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Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
Integrative Lichtqualität 
ist mehr als nur „HCL“ - Erläuterungen zu den „Weimarer Thesen“ (2)

Die „Weimarer Thesen“ beschreiben für Lichtplaner, Lichtplanende, Ingenieure und Architekten und auch für lichtausführende Firmen die moderne „Integrative Lichtqualität“ und damit aktuelle Grundsätze für eine ganzheitliche und attraktive Lichtplanung sowie für eine moderne Beratung und Ausführung von Licht- und Beleuchtungsanlagen. Diese Thesen werden im Folgenden näher erläutert.

Der „HCL-Leitfaden“ des ZVEI, präsentiert von Peter Dehoff (licht.de), enthält bemerkenswerte Beispiele für Lichtplanungen auch im Sinne „Integrativer Lichtqualität“, aber bei „HCL“ fehlt der Kontext zum gesetzlichen Rahmen und zum realen Planungsalltag in Deutschland – so kann aus einem Leitfaden schnell ein „Leidfaden“ werden (Quelle: ep/S. Winterfeldt)

Dieser zweite Teil der Erläuterungen zu den „Weimarer Thesen“ setzt den Beitrag aus Teil 1 fort und thematisiert mit den Thesen 9 bis 15 u. a. Definitionsfragen, Leistungsbilder und die Planungsintegration.

9. These

Endverbraucher – wie Privathaushalte oder Büronutzer – gehören selten zu den Auftraggebern von Lichtplanungen und erhalten dementsprechend kaum kompetente Lichtberatung. Daher ist es wichtig, die Themen Licht- und Beleuchtungsqualität allgemein-verständlich und breit zu vermitteln und so am Markt zu positionieren.

Bedürfnisse der Anwender und 
Nutzer stehen im Mittelpunkt

Der Ansatz „Integrative Lichtqualität“ orientiert sich an den Bedürfnissen von Anwendern und Nutzern und bewertet die tatsächlichen Erfordernisse vor Ort.

Viele von Interessensgruppen publizierte Schriften fokussieren lediglich spezifische Teilaspekte oder orientieren sich nur mittelbar an den Anwendern [3].

Deren Bedürfnisse können daher in der Realität von Planungs- und Bauprozessen nicht abgebildet werden, was eine entsprechende Umsetzung erschwert. Die Verantwortung von lichtausführenden Elektrofirmen steigt damit, je weniger Planung und Beratung der Kunde und Nutzer vorweisen kann. Hier gilt der Beratungsgrundsatz: „Besser mehr als zu wenig“ – und zwar ausdrücklich.

10. These

Lichtplanende – vor allem Ingenieure und Architekten – müssen sich das Thema Licht vollumfänglich zu Eigen machen. Erst im Kontext des tatsächlichen Planens und Bauens (zeitliche Komponente) und am jeweiligen Objekt vor Ort (räumliche Komponente), mit der jeweils spezifischen Nutzung und Anwendung (funktionale Komponente), kann gesundes und attraktives Licht als „Integrative Lichtqualität“ geplant werden.

Fachkenntnisse erwerben sowie 
anwenden und verbreiten

Lichtplanende, vor allem Ingenieure und Architekten in ihrer traditionellen Rolle als Vertretungen von Bauherren und Anwendern, sind entscheidende Multiplikatoren und müssen den Ansatz „Integrative Lichtqualität“ kommunizieren und diesen im spezifischen Anwendungsfall umsetzen können.

Um so wichtiger ist eine hochqualitative Verschriftlichung des Ansatzes „Integrative Lichtqualität“, etwa in Form eines praxis-orientierten „Leitfadens“ oder in entsprechenden Schulungsmaterialien, sowie deren Distribution und Vermittlung.

Was in Sachen Licht für die Planer gilt, gilt auch für die dazu ausführenden Firmen.

11. These

Es erscheint dringend, Definitionen innerhalb der Lichttechnik, der Architektur und des Lichtdesigns abzugleichen, zu überarbeiten und in den Kontext „Integrative Lichtqualität“ zu stellen.

Einheitliche lichttechnische 
Definitionen schaffen

Dazu bedarf es auch der interdisziplinären Auseinandersetzung mit Experten der Photobiologie und anderen Medizinern. Es gilt, Missverständnisse oder Fehlinterpretationen auszuräumen, um Nachteile und Schäden für die Anwender zu vermeiden und Lichtplanenden verlässliche Grundlagen für die Umsetzung der „Integrativen Lichtqualität“ an die Hand zu geben.

