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Ausbau des Glasfasernetzes
Breitband für alle oder Lobbyinteressen

Die Forderung ist nicht neu: In Deutschland muss dringend der flächendeckende Ausbau der digitalen Infrastruktur mit Glasfaserleitungen erfolgen. Durch die voranschreitende Digitalisierung ist die Verfügbarkeit von Breitbandanschlüssen unerlässlich.

Glasfaserausbau in Deutschland

Der Ausbau mit Glasfaserkabeln ist in Deutschland ein teures Problem (Bild: GIBLEHO/stock.adobe.com)

Bereits jetzt fällt vielen Mittelständlern die Unterversorgung auf die Füße und die Nachfrage im privaten Bereich steigt. In einer digitalisierten Wirtschaft benötigen Bürger und Unternehmen Breitbandanschlüsse mit hohen Kapazitäten. Gerade der Mittelstand ist mit 30 Millionen Arbeitsplätzen für die deutsche Wirtschaft unverzichtbar. 

Eine Ansiedlung von Firmen in strukturschwachen Regionen wird nicht funktionieren, wenn dort das Internet als Arbeitsgrundlage fehlt.

Es gibt noch zu viele weiße oder hellgraue Flecken auf der DSL-Landkarte. Dabei ist für viele Unternehmen ein schneller Internetanschluss essentiell. In einigen Regionen werden große Datenpakete bevorzugt außerhalb der Hauptgeschäftszeiten heruntergeladen, um nicht die Bandbreite stundenlang lahmzulegen. 

 

Glasfaser oder Kupfer?

Dr. Stephan Albers, Geschäftsführer des Bundesverbands Breitbandkommunikation e.V. (Breko), vertritt fast 300 Mitgliedsunternehmen. Darunter sind mehr als 170 überwiegend regional und lokal tätige Netzbetreiber sowie Stadtwerke und Zweckverbände. Sie versorgen in ganz Deutschland nicht nur Ballungszentren, sondern auch ländliche und unterversorgte Gebiete mit Glasfaseranschlüssen. Albers meint, ein Breitbandanschluss ist heute schon so wichtig wie ein Wasser- oder Stromanschluss. 

In den kupferbasierten Übergangstechnologien wie VDSL2-Vectoring oder Super-Vectoring sieht Stephan Albers keine Zukunft. Sie werden die künftigen Anforderungen an die Bandbreite nicht bedienen können. Nach seiner Meinung muss der Glasfaserausbau (Fibre To The Home - FTTH) vorangetrieben werden.

So streiten sich die Akteure, ob die landesweite Ausrüstung mit Glasfaser notwendig ist. Vectoring ist nach Meinung einiger Experten wirtschaftlich gesehen immer noch sinnvoller.

Albers fordert sogar von der neuen Bundesregierung ein Glasfaser-Infrastrukturziel bis 2025. Nur so wird die Grundlage für Übertragungsgeschwindigkeiten in 5G als Nachfolger von LTE gelegt. Das Ziel der letzten Bundesregierung, von überall  50 Megabit pro Sekunde verfügbar zu machen, ist für ihn längst überholt. 

Glasfaser only

Auch der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) Mario Ohoven stößt in dieselbe Richtung. Nur durch den Ausbau sei die Digitalisierung in Deutschland voranzubringen und der Weg in die Gigabit-Gesellschaft möglich. „Noch fehlt es zahlreichen mittelständischen Betrieben insbesondere abseits der Metropolen an einem ausreichend leistungsfähigen Breitbandanschluss; in vielen Regionen herrscht sogar 'Internet-Notstand'“, kommentiert Ohoven. Er ist sich sicher, dass dann sogar neue Arbeitsplätze entstehen können.

Glasfaser kein Allheilmittel

Es gibt aber auch kritische Stimmen zum ungebremsten Glasfaserausbau.

