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Elektrounfall an einer Park-Beleuchtung
Leserkommentar: „Schutzleiter ja oder nein?“

Zur Leseranfrage „Schutzleiteranschluss an einer öffentlichen Beleuchtung“ von Werner Hörmann im ep 10-2017 erreichte uns der folgende Leserkommentar. 

Parkbeleuchtung

Symbolbild (Bild: lichtmaster/stock.adobe.com)

In der Ausgabe 10-2017 Ihrer Fachzeitschrift wird in der Rubrik Leseranfragen beschrieben, wie es zu einem Elektrounfall eines Elektrikers an einer Park-Beleuchtung kam. Der Elektriker hatte bei Wartungsarbeiten einen unter Spannung stehenden Leuchtenmast berührt.

Die Ursache für den Elektrounfall war ein Verdrahtungsfehler. Der Leuchtenkopf der Leuchte (Schutzklasse I) verfügt über einen PE-Anschluss, der auf den PE-Anschluss im Mastanschlusskasten (Schutzklasse II) gelegt war. Der Mast war nicht in den Schutzpotentialausgleich eingebunden.

Ich habe mir die entsprechenden Normen angeschaut und wollte herausbekommen, ob der Mast – aus Sicht des VDE 0100-Vorschriftenwerks – mit in den Schutzpotentialausgleich eingebunden werden muss. 

Ich habe mir auch die Frage gestellt, ob der Elektrounfall durch das Einbinden des Mastes in den Schutzpotentialausgleich hätte verhindert oder dessen Folgen abgemildert werden können. 

Beim Lesen der Antwort auf die Leseranfrage wird deutlich, dass es im Fall der Park-Beleuchtung unterschiedliche Sichtweisen auf den aktuellen Normenstand gibt. Ein Blick auf "Grundsätze in Normen" und auf das Erreichen von Schutzzielen zum Personenschutz können helfen, um "sicherheitsgerichtete" Entscheidungen zu treffen.

Das Deutsche Institut für Normung e. V. (DIN) weist im Dokument "Grundsätze für das Anwenden von DIN-Normen" darauf hin, dass in DIN-Normen kein Anspruch auf Vollständigkeit, Irrtumsfreiheit, Widerspruchsfreiheit oder auf die umfassende Berücksichtigung von in der Praxis auftretenden Anwendungsfällen erhoben wird. Eine Norm ist nicht die einzige, sondern nur eine Erkenntnisquelle für technisch-ordnungsgemäßes Verhalten. Anwender von Normen sind also aufgefordert, weitere Erkenntnisquellen für technisch-ordnungsgemäßes Verhalten zu nutzten. 

Wenn ein Anwender einer Norm erkennt, dass er durch Maßnahmen, die über die von einer Norm geforderten Maßnahmen hinausgehen, eine möglicherweise entstehende Gefährdung verringern oder verhindern kann, so sollten solche "sicherheitsgerichteten" zusätzlichen Maßnahmen dringend in Erwägung gezogen werden.

Das vorrangige Schutzziel aller Schutzmaßnahmen gegen den "elektrischen Schlag" ist es sicherzustellen, dass die Berührspannung im Fehlerfall dauerhaft kleiner als 50 Volt beträgt. Um dieses Schutzziel zu erreichen, müssen alle geeigneten Maßnahmen durchgeführt werden. Wenn die Schutzerdung eines leitfähigen Mastes einer Lampe eine zum Schutz gegen den elektrischen Schlag geeignete Maßnahme ist, dann sollte sie ausgeführt werden, auch wenn es nicht ausdrücklich von einer Norm gefordert wird. 

Unabhängig davon, dass es sich im oben beschriebenen Fall ursächlich um einen Verdrahtungsfehler handelt, gehört es zur normalen Lebenserfahrung von Elektrikern, dass es auch bei Leitungen mit doppelter oder verstärkter Isolierung zu ungewollten Isolationsfehlern kommen kann. Ein Beispiel hierfür ist z. B. die Beschädigung der Isolierung von Leitungen durch Insekten oder Nagetiere.

Durch das zuverlässige und dauerhafte Einbinden des leitfähigen Mastes der Lampe in den Schutzpotentialausgleich hätte der oben beschriebene Elektrounfall verhindert werden können, und der dem Elektrounfall ursächliche Verdrahtungsfehler wäre aufgefallen, bevor es zu einem Auftreten gefährlicher Berührspannungen gekommen wäre.