Die eingeführten lichttechnischen Grund-größen, wie der Lichtstrom l [lm], die Beleuchtungsstärke E [lx] und Kenngrößen wie die Lichtausbeute ηv [lm/W], erlauben keine erschöpfende Beschreibung der Komplexität des Lichtes in Hinsicht auf seine visuellen und nicht-visuellen Wirkungen. Sie liefern darüber hinaus keine umfänglichen Aussagen oder Qualitätskriterien betreffend gesundheitlicher oder affektiver Aspekte des Lichtes. Die Bewertung von Licht sollte demnach spektral offen und nicht ausschließlich auf ein oder zwei Wirkungsfunktionen basiert sein.

Lichtplanende können Anwender über neue, marktorientierte und verständliche Lichtkenngrößen, wie beispielsweise die biologisch wirksame Beleuchtungsstärke (Emel bzw. amel; vgl. dazu DIN SPEC 5031-100 [4]), die Farbqualität einschließlich einer zu definierenden „Farbemotionalität“ (als Teil der Attraktivität einer Beleuchtungsanlage und anders als bisher „Farbwiedergabe“/„Farbwiedergabefakt“) oder die Leuchtdichte (cd/m2), in vielen Lichtanwendungen zielführend beraten, wenn es um die Gesamtbewertung und Planung von Lichtsystemen geht.

Elektrofirmen und solche, die vor Ort Licht- und Beleuchtungsanlagen errichten, sollten hier bei Bedarf Fachleute kontaktieren, um nicht in die Falle einer Falschberatung zu gelangen.

12. These

Für qualitätsvolle Tages- und Kunstlichtplanungen bedarf es konkreter und separater Leistungsbilder und eines rechtlichen Rahmens. Lichtplanung lässt sich weder auf Lichttechnik noch auf Lichtgestaltung beschränken und auch nicht in nur technische oder nur gestaltende Lichtplanung aufteilen.

Begrenzung von Risiken durch 
konkrete Vorgaben

Elektrotechniker und Ingenieure planen in Deutschland auf Grundlage der HOAI [1] meist technisches Licht, während Architekten, Innenarchitekten und Designer, mit anderen Honoraransätzen und anderen Leistungsphasen, traditionell gestaltendes Licht planen.

Die vorgenannten Berufsgruppen sind damit Lichtplanende, die als Generalisten neben ihren Kernkompetenzen und Kernplanungen auch Licht- und Beleuchtungsplanungen durchführen. Lichtplanende sind damit oftmals über die Maßen gefordert – oder auch überfordert.

Alle Planer, also sowohl Lichtplanende als auch Lichtplaner, müssen sich auf Grund zunehmender Unsicherheiten möglicher Lichtwirkungen und der Komplexität moderner Beleuchtungstechniken mit den Folgen hoher Haftungsrisiken und deren Rechtsfolgen auseinandersetzen. Dies trifft auch auf etablierte „Lichtplaner“ zu, die oft als hoch spezialisierte Sonderfachplaner tätig sind.

Für qualitätsvolle Tages- und Kunstlichtplanungen bedarf es konkreter und separater Leistungsbilder sowie eines rechtlichen Rahmens. „Leistungsbilder für Lichtplanung“ sind zu erstellen und in die HOAI, mindestens jedoch in die Empfehlungen der „Grünen Hefte“ des AHO – Ausschuss der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für die Honorarordnung e.V. in Deutschland – und in die Leitbilder des VDI – Verein Deutscher Ingenieure e.V. – sowie in öffentliche Ausschreibungstexte zu integrieren.

Nicht nur die Planer, auch die Elektrofirmen und andere lichtausführende Firmen sind regelmäßig bei der Beratung in Sachen Licht und dessen Wirkungen überfordert. Auch für diese Gruppen sind Leistungsbilder erforderlich, damit hier sach- und fachgerecht beraten werden kann.

Autor: U. Greiner Mai

Literatur:

[3] Beispiele finden sich u.a. in Veröffentlichungen der KAN – (Deutsche) Kommission Arbeitsschutz und Normung; des ZVEI – (Deutscher) Zentralverband der Elektroindustrie oder in vielen der nahezu zahllosen firmeneigenen Darstellungen zu „HCL“ und „Biologischen Lichtwirkungen“.

[4] DIN SPEC 5031-100 :2015-08: Strahlungsphysik im optischen Bereich und Lichttechnik – Teil 100: Über das Auge vermittelte, melanopische Wirkung des Lichts auf den Menschen – Größen, Formelzeichen und Wirkungsspektren.

Der vollständige Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

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