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Aus dem Facharchiv: Elektropraxis
Alten Trafotürmen 
weiteres Leben geben

Transformatorenstationen sind in den Stromnetzen unverzichtbare Elemente für eine preiswerte Stromversorgung. Sie sind für unseren stets steigenden Wohlstand bis heute unersetzlich, neuerdings auch als intelligente Netzstationen im Smart Grid.

Dieser Trafoturm in Schermbeck-Bricht von 1942 wurde zum Ausflugsziel mit E-Bike-Ladestation und Wildbienenhotel (Quelle: Martin Splitt)

Unsere rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen mit immer höheren Bruttosozialprodukten sind maßgeblich mit Weiterentwicklungen von Stromanwendungen verknüpft. Bevor jedoch die ältesten Transformatorenstationen für immer verschwinden, gilt es, den überflüssig gewordenen Trafotürmen neues 
Leben einzuhauchen. 

Die oft über 100 Jahre alten Trafotürme sind in Stein gemeißelter Ausdruck des in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begonnenen Siegeszugs einer rasant um sich greifenden Stromversorgung [1].

Die ersten Turmstationen entstanden bereits zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. In den Anfängen der flächendeckenden Stromversorgung, speziell ab 1905, also in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als private und öffentliche Überlandwerke verstärkt den ländlichen Raum mit Strom zu erschließen begannen, entwickelte sich eine ganz eigene Turmspezies, genannt Turm- oder Freileitungsstationen. Architekten haben sich von der Faszination dieser neuen Art von Türmen anstecken lassen und Trafotürme individuell und künstlerisch gestaltet. So entstanden die phantasiereichsten Gebäudearchitekturen [1],[2].

In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der Bau von Turmstationen nach rd. 90 Jahren Existenz eingestellt. Die Verkabelung der Mittel- und Niederspannungsnetze war so weit fortgeschritten, dass künftig nur noch fabrikfertige Kabelstationen – wie von Beginn an schon in den Städten – auch im ländlichen Bereich errichtet wurden. Nach und nach wurden seitdem alte Turmstationen ausgemustert und durch moderne Netzstationen ersetzt. Einige dieser alten Türme wurden zu Denkmälern erkoren. Doch in den meisten Fällen wurden sie einfach abgerissen, z. T. aber erhalten, indem ihnen eine neue Verwendung zuteilwurde.

Die Ausmusterung dieser alten Turmstationen hat aufgrund der Energiewende und der damit benötigten Verstärkung der Netze Fahrt aufgenommen. Mit dem beschleunigten Ersatz besteht akut die Chance, diese alten Trafotürme, diese regional und landschaftlich geprägten, schützenswerten, technisch-baulichen Kulturgüter mit nicht selten 100-jähriger Geschichte der Nachwelt zu sichern, anstatt sie in aller Stille verschwinden zu lassen. An einer Existenzsicherung sollte aus kulturellen, wissenschaftlichen, künstlerischen oder heimatgeschichtlichen Gründen ein breites öffentliches Interesse bestehen. „Trafotürme sind Zeitzeugen, ein Stück Heimat, Identifikationsobjekte, Wegweiser, Landmarken, Vertreter einer Architekturepoche und prägende Elemente einer erhaltenswerten Kulturlandschaft“ bringt es der Landschaftsarchitekt Dr. Christian Poßer auf den Punkt [3]. Zudem lässt sich ein Zusatznutzen zur Nachhaltigkeit in der Natur anstreben, indem man sie zu Artenschutztürmen umbaut [1], [4].

Nachnutzungs
voraussetzungen

Um eine Nachnutzung zu realisieren, braucht es in allererster Linie engagierte und motivierte Bürger in der Nähe eines außer Betrieb gehenden Trafoturmes.

Heutzutage kann man ohne große eigene Mittel Turmbesitzer werden, wenn man mit Energie, Zielstrebigkeit, Ausdauer und Phantasie an seiner Idee einer individuellen Umnutzung festhält. Dem Autor sind eine Reihe engagierter und kreative Mitmenschen bekannt, die ihre Ideen umgesetzt haben, darunter Architekten, Handwerker, Elektrizitäts- und Kulturbegeisterte, Elektrofachleute, Gastronomen, Lehrer, Künstler, Journalisten, Historiker, Naturschützer, Vereinsmitglieder, Gemeinderatsmitglieder oder Bürgermeister und schließlich Mitarbeiter von Netzbetreibern.