Bislang entschied sich von den zwei Millionen möglichen Kunden nur rund ein Drittel für eine extraschnelle Leitung. Der Knackpunkt liegt in der sogenannten letzte Meile. Solange dort das herkömmliche Kupferkabel liegt, bringt eine rasante Breitbandanbindung vorm Haus dem Nutzer gar nichts. Mit dem Ausbau des Glasfasernetzes ist man in den letzten Jahren gut vorangekommen. Aber dreistellige Download-Bandbreiten nützen nichts, wenn die Daten am Ende durch störanfällige Kupferkabel müssen und die Vermittlungsstelle zu weit entfernt ist. Würde die Kupferleitung auf der letzten Meile wegfallen und durch Glasfasern ersetzt, wären Bandbreiten bis 1 Gigabit pro Sekunde möglich. 

Die Telekom versucht mit Vectoring und Super-Vectoring dieses Manko auszugleichen. Dabei werden die durch den Datenverkehr entstehenden elektromagnetischen Störungen ausgeglichen, bevor sie das Signal abschwächen.

Lobbyarbeit funktioniert

Die Forderung nach ultraschnellem Internet kommt  von der Unternehmensseite. Die Kunden-Lobby ist gering. Die Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) hat schon genug damit zu tun, die vertraglich vereinbarte Mindest-Datenrate bei den Anbietern einzufordern. Ernst Ahlers von Heise Online unterstellt, dass den meisten Privatkunden die gelieferte Geschwindigkeit bereits genügt. 

Ahlers beruft sich auf die US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC). Laut FCC stellt der Nutzer beim Aufbau komplexer Webseiten jenseits von 20 Megabit pro Sekunde keinen Geschwindigkeitszuwachs mehr fest. Für einen Full-HD-Videostream in 2K-Auflösung reichen 10 bis 15 Megabit pro Sekunde aus. Selbst ein 4K-Video erfordert nicht ganz das Doppelte. Ernst Ahlers folgert daraus, dass die schon heute in einigen Haushalten verfügbaren 100-Megabit-Leitungen einer vierköpfigen Familie längere Zeit genügen dürften. Die geforderten 1-Gigabit-pro-Sekunde-Verbindungen wären für Privathaushalte überdimensioniert.

Er bemängelt an der Diskussion um den Glasfaserausbau, dass der private Häuslebauer sein schnelles Internet selber finanziert und zur Kosteneinsparung den Spaten selbst in die Hand nimmt. Um diese Kosten zu vermeiden, schicken Unternehmen gern Verbände vor, damit die öffentliche Hand sich um den Ausbau kümmert. Das Teure ist nicht das Kabel selbst, sondern das Verlegen. Dafür sind auf dem Land 100 Euro pro Meter nötig. In der Stadt würden die Kosten fünf bis zehn Mal so hoch sein.

Anbieter lockt Gemeinde

Da der Ausbau in einigen Regionen stockt, ergreifen die Anbieter nun selbst die Initiative. 

In Pfaffen-Schwabenheim bot das Unternehmen Deutsche Glasfaser den Einwohner an, Glasfaserverbindungen in jedes Haus zu legen. Dabei soll sogar die letzte Meile aus Glasfaser bestehen. Deutsche Glasfaser ist bislang  in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Bayern, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern aktiv.

Möglich wäre eine Datenübertragung bis 300 Megabit pro Sekunde, da in der Nähe parallel zur Autobahn A 61 eine dicke Glasfaserleitung läuft. Der Anbieter würde sogar die Investitionskosten von ca. 2,5 Millionen Euro alleine tragen. Der Ausbau soll maximal sechs Monate dauern und ohne große Aufbrucharbeiten vonstattengehen.

Es gibt nur eine Bedingung: 40 Prozent der Pfaffen-Schwabenheimer müssten das Internet über Deutsche Glasfaser beziehen. Sie würden keine Anschluss- und Bereitstellungskosten tragen. Für marktübliche 44,90 Euro bekäme jeder Anschluss eine Leitung mit 100 Megabit/Sekunde – Festnetztelefonie inklusive.

In der nächsten Gemeinderatssitzung Ende November wird über den Plan entschieden. Bürgermeister Haas optimistisch: „Ich hoffe, dass wir ohne Zusatzkosten eine Top-Breitbandanbindung bekommen können.“

Niederländer schnappen zu

Die Konkurrenz der Deutschen Glasfaser schläft nicht. Gemeinsam wollen der niederländische Bouwfond, der chinesische Netzwerkausrüster ZTE und die Breitbandversorgung (BBV) Rhein-Neckar ein regionales Glasfasernetz in Deutschland aufbauen. Die von ZTE Deutschland ausgestatteten Netze werden von der BBV vermarktet und betrieben. Die Deutsche Glasfaser bekommt damit einen lokalen Konkurrenten.

