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Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
GS-Zeichen für Haartrockner nur noch mit RCD

Ende 2019 wurde auf Grundlage des Produktsicherheitsgesetzes eine Verfügung des Ausschusses für Produktsicherheit zu einer Spezifikation bei der Vergabe des Zeichens für „Geprüfte Sicherheit“ (GS) für Haartrockner durch befugte Prüfstellen erlassen. Damit darf in Deutschland das GS-Zeichen für Haartrockner nur erteilt werden, wenn im Stecker oder in dessen unmittelbarer Nähe ein Fehlerstromschutzschalter (RCD, 10 mA) Bestandteil der Geräteanschlussleitung ist.

Deckblatt der GS-Spezifikation zur Prüfung und Bewertung von Haartrocknern bei der Zuerkennung des GS-Zeichens; Volltext siehe S. 602 am Ende des Beitrags (Quelle: BAUA/AfPS [2])

Offensichtlich relativ unbemerkt oder unterbewertet von den Akteuren, die mit Haartrocknern zu tun haben, wurde am 21. November 2019 auf Grundlage des Produktsicherheitsgesetztes (ProdSG, [1]) eine Verfügung des Ausschusses für Produktsicherheit (AfPS, [2]) bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zu einer Spezifikation bei der Vergabe des „GS“-Zeichens für Haartrockner durch befugte Prüfstellen erlassen, die mit Wirkung 01. 01. 2020 angewendet werden muss (Bild).

Beginn einer Revolution 
im Sicherheitsdenken (?)

Obwohl nach Kenntnis des Autors sowohl DIN, DKE, ZVEI als auch Verbraucherschutzorganisationen in diesem Gremium vertreten sind [2], waren seitdem keine offiziellen Aktivitäten spürbar, diese Vorgabe umzusetzen.

Auf gängigen Testseiten für Haartrockner wird dazu nichts erzählt und der Bereich der Normung oder der VDE-Ausschuss Sicherheits- und Unfallforschung (SUF, [3]) wurde erst durch die zufällige Kenntnis des Autors von diesem Dokument Mitte Mai 2020 darauf aufmerksam. Und das, obwohl es sich, wenn die dort enthaltenen Forderungen umgesetzt werden, auch um den Beginn einer Revolution im Sicherheitsdenken bei vielen Elektrofachleuten handeln kann, da sich die enthaltenen Forderungen auch auf viele andere elektrotechnische Betriebsmittel ausdehnen lassen, um damit die Sicherheit erheblich zu verbessern. Durch die Forderung wird verboten, allen bisher in Deutschland üblichen Haartrocknern das GS-Zeichen zukünftig zu erteilen, wenn nicht im Stecker oder in dessen unmittelbarer Nähe ein Fehlerstromschutzschalter (RCD) 10 mA Bestandteil der Geräteanschlussleitung ist.

Elektroinstallation und 
gerätebezogene Sicherheit

Damit wird anerkannt, dass bei einer gegenwärtigen Erneuerungsrate von Wohnungen durch Neubau und Rekonstruktion von unter 1 % in Deutschland Forderungen in Normen zu einer besseren Elektroinstallation ab Datum der Einführung durchaus 100 Jahre bis zur flächendeckenden Umsetzung benötigen, z. B. bei FI-Schaltern (RCD) in Bädern ab 1984, im Außenbereich ab 1989 oder generell für Steckdosen erst ab 2007.

Bei elektrotechnischen Geräten findet man dagegen nur Nutzungszyklen von etwa um zehn Jahre. Eine Sicherheitsforderung an das Gerät ist dann im Gegensatz zur Elektroinstallation bereits nach dieser Zeit allgemein realisiert. Ein weiterer Vorteil dabei ist, dass dann die zusätzliche Sicherheit sowohl an neuen als auch an alten Anlagen, die mehrheitlich vorhanden sind, funktioniert.

Grundsätzlich ist so etwas auch in Deutschland und Europa durch die Norm VDE 0140-1 [4] abgedeckt, in der vorgegeben ist, dass für die Normung zuständige Gremien zusätzliche Sicherheitsforderungen an das System, die Anlage oder auch das Gerät stellen dürfen. Aus der über 100-jährigen Tradition heraus werden aber bis heute Sicherheitsanforderungen überwiegend ausschließlich an die Installation der Anlage gestellt.

Gerätebezogene Sicherheit, insbesondere zum Thema Fehlerstromschutzschalter, findet man kaum, abgesehen von Wechselrichtern von PV-Anlagen, die mehrheitlich ein dementsprechendes Gerät auf ihrer Netzseite intern eingebaut haben, bei einzelnen Herstellern von Nassschleif- und Trennmaschinen oder auf Baustellen.

Neben bereits benannten Vorteilen der zeitlichen Umsetzung einer solchen Maßnahme ist es dadurch möglich, die Auslösung durch Fehlerströme an das Gerät anzupassen und zu minimieren oder sonstige Eigenschaften des Gerätes zu berücksichtigen.

Blick ins Ausland

In den USA wurden diese Vorteile bereits am Anfang der 1990er Jahre erkannt, dort sind seitdem Haartrockner mit RCD (GFCI, IDCI) im Stecker des Gerätes im Umlauf. Dadurch wurden zuvor bestehende Todesfallraten von etwas unter 100 Fällen innerhalb von fünf Jahren ab 2000 auf nahezu Null gesenkt.

Nach einer Analyse des Istzustandes in 2010 wurde in den USA 2011 behördlich verfügt, dass Haartrockner ohne IDCI/GFCI 6 mA potentiell gefährliche Betriebsmittel sind und diese daher verboten [5]. Es dürfen seitdem nur Geräte mit RCD im Stecker verkauft und in die USA eingeführt werden.

Dieses ist auch in internationale Normen zu diesen Geräten eingeflossen, dort aber nach wie vor eine ausschließlich amerikanische Spezifikation.

Autor: A. Holfeld

Literatur:

[1] Gesetz über die Bereitstellung von Produkten auf dem Markt (Produktsicherheitsgesetz - ProdSG), vom 8. November 2011 (BGBl. I S. 2178, 2179; 2012 I S. 131), das zuletzt durch Artikel16 des Gesetzes vom 28. April 2020 (BGBl. I S. 960) geändert worden ist.

[2] www.baua.de/DE/Aufgaben/Geschaeftsfuehrung-von-Ausschuessen/AfPS/Ausschuss-fuer-Produktsicherheit_node.html 
„Dem Ausschuss gehören sachverständige Personen aus dem Kreis der Marktüberwachungsbehörden, der Konformitätsbewertungsstellen, der Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, des Deutschen Instituts für Normung e. V., der Kommission Arbeitsschutz und Normung, der Arbeitgebervereinigungen, der Gewerkschaften und der beteiligten Verbände, insbesondere der Hersteller, der Händler und der Verbraucher an.“ Die Verfügung findet sich unter: www.baua.de/DE/Aufgaben/Geschaeftsfuehrung-von-Ausschuessen/AfPS/Aufgaben.html

[3] www.vde.com/de/suf

[4] DIN EN 61140 (VDE 0140-1):2016-11 Schutz gegen elektrischen Schlag – Gemeinsame Anforderungen für Anlagen und Betriebsmittel.

[5] USA Federal Register/Vol. 76, No. 124/Tuesday, June 28, 2011/Rules and Regulations, Pages 37636-37641. Volltext einsehbar z. B. unter 
www.govinfo.gov/content/pkg/FR-2011-06-28/html/2011-15981.htm

Der vollständige Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

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