorischen Holzhandläufen oft nicht der Fall ist.

e) Auf dieser Baustelle wurden alle Monteure vor Arbeitsbeginn durch die BG einen Tag sicherheitstechnisch geschult – selbst das hat der Bauleiter organisiert.

f) Alle potentiellen Verkehrswege wurden gekennzeichnet.

g) Selbst mögliche Gefahrenstellen für Kopfverletzungen waren schwarz/gelb markiert.

Grundlegende Pflichten des Arbeitgebers und Rechte des Arbeitnehmers
Grundlegende Pflichten des Arbeitgebers und Rechte des Arbeitnehmers (Bild: B. Enzenroß)
Beschädigtes Kabel, nicht verursacht durch den Elektriker
Beschädigtes Kabel, nicht verursacht durch den Elektriker (Foto: B. Enzenroß)
Verkehrsweg voller Stolpergefahren
Verkehrsweg voller Stolpergefahren (Foto: B. Enzenroß)
Hier sorgte ein vorbildlicher Bauleiter dafür, dass die Baugrube über einen sicheren Verkehrsweg erreichbar ist
Hier sorgte ein vorbildlicher Bauleiter dafür, dass die Baugrube über einen sicheren Verkehrsweg erreichbar ist (Foto: Enzenroß)

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