Weitere Erläuterungen

Alle innerhalb der Europäischen Union in Verkehr gebrachten elektrischen Betriebsmittel müssen den jeweils anzuwendenden harmonisierten europäischen elektrotechnischen Normen entsprechen. Durch die Ausfertigung der EU-Konformitätserklärung und durch das Anbringen des CE-Zeichens, auf dem jeweiligen Produkt, erklärt der Hersteller bzw. Inverkehrbringer von elektrischen Betriebsmitteln die Konformität mit den jeweils anzuwendenden Normen. EU-Konformitätserklärungen sind auf Anfrage vom jeweiligen Hersteller bzw. Inverkehrbringer zur Verfügung zu stellen.

Der Mast einer Leuchte hat im Regelfall keine "elektrische" Funktion, sondern er hat lediglich eine "mechanische" Funktion. In Hinsicht auf die mechanische Funktion und die Statik von Masten gibt es natürlich anzuwendende Normen, jedoch handelt es sich hierbei nicht um elektrotechnische Normen. 

Alle Produkte, für die keine "elektrotechnische" EU-Konformitätserklärung, auf Grundlage der EU-Niederspannungsrichtlinie, existiert und die nicht explizit als elektrische Betriebsmittel gekennzeichnet sind, sind keine elektrischen Betriebsmittel im Sinn des VDE 0100 Vorschriftenwerks. Somit ist davon auszugehen, dass es sich beim Mast einer Leuchte im Regelfall nicht um ein elektrisches Betriebsmittel im Sinn der VDE 0100 handelt. 

Der Begriff "elektrisches Betriebsmittel" ist wie folgt definiert (DIN VDE 0100-200:2006, Abschnitt 826-16-01):

  • Produkt, das zum Zweck der Erzeugung, Umwandlung, Übertragung, Verteilung oder Anwendung von elektrischer Energie benutzt wird, z. B. Maschine, Transformatoren, Schaltgeräte und Steuergeräte, Messgeräte, Schutzeinrichtungen, Kabel und Leitungen, elektrischen Verbrauchsmittel.

Nach dieser Definition für "elektrische Betriebsmittel" aus VDE 0100-200, kann es sich beim Mast einer Leuchte nicht um ein elektrisches Betriebsmittel handeln.

Die Klassifizierung in Schutzklasse I oder Schutzklasse II ist nur für elektrische Betriebsmittel zulässig und sinnvoll. Elektrische Betriebsmittel der Schutzklasse II müssen zudem gem. DIN EN 0100-410:2007 Abschnitt 412.2.1.1 durch das "doppelte Rechteck"  eindeutig als Betriebsmittel der Schutzklasse II gekennzeichnet sein. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Betriebsmittel, die vom jeweiligen Hersteller nicht mit dem "doppelten Rechteck" gekennzeichnet sind, keine elektrischen Betriebsmittel der Schutzklasse II sind. 

Da der leitfähige Mast einer Leuchte im Regelfall kein elektrisches Betriebsmittel ist, kann der auch nicht als Schutzklasse I oder Schutzklasse II klassifiziert werden. 

Nun stellt sich folgende Frage: Wenn der Mast einer Leuchte kein elektrisches Betriebsmittel ist, was ist er dann?

Das VDE-Vorschriftenwerk unterscheidet bei "gleichzeitig berührbaren leitfähigen Teilen" folgende Teile (DIN VDE 0100-200:2006, Abschnitt 826-12-12):

  • aktive Teile
  • Körper
  • fremde leitfähige Teile
  • Schutzleiter
  • Erdreich oder leitfähiger Fußboden

 Der Mast einer Leuchte ist, im Sinn der DIN VDE 0100, im Regelfall ein sog. "fremdes leitfähiges Teil".

Der Begriff "fremdes leitfähiges Teil" ist in der DIN VDE 0100 wie folgt definiert (DIN VDE 0100-200:2006, Abschnitt 826-12-12):

  • leitfähiges Teil, das nicht zur elektrischen Anlage gehört, das jedoch ein elektrisches Potential, im Allgemeinen das einer örtlichen Erde, einführen kann

Fremde leitfähige Teile können nicht als Schutzklasse I oder Schutzklasse II klassifiziert werden, da sie weder elektrische Betriebsmittel sind, noch zur elektrischen Anlage gehören.

Der Mast einer Außenleuchte führt im Regelfall das elektrische Potential einer örtlichen Erde. Wie niederimpedant die jeweilige Verbindung zur örtlichen Erde ist, und wie hoch mögliche Berührspannungen im Fehlerfall sind, hängen stark von den jeweiligen örtlichen (Erdungs-) Bedingungen ab.