Die Kooperation mit einem Glasfasernetz startet in Bretten in der Nähe von Karlsruhe. Wie die Wirtschaftswoche berichtet, hatten es die großen Netzbetreiber Deutsche Telekom, Vodafone und Unitymedia abgelehnt, in dem Ort Fiber To The Home (FTTH) zu verlegen. Der Ausbau für die 29.000 Einwohner lohne sich nicht. Es sollen 8.700 Haushalte in mehreren Stadtteilen angeschlossen werden.

Bouwfonds wird die Infrastruktur nach der Fertigstellung kaufen, die BBV wird das Netzwerk anmieten und betreiben. Die Partner haben bereits weitere potenzielle Ausbauregionen im Raum Nordbaden und in der Metropolregion Rhein-Neckar im Visier.

Der Bouwfonds wird zwischen 500 und 600 Millionen Euro in „passive Telekommunikationsinfrastruktur“ wie Glasfasernetze, Sendemasten und Datenzentren investieren.

Angst vor ausländischer Übernahme

Der Bouwfond kommt auch deshalb in Deutschland zum Zug, weil sich die Politik uneins über die Finanzierung des Ausbaus der Breitbandnetze ist. Eine Idee war der Verkauf von Aktien der Deutschen Telekom, die von der Bundesrepublik Deutschland noch immer gehalten werden. Die CDU ist dagegen und möchte lieber Anteile der Deutschen Post abstoßen. Der Post wird weniger Bedeutung bei Themen der inneren Sicherheit zugeschrieben.

Mit dem Verkauf der Telekom-Aktien besteht die Gefahr einer Übernahme des Konzerns durch ausländische Investoren. Man würde die Kontrolle über das Netz verlieren. Gegen den Verkauf sprechen auch die Umsätze der Telekom. Sie beschert der Bundesrepublik regelmäßig hohe Einnahmen, auf die man ungern verzichten will.

Noch immer befinden sich 31,9 Prozent der Deutschen Telekom in Staatsbesitz. Mit dem Verkauf an private Investoren könnte der Ausbau – zumindest teilweise – finanziert werden.

Asien zeigt, wie es geht

Um ein belastbares Glasfasernetz in Deutschland aufzubauen wären rund 80 bis 100 Milliarden Euro nötig. Kein Telekommunikationsanbieter verfügt über dieses Investitionsvolumen. Die öffentliche Hand kann diese Summen erst recht nicht aufbringen. 

Während in Deutschland nur zwei Prozent aller Verbindungen über Glasfaser laufen, sind es in Südkorea bereits 75 Prozent. Dort hat man schon frühzeitig begonnen die Daten-Infrastruktur auf Glasfaser umzustellen. Seit zehn Jahren werden Neubauten nur noch genehmigt, wenn die entsprechenden Leitungen verlegt werden. Glasfaser gehört damit zur Standard-Ausrüstung.

Die südkoreanische Regierung hat die schnelle Internet-Anbindung als Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung erkannt. Dabei geht es nicht nur um aktuelle Nutzungsgewohnheiten. Dort ist man sich bewusst, dass neue Angebote nur entstehen werden, wenn eine kritische Zahl von Nutzern über deutlich leistungsfähigere Anschlüsse verfügt. Der Standard-Anschluss hat schon heute 100 Megabit pro Sekunde. Bis 2020 sollen alle Bürger Südkoreas mit einem symmetrischen 1-Gigabit-Anschluss versorgt werden. Die Südkoreaner können damit Daten genauso schnell herauf- und herunterladen. Der Anschluss kostet private Nutzer nur rund 20 Euro im Monat.

Angesichts der enormen Ausbaukosten bleibt es fraglich, wie die Bundesrepublik Deutschland das Glasfasernetz finanzieren will. Ob das Abstoßen von Telekom-Anteilen überhaupt ausreichen würde, kann derzeit nicht gesagt werden. Gegen einen Verkauf der Aktien sprechen außerdem die Einnahmen, die die Bundesrepublik jährlich damit generiert.

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