Mitglieder von Netzbetreibern wissen als erste, wann eine Station ausgemustert wird, und können sich rechtzeitig an die betreffende Gemeinde oder eine Naturschutz- oder andere Organisation wenden, um eine Nachnutzung in die Wege zu leiten. Der Gemeinderat entscheidet maßgeblich über die weitere Existenz einer ausgedienten Trafostation. Kann die Gemeinde selbst die ausgemusterte Station nicht sinnvoll nutzen, etwa als Schlauchturm der Feuerwehr, Geräteschuppen, Buswartehäuschen, Botschafterin der Gemeinde, Infoturm oder in anderer Funktion, können Einwohner oder Vereine der Gemeinde ein Fortbestehen organisieren. Der Netzbetreiber oder die Gemeinde kann auch zu Naturschutzorganisationen Kontakt aufnehmen, um die Existenz des Turms als Artenschutzturm zu sichern, eine gerade in Zeiten vermehrten Insekten- und Vogelsterbens sehr sinnvolle Maßnahme. Nachfolgende Beispiele sogenannter „Turmschützer“ zeigen, auf welchen Wegen und durch welches Engagement bisher schon die erstaunlichsten Nach- bzw. Umnutzungen gelungen sind [1] bis [11].

Nachnutzungen von 
Artenschutzverbänden

Eine präferierte Gruppe zur Nachnutzung alter Trafostationen bilden Natur-, Tier- und Artenschutzverbände. Der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) hat bisher wohl die meisten Turmstationen in Deutschland zu Artenschutztürmen umgebaut. Auch die Stiftung Pro Artenvielfalt (SPA), der BUND, der Landesjagdverband Bayern (Wildland-Stiftung Bayern) oder die Audi-Stiftung für Umwelt gemeinsam mit dem Verband Artenschutz in Franken und andere Naturschutzorganisationen betätigen sich engagiert.

Diese Organisationen haben durch ihr Engagement bereits vielen wild lebenden Tieren in alten Trafotürmen ein Überleben gesichert. Der Schutz von Störchen, Eulen, Raub- und Kleinvögeln, Fledermäusen, Bienen, Hummeln, Igeln, Reptilien und Kleinsäugern kann so nachahmenswert verwirklicht werden. Durch das Engagement dieser Organisationen ließen sich gleichzeitig zwei Ziele realisieren: es konnten viele, überflüssig gewordene Trafostationen als erhaltens- und sehenswerte Bauwerke oder als Landmarken bewahrt und zusätzlich als Artenschutztürme genutzt werden [1], [4].

Unter dem Motto „Gastfreundschaft im Trafohaus“ hat ab 2004 allein der NABU Sachsen 37 alte Trafotürme nachgenutzt, die Stiftung Pro Artenvielfalt zählt bis heute schon 17 Trafotürme zu ihrem Naturschutz-Beitrag, und in dem bundesweit ausgelegten Umweltprojekt „Stelen der Biodiversität“ sollen ausgediente Trafohäuschen stufenweise gezielt zu wertvollen Lebens- und Fortpflanzungsräumen für regional prägende Tierarten umfunktioniert werden.

Autor: I.-F. Primus

Literatur:

[1] Primus, I.-F.: Geschichte und Gesichter der Trafostationen – 125 Jahre Trafostationen in Deutschland, VDE Verlag GmbH, 2013

[2] Neumann, M.: Zwischen Kraftwerk und Steckdose – Zur Architektur der Trafohäuser, Jonas Verlag, Marburg, 1987.

[3] Poßer, C.: Nachnutzung – die Chance für ein „zweites Leben“ von Turmtrafostationen, Kulturerbe Energie, BHU, Bonn, 2015, S. 129 –137.

 [4] Sonfeld, M.: Entwicklung von Turmtrafostationen zu Landmarken, Artenschutztürmen, Bürgerbegegnungsstätten und anderem, Kulturerbe Energie, BHU, Bonn, 2015, S. 138 –144.

 [5] Primus, I.-F.: 125 Jahre Transformatorenstationen – Die wunderlichsten Umnutzungen alter Transformatorenstationen in Deutschland, Netzpraxis, 55 (2016). Heft 12, S. 52– 60.

[6] Primus, I.-F.: Historische Trafostationen sinnvoll umgenutzt der Nachwelt erhalten, Jahrbuch Anlagentechnik für elektrische Verteilungsnetze 2018, Verlag EW Medien und Kongresse GmbH, S. 59–90.

[7] www.turmtransformation.de

[8] www.trafoturm.eu/umfunktionierung/

[9] Ackermann, S.; Dehling, M.: Von Turm zu Turm, Klartext Verlag, Essen, 2011.

[10] Scheiwiller, Y.: Trafoumnutzung – Trafotürme und andere Kleinbauten denkmalpflegerisch umnutzen statt abbrechen, Masterarbeit, Berner Fachschule Architektur, Holz, Bau, Burgdorf 2015.

[11] Primus, I.-F.: Trafotürme – stumme Zeitzeugen eines Wandels, Elektropraktiker, 68 (2014), Heft 7, S. 570 – 573.

Der vollständige Artikel ist in unserem Facharchiv nachzulesen.

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