Ein wesentliches Schutzziel des DIN VDE 0100 Vorschriftenwerks ist der Schutz gegen den elektrischen Schlag. Um dieses Schutzziel zu erreichen, sind geeignete Maßnahmen zu ergreifen, sodass im Fehlerfall die Berührspannungen kleiner 50 Volt sind.

Im Fall des leitfähigen Mastes einer Leuchte kann dieses wirklich grundlegende Schutzziel im Regelfall nur dann sicher erreicht werden, wenn die leitfähigen und berührbaren Teile des Mastes niederimpedant in den Schutzpotentialausgleich eingebunden werden. In DIN VDE 0100-410 werden wichtige Hinweise gegeben, wie das Schutzziel "Berührspannung kleiner als 50 Volt" erreicht werden kann.

Bei der in der Leseranfrage beschriebenen Beleuchtungsanlage wird die Schutzmaßnahme "Automatische Abschaltung der Stromversorgung" angewandt (siehe auch DIN VDE 0100-410:2007; Abschnitt 411.1). 

Zusätzlich zum Basisschutz wird in DIN VDE 0100-410 Abschnitt 411.1 Allgemeines für den Fehlerschutz gefordert:

  • vorgesehen ist der Fehlerschutz (Schutz bei indirektem Berühren) durch Schutzpotentialausgleich über die Haupterdungsschiene und automatische Abschaltung im Fehlerfall, in Übereinstimmung mit 411.3 bis 411.6.

Die Schutzerdung (Erdung über den Schutzleiter) wird in Abschnitt 411.3.1.1 beschrieben:

  • Körper müssen mit einem Schutzleiter verbunden werden, unter den vorgegebenen Bedingungen für jedes System nach Art der Erdverbindung, wie in 411. bis 411.6 angegeben.
  • Gleichzeitig berührbare Körper müssen mit demselben Erdungssystem einzeln, in Gruppen oder gemeinsam verbunden werden.

Die Einbeziehung in den Schutzpotentialausgleich wird auch für fremde leitfähige Teile gefordert (DIN VDE 0100-410:2007; Abschnitt 411.3.1.2):

  • fremde leitfähige Teile der Gebäudekonstruktion, sofern im üblichen Gebrauchszustand berührbar …

Beim Mast einer Leuchte kann es sich um einen Teil einer Gebäudekonstruktion handeln, jedoch ist das häufig nicht der Fall. Falls der Mast einer Leuchte kein Teil der Gebäudekonstruktion ist, so ist bei TN-Systemen DIN VDE 0100-410:2007 Abschnitt 411.4 anzuwenden.

Wenn bei einem TN-System ein fremdes leitfähiges Teil nicht mit dem Schutzpotentialausgleich verbunden ist, so ist dies gem. DIN VDE 0100-410:2007 Abschnitt 411.4 nur dann zulässig, wenn im Fehlerfall die Berührungsspannung eines fremden leitfähigen Teils (das sich in Kontakt mit der Erde befindet) kleiner 50 Volt ist.

Bei einem leitfähigen Mast einer Leuchte kann im Regelfall davon ausgegangen werden, dass sich der Mast in mehr oder weniger leitfähigem Kontakt mit der örtlichen Erde befindet. Wenn solch ein leitfähiger Mast nicht in den Schutzpotentialausgleich eingebunden ist, dann muss jedoch davon ausgegangen werden, dass im Fehlerfall Berührspannungen größer als 50 Volt auftreten können. Eine Vermeidung von gefährlichen Berührspannungen an einem leitfähigen Mast einer Leuchte ist nur dann sicher möglich, wenn der leitfähige Mast zuverlässig und dauerhaft in den Schutzpotentialausgleich eingebunden wird.

Der in der Antwort auf die Leseranfrage beschriebene Verdrahtungsfehler führte dazu, dass der leitfähige Mast (fremdes leitfähiges Teil) zu einem "gefährlichen aktiven Teil" wurde (DIN VDE 0100-200:2006, Abschnitt 826-12-12):

  • aktives Teil, von dem unter bestimmten Bedingungen ein schädlicher elektrischer Schlag ausgehen kann.

Als der Elektriker den unter Spannung stehenden Mast berührte, kam es zu einer gefährlichen Körperdurchströmung. 

Der Name des Lesers ist der Redaktion bekannt.

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