Anzeige

Care-Energy
Der Kunde ist immer der Dumme

Stromanbieter Care-Energy und Netzbetreiber 50Hertz streiten sich. Es geht um viel Geld. Leidtragende sind 70.000 Stromkunden.

Man muss genau hinsehen: Im Logo steht nicht Café, sondern Care (Bild: Care-Energy)

Worum geht es?

Zum 28. Juni 2016, 24 Uhr, kündigte Netzbetreiber 50Hertz den Bilanzkreisvertrag mit Care-Energy. Einen Tag zuvor hatte die Care-Energy Management GmbH mit sofortiger Wirkung die Lieferanten- und Bilanzkreisverträge mit 50Hertz gekündigt.

Damit war die Stromversorgung von ca. 70.000 Kunden in Hamburg und Ostdeutschland gekappt. Sie mussten kurzfristig von Versorgern wie Vattenfall übernommen werden.

Seit 1. Juli werden alle betroffenen Kunden von Care-Energy wieder über 50Hertz mit Strom beliefert.

Was sagt Care-Energy?

Care-Energy begründete die Vertragskündigungen mit "überzogenen Umlagenforderungen und Energiemengenberechnungen" durch 50Hertz.

Das Unternehmen sieht sich als Dienstleister, der von der Zahlung der EEG-Umlage an 50Hertz befreit ist. Die Bundesnetzagentur ist gegenteiliger Ansicht, sie verhängte mehrfach Zwangsgelder gegen Tochterfirmen der Care-Energy AG wegen ausstehender EEG-Umlagen.

Was sagt 50Hertz?

Der Netzbetreiber verweist auf offene EEG-Abschlagsrechnungen für März und April. Gemäß EEG sei die Kündigung durch den Netzbetreiber gerechtfertigt, wenn sich der Stromanbieter mit mehr als einer EEG-Abschlagsforderung im Rückstand befindet.

Was sagt die Aufsichtsbehörde?

Die Bundesnetzagentur eröffnete ein Aufsichtsverfahren gegen Care-Energy. Innerhalb von zwei Wochen muss das Unternehmen Nachweise über die Anzahl der Kunden liefern, die vom 28. Juni bis 1. Juli zwangsweise notversorgt wurden.

Die Bundesnetzagentur fordert außerdem Nachweise über die Solvenz des Unternehmes und die fachliche Eignung des Führungspersonals. Selbst deren Schufa-Auskünfte müssen vorgelegt werden.

Offenbar ist die Bundesnetzagentur nicht von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Stromanbieters überzeugt. Im Beschluss zum Aufsichtsverfahren schreibt die Behörde: "Ein Geschäftsmodell, das auf Nichtzahlung oder verspäteter Zahlung der EEG-Umlage basiert, wirft erhebliche Zweifel an seiner Nachhaltigkeit auf."

Was sagt die Verbraucherzentrale?

Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät den Kunden: Verträge sofort kündigen.

Care-Energy steht seit einiger Zeit unter Beobachtung. Die Verbraucherzentrale reagiert damit auf Kundenbeschwerden über unbegründete Forderungen und schwer nachprüfbare Rechnungen des Stromanbieters.

Wie reagiert Care-Energy?

Das Unternehmen sieht sich als Rebell am Strommarkt. Auf der Firmenwebsite und in den sozialen Medien inszeniert es sich als Kämpfer gegen EEG-Gesetz und Bundesnetzagentur.

Im Kontrast dazu steht der Umgang mit den Kunden. Ganz offen werden z. B. ostdeutsche Vertragskunden beschimpft:

Zum Vergrößern hier klicken

Kritikern zeigt Care-Energy auf Facebook den ausgestreckten Effenberg:

Text zum Bild: "Hey Shitstormer - Es ist Zeit, Stellung zu beziehen und das mache ich nun - auf meine Art. Care-Energy ist stylish - modern - trendy - cool - was besseres gibt es für mich nicht und meine Botschaft an euch ist.......", Grüße Tina (Rechtschreibfehler wie im Original – d. Red.)

Gleichzeitig wirbt das Unternehmen mit dem grundsoliden Ranga Yogeshwar:


Ob der nette Technikonkel weiß, wo sein Gesicht vermarktet wird?

Wie reagieren die Medien?

Bereits am 6. Juni 2016 sendete das Wirtschaftsmagazin WISO (ZDF) einen Beitrag über das Geschäftsgebaren von Care-Energy (ZDF-Mediathek hier klicken).

