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Überwachsungstechnik der DDR
Die geheimen Tunnelanlagen von Marienborn

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ – wer kennt ihn nicht, den wohl berühmtesten Satz Walter Ulbrichts, den er in bester sächsischer Manier am 15. Juni 1961 in Berlin vor laufenden Kameras verkündete. Was zwei Monate später in der Hauptstadt der DDR begann, lehrte uns die Geschichte.

Marienborn Grenzübergang 2017

Der ehemalige Grenzübergang Marienborn 2017 (Foto: privat)

Nach und nach wurden in der gesamten Deutschen Demokratischen Republik Grenzanlagen errichtet, die nur einem Zweck dienen sollten: Die Menschen vor der Republikflucht abhalten. Die Mauer, wie man die Grenzanlagen im Volksmund nannte, wurde zum Symbol der deutschen Teilung von 1949 bis 1989. 

Lückenlose Überwachung

Während die Bundesrepublik Deutschland (BRD) sich entwickelte, gab es auf der anderen Seite der Mauer ein kleines Land, das zwar ebenfalls große Pläne hatte, jedoch in vielerlei Hinsicht der BRD nur hinterherschauen konnte. „Überholen ohne Einzuholen“ lautete ein Propaganda-Slogan Ulbrichts, der zwar eine Forschungsstrategie beschreiben sollte, stattdessen aber zum Synonym für die Mangelwirtschaft der DDR wurde.

Doch in zwei Punkten setzte man in der DDR Maßstäbe, dass selbst der „Feind im imperialistischen Ausland“ ins Staunen geriet. Die Überwachung der eigenen Bevölkerung und die Verhinderung der Republikflucht führten zu einem gigantischen Spionagesystem, das nahezu lückenlos funktionierte. Vor allem Grenzübergänge zur BRD erfuhren eine technische Aufrüstung.

Der ehemalige Grenzübergang Marienborn an der A2 zwischen Berlin und Hannover, den man heute als Gedenkstätte besichtigen kann, ist nur ein Beispiel, wie einfallsreich man in der DDR war, um Grenzverletzungen zu verhindern. Einst war es das Nadelöhr Richtung Westen, wo alleine zwischen 1985 und 1989 etwa 34,6 Millionen Reisende abgefertigt wurden. Sie erlebten hautnah Schikane und ahnten doch nicht, was wirklich geschah.

Sichttechnik auf radioaktiver Basis

In Marienborn war, wie später auch an den anderen Grenzübergängen zur BRD, ein Gammastrahler unter dem Decknamen "Technik V" installiert. Jeder Durchreisende auf den Transitstrecken wurde an der Grenze einer unsichtbaren und geruchslosen Strahlenbelastung durch harte ionisierte Gammastrahlung ausgesetzt – natürlich ohne das Wissen und somit Einverständnis der Reisenden, das die Grenzer auch nie bekommen hätten. Selbst die DDR-Zöllner ahnten nichts von der radioaktiven Kontrolltechnik. Sie wurden durch eine strenge „Betreteordnung“ von gefährlichen Punkten ferngehalten. Nur wenige Mitarbeiter wussten von den ab 1980 insgesamt 17 eingesetzten Gamma-Kanonen an der innerdeutschen Grenze.

Sämtliche Fahrzeuge wurden bei jeder Passage durchleuchtet, auch alle Mitreisenden vom Säugling bis zur Schwangeren. So wollte man Fluchtversuche aufdecken, denn die Strahlung machte jeden Menschen in den Personen- und Lastkraftwagen als dunklen Fleck sichtbar. Da nützte auch das beste Versteck nichts. Mittels Codewörter wurden die Funde gemeldet. Am 09. November 1989 fiel die Mauer und damit auch der Grenzübergang Marienborn. Der Gammastrahler (Gamma-Kanone) wurde nach dem Mauerfall mit weiteren radioaktiven Stoffen der NVA in der Sammelstelle für radioaktive Abfälle (SaFrA) der Bundeswehr in Storkow zwischengelagert. Die Bundeswehr führte später alle Materialien aus Storkow einer gesetzteskonformen Beseitigung zu. 

Unterirdisches Labyrinth

Mythen ranken sich um ein unterirdisches Tunnelsystem. Das fünf Kilometer lange Labyrinth zog sich drei Meter unter der Erde entlang und verband wie ein Spinnennetz die einzelnen Gebäude miteinander. Dort sollten Waffen gelagert sein und es sollte Schutz bei einem atomaren Angriff bieten. Einige Gänge reichten bis in die Bundesrepublik, erzählte man sich später. So hätte die Staatssicherheit Agenten bis in den Westen geschleust.

Tatsächlich diente das Tunnelsystem auf dem etwa sieben Hektar großen Gelände dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als Telefonabhörstation und beherbergte ein Kraftwerk. Sollte einmal der Strom in Marienborn ausfallen, wären innerhalb von 30 Sekunden zwei riesige Schiffsdiesel angesprungen und hätten den Grenzübergang acht Stunden mit Strom versorgt. Dazu wurde das unterirdische Labyrinth mit dicken Kabeln durchzogen.

Strategisch sollten die weit verzweigten Tunnel vor allem bei einem möglichen NATO-Angriff eine wichtige Funktion übernehmen. Im Falle eines Falles hätten Soldaten der DDR-Grenzkompanie laut Befehl des MfS aus dem Jahr 1978 in das Kampfgeschehen über 14 Ausstiege, die über das gesamte Gelände verteilt waren, eingreifen können. Gefasste Republikflüchtlinge konnten durch die unterirdischen Gänge zudem ohne großes Aufsehen verhaftet und abtransportiert werden.

Die Ein- und Ausgänge hat man nach der Grenzöffnung zugeschraubt. Nur wenige Tunnel sind heute für die Öffentlichkeit überhaupt zugänglich. Das einst technisch hoch entwickelte Labyrinth bröckelt vor sich hin, riecht modrig und in den Gängen steht das Wasser. Über die technische Überwachung während der deutschen Teilung informiert das Museum der heutigen Gedenkstätte Marienborn. Der Eintritt ist für die Besucher kostenlos.

Foto rechts (privat): Begehbarer Pfeiler des Gammastrahlers in Marienborn im Jahr 2017

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