Finanzportale, Umwelt- und Verbraucherwebsites sowie lokale Zeitungen berichteten Anfang Juli ausführlich über die Zwangslage der Care-Energy-Kunden. Bundesweite Medien hielten sich weitgehend zurück.

Die Care-Energy Holding GmbH ging ihrerseits frühzeitig in die Offensive. In den vergangenen Monaten erstellte sie eine große Anzahl von Pressemitteilungen. Auf der Website presseportal.de stehen sie im Newsroom von Care-Energy zur Verfügung.

Parallel dazu schaltete der Stromanbieter eine nicht unerhebliche Zahl dieser Pressemitteilungen im Berliner Tagesspiegel als Advertorials, d.h., als bezahlte Werbung. Google listet für den Tagesspiegel eine lange Advertorials-Reihe auf:


Zum Vergrößern hier klicken

Advertorials sind ein bekanntes Werbemittel. Für den Werbekunden ist das Advertorial der einfachste Weg, um eigene Informationen oder Meinungen in einem Massenmedium zu platzieren. Für Werbeträger wie den Tagesspiegel bilden Advertorials eine Einnahmequelle, insbesondere, wenn sie in so hoher Frequenz geschaltet werden wie von Care-Energy. Laut Mediadaten kostet ein Advertorial im gedruckten Tagesspiegel bis zu 34.848 Euro.

Einen redaktionellen Beitrag über die Care-Energy AG findet man auf tagesspiegel.de nicht.

Déjà-vu – da war doch was?

Mancher Stromkunde wird sich nach dem Care-Energy-Vorfall an Flexstrom erinnern. Unter den Markennamen Flexstrom, Flexgas, Ökoflex, Löwenzahn und Optimalgrün verkaufte das Unternehmen Billigstrom und -gas. Das Geschäftsmodell ging nicht auf, Flexstrom meldete am 25. April 2013 Insolvenz an.

Bis heute warten 835.000 Strom- und Gaskunden auf Rückerstattung der vorab bezahlten Abschläge in einem Gesamtwert von 511 Millionen Euro. Der Insolvenzverwalter will sich bis 2018 einen Überblick über die verfügbare Masse verschaffen. Erst danach steht fest, wie viel Geld die Kunden erhalten – oder ob die Masse nur für die vorrangigen Großgläubiger reicht.

In Verbindung stehende Artikel:
Willkommen in der Zone
Sonne überstrahlt Atom
Kampf um Solardächer
Energiewende vor dem Aus?

Kommentare

botMessage_toctoc_comments_926
Anzeige

Nachrichten zum Thema

+++ News +++ Nachhaltige Energieversorgung mittels erneuerbarer Energien Netzbetreiber warnen vor Stillstand bei Energiewende

Die drei Verteilnetzbetreiber Bayernwerk Netz, LEW Verteilnetz (LVN) und N-Ergie Netz setzen sich dafür ein, den politischen und rechtlichen Rahmen so zu gestalten, dass keine Netzengpässe entstehen und der Anteil regenerativer Energie in den...

Weiter lesen

Das Start-up EZE.network GmbH arbeitet beim Ausbau einer bedienerfreundlichen normalen (AC)-Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in Deutschland mit Siemens zusammen.

Weiter lesen

+++ News +++ Klimaneutrale und ressourcenschonende Wirtschaft Halbzeit für die zweite Forschungsperiode der Aspern Smart City Research (ASCR)

Das Projekt verfolgt das Ziel, skalierbare und wirtschaftliche Lösungen für die Zukunft der Energie im städtischem Raum zu entwickeln und das Energiesystem effizienter und klimafreundlicher zu machen.

Weiter lesen

Nach den fossilen und erneuerbaren Energieträgern, den Auswirkungen ihrer Nutzung auf die Umwelt und verschiedenen Aspekten der deutschen Energiewende stehen im vierten Teil dieser Serie Stromerzeugungstechnologien auf 
Basis fossiler Brennstoffe im...

Weiter lesen

+++ News +++ Mehr Konnektivität in smarten Fabriken Neues Mitglied im Industrie 4.0-Verein

Die Harting Technologiegruppe hat sich auf Lösungen für das Verbinden und Vernetzen spezialisiert. Das Unternehmen ist neues Mitglied des Vereins „SEF Smart Electronic Factory e.V.“  und wird den Zugang zu Industrie 4.0-Lösungen weiter vereinfachen.

Weiter lesen
Anzeige